Olmützer Gerichtsordnung

Olmützer Gerichtsordnung

Arbeitsfassung Stand 12.08.2017 :: noch nicht verlinkungsfähig

Zusammen getragene Artickel

in Form eines rechtlichen Proces, wie dieselben von alters her bei dieser königlichen Stadt Olomuntz hei Gerichte und auch in und vor gehegter bank in ubung gehalten, sambt andern nodturfftigen underweisungen und zutreglichen vellen.

Vorrede zum Leser.

Es ist sehre gut und nutze, das man dem leser eine ordenliche, klare unnderrichthunge thue, wie ehr dis buch desto leichter, eher und bestenndiger weise fassen, lernen und vernemen koenne, und sonderlich das ime die Summa, Hauptstucke und Artickel richtigk und ainfeltigk hierinne angeweiset werden, doraus ehr koenne merken, was in diesem buche der kern, das principal, grundt, ursprungk und die ordenung der lehre sein.

Hierumb so hot man dieses sehre nutzliche buch der Artickl und Practica der Gerichtsleuffte, wie dieselben noch alt herkommner und im brauch gehaltener ubunge und gewonheit dieser koniglichen Stadt Olomuntz jedoch laudt und Inhalt der landtleuffigen beschriebenen Sachsischen Recht alhie gehalten worden, in Form eines rechtlichen Proces mit vleiß zusammen getragen, beschrieben und in eine ordenunge der Artickell bracht, welche Artickel, ein jeder seine sonderliche underschiedt und velle noch sich, alles noch der Zal, volgennde hot, und mit viele nutzlichen Addicion und bestenndigen allegaten der beschriebenen recht bei der materien der Artickel und velle auffm Rande erkleret mit anhengunge bei etzlichen Artickln dem Texte noch viele schoener lere und undterweisungen aus beschriebenen Goetlichen Rechten, beide lateinisch und deutsch, einem ieden hern Foyte und Scheppen, Notarien,1, Advocaten, Procuratoribus und Gerichtsperßonen dieser königlichen Stadt zu Furderunge des gemeinen nutzes und der gerechtigkeit sehre nützlich zu wissen: wehr auch gerne den Rechten nochsuchen wolde, so kan sich derselbe den Allegaten noch leichte richten, und ist auch sambt einem gewissen Register der fuernemblichsten Artickl und iren vellen, an welchem bladt eine jede Materia zufinden, illustrirt und erklert. So ist auch dieses buch in zwai tail in seiner materia getailt; im ersten taile wirt gehandelt, wie sich alle sachen und hendel bei dem hern Foyte und Gerichte gemainigklich mit iren vellen begeben, und wie dorinne procedirt wirt. Und das aus dieser urßache, dieweile gar selden eine Sache vor gehegte banck komt, sie werde den zuvor bei Gerichte gehandelt, angefangen und geuebt. Im andern taile wird gehandelt von den Banrechten, Hegunge der Recht und dem gantzen [Seite: 2] volgenden proces desselben rechtens und seinen vellen etc. und anderer nodturfftiger Sachen mehr, wie den hienoch im Register noch ausweisunge der Artickl klaerlich und deutlich zu befinden.

Dann obgleich wol vermuege der beschriebenen Recht2.a zuvermutten, das alle hern Foyte und rechtsitzer, desgleichen ire Notarien derselbigen Recht zuvor genugksam gelert und verstendigkh, so bleibt aber dannoch unwidersprechlich war, das dieses buch zu einem fuerderlichen und lautern verstandt der Recht den ungeuebten besonnder hochdienstlich ist. Dan dieweil ein jeder Artickell und vahl der gemainen Regel und practica einander noch gehet, doraus volget — wie dan der hochberumbte Jason2.b offte gesagt hot —, das undterweisunge sonderlich in den Rechten richtiger und verstendtlicher nicht kan gescheen, dan durch Artickl, Regel und Fallencien, welchs dan im grunde nichts anders ist, dan alle und jede zufallende Sache noch gelegenhait irer umbstende und jedes seiner art und ursache noch rechtmessigklich urteilen und eroertern.

Derhalben so wolte ein jeder freundtlicher leßer diese vleißige und treue arbeit gutwilliger und freundtlicher mainunge zu dancke annehmen und ime diß buch mit vleiß commendirt und bevohlen sein lassen.

Zu lobe unnserem Hern Jhesu Christo. Amen.2.1 [Seite: 3]

[Der erste tail dieses Buchs.3.1]

Salve me Jhesu Criste!

Art. I.

[Fol. 1a.] Distinctio prima. Wie sich ein jeder Claeger zum Rechten sal geschickt machen.

