Paul Dedic, Der Protestantismus in Steiermark 1930 :: Digitale Transkription Speer 2014

Paul Dedic, Der Protestantismus in Steiermark 1930 :: Digitale Transkription Speer 2014 / 2016

Editorial

Quelle: Dr. theol. Paul Dedic, Der Protestantismus in Steiermark im Zeitalter der Reformation und Gegenreformation. [= Schriften des Vereins für Reformationsgeschichte Jahrgang 48, Heft 2 (Nr. 149)] Leipzig 1930.

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Paul Dedic lebte von 1890 bis 1950. Seine Werke werden erst siebzig Jahre nach seinem Tod, also 2020, gemeinfrei. Wenn der vorliegende Text dennoch schon jetzt im Internet publiziert wird, geschieht dies unter dem Vorbehalt, dass er bei einem Einspruch eventuell vorhandener, mir aber nicht bekannter Erben sogleich wieder aus dem Netz genommen wird.
Dr. Heino Speer, Klagenfurt am Wörthersee, 2. Oktober 2014.

[Motto]

"Preces et lacrimae sunt arma huius ecclesiae . . ."
Inschrift an der am 16. November 1599 zerstörten evangelischen Salvatorkirche am Thalhof bei Rottenmann.

Vorwort.

Die folgende Darstellung will in gedrängter Form das Schicksal des steirischen Protestantismus in den Tagen der Reformation und Gegenreformation schildern. Sie fußt auf den grundlegenden, klassischen, z. T. erschöpfenden Arbeiten des Geschichtsschreibers des innerösterr. Protestantismus, Hofrates Dr. Loserth, faßt aber, abgesehen von eigener archivalischer Forschung, auch die gesamte diesen Gegenstand behandelnde Literatur zusammen. Daß diese nicht gering ist, mag ein Blick in das am Schlusse befindliche Verzeichnis weisen. Der zur Verfügung stehende Raum hat in Anbetracht der für diesen Teil des österreichischen Protestantismus einzigartigen Fülle des Materials dem von der lokalen reformationsgeschichtlichen Forschung ausgehenden und sie pflegenden Darsteller eine oft schmerzliche Beschränkung auferlegt.

Da diese Arbeit 300 Jahre nach der 1628/29 erfolgten, den Abschluß der Gegenreformation bildenden Abwanderung des steirischen evangelischen Adels erscheint, mag sie als ein schlichtes Erinnerungszeichen an die von ihm bewährte Standhaftigkeit und Glaubenstreue gelten.

Es ist schließlich dem Verfasser ein aufrichtiges Bedürfnis, seinen verehrten Lehrern Herrn Geheimrat D. Dr. Dr. von Schubert in Heidelberg für die Aufforderung zu dieser Arbeit, Herrn Hofrat D. D. Dr. Loesche in Königssee für die Überlassung wertvollen Materials, sowie der Leitung des steiermärkischen Landesarchivs in Graz, insbesondere Herrn Direktor Hofrat Dr. Doblinger und Herrn Archivar Dr. Hafner sowie Herrn Dr. Seuffert für ihr stets bereitwilliges Entgegenkommen wärmstens zu danken. Für [Seite: u2] zur Verfügung gestelltes Aktenmaterial sei auch an dieser Stelle der Direktion des Landesregierungsarchivs in Graz, sowie der Direktion des Staatsarchivs in Wien und dem Archivar des fürstl. Dietrichstein’schen Archivs in Nikolsburg, Herrn Schulrat Matzura, für die Überlassung von Literatur den Direktionen der Nationalbibliothek in Wien, der Universitätsbibliothek in Graz und der Landesbibliothek daselbst der beste Dank ausgesprochen.

Knittelfeld i. Steiermark, im Dezember 1929.
Der Verfasser.[Seite: u3]

Inhaltsübersicht.

Die kirchlichen und politischen Verhältnisse in Steiermark am Beginn der Reformationszeit. 1
Das Eindringen des Protestantismus und seine Bekämpfung bis zur großen Visitation des Jahres 1528 5
Die Fortschritte der neuen Lehre bis zum Tode Ferdinands I. (1564) 23
Die Erwerbung der großen Konzessionen in den ersten Regierungsjahren Erzherzog Karls (1564—78) 37
Die Münchner Konferenz und der Beginn der Gegenreformation im Bürgertum 62
Das evangelische Kirchen- und Schulwesen 74
Die Bedrückung der Evangelischen in den letzten Regierungsjahren Erzherzog Karls 84
Die Lage des steirischen Protestantismus während der Vormundschaftsregierung 97
Der Beginn der Gegenreformation Ferdinands 105
Die Religionsreformationskommissionen 124
Die Fortsetzung der Restaurationspolitik Erzherzog Ferdinands 139
Vergebliche Interzessionen. Der Schluß der Gegenreformation: Die Ausweisung des evangelischen Adels 147
Nachträge 165
Quellenangabe und Literaturübersicht 167
[Seite: u4] [Seite: 1]

1. Die kirchlichen und politischen Verhältnisse in Steiermark am Beginn der Reformationszeit.

Die Steiermark, das südöstliche Grenzgebiet des großen Deutschen Reiches, hat nicht nur stets lebhaften Anteil an allen geistigen und religiösen Bewegungen im deutschen Volke genommen, sondern auch als Grenzwarte seine Kulturgüter jahrhundertelang gegen die Anstürme der Türken,die öfter sengend und mordend ins steirische Gebiet eindrangen, in tapferer Gegenwehr zu schützen gewußt.

Für die geistige Bedeutung der Steiermark gibt es frühe Zeugen: "Ulrich von Liechtensteins Burg stand im oberen Murtal; Wolfram von Eschenbach fand in den steirischen Bergen eine zweite Heimat. In Steiermark erhielt vielleicht das Nibelungenlied und die Gudrun, 'die deutsche Odyssee', die letzte Fassung".

Seit dem 15. Jahrhundert in engerer Fühlung, später in der Verteidigung gegen den Erbfeind der Christenheit, die Türken, in einer starken Interessengemeinschaft mit den Nachbarländern Kärnten, Krain und Görz, bildete die grüne Mark mit diesen in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts das sog. "Innerösterreich"1.1. Ihrer Führerstellung in dieser Ländergemeinschaft entsprach auch die Bedeutung ihrer Landeshauptstadt Graz. Hatte hier schon Kaiser Friedrich III. gelegentlich in der Burg sein Hoflager aufgeschlagen und in seiner Geldnot so manchen unbequemen Gläubiger in die Kerker des benachbarten Schloßbergs geworfen, waren auch seine Nachfolger öfter als Gäste in die ständig an Ansehen zunehmende Alpenstadt eingekehrt, so wurde Graz im Jahre 1564 nicht nur der Fürstensitz und das Regierungs- und Verwaltungszentrum Innerösterreichs, sondern [Seite: 2] es gewann bald durch die sich hier abspielenden Vorgänge für mehr als ein halbes Jahrhundert die Bedeutung eines der wichtigsten Höfe Mitteleuropas. Nie ist Graz und mit ihm die Steiermark wieder so sehr im Mittelpunkt historischen Geschehens gestanden als damals.

Das Land war im Reformationsjahrhundert als Verwaltungsgebiet in "Viertel" geteilt: Den Nordwesten des Landes umfaßte das "Viertel Ennstal", dem sich im Süden das "Viertel Judenburg" angliederte; den Osten bildete das "Vorauer Viertel", an das sich das "Viertel zwischen Mur und Drau" schloß. Die später im Süden des Landes als fünftes "Viertel" angegliederte Grafschaft Cilli, in der zwar der Adel und das städtische Bürgertum deutsch, die Landbevölkerung jedoch in ihrer überwiegenden Mehrheit slovenischen Stammes war, wurde dieserhalb meist das "windische Viertel" benannt.

Rege Handelsbeziehungen zu den Nachbargebieten und zum weiteren Ausland legten den Grund zu einer stets zunehmenden Aufgeschlossenheit des Landes. Die Hauptverkehrsstraßen folgten den Flußläufen der Enns, Mürz und Mur, Drau und Save oder benützten die z. T. schon von den Römern durch Straßenanlage dem Verkehr dienstbar gemachten Pässe und Übergänge, wie den Triebner und Radstädter Tauern, den Pyhrn, den Semmering, die Stubalpe u. a. m. Die Salz-, Eisen- und Weinstraßen durchzogen das im Norden rauhe, berg-und waldreiche, im Süden mit einer fast südländischen Milde und Fruchtbarkeit gesegnete Land. Auf ihnen, wie auf manchen der Flußläufe, wurden die Haupterzeugnisse des Landes, Holz, Salz, Wein, der damals besonders im Orient beliebte Speik2.1 und der wichtigste Handelsartikel, das Eisen, verfrachtet. Seit Jahrhunderten spendete der heute noch schier unerschöpfliche steirische Erzberg bei Eisenerz in gewaltigen Mengen das Erz, das in den zahlreichen steirischen Hämmern und Radwerken zu dem damals wie heute überall berühmten und geschätzten steirischen Eisen verarbeitet wurde. An manchen anderen Orten des Landes förderte ein [Seite: 3] hochentwickelter Bergbau, der zahlreiche Knappen sogar bis aus Sachsen und Thüringen ins Land zog, reiche Bodenschätze, selbst Gold und Silber, zutage, deren Verarbeitung in den Händen eines eingesessenen, gesinnungstüchtigen Bürgertums lag. Der stark belebte Handel, der bald auch zahlreiche "Buchführer" ins Land zog, kam der Verbreitung der Reformation sehr zugute.

Die politische Führung im Lande hatte der meist seit Jahrhunderten erbeingesessene Herren- und Ritterstand inne, lebensfrohe, kampfesfreudige, charaktervolle und fromme, ihrem angestammten Herrscherhause treu ergebene Geschlechter, denen nicht nur die Förderung der evangelischen "gereinigten Lehre" wahrhaft am Herzen lag, sondern die auch in der Schicksalsstunde ihres Glaubens, von wenigen unrühmlichen Ausnahmen abgesehen, sich voll bewährten und, mit dem geächteten Evangelium das Schicksal der Verbannung teilend, in die Fremde zogen. Zusammen mit den geistlichen Landständen, den Prälaten, übten die Herren und Ritter auf den Landtagen das wichtige Recht der Steuer- und Kriegskostenbewilligung aus, bald ein gewichtiges Mittel zur Erlangung religiöser und kirchlicher Zugeständnisse. Im Reformationszeitalter begann sich aber auch das Bürgertum durchzusetzen und einen ständig wachsenden Anteil am politischen Leben zu gewinnen. Aus seinen Kreisen erwuchs allmählich ein neuer, niederer, aber meist recht begüterter Adel.

Kirchlich war Steiermark damals nördlich der Drau dem Erzbistum Salzburg, südlich dem Patriarchate Aquileja untertan, ersterem gehörte das steirische Bistum Seckau zu. In Leibnitz residierte meist der salzb. Vizedom. Bisweilen recht ausgedehnten kirchlichen Besitz hatten im Lande außerdem die Bistümer Bamberg, Freising und Brixen3.1.

Die über zweieinhalb Jahrhunderte währende Türkengefahr legte der Steiermark als Bollwerk und Grenzland besonders in der Reformationszeit schwere Opfer auf. Das allenthalben gehaltene "Türkengebet" erflehte den himmlischen Beistand. Die Geldmittel zur Abwehr mußten alle Stände aufbringen; der Adel [Seite: 4] und das Bürgertum nahmen einen guten Teil der Lasten auf sich, aber auch der geistliche Besitz, über dessen Anhäufung im Lande schon früher wiederholt Klage geführt wurde, mußte jetzt namhaft steuern. Hatten bisher manche Pfründeninhaber ihre Einkünfte aus dem Lande geschafft oder in der Fremde verzehrt, so sollte jetzt ein Teil des in der toten Hand angesammelten Besitzes der Allgemeinheit dienstbar gemacht werden. Im Zeichen der großen Türkengefahr ordnete Ferdinand, seit 1522 von seinem Bruder Karl V. mit der Regierung der österreichischen Erblande betraut, bereits im nächsten Jahre an, daß der dritte Teil der geistlichen Einkünfte als Kostenbeitrag zur Türkenbekämpfung eingezogen würde. Dieser "Terz" folgte 1524 ein Mandat, das den Güterankauf durch Geistliche untersagte, im Folgejahr wurde auf die im Regierungsauftrage geschätzten Kirchenkleinodien sogar ein Darlehen aufgenommen. Schon kam es vor, daß manche Pfarrinhaber, denen diese Regierungsmaßnahmen das Wirtschaften sehr erschwerten, das Ordinariat baten, einen namhaften Teil des Pfarrbesitzes verkaufen und nach Ablieferung des Erlöses an den Oberhirten von diesem das Einkommen empfangen zu dürfen. Man sieht, wie haltlos die von der ultramontanen Geschichtsschreibung gegen den Adel erhobenen Anwürfe sind, die ihm die gewaltsame Enteignung geistlichen Besitzes zur Last legen! Was er in jenen Zeiten an sich brachte, war mit ganz verschwindender Ausnahme, auf rechtmäßige Weise von den in wirtschaftliche Not geratenen Pfarren erworben4.1.

Als die Türken vor Wien standen und die Gefahr für das ganze Deutsche Reich besonders bedrohlich geworden war, ordnete König Ferdinand 1529 eine noch schwerere Besteuerung des kirchlichen Besitzes, die "Quart" an. Nun mußte der vierte Teil aller liegenden geistlichen Güter verkauft und deren Erlös als Türkensteuer abgeführt werden. Diese Maßnahme traf am härtesten die Klöster, von denen es über 30 Männer- und 9 Frauenstifte im Lande gab, unter denen besonders die alten, wie z. B. Göß, Admont, St. Lambrecht, Seckau, Reun und Vorau schon im 11.[Seite: 5] und 12. Jahrhundert begründet, große Liegenschaften besaßen. Von den zur Aufbringung der "Quart" durch sie verpfändeten oder verkauften Gütern konnte nur ein Teil von ihnen später zurückerworben werden, der Großteil blieb im Besitze des Adels, der in der Lage war, den meist wohlfeil ausgebotenen geistlichen Grundbesitz zu erstehen. War durch die der Türkennot Rechnung tragenden Regierungsmaßnahmen der geistliche Grundbesitz namhaft geschmälert worden, so fügte die bald einsetzende Auflösung der alten kirchlichen Zustände, die manchen adeligen Grundherren die Möglichkeit bot, sich ihren alten Verpflichtungen gegen die Kirche zu entschlagen oder ihr zukommende Einkünfte an sich zu ziehen, dem Klerus neuen Schaden zu.

Zudem hatte es bei der "Quart" noch nicht sein Bewenden. Neue Bedrohungen durch die Türken riefen nach neuen Opfern, insbesondere als der Erbfeind im Jahre 1532 brennend und verwüstend bis zur berühmten Wallfahrtsstätte Mariazell vordrang und den alten Gnadenort zerstörte. So steuerte z. B. das Frauenstift Göß bei Leoben in den Jahren 1524 bis 1529 über 2750 fl., in dem Jahrzehnt nach 1531 erreichten seine Leistungen gar die Höhe von 6960 fl., für die damalige Zeit bedeutende Geldsummen!

2. Das Eindringen des Protestantismus und seine Bekämpfung bis zur großen Visitation des Jahres 1528.

In Steiermark war die Reformbedürftigkeit des Kirchenwesens nicht geringer als in anderen deutschen Landen. Die warme Frömmigkeit, der stets gebefreudige Opfersinn des Volkes, der sich besonders in den zahlreichen Stiftungen erwies, die das Kirchenvermögen stark vermehrt hatten, fand in den arg verweltlichten, häufig zuchtlosen Priestern nicht mehr die geeigneten Führer. Auch in den steirischen Klöstern, die, wie ihre schönen Büchereien mit ihren wertvollen Handschriftenbeständen noch heute beweisen, bis ins tiefe Mittelalter Pflegestätten der Wissenschaft und einer edlen Kunst gewesen waren, hatte die Verweltlichung und das Wohlleben schwere sittliche Schäden verursacht. [Seite: 6] Das Pfründenwesen, das den kirchlichen Oberen bisweilen Gelegenheit zu schamlosem Handel mit geistlichen Gütern bot, brachte nicht selten für den geistlichen Beruf gänzlich ungeeignete Söhne wohlhabender Familien oder alter Geschlechter in geistliche Würden, deren Pflichten sie entweder nur mangelhaft erfüllten oder in ärgerniserregender Weise vernachlässigten, deren reichliche Einkünfte sie jedoch in recht weltlicher Weise genossen und benutzten. Dazu war das kirchliche Ansehen der Oberen im Lande durch den verhängnisvollen Streit des Seckauer Bischofs Mathäus Scheit, eines bewährten, zweimal in ungarische Gefangenschaft geratenen Kriegsmanns, mit seinem Domkapitel, der schließlich, nachdem beide Streitteile einander exkommuniziert hatten, zu seiner Resignation (1503) führte, im Lande in weiteren Abtrag geraten. Steirische Adelige waren es, die ein halbes Jahr nach Luthers Thesenanschlag auf dem Innsbrucker Gesamtlandtag "am lautesten gegen die kirchliche Unordnung und geistliche Zuchtlosigkeit ihre Stimmen erhoben".

Die Klagen über das Benehmen der Geistlichkeit wurden immer heftiger. Es betraf nicht Einzelfälle, wenn man dem Klerus Habsucht, Konkubinat, Trunksucht und Rauflust, Herumvagieren und Widerspenstigkeit gegen die kirchlichen Oberen, Wucher, leichtsinniges Schuldenmachen und Verschleuderung kirchlichen Besitzes vorwarf.

Der Kardinalerzbischof Mathäus Lang, der seinen reformfreundlichen Domprediger einkerkern ließ und Speratus aus seinem Salzburger Amte tat, in dessen Residenz der im Frieden seiner Abtei Luther entfremdete Staupitz lebte, war willens, Ordnung zu schaffen. Diesem Streben diente die im Mai 1522 nach Mühldorf einberufene Synode und der im Juni 1524 in Regensburg gehaltene Konvent, dessen Beschlüsse Ferdinand für alle seine Erblande als bindend erklärte6.1. Sie schärften die strengste Handhabung der kirchlichen Satzungen, insbesondere der Fastengebote ein, ordneten die Fernhaltung "ausgelaufener" Mönche und Nonnen, die Büßung verheirateter Priester an und verhängten [Seite: 7] für die Landeskinder ein Besuchsverbot über die der neuen Richtung huldigenden Hochschulen, insbesondere Wittenberg7.1.

Allein die innere Auflösung des alten Kirchenwesens war auch in Steiermark schon so weit vorgeschritten, dass weder die Mühldorfer noch die Regensburger Beschlüsse im Lande wirksam wurden, so sehr auch der Landesherr mit allem Ernst und Nachdruck ihre Durchführung gebot. Seinem Eifer und seiner Tatkraft allein hatte die römische Kirche, deren Priesterschaft so sehr versagte, es in den folgenden Jahren zu danken, daß sie im Lande nicht überhaupt ausgerottet wurde. Ferdinand erließ in den für den Sieg der Reformation in Deutschland entscheidenden Jahren Mandat auf Mandat in seinen Erbländern, um bereits eingerissene Neuerungen auszumerzen und das Eindringen weiterer zu unterbinden. Am 12. März 1523 verbot er den Druck, das Kaufen und Lesen der von Luther und seinen Anhängern ausgegangenen Schriften, eine Maßnahme, die er in den nächsten 5 Jahren noch zweimal wiederholte und ausdrücklich auch auf die Schriften Karlstadts, Zwinglis, Ökolampads sowie der Taufgesinnten ausdehnte. Das scharfe Mandat vom 25. Juli 1528 ordnete an, daß ausländische Buchdrucker und Buchführer, die ketzerische Schriften einführen wollten, im Betretungsfalle ertränkt oder geköpft, ihre Schriften jedoch verbrannt werden sollten. Die bald danach in Bruck erfolgte Hinrichtung des Buchhändlers Hans Oehl zeigte, wie ernst es mit diesen Verordnungen gemeint war. Vier weitere Mandate befehlen in den Jahren 1527 bis 1531 die gefängliche Einziehung der Täufer, denen mit dem Scheiterhaufen gedroht wurde.

In der richtigen Erkenntnis, daß alle Bekämpfung des Neuen ohne eine durchgreifende Besserung des Alten unwirksam bleiben mußte, trachtete Ferdinand unermüdlich danach, das zerrüttete römische Kirchenwesen zu heben. Hatte doch der für die österreichischen Erblande in Augsburg vom Dezember 1525 bis zum März 1526 gehaltene Generallandtag zahlreiche Beschwerden des Herren- und Ritterstandes über die kirchlichen Verhältnisse [Seite: 8] gebracht, die dringend nach einer Reform verlangten. Besonders nachdrücklich hatten die steirischen Abgesandten tüchtige Priester und "die Verkündigung des lauteren Evangeliums" gefordert. Der durch Luther angebahnten Reformation stand König Ferdinand durchaus ablehnend gegenüber, auch er wollte bessern, aber zugleich das Alte erhalten. Die Möglichkeit, dies zu erreichen, sah er in einer eifrigen Mitwirkung der Kirchenfürsten und Oberen. Wiederholt schärfte er in diesen und den folgenden Jahren8.1 den Bischöfen, Prälaten, Ordinarien und Offizialen ein, die Regensburger Beschlüsse mit allem Ernst durchzuführen, auch Fasten und Buße zu halten, vor allem die Pfarren mit tüchtigen und gelehrten Geistlichen zu besetzen. Wie wenig dies bei dem Mangel an geeigneten Priestern gelang, zeigte das im Jahre 1538 von den 5 Erbländern neuerlich an den König gerichtete Ersuchen, die untauglichen Priester, die nicht selten zwei oder mehr Pfründen innehatten, zu entfernen, vor allem aber ein Nationalkonzil zur Beilegung des kirchlichen Zwistes zu ermöglichen. Sie mußten sich mit den ernstgemeinten, in den Folgejahren wiederholten Versprechungen ihres Landesfürsten begnügen.

Der willige Eifer und die ehrliche Mühe Ferdinands diente der alten Kirche in Steiermark um so mehr, als sie hier gerade in dieser entscheidenden Zeit durch fast 4 Jahrzehnte keinen eigenen Hirten besaß. Der Laibacher Bischof Christoph Rauber, der bis 1536 als Administrator die Seckauer Diözese verwaltete, war in erster Linie Staatsmann. Vom König häufig zu Gesandtschaften gebraucht, brachte er viel Zeit auf Reisen zu; weilte er im Lande, so war seine Zeit fast ganz mit politischer Beschäftigung ausgefüllt. Die auf Rauber bis ins 5. Jahrzehnt folgenden Bischöfe amteten zu kurz, als daß ihnen ein Erfolg hätte beschieden sein können. So mußte man ernste Katholiken klagen hören, es seien "alte und junge Christen der Firmung beraubt, wüßten von diesem Sakrament wenig oder gar nichts und spotteten darüber".

Die unablässigen Bemühungen Ferdinands und die große Zahl seiner diesbezüglichen Mandate zeigen deutlich, wie rasch [Seite: 9] sich die lutherische Lehre in Steiermark ausbreitete. Ihre ersten Spuren sind freilich im einzelnen schwer zu verfolgen.

Die stark belebten Handelsstraßen führten mit anderen Kaufleuten auch Buchkrämer und durch sie lutherische Schriften ins Land, die in Steiermark ebenso gut bezahlt und gerne gelesen wurden als in den übrigen deutschen Ländern. Die drohende Strafe schreckte nicht ab, bot vielmehr manchen Anreiz zum Verkauf wie zum Erwerb. Die trotz aller Verbote auf deutschen, die neue Richtung pflegenden Hochschulen ausgebildeten Adelssöhne brachten das neue Evangelium mit, die auf den Schlössern zur Unterweisung der Adelskinder gehaltenen Hofmeister wurden gerne "aus dem Reiche" berufen und huldigten der neuen Richtung, so manche durch den Ankauf lutherischer Schriften für die evangelische Lehre erwärmte Geistliche begannen sie zu predigen; das Handwerk zog evangelischgesinnte Gesellen, der Bergbau zahlreiche evangelische Knappen, "besonders aus Mitteldeutschland, ins Land.

Bald nach dem Wormser Edikt sind an mehreren im steirischen Ober- und Unterland gelegenen Orten Spuren der neuen, geächteten Lehre nachweisbar. Schon im Jahre 1523 stand der Leobner Priester Kaspar Turnauer im Verdachte, lutherisch zu lehren, doch konnte er sich rechtfertigen. Zwei Jahre später wurde der als Kaplan an der Ägidienkirche in Graz in lutherischem Sinne wirkende Huschimhey abgesetzt, bald aber wieder mit einem Amt bedacht. Aus Straßgang und Leibnitz kamen Klagen über eingerissene Neuerungen. Der Prior der großen, berühmten Karthause Seiz bei Cilli Peter III. wurde lutherisch und verließ sein Kloster. Der "mit einer Dirne" verheiratete Windischgrazer Pfarrer wurde auf Befehl des Königs im Jahre 1526 vom Landeshauptmann in Gewahrsam genommen. Das Gleiche geschah zur selben Zeit mit dem Pfarrer Christoph Wagner von Bruck und seinem Nachbarn aus St. Lorenzen im Mürztal, weil beide sich der neuen Lehre angeschlossen und in ihrem Sinne gepredigt hatten. Schon vordem begegnet man dem Luthertum auch im Ennstal, wo der Vikar von Haus, Herr Franz, in seiner Pfarre wie in Schladming die neue Botschaft verkündigte. Als er in den Bauernaufstand mit hineingezogen und gefangen gesetzt wurde, forderte der Salzburger Erzbischof [Seite: 10] seine Auslieferung. Dies bot der Regierung, die den Gefangenen nach Leoben hatte bringen lassen, den Anlaß zu der Erklärung, daß künftig kein Untertan, er sei geistlichen oder weltlichen Standes, ohne ihre ausdrückliche Genehmigung außer Landes geführt werden dürfe!

Die drückende Lage des auch in Steiermark mit mannigfachen Lasten und Abgaben beschwerten Bauernstandes war bereits im Jahre 1515 im Unterlande die Ursache zu einem schweren Aufstande gewesen. Zwar konnte er niedergeschlagen werden, aber die Not und Verbitterung blieb. Die immer zunehmende Bekanntschaft mit den reformatorischen Ideen führte den Bauernstand hier zu den gleichen Mißverständnissen wie in Franken, Schwaben und Thüringen, besonders zu der Anschauung, daß zur "evangelischen Freiheit" nicht nur der lautere Gottesdienst und die ihm vorangehende Säuberung von "Seelmessen, Vigilien und Zehnten" gehöre, sondern auch das "göttliche Recht", die Befreiung von den Abgaben, Frohnen und Roboten und die Auflösung des drückenden Hörigkeitsverhältnisses. Die Wogen des Aufstandes, der im Jahre 1525 im Salzburgischen ausbrach, schlugen auch ins benachbarte steirische Ennstal hinüber. Dem selbst der neuen Lehre zugetanen Landeshauptmann Siegmund von Dietrichstein10.1 fiel die Aufgabe zu, den Aufruhr mit Waffengewalt niederzuschlagen.

Als jedoch Dietrichstein nach einem für ihn ungünstigen Gefecht bei Gaishorn im Paltentale aufgehalten wurde, gestaltete sich die Lage bedenklich, da nunmehr auch die bürgerliche Bevölkerung mehrerer obersteirischer Orte mit den Bauern zu sympathisieren und schwierig zu werden begann. Erst nach dem Eintreffen kaiserlicher Hilfstruppen konnte der Landeshauptmann den Marsch gegen Schladming antreten und diese Stadt besetzen. Da gelang es nach einem kurzen Waffenstillstand den durch Zuzug verstärkten Aufständischen, Schladming zu überrumpeln. [Seite: 11] Bei diesem Handstreich wurde Dietrichstein nebst einigen Adeligen seiner Umgebung gefangen genommen und auf die salzburgische Festung Werfen in Gewahrsam gebracht, nachdem man einen Teil der aus Tschechen und aus den wegen ihrer Grausamkeit verhaßten ungarischen Husaren bestehenden Truppen niedergemacht hatte. Der Landesfürst rächte diesen Handstreich und den darauf notgedrungen mit den Aufständischen geschlossenen, für das Ansehen seiner Regierung abträglichen Waffenstillstand furchtbar. Er sandte den später durch die Verteidigung Wiens gegen die Türken berühmt gewordenen Grafen Niklas Salm mit einem Heere nach Schladming; die von den Einwohnern, Bauern und Bergleuten verteidigte Stadt wurde im Sturm genommen und völlig zerstört, die ergriffenen Rädelsführer, Bürger und Bauern, knüpfte man inmitten der Ruinen auf. Das Ansehen und der Reichtum des zur Strafe seines Stadtprivilegs beraubten Ortes11.1, der damals, durch seinen Bergbau berühmt, über 1000 Bergleute in seinen Mauern beherbergt haben soll, war gebrochen.

Den Siegeslauf der Reformation in Steiermark konnte dieses blutige Zwischenspiel nicht hemmen. Bedenklicher war hier für die Lehre Luthers das gleichzeitige Auftreten und Zunehmen der Täuferbewegung, die, von Vorderösterreich und Tirol ausgehend, ihre größte Ausdehnung und ihren festesten Bestand in Mähren erreichte, gelegentlich aber auch in Steiermark sich bemerkbar machte. Mit dem Rüstzeug eines unübertrefflichen Glaubensmutes und eines heldenhaften Hanges zum Märtyrertum zogen ihre Sendboten nun durch die Täler der grünen Mark. Mit dem Anspruch, "die Gemeinde der Heiligen" zu sein, eiferten sie gegen die ungöttliche Predigt in den "Götzenhäusern" des bestehenden Kirchenwesens, verwarfen sie den Eid, die Steuern und den Kriegsdienst, forderten sie die urchristliche Erwachsenentaufe und den heiligen, strengen Ernst eines Lebens in apostolischer Reinheit und Vollkommenheit. Die radikalen huterischen Brüder setzten zu allem noch den Kommunismus auf religiöser Grundlage durch, wie er schließlich in den mährischen "Haushaben" für eine allerdings kurze Zeit [Seite: 12] verwirklicht wurde, bis ihm, wie wohl bei fast allen in der Geschichte bekannten kommunistischen Versuchen, mehr der menschliche Eigennutz als die einbrechenden Verfolgungen vorübergehend ein Ende bereitete.

Die österreichische Regierung wütete von Anfang an mit Feuer und Schwert gegen die zeitweise nicht ungefährliche Schwärmerei der Taufgesinnten. Sie fahndete allenthalben nach ihren Sendboten, warf ihre Führer ins Gefängnis und hielt sie oft jahrzehntelang in schrecklichen Verließen, um die meisten nach der unmenschlichen Einkerkerung zu töten. Sie wurden enthauptet oder verbrannt, Frauen meist ertränkt. Der fromme und gelehrte Dr. Balthasar Hubmaier und sein tapferes Weib, die ersten in Wien hingerichteten Märtyrer des Täufertums, erhielten bald in Steiermark Nachfolger. Die von König Ferdinand im Februar und April 1528 für reuige Täufer erlassenen Begnadigungspatente kamen selten in Anwendung, denn es gab fast nur Bekenner unter ihnen. Der Landeshauptmann Siegmund von Dietrichstein hatte bereits Anfang 1528 vom König den Profoßen Hieronymus Wüest erbeten, den ihm Ferdinand im Jänner mit der Bestimmung sandte, ihn "zur Ausrottung und Vertilgung der verführlichen Sekte der Wiedertauf" fleißig zu gebrauchen12.1. Inzwischen hatte Dietrichstein berichtet, daß er "durch heimliche Kundschafter mit allem Fleiß allenthalben der Notdurft nach Erkundigung gehalten" und dabei besonders in verschiedenen obersteierischen Städten, vor allem in Bruck und Leoben, Anhänger der Wiedertaufe gefunden habe. Er legte seinem Landesfürsten das von Urbanus Rhegius gegen die Täufer verfaßte Büchlein bei und empfahl dessen Verbreitung im ganzen Lande. Ferdinand belobte seinen Landeshauptmann wegen des an den Tag gelegten Eifers12.2, hielt aber dafür, es sei [Seite: 13] "beschwerlich", das Büchlein (das ja einen lutherischen Verfasser hatte), "dermaßen ausgehen zu lassen"13.1. Er gebot Dietrichstein, den Landesverweser, den Vizedom und etliche angesehene Landleute nach Graz zu berufen und dort mit ihnen zu beraten, wie man am besten der Täufersekte entgegentreten könne. Sollten sich die Städte gegen ihre Maßnahmen widersetzlich zeigen, würde die Regierung auf eine Anzeige hin sie strenge zur Verantwortung ziehen. Vom Richter in Eisenerz, der gefangene Täufer hatte entwischen lassen, sei Rechenschaft zu fordern. Da nach dem Bericht seines Landeshauptmannes sich die Priester fast allenthalben als Bekämpfer der Täufer unfähig erwiesen, teilte der König mit, daß er beim Kardinal Lang in Salzburg für Bruck und Leoben "fürderlich geschickte Prediger" erbeten habe.

Der Erzbischof sandte Prediger, die von Dietrichstein nach Obersteiermark beordert wurden. Als von der für freiwillig zur Kirchenbuße und Rückkehr zum römischen Glauben sich Meldende angekündigten Gnade innerhalb der gesetzten Frist nur wenige Gebrauch machten, so daß die Regierung wieder zur Strenge zurückzukehren gebot, andererseits in Leoben ein Binder und ein Bader, an anderen Orten etliche Jugendliche als Täufer in Haft genommen worden waren, fragte Dietrichstein an, ob man es noch einmal mit Milde versuchen solle, was aber der König in einem langen und ausführlichen Gutachten nicht für gut erklärte13.2. Abgesehen davon, daß in allen Ländern nach den zuletzt verlautbarten strengen Mandaten vorgegangen werden sollte, hätte man mit den Begnadigten wenig gute Erfahrungen gemacht, denn die meisten seien ebenso wie die freiwillig zum Widerruf Erschienenen nachher wieder abgefallen. So sei durch die Milde nur die Leichtfertigkeit gefördert worden. Da die "Begnadung bisher nicht sonders groß gewirkt", sei sie künftig nur bei Jugendlichen oder offensichtlich Verführten anzuwenden.