Wan einer ime furnimbt und gedenkt einen andern rechtlichen zu beclagen, so sol ehr vorhin, ehe danne ehr mit gerichte was anhebt3.a, bei frohmen, erfarnen rechtsverstendigen oder sonste bei einem verstendigen leihen und gutten freunde rath suchen, demselben seine sache und anliegen und derselben gelegennheit gruentlichen und warhafftigkh berichten und antzeigen. Ehr sol sich auch fursehen und bewaren mit einem gutten und erfarnen Advocaten, Beystant oder Procurator, und derselbe Beystant ader Procurator sal den jhenigen, der bei ime Beystandt und rath suchet, mit vleiß erfaren umb die warheit seiner sache, Brieff und schriften (soverre ehr die habe) von ime begeren, domitte ehr gruentlich rathen koenne; wan es magkh zu zeitten aus kleiner Seumbniß, ader unwissenheit die gantze sache vergeblich gehanndelt werden.

[Fol. 1b.] Actor quomodo debeat se preparare ad litem.

Antequam actor accedat ad litem faciendo reum citari, debet prius se preparare ad litem, ne confusus inde recedat et causam et expensas perdat. De huiusmodi preparatoriis potestis videre: Specu. in tit. de prepar. iud. et ibi Joan. (Andr.) in ad.

In primis autem debet deliberare cum amicis et eos consulere, an expediat sibi agere et litem adversario movere vel non, ne postea damnum patiatur. Item debet sibi providere de bono et perito advocato, ut in lege si aviam in fin. ibi: Si cum peritioribus tractatum habuisses C. de inge. (et) manu. [Seite: 4]

Alioquin accidet sibi illud quod scriptum est de Juda: De pen. dist. VI. c. I. versic. ubi dicitur: (Quod) Judas enim et versic. ivisset, ubi dicitur: Quod Judas penitens, dum ivit ad Phariseos pro consilio relinquens apostolos, nihil invenit sibi utile, sed augmentum desperationis sue4.1. Hec Henyng. in suo proces.4.2

Dornoch so ehr bei Rechtsverstendigen einen radt funden, sol er sich auch bei ime selbst wol bedencken und fursetzen und sonderlich eben acht haben und mit vleis erwegen, ob ehr seines fuernehmen und klage zu Rechte ordenlich rechtmeßigkh beweissunge und bewerunge habe, es sei durch Zeugen, glaubwirdige brieffe, rechtmessige Instrument oder ander wege, dan gemeinigklich dem kleger die burden der beweisunge aufgeladen4.a wen die klage versachet (das ist verneinet) wirt, es welle den der kleger seiner beweisunge abgehen und den beklagten [Fol 2a] auf seine gewissen noch Sachsischem rechte) und derselbigen lande brauch beschuldigen. Den who ehr felligkh wuerde und seine clage nicht beweisete, die sache verzeucht und nicht verfert, so sol der Richter den beklagten auf sein rechtlich begeren4.c von gethaner klage absolviren und ledigkh erkennen, mit erstatung der Expens. Das ist noch dem Sachsischen4.d Rechten zu vernehmen, who der klaeger nicht der zuschiebunge des eihdes, sonder der beweißunge gebraucht. Dorumb und sonderlich dieweil der ausgangkh des Rechten zweiffelich und ungewisse ist, tut vonnoeten4.e, das ein jeder klager sich vor anfangkh derselben aller dinge geschickt mache, dann er noch anfange der sachen und des kriegs nicht allewege zu statlichem und nodturfftigem bedacht4.f oder auffschub gelossen werden moechte. Es ist auch in sonderheit dem klaeger nodt, das ehr betrachte, ob ehr eine gutte und gerechte sache habe, auf das, who ehr die mit urteil und rechte gewuenne, domitte nicht das ewigkh verdamnis gewoenne4.g. Dofon sagt sauberlich das Sachsische lehnrecht. So goennen auch die recht dem [Seite: 5]

Fußnoten
1.
Man unterschied bekanntlich den notarius civitatis, den Stadtschreiber, und den notarius actorum oder Gerichtsschreiber.
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2.a.
Speculator in Tittulo de instrumentorum edicione §. Restat. versic. sed numquid tabellio, ubi dicitur: Sed numquid tabellio debet scire jura, videtur, quod sic, ne illicitos contractus celebrans puniatur etc. et refert Zasius consilio 21. in fin. in 1. volum.
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2.b.
Testatur hoc auditor Jasonis, Jo. Nevizanus in silva nuptiali, libro 5. ante medium.
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2.1.
Hier folgt im Kodex das Register. Es wird aber aus technischen Gründen erst am Schlusse abgedruckt.
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3.1.
Diese Aufschrift nach Art XXVIII, 7.
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3.a.
Unde Guil. in Specu. in parte secun. rubric prima in prin, ubi dicitur: Nemini expedit, ut nimis facilis sit et promptus ad litigandum; propter periculum anime. Et in Evangelio Matei, ubi dicitur: Si quis voluerit tunicam tuam tollere et tecum in judicio contendere etc.
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4.1.
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4.2.
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4.a.
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4.c.
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4.d.
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4.e.
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4.f.
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4.g.
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