Dietrichstein meldete am 2. Mai, daß nicht nur Richter und Rat zu Bruck neuerdings gegen mehrere Täufer zu handeln begonnen hätten, sondern daß er selbst den Pfleger zu Freienstein [Seite: 14] habe einkerkern lassen, da man in seinem Besitze "etliche Büchl und Schreiben" der Täufer gefunden hätte. Seiner Meldung hatte der Landeshauptmann auch 2 Sendschreiben gefangener Wiedertäufer, die sie ihren Brüdern nach Krems und Wels aus dem Kerker zuschicken wollten, beigelegt. Der König gebot14.1, jenen Pfleger zur peinlichen Befragung nach Graz zu schaffen und sandte ein besonderes Anerkennungsschreiben für Erasmus von Trautmannsdorf mit, weil dieser sich "in der Handlung gegen ermelte wiedertäufferisch Personen gutwillig und fleißig erzeigt und etliche derselben zu Gefängnis gebracht" habe. Im Juni legte der Fürst neuerdings in der Behandlung der Taufgesinnten dem Landeshauptmann die größte Strenge nahe. Aus einem beigeschlossenen, einem Gefangenen abgenommenen Sendschreiben sollte der Hauptmann ersehen, "was hinter dieser Sekt’ heimlich verborgen steht"14.2. Als in Bruck im Oktober etliche Täufer entwichen, gebot Ferdinand, sie zu suchen und ihnen den Prozeß zu machen14.3.

So nahmen im Jänner 1529 die Prozesse in Leoben14.4 und Bruck14.5 ihren Anfang. Während man dort etliche Jugendliche begnadigte, wurden in Bruck in diesem Jahre 9 Männer enthauptet und 3 Mädchen ertränkt. Das erhaltene alte Täuferlied, das in 16 Strophen den Glaubenstod jener 12 "Brüder und Schwestern" besingt, weiß zu sagen:
"Der Jüngste, der bat von Herzen
die Brüder zu der Stund’
wollt’ leiden die ersten Schmerzen
küßt sie auf ihren Mund:
Gott segne euch, liebe Brüder mein
heut’ wollen wir beieinander
im Paradiese sein"
und erzählt, daß die Jüngste der Schwestern, mit ihren Schicksalsgenossinnen zum Ertränkungstode an die Mur geführt, das Wasser angelacht habe14.6.[Seite: 15]

Daß taufgesinnte Sendboten bereits im ganzen Lande predigten, zeigt der Umstand, daß man sie in Rottenmann, Graz und Hartberg fast um die gleiche Zeit aufgriff und bestrafte. In Leibnitz, wo mehrere Personen wegen ihrer wiedertäuferischen Gesinnung eingekerkert worden waren, verfuhr man besonders streng. Das Haupt der Sektierer, ein Bogner, war geflohen. Im Auftrage der Regierung befahl der Landeshauptmann dem in Leibnitz residierenden salzburgischen Vizedom, des Bogners Haus, "in dem die Wiedertaufe und das Brotbrechen gehandelt und den Pfaffen Weiber gegeben worden", niederzureißen. Als der Vizedom sich hiezu nicht rasch genug entschloß, trug Ferdinand in einem eigenen Befehl15.1 Dietrichstein den Vollzug auf. Nur diesem scharfen Zugreifen gelang es tatsächlich, die Wiedertäufer, die sich bereits stark zu verbreiten begonnen hatten, noch rechtzeitig in Steiermark zu unterdrücken. In ihrer Ablehnung waren, wie im Deutschen Reiche, besonders nach dem Münsterer Trauerspiele, die Anhänger der alten wie der neuen Richtung eins, wenngleich es aus evangelischer Seite auch nicht an milden und verständigen Urteilen fehlte; so nannte sie der steirische Landeshauptmann Hans von Ungnad fromme und einfältige Leute, mit denen er lieber nichts Feindliches zu tun haben wolle. Man möge sie laufen lassen und aus dem Lande weisen.

Wie weit das lutherische Bekenntnis bereits ins Land eingedrungen war, zeigte die von Ferdinand in einem Generale vom 24. März 1528 angeordnete Visitation und Inquisition. Bereits im Jänner hatte der Landesfürst an Dietrichstein geschrieben, ihm sei glaubhaft berichtet worden, daß "die verdammte neue Sekte in den Städten Graz, Bruck und zu Windischgraz eingefallen sei" und in diesen Orten "etliche die verschienenen Jahre Fastenfleisch ohne Not freventlich gegessen, nit gebeichtet, auch sonst auf österliche Zeit das hochwürdige Sakrament nach christlicher Ordnung nit empfangen, welches alles gegen Gottes Ehr’ und Dienst ist". Er trug dem Landeshauptmann auf, alle bisher für die Erbländer erlassenen Religionsgeneralia strenge zu handhaben und insbesondere den Stadtpfarrern und Seelsorgern [Seite: 16] samt ihren "Mitgesellen" einzuschärfen, daß sie in der bevorstehenden heiligen Zeit das Fasten und Beichten scharf überwachen möchten16.1. Noch mehr aber versprach sich Ferdinand von der nun angeordneten Visitation. Sie sollte einerseits feststellen, in welchem Maße die kirchlichen Satzungen eingehalten würden, andererseits war ihr Zweck, die Beschwerden sowohl der Geistlichkeit als auch der Laien anzuhören und zu schlichten. Diese große Visitation wurde im Einvernehmen mit dem Salzburger Erzbischof und dem Seckauer Administrator in der Zeit vom 8. Mai bis zum 23. Juli 1528 im ganzen Lande gehalten. Die hierzu errichtete Kommission besuchte die meisten Klöster und alle größeren Pfarrorte, in denen dann auch die Geistlichen und Zechpröpste (Kirchenvögte) der kleineren Nachbarpfarren erscheinen mußten.

Das noch erhaltene, erst jüngst der freien Forschung zugänglich gemachte Visitationsprotokoll16.* ist eine der ältesten und ausführlichsten Quellen der steirischen Protestantengeschichte. Die Oststeiermark, das Vorauer Viertel, erwies sich von den Neuerungen noch ziemlich unberührt. Hier und da hörte man von verheirateten Priestern oder von lutherischgesinnten Hofmeistern und Erziehern auf den Adelsschlössern. Hingegen fand man die Südsteiermark bereits stark lutherisch durchsetzt. In Mahrenberg predigte ein verheirateter Mönch, in Windischgraz verhielt sich die Bevölkerung gegen die Visitation durchaus ablehnend. Zwar war vor kurzem ein aus Wien zugereister Laienprediger Hans Haas verhaftet, in Graz eingekerkert und schließlich gehängt worden, aber sein Schicksal hatte ebensowenig abgeschreckt, als der von der Visitationskommission nach der Auffindung etlicher lutherischer Bücher nun vorgenommene Bücherbrand. In Cilli predigte der Kooperator "ungeschickt", ein Mönch trat gegen den Marienglauben auf.

Radkersburg bereitete der Visitation besondere Schwierigkeiten. Hier unterstützten die einflußreichen Geschlechter Stubenberg und Khainach offen die dem Luthertum zuneigende Bürgerschaft. Schon wurde die Messe verachtet, die Prozession am Aschermittwoch in einem Faschingsumzug verhöhnt: 24 Mann trugen ein Kreuz, an dem ein Hering hing, vor einer Bahre mit [Seite: 17] ausgestopftem Wams und Beinkleid mit einem als Kopf befestigten Kürbis, hinter der ein als Priester Verkleideter ging und aus einem Meßbuch die Litanei sang. In Halbenrain verkündigte der Gutsherr Georg von Poppendorf selbst den Bauern; die aus dem katholischen Gottesdienst zu seinen Predigten liefen, das neue Evangelium. Schon las man hier lutherische Predigten. In Mureck wirkte ein wegen seines Luthertums landesverwiesener Magister ungescheut weiter. Leibnitz erschien "ziemlich vergiftet".

Auch Obersteiermark neigte stark der neuen Lehre zu. In Rottenmann und den Pfarren seiner Umgebung wurde bereits lutherisch gepredigt, in Aussee begrub man, ohne den Pfarrer zu fragen, nach evangelischer Art auf dem Friedhof, in der Schladminger Gegend verwarfen die Bauern die Ohrenbeichte.

Selbstverständlich waren viele der an den großen Verkehrsstraßen des Mur- und Mürztales gelegenen Orte der evangelischen Sache zugetan. Dies galt besonders von Murau, wo die Herren von Liechtenstein die evangelischgesinnten Bürger bestärkten. Man aß Fleisch an Fasttagen, verspottete den römischen Ablaß und besuchte die Messe nicht mehr. Hingegen liefen viele zu den lutherischen "Winkelpredigten". In Oberwölz brach selbst der auf Rothenfels sitzende freisingische Pfleger die Fastengebote, indem er behauptete, das Fleischessen sei durch die heilige Schrift nicht verboten. Auch las er öffentlich lutherische Bücher.

In der Neumarkter Gegend bekämpfte der Abt von St. Lambrecht die eingerissenen Neuerungen in der drastischen Art, daß er aufgefundene, ihm zugebrachte lutherische Bücher eigenhändig in der Küche verbrannte. In Oberzeiring wurden im Spital gestiftete Messen von Benefiziaten nicht mehr gehalten. In St. Oswald stieß man neben der Verwerfung des Heiligenkultes und der Behauptung, Maria sei ein gewöhnliches Weib gewesen, auch auf das Begehren nach lutherischer Absolution. In mehreren Nachbarorten wurde von etlichen seit Jahren nicht gebeichtet und nicht gefastet. In Judenburg klagte der Stadtpfarrer sehr über den Rückgang der geistlichen Einkünfte. Er konnte statt 5 Kaplänen nur mehr 2 erhalten, weil "man den Priestern nichts mehr gibt wie vor(dem)!" In Obdach predigte ein lutherischer Winkelprediger, etliche Insassen lasen lutherische [Seite: 18] Schriften und gingen nicht zur Beichte. Als Vorort der neuen Richtung in Obersteiermark entpuppte sich Leoben. Hier hing die Bürgerschaft offen dem Vikar Paul Rorer an. Der hatte ein Weib genommen, predigte lutherisch, sang seit zwei Jahren das Salve nicht mehr ("denn man gibt ihm nichts dazu!"), auch verwarf er die Fürbitte, das Fegefeuer und die Prozessionen. Es war überhaupt keine Monstranze mehr vorhanden. Rorer erklärte öffentlich, die im Glauben Schwachen mögen die Heiligen anrufen, ihm sei Christus genug! Es gelang der Visitationskommission nicht einmal, ihn und seinen lutherischen Kollegen zu entfernen. Erst als die Regierung eingriff, sind die beiden Prediger "von Leoben entronnen". Ferdinand befahl daraufhin seinem Landeshauptmann18.1, Richter und Rat von Leoben zur Rechenschaft vorzuladen, vor allem festzustellen, ob sie, "als obgemeldeter Pfarrer bei ihnen gewohnt, seines Eheweibes halber Kenntnis gehabt."

Nicht viel besser stand es in Bruck. Freilich auch in seinem Hinterland, im Mürztal. Dort verspottete man in Krieglach bereits die Zechleute, wenn sie an der Prozession teilnahmen, in Kindberg entschlug sich der Schulmeister samt seinem Sukzentor (Gehilfen) der Beichte und eiferte gegen sie. Man sperrte beide deswegen in Bruck 8 Tage bei Brot und Wasser ein. Ein lutherischer Herd hatte sich in Stanz gebildet. Hier verachtete die Pfarrmenge die Predigten ihres rechtmäßigen Pfarrers und hielt sich zu einem Schmied, der aus dem lutherischen Testament predigte, von dem er sich selbst vor der Kommission nicht trennen wollte. Mit ihm wetteiferte der Ortstischler, der vom Pfarrer zu St. Lorenzen lutherische Bücher kaufte; zwei Schweizer Tuchscherer trugen das ihre zu den Neuerungen bei, die des Amtmanns Sohn offen förderte.

Das Bruck benachbarte St. Lorenzen stellte die Kommission vor die schwersten Aufgaben. Während sich der Pfarrer Hans Muerer hier mit der Abstellung mancher römischer Zeremonien begnügte, die Weihe am Palmsonntag unterlassen, überhaupt seit 3 Jahren keinen Weihbrunnen mehr benützt hatte, predigte der Gesellpriester Herr Andre, mit seinem Pfarrer in der eifrigen Verbreitung und Lesung lutherischer Schriften eins, gegen das [Seite: 19] römische Sakrament und den Heiligenglauben, auch behauptete er auf der Kanzel, Maria sei eine gewöhnliche Frau gewesen, die Kirchfahrt nach St. Marein bezeichnete er dort als einen, "Tandelmarkt". Bezüglich der Umgänge eiferte er, es sei kein Wunder, daß der Blitz dreinschlüge, wenn man mit "diesem Affenspiel" um die Kirche ginge. Die letzte Ölung verwarf er als Sakrament. Von dem hierzu verwendeten Öle sagte er, es sei auch nicht anders als das vom Franzosen-(Syphilis)Arzt gebrauchte. Auch hielt Andre kein Fasten. In der verbotenen Zeit habe er, so wurde behauptet, einmal Krammetsvögel, ein andermal ein gebratenes Spanferkel gegessen. Bei der Verlesung des königlichen Mandats von der Kanzel hatte man ihn die Bemerkung anknüpfen gehört, mehr als diesem müsse man dem reinen Evangelium gehorchen; auch werde zuletzt doch die lutherische Meinung durchdringen. — Die Kommission ließ Andre in Eisen von Kindberg, wo er verhört worden war, nach Bruck führen. Dort wurde er zu einem im Wortlaut noch erhaltenen Widerruf gezwungen, kirchlich gebüßt und auf eine andere Pfarre versetzt.

In Kapfenberg entzogen die Herren von Stubenberg der Pfarre kirchliche Stiftungen, in Bruck war das Alte in völliger Auflösung begriffen. Hier hatten 2 Pfarrer hintereinander den Wittenberger Ideen Eingang verschafft. Der neueingesetzte Pfarrer fand im Meßbuch den Kanon herausgeschnitten, der Kaplan Leonhard weigerte sich im alten Sinne zu predigen, "und wenn die Kirche niederfalle". Die Palmsonntagweihe fand nicht mehr statt, die Kapläne sperrten sich, zur Osterweihe zu erscheinen. Zwei Gesellpriester hatten Frauen genommen, der Kaplan Puchmaier predigte bei St. Rupprecht ganz lutherisch; um ihm zuzuhören, liefen die Leute aus den Predigten der Barfüßer fort. "Der lutherischen Bürger sein fast viel", so unterblieben die meisten Zeremonien, die Kirchvögte hielten das Meßgewand versperrt, der Weihbrunnen war seit drei Jahren nicht mehr geweiht, ja man hatte sogar unsaubere Dinge hineingetan. Der Schulmeister, ein landesverwiesener Lutherischer, ließ die Schüler die neuen, verbotenen Lieder singen; es half nichts, daß der Stadtpfarrer ihm und den Schülern deshalb die Kost entzog; führte doch deshalb der Schulmeister wieder stets, wenn der Stadtpfarrer zu predigen anfing, die Schuljugend aus der Kirche hinaus. [Seite: 20] Selbst der Stadttürmer war ein versteckter Lutherischer, disputierte viel und herbergte Taufgesinnte. — Da in Bruck, während die Visitationskommission tagte, gerade Jahrmarkt gehalten wurde, ging ein Kommissär in Begleitung eines Franziskaners auf den Marktplatz, um nach lutherischen Schriften zu forschen. Bei zwei Buchführern wurden solche gefunden, weggenommen und im Beisein von viel Volk am Platz verbrannt, die Buchführer mußten sich der Regierung stellen.

Gegen Graz zu wurden der Kommission in Frohnleiten etliche bezeichnet, die jahrelang das römische Sakrament zurückgewiesen hatten und lutherische Bücher lasen. Selbst der Vikar und der Gesellpriester in Gratwein hatten solche. In St. Veit predigte der Pfarrer: "Bist du 10 Jahr’ in einem Kloster, ist nichts; bete und faste, ist nichts; glaub’ allein an das Leiden und die Urständ (Auferstehung) Christi, so wirst du selig!"

Die Landeshauptstadt Graz, in der die Kommission beendet wurde, erschien im Luthertum "ganz vergiftet". Der Landeshauptmann Siegmund von Dietrichstein samt seiner Gemahlin war ebenso ein Anhänger der lutherischen Richtung, wie der Bürgermeister und der Altbürgermeister der Stadt mit einem Gutteil der Stadtbürger. Von den Geistlichen predigten die Kapläne der Stadtpfarrkirche Mag. Prokopius Huschimhey, der Gesellpriester Georg (Jörg), der "schwarze Herr Hans" und Hans Eggenberger lutherisch; Prokop wandte sich gegen die Messe, die Überschätzung der guten Werke, gegen Opfer und Kirchfahrten und gegen die Fürbitte für die armen Seelen. Er erkannte nur zwei Sakramente an. Georg wollte keine Beichte hören und hielt nichts vom Fasten. Einen Fürbittzettel, den ihm ein Schuster auf die Kanzel gelegt hatte, warf er hinunter. Das Ave Maria betete er nicht, da er der Meinung war, Maria, wie jeder andere Mensch geboren, sei keine Fürsprecherin. Georg erklärte die Marienverehrung als eine Abgötterei. Er verwarf das Stundengebet und sagte, mit der Fürbitte betrüge man die Leute, sie sei für nichts. Als der Stadtpfarrer beiden Geistlichen das Predigen verbot, hielten sie Hausgottesdienste, zu welchen das Volk strömte, während die Kirchen immer leerer wurden. Selbst aufs Schloß lud sie der Landeshauptmann, wo sie vor ihm, seiner Umgebung und der sich einfindenden Bürgerschaft predigten.[Seite: 21]

Der Schulmeister in der Sackstraße Albrecht Hütter wirkte in gleichem Sinne. Er zerschnitt die in der Sakristei hängende Regensburger Kirchenordnung, bezeugte während der Messe bei der Wandlung keine Reverenz und ließ mit seinen Schülern Verse und Sequenzen aus. Hingegen übte er mit ihnen lutherische Gesänge ein, hielt sie von der Ohrenbeichte und der römischen Kommunion ab und ließ sie Bilder aus der Kirche in die Schule tragen und dort verbrennen.

Die Bürgermeister und Stadtherren führten lutherische Bücher ein, trieben öffentlich für die Neuerungen Propaganda, schalten und lästerten katholische Bräuche und beherbergten ohne Scheu um des Glaubens willen Ausgewiesene. Der Bürgermeister erklärte dem Stadtpfarrer unter Hinweis auf mitgebrachte lutherische Schriften: "So habt ihr uns bisher betrogen, ihr Pfaffen!"; einen Barfüßer, der gegen die Neuerer eiferte, bedrohte er: Es sei ein Wunder, daß man ihn nicht von der Kanzel werfe!

Auch in der Leechkirche erstand bald ein lutherischer Prediger und unter der alten Linde in der Nähe des Paradeishofes verkündete ein alter, halbblinder Mann dem aufhorchenden Volke das Evangelium.

Und dies alles ereignete sich unter dem stillschweigenden Gewährenlassen, ja manchmal unter dem besonderen Schutz des Landeshauptmanns, welcher römische Priester, mit dem Hinweis darauf, daß "er und die Hauptmannin nichts von Sakrament noch Meß halten" ermunterte, sie sollten auch evangelisch werden. Ja er ließ selbst nach der Verlautbarung der strengen Mandate Ferdinands Georg und Prokop auf dem Schlosse predigen und hielt Ausgewiesene zurück. Mit seiner ganzen Umgebung aß er in der Fastenzeit unbekümmert Fleisch. Er bestritt schließlich sogar die Berechtigung der großen, in landesfürstlichem Auftrag durchgeführten Kirchenvisitation, indem er erklärte, sie verstoße gegen die Freiheiten des Landes.

Und wie fand die Visitationskommission die Zustände in den Klöstern des Landes? Die Augustiner-Chorherren in Seckau, die Benediktiner in St. Lambrecht und die Benediktinerinnen in Göß erwiesen sich als Stützen des alten Glaubens. Auch in der Abtei Neuberg konnte die alte Ordnung aufrecht erhalten werden. Im Zisterzienserstift Renn waren zwei Brüder lutherisch [Seite: 22] geworden und entlaufen, den Schulmeister schickte der Abt,nachdem er seine evangelischen Schriften weggenommen und verbrannt hatte, fort, aber es machte ihm bereits Mühe, das Alte zu bewahren. Schlimmer stand es in dem meisten anderen Abteien. Vorau hatte noch 16 Chorherren, aber schon betete einer in der Kirche öffentlich für die anderen, daß sie auch zur Erkenntnis der gereinigten Lehre, des lutherischen Evangeliums, kämen. Elf Jahre später waren nahezu alle Insassen des Klosters Anhänger der neuen Richtung geworden, es fanden sich nur mehr zwei katholischgesinnte Chorherren. Der Prior des Chorherrenstifts Rottenmann wurde von den Kirchenbesuchern im Gottesdienste verlacht, weil er "so kindische Dinge predigte". Den schwersten Abbruch erlitt der alte Glaube bei den Benediktinern in Admont. Aus dem Männerkloster, in dem die Patres angeblich aus Geldmangel seit 16 Jahren keine Kutten mehr hatten, entliefen 13 Mönche, im Frauenkloster lasen die Nonnen frei und offen die ihnen von Verwandten übersandten reformatorischen Schriften, hielten kein Stundengebet mehr und ließen oft bis in die 14 Tage lang keine Messe mehr lesen. Von einem einst durch die ungarische Prinzessin Sophie gestifteten kostbaren Altartuch trennten sie die feinen Goldblättchen ab und teilten sie mit Hilfe des Schaffers unter sich, so daß auf jede ein Anteil von 3 Lot entfiel. Schließlich entliefen 4 Fräulein, von denen 3 heirateten, die vierte ihre Tracht ablegte und sich bei ihren Brüdern, den Herren von Steinach, offen aufhielt.

So mußte die Kommission fast allenthalben im Lande feststellen, daß der alte Glaube auf das schwerste bedroht und gefährdet war. An manchen Orten trat die Auflösung ganz auffällig zutage, und man wagte ganz ungescheut, sich die Errungenschaften der Reformation zu eigen zu machen. Besonders der Adel und das Bürgertum traten als die Hauptförderer der neuen Richtung auf. Wie wenig nachhaltig auch die Wirkungen dieser großen Kirchenvisitation waren, zeigte sich z. B. schon im nächsten Jahre in Leoben, wo die Zuhörer wieder die Predigten der Dominikaner störten. Ebensowenig fruchteten alle Verordnungen und Strafen an anderen Orten. Die evangelische Lehre hatte bereits vor dem zweiten Reichstag zu Speyer und dem darauffolgenden zu Augsburg in Steiermark festen Fuß gefaßt. [Seite: 23]

3. Die Fortschritte der neuen Lehre bis zum Tode Ferdinands I. (1564).

Die Visitation besserte die Zustände in den Klöstern und Pfarren nicht. Die nächsten Jahre sind wieder erfüllt von Klagen über die sittliche und wirtschaftliche Abnahme des alten Kirchenwesens. Die Stände begehrten daher im steirischen Landtage 1534 allen Ernstes, der Landesfürst möge ihnen die Vollmacht zum Reformieren erteilen. Man gedachte u. a. in den Frauenklöstern die Adelstöchter zu erziehen, wenn die Herangewachsenen wieder aus ihnen treten und sich etwa verehelichen wollten, sollte man sie nicht hindern. Manche Standespersonen versuchten die Reformation auf eigene Faust. Der lutherische Landeshauptmann Hans von Ungnad setzte, nachdem der Abt Zollner sich der Visitation seines durch ihn völlig ausgebeuteten Klosters Reun durch die Flucht entzogen hatte, dem neugewählten Abte seinen minderjährigen Sohn Ludwig mit dem Rechte der Nachfolge zur Seite und erwarb für seine Familie einige der noch übrigen Güter. Als endlich wieder ein tatkräftiger Abt gewählt wurde, der die noch im Kloster hausenden Konventualen in straffe Zucht zu nehmen und die in der Zwischenzeit entfremdeten Güter wieder zum Stift zu bringen suchte, ließ sich Ungnad mit den Herrschaften Kalsdorf und Hirschegg entschädigen, wo er sofort die evangelische Lehre einführte. So endete der Versuch des Landeshauptmanns, das fast verödete Stift zu verweltlichen.

In anderen Stiftern verschleuderte die Mißwirtschaft der Äbte und Insassen gerade die besten und ertragreichsten Güter. Der kirchliche Wohlstand ging am häufigsten durch die Schuld seiner Inhaber, selten durch das Zugreifen benachbarter Adeliger zugrunde.

In den dreißiger und vierziger Jahren wandte sich neben dem noch nicht der Reformation zugetan gewesenen Rest des Adels auch der überwiegende Teil des Bürgertums der Städte und Märkte dem Luthertum zu. Hierbei wurde stets betont, man habe sich nicht von der Kirche getrennt oder gar einer neuen Kirche angeschlossen, man sei nur zum rechten Verständnis der bestehenden christlichen Kirche zurückgekehrt. In diesem Sinne baten die Stände auch wiederholt den Landesherrn, die "kirchliche [Seite: 24] Vergleichung" zu betreiben, die auch Ferdinand ehrlich erstrebte, allerdings aber im Sinne und zugunsten der alten Kirche durchzuführen suchte. Beide Richtungen hielten die Türkennot für eine um der kirchlichen Entzweiung über sie verhängte Gottesstrafe, allein jeder sah im anderen den schuldigen Teil.

Auf dem Reichstag zu Augsburg hatte der in Steiermark wie bei Hofe so einflußreiche Hans von Ungnad mit den in seiner Begleitung befindlichen Adeligen entscheidende Eindrücke empfangen. Sie gewannen den Mut und die Freudigkeit, sich nunmehr offen und ungescheut zur A. K. zu bekennen; oft und oft traten die steirischen "Konfessionisten" in den nächsten Jahren mit der Bitte an den König heran, dem Lande Prediger zu geben, die das Evangelium gemäß der A. K. lauter und unverfälscht verkündigen könnten. Man begegnet in einer dieser Eingaben24.1 der Begründung: Schon die alten Juden seien, weil sie vom wahren Gottesdienst abgefallen, nach der Zerstörung ihrer Stadt in die Gefangenschaft geraten. In gleicher Weise bedrohe der Türke um des in der römischen Zuchtlosigkeit sichtbaren Verfalls der christlichen Kirche willen das Land. Zur Abwehr des Unheils könne nur die Verrichtung des lauteren evangelischen Gottesdienstes verhelfen. Die Antwort des Königs enthielten seine Mandate, die die strenge Einhaltung der römischen Kirchengebote und die Wiederaufrichtung der alten Ordnung und Reinheit in den bestehenden Pfarren und Klöstern anbefahlen. Allein durch Erlässe und Verordnungen war der Zusammenbruch der alten Kirche nicht mehr aufzuhalten. Der Landesvizedom klagte im Jahre 1537, daß die Bittgänge und Prozessionen vielerorts eingingen, und, da seit 40 Jahren kein Weihbischof mehr im Lande sei, auch keine Firmung mehr erteilt würde; man hielt die gestifteten Jahrestage nicht mehr, die Leute spendeten wenig, so daß die Bettelorden einzugehen begannen; die Pfarrer klagten, sie könnten keine "Gesellpriester" mehr erlangen, es gäbe fast keinen priesterlichen Nachwuchs mehr. Die Gemeinden wieder beschwerten sich über die äußerst mangelhafte Versorgung durch die wenigen Geistlichen. Es kam aus diesem Grunde sogar zu Aufläufen. Der Wunsch nach einem Nationalkonzil, das eine gründliche [Seite: 25] Reformation und Besserung in allen deutschen Landen und damit auch in Steiermark durchführen sollte, wurde im Lande in diesen Jahren oft laut.

Aus dem im Jahre 1538 in Linz gehaltenen Ausschußlandtage baten die steirischen Gesandten neuerlich, ihr Land möge mit guten, geschickten evangelischen Predigern versehen werden. Ferdinand entgegnete in einem Mandat vom 24. Februar 1539, daß gemäß dem Wormser Edikt die Einführung von Prädikanten25.1 und verbotenen Büchern geahndet werden müßte. Das Wormser Religionsgespräch von 1540, das von den steirischen Ständen mit großer Spannung erwartet und verfolgt wurde, enttäuschte in seiner Ergebnislosigkeit. Durch sie nicht entmutigt, überreichten die steirischen Abgesandten im Juni 1541 namens der Stände in Regensburg eine neuerliche Bittschrift und baten gemeinsam mit den österreichischen Gesandten im Dezember auf dem Ausschußlandtag zu Prag "mit gebogenen Knieen" um die Gewährung der evangelischen Predigt. Von ihr verhießen die Abgesandten die Wiederherstellung der Zucht, die Erneuerung des religiösen, sittlichen und politischen Lebens, welche überdies durch eine neue "Polizeiordnung" gesichert werden sollte. Als das einzig verläßliche Mittel zu einer wirklich anhaltenden Besserung aber erklärten die Stände die Verkündigung der "Justifikation durch den Glauben". Sie hielten bereits in der Grazer Landschaftskapelle den Protestanten Hans Strauß als Kaplan, der in diesem Sinne predigte. Ferdinand beschied die Gesuchsteller abschlägig und verlangte Gehorsam gegen seine bisherigen Befehle. Keinen besseren Bescheid erhielt die ständische Petition des Jahres 1542, ungehört verhallten die Wünsche der steirischen Herren und Ritter auf dem "gemeinen Landtage" zu Prag 1544 und dem Grazer Landtage von 1545.

Nichtsdestoweniger errichteten die steirischen Stände im Landhaus eine evangelische Schule, an der auch Bartholomäus Pica (Elster) lehrte, der 1544 eine lateinisch-deutsche Bearbeitung [Seite: 26] des lutherischen Katechismus für die Grazer in Augsburg drucken ließ26.1.

Im schmalkaldischen Kriege äußerte sich die dem Kaiser Karl und dem König Ferdinand wegen ihrer römisch-kirchlichen Haltung in weiten Kreisen wenig günstige Stimmung in etlichen im Lande verbreiteten Schmäh- und Lästerschriften, welche jedoch im Auftrage des Landeshauptmanns sofort beschlagnahmt und eingezogen wurden. Wiewohl die Sympathien des steirischen Adels durchaus auf Seite der evangelischen Fürsten waren, griff er doch nicht, wie viele seiner böhmischen Standesgenossen, handelnd in die Kriegsereignisse ein. Er suchte vielmehr die um seiner loyalen Haltung willen ihm günstige Stimmung des Königs zur endlichen Erlangung religiöser Zugeständnisse zu nützen. Im September 1547 tagten die Abgeordneten der österreichischen Stände in Steyr; aus Graz hatte man 4 Standesherren und einen Bürger dahin entsandt. Als von König Ferdinand die Aufforderung einlangte, ihm die Beschlüsse der Tagung bekanntzugeben, wurde der nach Prag reisenden Abordnung auch eine Bittschrift eingehändigt, die den König neuerlich um die freie Religionsausübung, vor allem um die Predigt des lauteren Gotteswortes und die Gewährung des Abendmahls gemäß der Einsetzung Christi unter beiderlei Gestalt ersuchte. Die Gesandtschaft gab ihr Gesuch nicht nur bei ihrem Landesfürsten ab, sie reiste mit einer Abschrift dieser umfangreichen Petition auch zum Kaiser, der dem in Augsburgs versammelten Reichstage beiwohnte. Die Antwort, die die steirischen Stände von ihrem Landesherrn erhielten, war der Befehl zur Einhaltung des nach dem für die evangelische Sache unglücklichen Ausgang des Schmalkaldischen Krieges in Augsburg zustandegekommenen Interims, das Protestanten wie Katholiken in gleicher Weise unbefriedigt ließ.

Die 22 Kapitel umfassende Reformationsordnung, die Kaiser Karl V. wenige Wochen nach der Verlautbarung des nur für die Evangelischen verbindlichen Interims erließ und die [Seite: 27] seine ernstlichen Reformabsichten im römischen Lager beweisen sollte, sah zur Behebung der von den evangelisch gesinnten Reichsständen, aber auch von ernsten katholischen Mahnern immer wieder gerügten Übelstände in der römischen Kirche die Einberufung von Bistums- und Provinzialsynoden vor. Die einzelnen Diözesen der Salzburger Kirchenprovinz hielten noch im gleichen Jahre ihre Synoden ab. Die hier gefaßten Beschlüsse sollten im Verein mit den bei den Durchführungsversuchen der kaiserlichen Reformationsordnung gemachten Erfahrungen den Verhandlungsstoff für die Salzburger Provinzialsynode bilden, welche vom Erzbischof für den 11. Februar 1549 in seine Residenz einberufen wurde. Zu ihrem Beginn fanden sich die Bischöfe von Regensburg, Passau, Chiemsee, Seckau und Lavant, sowie Vertreter der Bischöfe von Freising und Brixen, ferner zahlreiche Prälaten ein. Die schwerfällig geführten Synodalverhandlungen zogen sich in die Länge, da, von Ferdinand unerwartet und ihm unerwünscht, nicht nur die Reformationsordnung Karls und die Wege zu ihrer Durchführung beraten wurden, sondern auch etliche Synodalen eine Fülle von Beschwerden über mannigfache Übergriffe weltlicher Personen, selbst der Fürsten und ihrer Regierungen vorbrachten und in einem schriftlichen Gravamen zusammenfaßten. Die Synodalstatuten wie die Gravamina gingen in Abschriften dem König Ferdinand wie dem Bayernherzog zu. Die böhmische Hofkanzlei ließ im Auftrage Ferdinands neuerliche Abschriften anfertigen und den österreichischen Ländern zur Begutachtung und Äußerung übermitteln. Am 28. Mai ging dieses Begehren an den steirischen Landeshauptmann Hans von Ungnad ab. Die steirischen Ausschüsse aber äußerten sich nicht nur, wie der König erwartet hatte, zu den vom Klerus erhobenen Beschwerden, sondern sie legten in ihren Bemerkungen zu den Synodalstatuten ein klares evangelisches Glaubensbekenntnis ab und erklärten sich hier zum erstenmal in ihrer Gesamtheit frei und unumwunden als Anhänger der A. K.27.1. [Seite: 28] Dieses Gutachten vom Sommer 1549, "das erste Schriftstück, in welchem die steirische Landschaft als protestantische Körperschaft auftritt oder aufzutreten gedenkt", das von den Herren und Rittern vielleicht in Gemeinschaft mit dem wegen seiner lutherischen Gesinnung im Auftrage Ferdinands vorübergehend verhafteten landschaftlichen Präzeptor Pica verfaßt worden war, erkannte nur mehr die Bibel als Glaubensgrundlage an; die ständischen Forderungen gingen hier über das bisher Begehrte, die Gewährung der evangelischen Predigt und des evangelischen Abendmahls, hinaus, sie stellten gleichsam ein "evangelisches Programm" auf. Die Beschwerden der römischen Geistlichen wurden von den steirischen Ständen abgelehnt. Sie hielten ihnen in ihrer Antwort einen geradezu entsetzlichen Sündenspiegel vor. Es wurde hier die unbeschreibliche Faulheit vieler Geistlicher gerügt, durch deren Schuld der gemeine Mann in völliger Unkenntnis der christlichen Artikel, ja selbst der 10 Gebote dahinlebe und dennoch zu den Sakramenten zugelassen würde. Man erklärte, die Versunkenheit des Klerus in allerlei Laster sei kaum zu schildern, außer einer ungesühnt gebliebenen Jungfernschändung wurden Fälle aufgezählt, in denen die Geistlichen ihren Beichtkindern die verlobten Bräute abspenstig und sich zu Willen gemacht hätten. Die Pfarrhäuser seien häufig die Wirtshäuser, die Pfarrer nähmen in der ärgerlichsten Weise an den Tänzen wie an den Raufhändeln teil und besuchten verrufene Bäder. Nicht minder liederlich sei das Leben vieler Mönche und man wisse im ganzen Lande, was Klosterfrauen sich an "Kindervertuung" zuschulden kommen ließen. Doch stelle kein Erzpriester solche Frevel ab.

Monatelang dauerten die Verhandlungen zwischen der Regierung und dem Salzburger Erzbischof. Man kam zu keinem rechten Ergebnis. Um die weltliche Autorität aufrecht zu erhalten, wurden die Synodalstatuten in den österreichischen Ländern von der Regierung zuletzt eingestellt. Und doch war dies "der letzte Augenblick, wo eine scharfe Generalreformation wohl auch im Hinblick auf die Neuerungen Erfolg gehabt hätte". Aber diese letzte Gelegenheit verstrich ungenützt. Und damit hob der Siegeszug der Reformation wie in den übrigen habsburgischen österreichischen Erbländern auch in Steiermark an. [Seite: 29]

Die Mandate, die Ferdinand in den nächsten Jahren erließ und die sich dem Verlauf der Dinge entgegenstellen wollten, wie das verschärfte Verbot des Jahres 1551, "lutherische und sektische Bücher" feilzuhalten, oder der an die weltlichen und geistlichen Obrigkeiten gerichtete Befehl, die ihrem ursprünglichen Zwecke entfremdeten kirchlichen Güter und Stiftungen wieder ihrer widmungsgemäßen Venutzung zuzuführen, blieben ohne Erfolg. Auch die in das Wiederaufleben des Tridentiner Konziles gesetzten Hoffnungen erfüllten sich nicht. Wirkungslos blieben die Vorwürfe, die Ferdinand gegen die geistlichen Oberen wegen ihrer Lauheit, die doch zum guten Teil Ohnmacht war, erhob: daß sie zusähen, wie die Geistlichen sich verehelichten und ihren Kindern Hab und Gut hinterließen; daß die Ordinariate bei der Prüfung anzustellender Geistlicher nicht gründlich genug vorgingen, weil selbst offenkundige Prädikanten, die sich in den Besitz einer Pfründe zu setzen wüßten, bei ihnen sich die Konfirmation (Bestätigung) holten; die Prozessionen würden manchmal von den Klerikern gar nicht mehr oder nur so nachlässig gehalten, daß das Volk daran Ärgernis nähme. Es sei endlich hoch an der Zeit, ihrer ordentlichen Abhaltung, der Pflege der Litanei, der Führung eines ordentlichen, christlichen, geistlichen Lebens ein erneutes Augenmerk zuzuwenden.

Das vom König zur Heranbildung eines tauglichen Priesterstandes für alle seine Länder neuerrichtete Collegium theologicum wollte sich nicht füllen. Ferdinand sah die Ursache für den Mangel eines tauglichen Klerikernachwuchses in der oft schmählichen Einschätzung und schlechten Behandlung, welche die katholischen Geistlichen durch die Stände erführen, die u. a. ruhig geduldet hätten, daß man jenen einen Großteil ihrer Einkünfte entzöge. Die steirische Landschaft wies diese Anschuldigung entrüstet zurück und erklärte, man habe in Steiermark die ordentlichen Priester stets gut behandelt und sie geachtet; was die Güter betreffe, hätte die besten Pfründen und Benefizien nicht die Landschaft, sondern so manches Hochstift sich einverleibt, um sie denen zu verleihen, die ihnen "mehr Maut und Gaben oder höhere Absent- und Bestandgelder" zu geben bereit wären, wobei sie, da man Geistliche kaum noch finde, nicht selten mit Leuten vorlieb nähmen, "die ihre Tag nit den Schulen, sondern gemeinen Handwerken [Seite: 30] nachgereist sind", als "mit Apothekern, Krämern, Metzgern und Lederern, Bäckern, Pfeifern usw., die man zu Priestern weihe und auf Pfarren setze". Die steirische Landschaft habe trotzdem bisher die Priester nie mit Steuern überlastet, sondern sie sogar oft mit der berechtigten Pfändung verschont. Es sei nicht gerecht, daß die kirchlichen Ordinarien manchem Geistlichen zwei oder mehr Pfründen übergäben, anderseits ließe man wichtige und große Pfarren der Seckauer Diözese wie Fürstenfeld, Weiz, St. Rupprecht, Marburg u. a. unbesetzt. Wenn auf der Salzburger Synode schließlich die Geistlichen geklagt hätten, "daß ihnen die Herren und Landleute von ihren Schlössern weder Reb- noch Haselhühner, weder Fische noch Krebse zuführen ließen, so sei daraus weniger Mangel und Armut als Hang zum Überfluß abzunehmen".

Der König lenkte in seiner Antwort ein, indem er äußerte, seine Vorwürfe nicht im allgemeinen, sondern nur im Hinblick auf einzelne Vorfälle im Lande erhoben zu haben. Allein er erklärte in einem, daß er weder die Prädikanten im Lande zulassen, noch gestatten werde, daß ein jeder die heilige Schrift "nach seinem stolzen Kopfe und nicht nach dem Verstande der Kirche auf den Kanzeln und in den Schulen zur Verführung des einfältigen Mannes und der unschuldigen Jugend auslege".

In der Tat versuchte der Fürst neue Mittel, dem Abfall zu steuern. Ein Mandat vom 20. Februar 1554 forderte, daß nach altem Brauche jeder Untertan einmal im Jahre beichte und sub una kommuniziere. Zugleich wurde zum ersten Male die in der Gegenreformation so oft geübte Maßnahme gefordert, die nicht zur Beichte erschienenen Unbußfertigen in eigene Listen zu verzeichnen und der gebührenden Bestrafung zuzuführen. Der Kommunionbrauch sub utraque wurde als "verrucht" verpönt. Die gleich ihren österreichischen Standesgenossen hierüber erbitterten Landleute hielten dem Regenten entgegen, daß das Abendmahl unter beiderlei Gestalt einsetzungsgemäß sei und von keinem Konzil als schriftwidrig bezeichnet werden könne. Nicht wer sub utraque kommuniziere, sei "abgewichen", vielmehr träfe dies auf "die anderen" zu, weil sie nur sub una das Mahl nähmen. Die Stände beteuerten schließlich, von dem seit 20 Jahren im Lande geübten Brauche, unter beiderlei Gestalt zu kommunizieren, nicht mehr abweichen zu können. [Seite: 31]

Der Augsburger Religionsfriede von 1555 wurde in den österreichischen Erblanden, die in ihm den Bringer religiöser Freiheit wähnten, mit hellem Jubel begrüßt. Die steirischen Stände beriefen sich darauf, daß nun auch sie wie ihr evangelischer Glaube unter dem Schutz und Schirm des Kaisers und des Reiches ständen und sie baten auf dem Ausschußlandtag im Jänner 1556 Ferdinand, sie in den Augsburger Religionsfrieden zuschließen. Wie bitter enttäuscht wurden sie durch des Königs Erklärung, daß ja gerade nach einer Bestimmung jenes Friedens der Herrscher das Bekenntnis seiner Untertanen zu bestimmen habe und sie, da er selbst ja katholisch sei, darnach auch katholisch bleiben müßten; wer sich nicht anpassen wolle, könne ja seine Güter verkaufen und auswandern.

Die Rücksicht auf die von den Ständen zu bewilligenden Geldforderungen bewog den Regenten bald zum Einlenken. Er ließ durchblicken, daß er sie um ihres Glaubens willen nicht zum Auswandern zwingen würde; nach längeren Verhandlungen, in denen er aber nochmals ausdrücklich die Einbeziehung seiner Erblande in den Religionsfrieden ablehnte, fand er sich unter der Voraussetzung, daß die Stände sich in keine weiteren "Ketzereien" einlassen würden, sogar bereit, das vor 2 Jahren erlassene Abendmahlsdekret zurückzunehmen. Dies ermutigte den Adel zu erneutem Vorgehen. Er versicherte sich der Fürsprache des der vermittelnden Gesinnung Melanchthons zugetanen Kronprinzen Maximilian und richtete "mit gebogenen Knieen" ein zweites und drittes Gesuch an Ferdinand; er fragte, wer das Land hinfort gegen den türkischen Erbfeind verteidigen solle, wenn die Herren und Ritter um ihres Glaubens willen verkaufen und aus der Heimat ziehen müßten. Der Landesfürst führte in seiner hierauf erteilten Antwort die seinerzeit getane Äußerung auf die ihn bindende Meinung des Papstes zurück und erklärte noch einmal, so scharf werde die Regierung nicht vorgehen, daß sie die Herren aus dem Lande treibe.

Schon schöpfte der evangelische Adel neue Hoffnung und Zuversicht, als ihn im Sturze seines Führers Hans von Ungnad31.1 ein schwerer Schlag traf, denn Ungnad hatte, [Seite: 32] jahrzehntelang an der verantwortlichsten Stelle im Lande stehend, die Treue zu seinem König mit der Treue zu seinem Glauben zu verbinden gewußt. Luther kannte er wohl von Angesicht, denn er scheint der steirische Gesandte gewesen zu sein, der sich im Jahre 1540 mit Luther in Wittenberg beredete. Er hatte den Reformator gefragt, "was er von den Pfaffen halte, die auf demselben Altar eine und beide Gestalten im Abendmahl reichen" und die Antwort erhalten: 'Gnädiger Herr, Buben sind’s'! Auf Luthers Gegenfrage, was Jener von denen halte, die Leute wegen beiderlei Gestalt verjagten oder gefangen setzten, schwieg er, mit Rücksicht auf seinen Landesherrn und Dienstgeber". Mehr als 30 Jahre lang war ihm Ferdinand, ihn öfter aufs höchste auszeichnend, besonders seine in der Türkenbekämpfung um das Land erworbenen Verdienste anerkennend, gewogen, doch ertrug er nur ungern die offen bekannte Zugehörigkeit seines steirischen Landeshauptmannes zum Luthertum. Als aber die zahlreichen gegen die Anhänger der Wittenberger Reformation erlassenen Mandate so wenig fruchteten, maß ihm der König die Hauptschuld zu, indem er ihm deren mangelhafte Durchführung ungnädig vorwarf. Den Vorwürfen folgte bald die Androhung schwerer Strafen. Der durch solches Vorgehen leidvoll betroffene, verdiente Landeshauptmann bat darauf seinen nunmehr zum Kaiser gekrönten Landesherren, ihm die Durchführung der letzten gegen seine Glaubensgenossen gerichteten Mandate zu erlassen. Da Ferdinand auf ihrer Erfüllung bestand, ergab sich ein scharfer, von [Seite: 33] Ungnads persönlichem Gegner, dem Laibacher Bischof Urban Textor geschürter Konflikt, in dessen Verlaufe der Kaiser von Ungnad unter den schwersten Vorwürfen schließlich verlangte, er müsse sich von seinem evangelischen Bekenntnisse lossagen. Ungnads Bekennerfreudigkeit spricht aus einem in diesen Wochen an den Kronprinzen Max gerichteten Schreiben, in dem er erklärte, er hätte dem kaiserlichen Gebot mit Freuden gehorchen können, wenn Ferdinands Heischen seine zeitlichen Güter belangt hätte; da es aber sein Gewissen und seiner Seele Seligkeit beträfe, dürfe er nicht Gehorsam leisten. Die warme, an die vielfachen Verdienste des Landeshauptmanns im Felde und in der Heimat erinnernde Interzession der steirischen Stände blieb ohne Erfolg. So legte Ungnad noch im Jahre 1556 sein Amt nieder, übergab seine steirischen Güter seinem ältesten Sohne und zog zunächst nach Sachsen, dann nach Württemberg, wo er, um den Slowenen Untersteiermarks und Krains das lautere Gotteswort schenken zu können, mit seinen reichen Mitteln die Übersetzung der heiligen Schrift ins Windische ermöglichte33.1. Er mußte, nachdem [Seite: 34] er nach seinem Ausspruch viel mehr als 100 000 fl. im Dienste seines Herrschers aus seinem Vermögen zugesetzt hatte, mit dem sattsam bekannten "Dank vom Hause Österreich" bedacht, in der Fremde in langwierigen, peinlichen Verhandlungen mit dem Kaiser kämpfen, um freilich nur einen Teil seiner Forderungen zu retten.

Der Sturz Ungnads mußte das Fortschreiten der evangelischen Sache im Lande wohl treffen, aber aufhalten konnte er es nicht. Aus den in politischen Dingen oft schwerfälligen, aber in ihrer religiösen Gesinnung unerschrockenen, tüchtigen, biederen und gebildeten Adelsfamilien erwuchsen ihr neue Führer. Voran die Freiherrn Hoffmann von Grünbühel und Strechau, ein aus dem Verwaltungsdienst hervorgegangenes, durch Bergwerksbesitz reich gewordenes, im Enns-, Kammer-, Palten- und Murtal begütertes Geschlecht, dessen Glieder man im Lande um ihres Reichtums willen "die Könige des Ennstals" nannte, nach denen dort das lutherische Bekenntnis "die hoffmännische Religion" hieß. Neben ihnen die Herren von Stubenberg, so reich und mächtig, daß sie mit ihrer Kriegsleistung von 52 Pferden und 162 Schützen nur ein Geringes weniger aufboten als die Kurfürsten des hl. röm. Reiches; gleich manchem deutschen Herzog, Markgrafen und Grafen zogen die fast zur Gänze lutherischen Geschlechter der Windischgräz und Saurau, Herberstein und Trautmannsdorf, Herbersdorf und Stadler, Teuffenbach und Praunfalkh u. v. a. m. zu Felde gegen den türkischen Erbfeind. Auf ihren Herrensitzen und Patronatspfarren aber setzten sie die Prediger des reinen Evangeliums ein.

Selbst in den Reihen der höheren römischen Geistlichkeit fehlte es an aufsehenerregenden Konversionen nicht. Der im Benediktinerstift Admont ausgewachsene und erzogene Valentin Abel, welcher als Kapitular mit Luther im Briefwechsel gestanden haben soll, wurde, 1545 zum Abt erwählt, ein offener Anhänger des Reformators. Freilich legte er wegen der sich hieraus ergebenden Schwierigkeiten, aber auch wegen der bedenklichen wirtschaftlichen Lage des Stiftes, die durch seine Nachfolger noch schwerer erschüttert wurde, 13 Jahre später seine Würde nieder34.1 [Seite: 35]

Nun wagte auch die Bürgerschaft einiger Städte entscheidende Schritte. In Fürstenfeld vertrieb der Magistrat im Jahre 1549 die Augustiner, die nur unter Schwierigkeiten zwei Jahre später mit Hilfe kaiserlicher Befehle wieder zurückkehren konnten. In Graz wurde ins diesen Jahren die Fronleichnamsprozession gänzlich eingestellt35.1. Der im Dienste der Landschaft stehende Kaplan Balthasar Schelchin bekannte sich offen zum Luthertum. Vom Seckauer Bischof zur Verantwortung vorgeladen, erschien er in Begleitung des Landeshauptmanns und dreier anderer Adeliger, die die angedrohte bischöfliche Maßregelung mit dem Hinweis auf die dreißigjährige bei der Landschaft verbrachte treue Dienstzeit des mit seinem angetrauten Weibe vorbildlich lebenden Geistlichen hintanzuhalten wußten. Hatte man in den Grazer Stadtpfarren St. Ägidius und St. Andrä im Jahre 1545 noch 3000 Kommunikanten gezählt, so fanden sich jetzt, 10 Jahre später, kaum noch 200 ein! Die Judenburger vertrieben im Jahre 1562 die durch das Nachlassen der kirchlichen Mildtätigkeit ohnedies am Verhungern befindlichen Franziskaner aus ihrem Kloster. Nicht anders soll es 2 Jahre später den Klosterinsassen des gleichen Ordens in Lankowitz ergangen sein. Man warf hier den benachbarten Besitzern vor, sie hätten 3 Wagenladungen Bücher, Handschriften, Küchen- und Hausgeräte weggeführt; das Kloster verödete und wurde als Niederlage für Weinfässer benützt. Die Marktgemeinde Aussee verbannte ihren, übrigens verheirateten Pfarrer in die kleinere Spitalskirche und gab die Hauptkirche einem evangelischen Prediger35.2. 5 Jahre später nahm man auch jene in evangelischen Besitz, schaffte die Messe nebst allen römischen Zeremonien ab; statt der bisher geleisteten Stola- und der Meßgelder "wurde eine gemeinsame Kirchensteuer von 6 Pfennigen von jedem Gemeindegliede eingehoben".

In den letzten Regierungsjahren Kaiser Ferdinands machte sich der Einfluß des damals reformfreundlichen Kronprinzen und erwählten Königs Maximilian bisweilen mehr geltend. Über seine kirchliche Stellung ist viel geschrieben worden. Sein schwankendes, besonders später oft zwiespältiges Wesen macht ein Urteil schwierig. [Seite: 36] In seinem Herzen scheint er ein Evangelischer der milden melanchthonischen Richtung gewesen zu sein. Sowohl das Versprechen, das er seinem besorgten Vater auf dem Sterbebette gegeben haben soll, als auch Gründe der Familienpolitik, sowie schließlich das wenig verheißungsvolle Bild der protestantischen Uneinigkeit "im Reiche" ließen ihn die großen, von den österreichischen Protestanten in ihn gesetzten Hoffnungen nur zum allergeringsten Teil erfüllen. Immerhin gewährte seine nicht nur in hohen, edlen Worten, sondern bisweilen auch in Taten bezeugte Toleranz dem ober- und niederösterreichischen Protestantismus später eine ungestörte Entfaltungsmöglichkeit.

Kaiser Ferdinand mußte auf seinem Sterbebette einsehen, daß aller Kampf und alle für die Erhaltung des alten Glaubens verwendete Mühe fast vergeblich gewesen war. Was sollte den Verfall noch aufhalten, wenn selbst der Seckauer Bischof Peter Persico die große und wichtige Radkersburger Pfarre für Geld erst einem venetianischen Soldaten, danach einem anderen leichtfertigen Laien überließ36.1. Hatte der Kaiser nicht selbst in Rom auf die Bewilligung der Priesterehe drängen müssen, weil eine im Jahre 1563 in den 122 Klöstern Gesamtösterreichs vorgenommene Visitation einen Stand von 436 Mönchen, 160 Nonnen, 199 Konkubinen und 443 Kindern verzeichnen mußte! Schweren Herzens äußerte der Kaiser in seinen letzten Lebenstagen die Befürchtung, daß die katholische Religion, in deren getreuer Erfüllung sein Haus groß und mächtig geworden sei, nun werde weichen müssen, und daß dies seinem Geschlechte zu zeitlichem und ewigem Schaden gereichen werde. Auch die mit päpstlicher, nach mehr als dreißig Jahren wieder zurückgenommener Genehmigung gewährte Abendmahlsausspendung unter beiderlei Gestalt hielt den Niedergang der Romkirche nicht mehr auf. Als Ferdinand am 25. Juli 1564 starb, war der Großteil des Adels wie des Bürgertums der Städte und Märkte der evangelischen Lehre zugetan und sie begann, von den Schlössern und aus den Städten in die bäuerliche Bevölkerung getragen und von den Kanzeln der Dorfkirchen, verkündet, auch in ihr starke Fortschritte zu [Seite: 37] machen. Den Ständen erschien im Rückblick die Regierungszeit Ferdinands trotz der vielen von ihm erlassenen, aber doch nie mit brutaler Gewalt durchgeführten Mandate als eine milde und duldsame und sie versäumten später nie darauf hinzuweisen, daß jener strengkatholische Herrscher ihre evangelische Überzeugung im Stillen gelitten habe.

4. Die Erwerbung der großen Konzessionen in den ersten Regierungsjahren Erzherzog Karls (1564—78).

Das Erbe Ferdinands teilten gemäß den Bestimmungen des Verstorbenen seine 3 Söhne: Maximilian, der Nachfolger in der Kaiserwürde, erhielt Nieder- und Oberösterreich, Ferdinand bekam Tirol, der Jüngste, Karl, wurde Regent in Innerösterreich. Willensschwächer und weniger begabt als seine beiden älteren Brüder war er nicht ohne Geschick in militärischen Belangen, denen auch sein Hauptinteresse galt. Sonst liebte er "die Aufgaben der Repräsentanz, rauschende Feste, Spiel und Tanz, vor allem die Freuden der Jagd, ohne aber darin völlig aufzugehen". Graz, bis dahin eine wenig bedeutende Stadt, wurde nun Residenz und Hof Karls von Innerösterreich.

In den letzten Regierungsjahren seines Vaters war Karl der Mittelpunkt weitzielender habsburgischer Heiratspläne gewesen, denn dieses Haus hatte seit je mit dem Grundsatz "Bella gerant alii, tu felix Austria nube" gute Erfahrungen gemacht. Man hatte dem jungen Erzherzog bei Hofe zuerst Elisabeth von England, darnach ihre Gegnerin Maria Stuart zugedacht. Die katholische Hofpartei setzte große Hoffnungen in die Ausführung dieser Pläne, aber beide zerschlugen sich. Schließlich reichte er seiner Vase Maria von Wittelsbach die Hand. Sie wurde die Seele der Gegenreformation, die festeste Stütze des oft unentschlossenen Gatten, danach die eifrigste Ratgeberin des Sohnes bei der Durchführung des katholischen Rettungswerkes.

Bei seinem Regierungsantritt klagte Erzherzog Karl, daß sich in Steiermark "nur mehr Reliquien der alten Kirche" vorfänden. Die evangelischen Stände begrüßten sein Kommen, [Seite: 38] denn sie schätzten ihn ebensosehr als Protestanten ein, wie seinen kaiserlichen Bruder Max, weil "auch er sich dem Herzog Christoph von Württemberg gegenüber zum Protestantismus bekannt hatte; bei den Verhandlungen wegen seiner Vermählung mit Königin Elisabeth von England rühmte er sich, den von seinem Vater ihm abverlangten Eid, als Gatte Elisabeths katholisch zu bleiben, hartnäckig verweigert zu haben; er wollte sich wohl mit einem Hauptgottesdienst begnügen, allenfalls Elisabeth in den anglikanischen begleiten; man versah sich zu ihm der Einführung der Augsburgischen Konfession als Staatsgesetz". So enttäuschte Karl, zur Regierung gelangt, in noch weit höherem Maße als der Kaiser die ausschweifenden Hoffnungen der Evangelischen.

Bereits bei der Huldigung bat der Adel den neuen Regenten, ihn in seinem Glauben künftig so wenig zu beschweren, als sein Vater dies zuletzt getan habe. Da die evangelischen Stände den Heiligenkult ja verwarfen, mußte auf ihr Drängen bei der Huldigung statt des bisherigen Wortlautes "So wahr mir Gott helfe und alle Heiligen" am Schlusse statt der Heiligen die Fassung "und sein heiliges Evangelium" eingefügt werden. Als schon in den ersten Regierungswochen Karls sein Bestreben, der alten Kirche wieder aufzuhelfen, zutage trat, stieß es auf heftigen Widerstand. Selbst der Großteil der Räte weigerte sich, durch das von Karl an sie gestellte Begehren, katholisch zu sein, sich binden zu lassen, und vertrat seine evangelische Überzeugung so hartnäckig, daß der Erzherzog nachgab.

Die Mißstände in der alten Kirche wollte der neue Regent bessern. Er geißelte sie schonungslos und verhieß den Ständen rascheste Abhilfe und Besserung. Aber er gebot ihnen am Landtage von 1565 auch die sofortige Abstellung aller Neuerungen. Insbesondere rügte er das Auftreten und das Benehmen der Prädikanten, das den Anschein erwecken müsse, als wäre erst durch sie in den letzten 40 Jahren das Christentum ins Land gekommen, nachdem die Väter vorher in die "greulichste Abgötterei" verstrickt gewesen. In der folgenden Auseinandersetzung wiesen die Stände immer wieder auf die von Kaiser Ferdinand zuletzt geübte praktische Toleranz hin, während Karl sie an das heiße Bemühen seines Vaters erinnerte, das bis zum Schlusse der Erhaltung der römischen Religion gegolten habe. Der Adel erwiderte mit scharfen [Seite: 39] Angriffen auf die Mißstände in der niedergehenden alten Kirche, der Regent aber verlangte, indem er an die vom Kaiser im Reiche in Angriff genommenen Verständigungsversuche zwischen den beiden Konfessionen erinnerte, mittlerweile mit allen Neuerungen innezuhalten.

Die steierischen Verordneten39.1 hatten aber bereits am 24. Februar 1565 an den Superintendenten und die Universität zu Wittenberg die Bitte gerichtet, sie mit tauglichen evangelischen Predigern für das Land, insbesondere aber für die Hauptstadt Graz zu versehen, da der bisherige "Pastor" Schelchin alt und müde geworden sei. Man entsprach in Wittenberg diesem Wunsche und sandte in den nächsten Jahren mehrere Prediger nach Steiermark.

An den vom Kaiser mit dem Kriegswesen betrauten und daher oft außerhalb des Landes weilenden Regenten gelangten immer dringendere Vorstellungen und Wünsche der V.O. Sie schilderten die große religiöse Not, das unerhörte kirchliche Elend im Lande: Die Jugend müsse ohne das Wort Gottes aufwachsen; tausende stürben ohne den letzten Trost. So möge der Erzherzog die Stände in ihrem Bestreben, die kirchlichen Verhältnisse im Lande zu bessern, nicht nur unbetrübt lassen, sondern auch gestatten, daß von auswärts geschickte Prediger ins Land gerufen würden. Karl gewährte dies nicht, aber er sprach auch kein Verbot aus, nur verlangte er, daß das "Skalieren" der Prädikanten ein Ende haben müsse. Diesem Wunsche kamen die V.O. nach, indem sie die beiden landschaftlichen Prediger Lilko und Dullinger vorluden und sie ernsthaft ermahnten, alles Schmähen einzustellen. [Seite: 40] Wohl sei es nötig, in der Predigt auf die Unterschiede zwischen dem römischen und dem evangelischen Glauben hinzuweisen, vor allem auch die in der alten Kirche eingerissenen Mißbräuche zu beleuchten, aber dies dürfe nicht in beleidigender Form geschehen. Zugleich gaben die V.O. ihnen eine neue "Ordnung, wie sich die lutherischen Prädikanten verhalten sollen" und machten im übrigen die Wittenberger Kirchenordnung, weil sie der A.K. in allem entspräche, für sie verbindlich.

Auch in den nächsten Jahren hörten die Klagen der Stände über die Verhältnisse in der alten Kirche nicht auf. Besonders heftig wandten sie sich gegen die Wallfahrten,die ihrer Behauptung nach einerseits nur zur Befriedigung des geistlichen Eigennutzes dienten, während sie anderseits für das Kirchenvolk alle nur erdenklichen Laster vom "Vollsaufen" bis zum Ehebruch und Mord im Gefolge hätten. Es sei kein Wunder, daß Gott um solcher Greuel willen dem Lande den Türken als Strafe auferlegt habe.

Das ständige dringende, fast auf jedem Landtage wiederholte Ersuchen der Regierung um Geldbewilligung zur Grenzsicherung und Führung des Türkenkrieges beantworteten die Stände auf dem Landtage von 1567 mit der energischen Gegenforderung, man möge zur Besserung der kirchlichen Verhältnisse geschickte Prediger der A.K. ins Land rufen. Der Landesfürst verbat sich in gereiztem Tone die Vermengung der kirchlichen mit den militärischen Angelegenheiten und wies darauf hin, daß er zur Besserung der ersteren ohnedies alles täte, was in seinen Kräften stünde.

Die römisch-tendenziöse Geschichtsschreibung hat dem steirischen Adel der Reformationszeit zum Vorwurf gemacht, er habe die durch die Türkengefahr verursachte Zwangslage Karls zur Erpressung der Religionskonzessionen zu nützen gewußt. Diese Beschuldigung wird schon durch die Treue, in der sich die Stände auch dem gegen sie öfter ungnädigen Landesherren verbunden fühlten, widerlegt. Anderseits waren die Steirer viel zu wahrhafte evangelische Christen, als daß sie es vermocht hätten, mit dem Türken irgendwie in Verbindung zu treten oder gar gemeinsame Sache mit ihm zu machen. Gerade in der Bekämpfung dieses Erbfeindes, gegen den so manche evangelische Adelige ihr Leben ließen, wußten sie sich mit ihrem Fürsten eins. Die ständige [Seite: 41] Bedrohung des Landes durch die Türken legte den evangelischen Ständen, die ohne diese Gefahr weit rücksichtsloser und leidenschaftlicher und mit ganz anderen Mitteln als der Androhung der Steuerverweigerung ihre berechtigten religiösen Wünsche und Forderungen hätten vertreten und durchsehen können, eine ziemliche Mäßigung und Zurückhaltung auf, die sie zuletzt um den sonst sicheren Erfolg bringen mußte. So ist die Türkennot in Steiermark in weit geringerem Maße der Ausbreitung der Reformation, wie man so oft behauptet hat, zugutegekommen, als sie vielmehr den die Gegenreformation vorbereitenden Kräften Stärkung und Stütze bot!

Zur Türkenbekämpfung mußten jetzt auch die geistlichen Einkünfte wieder herangezogen werden. Dabei war das alte Religionswesen nicht nur kirchlich und sittlich, sondern auch wirtschaftlich noch weiter ins Abnehmen geraten. Trotz der Versuche, dies hintanzuhalten, ging die Landschaft daran, eine ganze Reihe von geistlichen Gütern wegen aufgelaufener großer Steuerrückstände zu pfänden und die nicht rückeingelösten zu verkaufen. Nun zwang die schwere Türkengefahr den Erzherzog selbst, beim Papste die Bewilligung einzuholen, die Hälfte der Einkünfte aus den kirchlichen Gütern zur Türkenbekämpfung zu beanspruchen. Wenn es sich bald auch unmöglich erwies, sie in solchem Ausmaß heranzuziehen, so traf doch das Gesteuerte die alte Kirche wirtschaftlich wiederum schwer.

Mittlerweile nahmen die V.O. allen von der Regierung gemachten Schwierigkeiten trotzend den weiteren Ausbau des evangelischen Kirchenwesens in Angriff. Tief und fest hatte sich das evangelische Bekenntnis im Herzen des Großteils der Bevölkerung verankert. Die kirchliche Frage, die jener ganzen Zeit das Gepräge gab, war zu einer religiösen geworden, deren Bedeutung viele Herzen bewegte. Es war kein bloßer Protestantismus mehr, der leidenschaftliche Anklagen gegen die Verrottung des alten Kirchenwesens erhob, es war ein inniges, tiefgläubiges, evangelisches Christentum im Lande geworden, das nur danach verlangte, ein kirchlich gepflegtes Leben führen zu dürfen. Es stellte einen Bekenntnisakt dar, wenn die steirischen V.O. nun [Seite: 42] ihrem Fürsten erklärten, sie würden von ihrem evangelischen Bekenntnis nicht mehr weichen; Gott habe sie die gnadenreiche Zeit erleben lassen, in der sein lauteres Evangelium im Lande verkündigt würde, dem allein müßten sie nun dienen. Sie erwarben trotz des Regierungsverbotes im März 1568 das in Graz beim Murtor gelegene, von ihnen bereits seit 2 ½ Jahrzehnten zur Abhaltung ihrer Gottesdienste benutzte "Eggenberger Stift"42.1, errichteten·dort die nachmals so berühmte "Stiftsschule" und erweiterten den bereits viel zu kleinen gottesdienstlichen Raum zur würdigen protestantischen "Stiftskirche".

An ihr wirkte der in Ulm konvertierte frühere katholische Priester Mag. Thonner und der begabte aber unruhige Georg Khuen42.2, an den Gottesdiensten nahmen selbst die meisten Regierungs- und Hofbeamten teil. Der Erzherzog beklagte sich bitter, daß seine Hofleute ihn bei seinem Kirchgang nur bis an die Kirchentür geleiteten, ihn aber dann vor allem Volke allein ließen. Hingegen kam es gelegentlich vor, daß der Erzherzog bei der Taufe protestantischer Adelskinder als Pate fungierte. Nach zeitgenössischen Berichten soll es in den siebziger Jahren unter dem einheimischen Adel keine ganz katholische Familie mehr gegeben haben, ein Jahrzehnt später zählte man im Landtag nicht mehr als 5 katholische Landleute.

Als Kaiser Maximilian im Jahre 1568 in Nieder- und Oberösterreich dem Adel, in letzterem sogar den landesfürstlichen Städten den Freibrief der Religionskonzession gewährte, erwachte in den [Seite: 43] steirischen Ständen aufs neue der dringende Wunsch nach einem gleichbedeutenden schriftlichen Zugeständnis, zumal ein solches ohnedies nur die Sanktionierung des stillschweigend bereits bestehenden Zustandes bedeutet hätte. Griff doch der Adel nach wie vor auf seinen Gütern reformierend ein. Alle Bemühungen des zuständigen St. Lambrechter Abtes den von Franz von Saurau um seiner groben Unbildung und liederlichen Lebensführung willen verjagten Pfarrer von Ligist wieder einzusetzen und den an seiner Statt bestellten Prädikanten zu entfernen, waren ebenso erfolglos, wie sein jahrelanger Kampf um die Pfarrstelle Pack, wo Ludwig von Ungnad in gleicher Weise verfahren war, der den Pfarrer vor seiner Vertreibung sogar vorübergehend eingekerkert hatte.

Es zeigte sich je weiter je mehr, daß, besonders in Obersteiermark, auch die bäuerlichen Kreise schon der Reformation erschlossen waren. Kein Wunder, wenn man den gänzlichen Verfall der alten Kirche betrachtete. Über den Pfarrer in St. Lorenzen wurde geklagt, daß er die Kirche veröden lasse, in ihr Pech siede, zwei Jahre hintereinander durch fast 4 Monate keinen Gottesdienst gehalten habe, durch seine Hunde die Kirchgänger verjagen lasse, betrunken im Friedhof umherlaufe, "bei der Wandlung erst den Kelch und dann die Hostie emporhebe, am Meßgewand das Hintere hervorkehre", nur taufe, wenn es ihm beliebe, da er meist verreise usw. Die im Juni 1569 von dem Propste Laurentius Dirnberger in Vertretung des erkrankten Bischofs gehaltene Diözesansynode gab ein deutliches Bild von der weit fortgeschrittenen Protestantisierung des Murtales. Die noch vorhandenen nicht wenigen katholischen Pfarrer klagten über die ihnen vorenthaltenen Giebigkeiten. Aber da wurde von vielen Geistlichen Kunde, die verheiratet lebten, "häretische Bücher" lasen, die Ohrenbeichte verworfen und "im Pausch absolvierten". In vielen Orten kommunizierten nur mehr ganz wenige sub una, in Knittelfeld unter 1000 Pfarrkindern kaum eines, im benachbarten Lind, wo der Vogt Wolf von Graßwein dem Pfarrer vorschrieb, "was er predigen und wie er die Sakramente halten solle", unter 1600 kaum 150. Die Pfarrer von Weißkirchen und Obdach wurden als durchaus "schismatisch" befunden, sie speisten ihre Pfarrkinder nur sub utraque, tauften deutsch, [Seite: 44] letzterer hatte den "Nürnberger Ritus" eingeführt. Schon begannen in den Städten und Märkten die Zünfte sich zu weigern, katholische Gesellen aufzunehmen oder länger als 14 Tage zu behalten. Mehrere andere Orte handelten wie die alte Eisenstadt Leoben, die, als sie auf Befehl Karls ihren evangelischen Prediger entlassen mußte, alsbald einen neuen aufnahm, der Weib und Kind mitbrachte. Der katholische Pfarrer klagte der Regierung, daß man ihm gar das Predigen verbiete, während der Prädikant ungescheut an den Sonn- und Feiertagen das Wort verkündigen könne. Als auch er auf erzherzoglichen Befehl entlassen werden mußte, gab die hereinbrechende Pest der überzeugungstreuen Stadt den Anlaß, zur besseren Versorgung der Kranken sogleich einen neuen aufzunehmen.

Der für den November 1569 nach Graz einberufene Landtag war durch die Ausschüsse, in denen auch die Bürgerschaft vertreten war, gründlich vorbereitet worden. Sowohl die Stände als auch der Erzherzog erkannten, daß ein weiteres Hinausschieben der Entscheidung sich kaum bewerkstelligen lassen würde, erstere wünschten es auch nicht. Die vielfachen Vergleichsversuche zwischen dem alten und dem neuen Bekenntnis "im Reiche" waren gescheitert. Dies nahm dem Regenten den bisher meist vorgeschützten Vorwand. Karl war aber auch zur Überzeugung gelangt, daß nur ein schärferes Zugreifen seinerseits dem von den Evangelischen als "papistisch" hingestellten alten Glauben mehr aufhelfen könne. Freilich ermutigte ihn der bei seinem Bruder Maximilian eingeholte Rat nicht sehr zu starken Maßnahmen. Wiewohl er selbst seinen österreichischen Ständen den Freibrief erteilt hatte, empfahl er seinem Bruder Karl durchaus nicht ein Gleiches zu tun, sondern riet ihm, da Gewalt dem einflußreichen, fast völlig evangelischen Adel gegenüber nicht tunlich schien, zu "dissimulieren". Die Beachtung dieses wenig charaktervollen Ratschlags führte den Erzherzog zu den vielen Unaufrichtigkeiten und Hinterhältigkeiten, die ein so trübes Licht auf seine Persönlichkeit werfen.

Die von Karl zu Beginn des Novemberlandtags 1569 mit dem Hinweis auf die bedrängte Lage des Landes erbetenen Bewilligungen beantworteten die Stände mit der entschlossenen Forderung, der Erzherzog möge ihnen eine der österreichischen [Seite: 45] gleichbedeutende "Assekuration" gewähren, damit die Landschaft die Pfarrer mit Predigern der A. K. besetzen, ferner zur Besserung der geistlichen Ordnung und zur Abwehr der Sekten einen Superintendenten berufen und ein Konsistorium aufstellen könne. Durch ihren beredten Wortführer Erasmus von Windischgräz erklärten die Protestanten, man dürfe ihnen nicht vorwerfen, daß sie etwa jetzt "kramen und feilschen" wollten, der Regent wüßte selbst, wie sehr sie sich seit Jahren bei ihm um die gleichen Zugeständnisse — leider bisher vergeblich — bemüht hätten. Solchem zähen Drängen gegenüber gab Karl, mit dem Wiener Hofe durch Boten in ständiger Verbindung, die recht dehnbare mündliche Zusage, er werde wie bisher auch weiterhin mit väterlicher Milde und Sanftmut die Religionssachen im Lande ordnen. Man möge seinen guten Willen daraus ersehen, daß während seiner bisherigen Regierung im Lande in diesen Dingen nichts geändert, ja selbst die evangelische Predigt in Graz nicht behindert worden sei45.1. Die hiermit nicht zufriedenen Stände bewilligten darauf die landesfürstlichen Forderungen nur zum Teil, so daß auch diesmal die Verhandlungen für beide Teile unbefriedigend endeten.

Ähnlich verliefen alle Verhandlungen in den beiden nächsten Jahren. Der Erzherzog forderte Mittel zur Schuldentilgung, die Stände stellten das Gegenbegehren nach einer verbrieften "Assekuration". Trotzdem Karl gerade unter dem Vorbehalte, er müsse in seinen Städten freie Hand haben, in Radkersburg, Riegersburg und Fürstenfeld lutherische Prediger ausschaffen ließ, gab er den Ständen allerlei mündliche Zusagen; die V.O. verlangten ihre schriftliche Niederlegung, da sonst nichts bewilligt werden könnte. In die Enge getrieben, beteuerte der Regent, man könne, da dies allein der kirchlichen Machtbefugnis vorbehalten sei, unmöglich von ihm verlangen, kirchliche Mängel abzustellen und Neuerungen einzuführen. Er würde sich andernfalls mit dem Vorwurf der Simonie und des Eingriffs in die kirchlichen Freiheiten beladen. Er gab schließlich sein Wort, daß er auch weiterhin ehrlich und ernstlich an der "Vergleichung" [Seite: 46] zwischen beiden Parteien arbeiten werde. Man möge doch seinem Worte trauen und nicht immer wieder schriftliche Abmachungen verlangen, "denn er wollte lieber nicht leben, als sein Wort nicht halten." Während sein alter Ratgeber Wolf von Stubenberg, selbst Protestant, aber vorsichtig und zurückhaltend, stets zu vermitteln suchte, bestärkten unter seinen Räten besonders Hans von Kobenzl46.1 und Dr. Wolfgang Schranz46.2 den Erzherzog in seinem Widerstand; beide protestantisch erzogen, aber (der eine früher, der andere zuletzt) zur alten Kirche zurückgekehrt, beides Hofleute von nicht einwandfreiem Charakter, die auf eine wenig lautere Weise die Beachtung ihres Herren zu finden und ihre Stellung zur Wahrnehmung ihrer eigenen Interessen gut zu benutzen wußten; freilich blieb Kobenzl der weitaus Maßvollere.

Die hartnäckige, verschleierte Ablehnung ihres Gesuchs durch den Erzherzog erbitterte die Stände; sie hielten mit ihren Bewilligungen zurück, wiewohl seine Lage gerade eine wenig beneidenswerte war. Zu seiner Verlobung mit seiner Base Maria kamen sie ihm mit einer "Verehrung" entgegen, seine großen Forderungen aber erfüllten sie nicht, zumal sie das im römischen Lager einsetzende Treiben, das schließlich zu einem durch einen Welschen auf den Prediger Khuen versuchten Mordanschlag führte, von neuem schwer reizte. Sie waren im übrigen grundsätzlich entschlossen, keinen Punkt ihrer Forderungen aufzugeben. Insbesondere lag ihnen daran, daß nicht nur der Adel, sondern auch die Städte und Märkte, in denen das Evangelium so große Fortschritte gemacht hatte, in das Privilegium eingeschlossen [Seite: 47] würden. Sollen doch um 1570 z. B. in Graz selbst unter 15 000 Einwohnern einschließlich der Hofleute nur mehr etwa 200 Katholiken gewesen sein!

Da der Erzherzog weiterhin die ihm von Maximilian empfohlene Politik des Hinhaltens verfolgte, gingen 3 Landtage und 2 große Ausschußverhandlungen ergebnislos auseinander. Er war fest entschlossen, zunächst die in der Religionsfrage zusammengehenden Adeligen und Bürger zu trennen, denn in den Städten und Märkten wollte er das lutherische Exerzitium um keinen Preis zulassen. Indem er vor den Ständen durchblicken ließ, er würde ihnen die Besetzung ihrer Patronatspfarren mit Prädikanten einräumen, wenn sie sich von den Städten und Märkten sonderten, berief er letztere im Jänner 1572 nach Bruck und ließ auf dem hier gehaltenen "Winkellandtag" ihren Vertretern ernstlich bedeuten, sie möchten sich keineswegs in die zwischen ihm und den Ständen schwebenden Religionsverhandlungen weiter einmengen, vielmehr gewärtigen, daß er forthin nach seiner landesfürstlichen Milde mit ihnen verfahren würde. Im übrigen hätten sie unverzüglich zu der geforderten Geldbewilligung zu schreiten. Allein die Städte und Märkte waren nicht gesinnt, von der mit den Ständen begonnenen Religionshandlung abzustehen. In diesem Sinne bekannten sich Graz, dessen Vollmacht allein 259 Petschaften trug, Marburg, Leoben, Judenburg, Radkersburg, Fürstenfeld, Rottenmann, Voitsberg, Aussee, Neumarkt, Eisenerz, Weißkirchen, Obdach, Oberzeiring und Feldbach zur A.K.; Bruck, Cilli, Feistritz, Knittelfeld, Mürzzuschlag, Frohnleiten, Kindberg, Tüffer, Trofaiach und Wildon erklärten sich, da die Vollmachten mangelten, zwar noch nicht, doch war an ihrer Stellungnahme in gleichem Sinne kaum zu zweifeln. Da schließlich die Mehrheit versprach, die gestellten Geldforderungen zu bewilligen, jedoch nochmals ausdrücklich erklärte, von den Herren und Rittern nicht zu lassen, endete auch dieser "Winkellandtag" nicht nach dem Wunsche Karls.

Daß dieser aber keineswegs gewillt war, sich mit der Brucker Entschließung abzufinden, zeigte der Ausweisungsbefehl, den er als Antwort auf das Ansuchen Leobens, den neuaufgenommenen Prediger behalten zu dürfen, sandte. Er ergriff, auf der [Seite: 48] Durchreise nach Kärnten, selbst wenige Jahre später48.1 die Gelegenheit, den Bewohnern seiner Eisenstadt persönlich um ihres Ungehorsams willen die schwersten Strafen anzudrohen, aber er konnte ebensowenig ihre Beteiligung an der Fronleichnamsprozession, die er gefordert, erreichen, als er das "Auslaufen" zu den Adelspredigern der Nachbarschaft zu verhindern vermochte.

Da die Stände über den vom Erzherzog auf dem Brucker "Winkellandtag" vorgenommenen Trennungsversuch sehr verstimmt waren, überdies die Religionsfrage, wie schon öfter, auch diesmal von ihm nicht unter die Landtagspropositionen aufgenommen worden war, trat der für Lichtmeß 1572 nach Graz einberufene Landtag nicht mit den besten Aussichten zusammen. Und doch sollte er eine für die evangelische Sache günstige Wendung nehmen. Ständische Beschwerden über die Besetzung der Pfarren Radkersburg, die der Bischof selbst 7 Jahre lang einem evangelischen Geistlichen belassen hatte, und Fürstenfeld schnitten die vom Regenten absichtlich nicht berührte religiöse Frage an. Auf die von ihrer Erledigung abhängig gemachte Geldbewilligung der Stände dringend angewiesen, gab Karl am 16. Februar die mündliche Erklärung, er selbst gedenke katholisch zu bleiben, doch wolle er die Herren und Ritter in ihrem Gewissen nicht beschweren, indem er den Stand, den er bei seinem Regierungsbeginn angetroffen habe, belasse, sofern man sich gegen die Andersgläubigen gebührlich verhielte. Die Stände gaben sich mit dieser Einschränkung sowie mit dem vom Regenten für sich gemachten Gewissensvorbehalt nicht zufrieden, sondern baten, mit dem Hinweis auf ihre Verdienste um das Haus Österreich, mit denen sich die keines andern Landes messen könnten, neuerlich dringend um die Gewährung einer Assekuration, die die Gewähr böte, daß niemand im Lande, wes Standes er auch sei, künftig um seines Glaubens willen beschwert oder zu einem ihm nicht zusagenden Gottesdienste gezwungen würde. Soviel wollte Karl nicht bewilligen, allein er gab unter dem Zwange seiner schwierigen Lage am 24. Februar eine "Erläuterung" zu seiner vorigen Erklärung, die er Pazifikation nannte: Die Herren und Ritter sollten samt Weib und Kind, Gesinde und ihren [Seite: 49] evangelischen Untertanen Gewissensfreiheit und völlig freie Ausübung ihres evangelischen Gottesdiensts haben, nämlich völlig uneingeschränkt ihre kirchlichen Vogtei- und Lehensrechte ausüben, ihre Prädikanten behalten dürfen, solange sie sich gegen ihren Landesherrn der gebührenden Bescheidenheit befleißen und die katholischen Bewohner unbetrübt lassen würden. Diese Erklärung sollte bis zu einem "allgemeinen, christlichen und friedlichen Vergleich" gelten. Es folgten noch einige Verhandlungen der wegen der vorsichtigen Fassung jener Erklärung mißtrauischen V.O. mit den geheimen Räten und dem Erzherzog selbst, bis schließlich am 1. März 1572 die vom Landtag genehmigte "Grazer Pazifikation" von Karl feierlich bestätigt wurde. Nun erst geschahen die Bewilligungen der über die Erreichung dieses ersten Privilegs erfreuten Stände; der Wermutstropfen in ihrem Freudenbecher war die Nichteinbeziehung der Städte und Märkte in die Religionserklärung, aber man wollte in diesem Augenblicke nicht durch neue Forderungen das mühsam Erreichte gefährden und riet den Vertretern des Bürgertums, sich inzwischen an der vom Erzherzog gemachten Zusage landesväterlicher Milde genügen zu lassen.

Auf den Gütern der Adeligen setzte jetzt eine neuerliche Ausbreitung der evangelischen Lehre ein. Nun drang sie auch in die bisher vom Luthertum noch am wenigsten ergriffene Oststeiermark ein; in Trautmannsdorf, Weiz, Ilz, Fehring, Burgau, Riegersburg, Kirchberg und Gleisdorf, selbst in der Stadt Fürstenfeld wurde nun lutherisch gepredigt. Die Landschaft selbst schritt an die Ordnung des Kirchen- und Schulwesens. Nachdem sie bereits fünf Jahre zuvor den damals zur Abfassung der niederöst. Kirchenordnung in der Wachau weilenden Chyträus vergeblich nach Steiermark eingeladen hatte, berief sie nun den Brandenburger Hofprediger Dr. Cälestinus und den Rostocker Universitätsprofessor D. Chyträus nach Graz. Ersterer schrieb, da für ihn keine Aufenthaltsbewilligung vom Erzherzog zu erreichen war, mit Rücksicht auf seine Stellung am Berliner Hofe ab, Chyträus kam im Jänner 1574 nach Graz, blieb einige Monate im Lande und arbeitete hier die Kirchenordnung und die Agende aus. Ihre Herstellung war dringend notwendig geworden, da sich im Lande der nachmals besonders für den nieder- und oberösterreichischen [Seite: 50] Protestantismus so verhängnisvolle Flazianismus zu regen begann. Mit seinem Hauptvertreter, dem Schladminger Prediger Stefan Haßler wurden 2 Religionsgespräche gehalten50.1, die zu völliger Unterdrückung der flazianischen Richtung im Lande führten. Die steirischen Stände rühmten sich dem Erzherzog gegenüber mit Recht des öfteren, daß sie in Steiermark, wo der Kalvinismus nie Fuß faßte, nur das lutherische Bekenntnis zugelassen, nie aber den Flazianismus oder irgendeine Sekte geduldet hätten.

Den mühselig bewerkstelligten Frieden zwischen dem Landesfürsten und seinen Ständen störten bald die seit Jahresfrist im Lande wirkenden Jesuiten. Schon in der Fastenzeit 1570 hatten die Predigten des eben aus Olmütz berufenen P. Stefan Rimel(ius)50.2 die Protestanten in Graz erbittert. Man kannte hinreichend das Wirken dieses geschickten Kampfordens. Wenn auch die Erzählung, daß die ersten Patres von Dr. Schranz als bayrische Adelige verkleidet aus München in die Stadt gebracht, wo sie, erkannt, die Ursache eines durch Sturmgeläute zusammengerufenen Volksauflaufs geworden seien, vielleicht als Sage zu werten ist, begegnete "die schwarze Brunst" jedenfalls großer Unfreundlichkeit. Man kannte und fürchtete sie und wollte den Nachkommenden beim Einzug nicht einmal den Weg zur Wohnung des Kanzlers zeigen. Als der Regent am 21. August 1571 der Prinzessin Maria von Wittelsbach die Hand reichte, gewannen die Jesuiten, die im nächsten Jahre mit 7 Patres in Graz eine Ordensniederlassung begründeten, in ihr eine stets besorgte und hilfsbereite Gönnerin. Ihr Gatte räumte, von Papst Gregor XIII. am 4. Juli 1573 für die Beförderung dieses Ordens besonders belobt, den Jesuiten die bisherige Stadtpfarre zum hl. Ägidius ein50.3. Sie entfalteten eine rege Predigt-und Seelsorgetätigkeit, begründeten bald eine lateinische Schule und, von Karl und seiner Gemahlin mit Einkünften reichlich bedacht, ein Konvikt für arme Knaben, für Priester und schließlich ein solches für adelige [Seite: 51] Jünglinge. Der Erzherzog, der die vielfach gebildeten, gewandten und kampferprobten Priester als Helfer für die Bekämpfung des unaufhaltsam fortschreitenden Protestantismus im Lande berufen hatte und in ihnen eigentlich seine letzte Hoffnung sah, geriet in seinen Entschlüssen immer mehr in die Abhängigkeit des Ordens. Der Rektor hatte stets freien Zutritt zu ihm (die Reste des geheimen Ganges, der das Kolleg mit der unweit gelegenen Burg verband, sind erst im Vorjahr bei Straßenarbeiten wieder aufgedeckt worden), er war bald in der Lage zu berichten, wie sehr der Fürst ihnen zugetan sei, ja, daß er "alles, was ihm P. Rimel vorschlage, mit der größten Freude ausführe". Die seit 20 Jahren unterlassene Fronleichnamsprozession wurde von den Jesuiten schon im Juni 1572 wieder mit großem Pomp — unter militärischem Schutze — gehalten. Auch wußten sie durch dramatische Schulaufführungen und Disputationen das Interesse der Bevölkerung zu wecken, vor allem aber sammelten sie die wenigen Römischgebliebenen. Im Jahre ihres Einzugs hatten 20 Personen zu Ostern in der Stadtpfarrkirche kommuniziert, 3 Jahre später waren es 500, 1581 sollen es 1400, 1596 gar 2500 gewesen sein.

Ihre Hauptbedeutung aber war, daß sie der Stützpunkt der sich zum Angriff sammelnden katholischen Kräfte im Lande wurden. Besonders die Erzherzogin Maria, die Nuntien und der unentwegte jesuitische Parteigänger und Günstling Marias Dr. Schranz förderten sie. Man kann sie als die Seele der allmählich erstarkenden katholischen Aktionspartei bezeichnen.

Begann so in Graz durch das Wirken der Jesuiten ein wenn auch zunächst langsamer Aufstieg des alten Glaubens, so stand es im Lande um so schlechter mit ihm. Im Jahre 1573 wurde Klage geführt, daß selbst der Inhaber einer der vornehmsten geistlichen Stellen des Landes, der Erzpriester von Gratwein, sich öffentlich mit seinem Weibe zeige und seine Kinder aus den Mitteln der Pfarre erhalte. Eine von Kaiser Maximilian II. im Jahre 1573 verfügte Klostervisitation fand in Steiermark die allerdings nur schwach besetzten Nonnenklöster in gutem Stande, die Männerklöster fast ohne Mönche und die wenigen Insassen ohne Zucht. Admont zählte 19, St. Lambrecht 9, Reun 7, Seckau und Stainz je 5, Pöllau 3, Vorau und Rottenmann gar nur mehr je 2 Brüder. [Seite: 52]

Die Berufung der Jesuiten durch den Landesfürsten führte zu neuen Auseinandersetzungen mit den Ständen, die, wohl nicht mit Unrecht, die von Karl in einzelnen Städten vorgenommenen Ausweisungen von Predigern und Massregelungen evangelischer Amtspersonen auf die Urheberschaft der Jesuiten zurückführten. Mehrere diesbezügliche ständische Eingaben blieben unbeantwortet. Die Stände hatten sich aber selbst gegen die von den streitbaren Priestern Loyolas erhobenen Anwürfe, sie hätten sich unrechtmäßig an geistlichem Gute bereichert, zu verteidigen. Auf dem Landtage von 1574 führte der steirische Adel "den unwiderleglichen Nachweis, daß nicht eine Habe geistlichen Gutes unrechtmäßig in seine Hände gelangt sei; das bestätigte kein Geringerer als der Bischof Georg Agricola von Seckau, der den Ständen bezeugte, daß der Klerus schon längst seinen gesamten Besitz verloren hätte, wenn nicht der Adel trotz seiner eigenen Geldklemme eingegriffen hätte".

Als der Erzherzog im Jahre 1575 daran ging, die Ordination der evangelischen Prediger in der Grazer "Stift" zu verbieten, hielt ihm der Adel entgegen, man müsse, um sich vor Sektierern zu schützen, die Geistlichen im Lande ordinieren, auch spare man dadurch Kosten. Die heftigen Beschwerdeartikel der Stände auf dem Novemberlandtag des gleichen Jahres verwahrten sich gegen das friedhässige Treiben der Jesuiten, welches in Graz sogar zu dem falschen Gerüchte führte, daß der Brunnen in der "Stift" durch sie vergiftet worden sei, lehnten aber auch die anzügliche, scharfe Sprache der geheimen Räte und Doktoren ab; in der Aussprache bezichtigten sie insbesondere den Kanzleramtsverwalter Dr. Schranz der Urheberschaft jener Mißhelligkeiten, doch deckte ihn der Fürst mit seiner Autorität.

Die bedenkliche Finanzlage Karls erforderte, die von den Ständen gegen ihn wegen mangelnden Entgegenkommens erhobenen heftigen Vorwürfe durch ein neues Zugeständnis zu entkräften. Erst schien es allerdings, daß der Sommerlandtag 1576, dem der Erzherzog nicht persönlich anwohnte, ergebnislos verlaufen würde, da seine Kommissäre keinerlei Vollmacht zur Erledigung der schwebenden Religionsbeschwerden mitgebracht hatten. Da wurde die Spannung durch eine eigenhändige schriftliche Resolution Karls vom 21. August 1576 gelöst, die [Seite: 53] nicht nur die Pazifikation von 1572 erneuerte, sondern noch über diese hinausging, da der Herrscher erklärte, daß er nicht nur den Herren und Rittern, sondern "allen denen, niemand ausgenommen, die sich gutwillig zu ihrer (Augsburgischen) Konfession begeben, ihre Konfession unverwehrt und einen jeden seinem Gewissen nach glauben lassen, ihre Prädikanten auch Schulen nicht ausschaffen wolle". Als der Landschaftssekretär Caspar Hirsch diese erzherzogliche Erklärung öffentlich verlas, erregte sie hellen Jubel. Da das Original bei den Geheimakten der Landschaftskanzlei verbleiben mußte, wurden "wegen menschlicher Gedächtnis und Sterblichkeit" sofort 5 beglaubigte Abschriften angefertigt und in die 5 Viertel des Landes gesandt, wo man sie vertrauenswürdigen Adeligen zur Verwahrung gab.

Diese Resolution Karls, die recht verstanden auch die Inwohner der Städte und Märkte in das Religionsprivileg einschloß, bildet eigentlich das größte Zugeständnis, das Karl den Steirern gewährte und bezeichnet damit den Höhepunkt der Religionsfreiheit im Lande. Sofort setzten aber die Bemühungen der katholischen Partei ein, den willensschwachen Regenten zu einer Entkräftung des Gewährten zu bewegen. Der Seckauer Bischof Georg Agricola erregte sich über die Resolution Karls so sehr, daß er schwer erkrankte. Auf sein Betreiben begab sich der Jesuitenrektor zum Erzherzog und machte ihm die schwersten Vorhaltungen über die den Evangelischen gegenüber bewiesene Nachgiebigkeit. Er wies darauf hin, wie unrichtig es wäre, daß nicht mehr als in der Pazifikation von 1572 bewilligt worden sei, wie ihm Karl glauben machen wollte. In seinem Entschluß wieder wankend geworden, erklärte dieser schließlich, er sei nicht gesonnen, mehr als das in der Pazifikation Gewährte einzuräumen. Damit nahm er, ohne daß die Stände hiervon Kenntnis erhalten hätten, stillschweigend das eben Gegebene wieder zurück.

Während im Lande das römische Kirchenwesen immer noch völlig darniederlag, so daß z. B. in Rottenmann in der Pfarrkirche oft nicht über 3 bis 4 Zuhörer sich einfanden, während der Hoffmann’sche Pfarrer und "Superintendent" Dr. Senger bei seinen Gottesdiensten am Schlosse Grünbüchl bis zu 800 [Seite: 54] Abendmahlsgäste zählte54.1, mehrten sich in Graz die jesuitischen Übergriffe. Schon fehlte es nicht an Beerdigungsverweigerungen in den Stadtfriedhöfen, man riß die in der Stadtpfarrkirche an den Adelsgräbern hängenden Fahnen herunter und gefiel sich in Kanzelausfällen gegen die Evangelischen. In Judenburg, "wo ein großer Adel zu wohnen pflegte", äußerte sich der jesuitische Hofprediger in Gegenwart des Fürsten von der Kanzel, die Türken seien der Lutherischen Glück, denn ohne sie würde man anders mit diesen umgehen, weil sie sich nur der weltlichen Obrigkeit entziehen wollten, wie sie sich vordem der römischen Kirchengewalt entschlagen hätten.

Erzherzog Karl war "als der K. M. Generalobrister Lieutenant der Windischen und Krobatischen Gränze" besonders seit 1577 ganz von seinen militärischen Sorgen in Anspruch genommen. Die Kriegsvorbereitungen gegen die kaum einen Tagemarsch vor der Reichsgrenze stehenden Türken, vor allem die Geldbeschaffung, bereiteten ihm schwere Sorgen. Zur Erledigung der brennend gewordenen militärischen Fragen sollte ein Ausschußlandtag gehalten werden. Graz kam wegen der dort herrschenden Pest als Tagungsort nicht in Betracht, nach längerer Umschau befand man Bruck als geeignet, wo die Ausschüsse am 4. November 1577 zusammentraten. Die steirischen Stände, die kurz vorher in Judenburg eine lateinische Schule eröffnet hatten, versuchten sogleich den Landtag zur Seßhaftmachung eines lutherischen Predigers zu nützen, dessen Wirksamkeit jedoch auf Karls Befehl Einhalt geboten wurde. Der Ausschußlandtag bereitete den auf Wunsch Karls gleichfalls nach Bruck für den 1. Januar 1578 berufenen Generallandtag vor.

Auch auf der Tagesordnung des Brucker Generallandtages standen nur militärische und wirtschaftliche Verhandlungspunkte, allein es war klar, daß die Stände doch auch ihre Beschwerden und Wünsche auf kirchlichem Gebiete vorbringen würden. Sie berieten diese in häufigen, außerhalb der Sitzungen gehaltenen Zusammenkünften und Aussprachen, denen auch die Vertreter der Städte und Märkte beigezogen wurden; die Führung in diesen Fragen lag besonders in den Händen Hans Friedrich Hoffmanns und Mathias Ammans55.1, der von da an durch lange Jahre als treuester und uneigennützigster Anwalt der evangelischen Sache erscheint. So war man ständischerseits dem Erzherzog gegenüber gerüstet. Dieser entwarf zu Beginn der Verhandlungen ein Bild der traurigen außenpolitischen Lage der Erbländer, wies auf die hohen Kosten der zur Türkenabwehr notwendigen Rüstungen hin und erinnerte daran, daß man, da die vielfach erbetene und betriebene Reichshilfe nur 140 000 fl. betrage, mit der so notwendigen Instandsetzung und Verstärkung der Grenzbefestigungen ganz auf sich selbst angewiesen sei. Er bat daher die anwesenden steirischen, kärntnerischen und krainischen Abgeordneten nachdrücklich, ehestens aus Landesmitteln die dringend notwendigen Summen auszuwerfen.

Die Stände entgegneten in gutvorbereiteter, energischer und geschickter Form. Sie erklärten, nur wer ein steinern Herz hätte, könne sich weigern, dem durch den Erbfeind drohenden Unheil zu begegnen. Wie stets, seien sie auch jetzt willens, gemeinsam mit ihrem Landesfürsten die Heimat zu schützen. Aber sie müßten, damit alles in Einigkeit geschehe, zuerst fordern, daß alle, die in den i.ö. Ländern ihres Glaubens seien, endgültig "assekuriert" würden. Denn durch das von der Regierung gegen manche ihrer Glaubensgenossen gerade in letzter Zeit eingeschlagene Vorgehen sei viel ungute Verbitterung verursacht worden.

Karl suchte auszuweichen, indem er die Auseinandersetzung mit dem Hinweis abschnitt, man sei hier nur zur Beratung von Defensionsangelegenheiten zusammengekommen. Daraufhin begannen die Abgeordneten mit der ernsthaften Beratung der Grenzbefestigung, richteten aber gleichzeitig, indem sie gegen den dem Regenten in der Erregung entschlüpften, aber dann zurückgenommenen Ausdruck, sie seien "unruhige Köpfe" energisch Verwahrung einlegten, eine neue Beschwerdeschrift an ihn, in der sie einige Verstöße gegen die Grazer Pazifikation aufzählten, insbesondere aber das friedhässige Treiben der Jesuiten aufs Korn nahmen. Der Wortführer Hoffmann trug in einer glänzenden Rede am 1. Februar nochmals alle Beschwerden, Wünsche und [Seite: 56] Vorschläge dem Landesfürsten vor; da auch dieser sich zur Rechtfertigung seines von den Ständen bemängelten Vorgehens auf die Grazer Pazifikation berief, wurde der Landschaftssekretär Hirsch beauftragt, das Original aus Graz zu holen.

Die Meinungsverschiedenheit beider Teile betraf die Einbeziehung der Städte und Märkte in die zu erteilende endliche Assekuration. Entgegen der klaren Auslegung der vor 2 Jahren erteilten Resolution erklärte der Erzherzog nun wieder, er müsse sich in den Städten und Märkten freie Hand vorbehalten. Der Sinn dieser Erklärung war besonders nach den in den strittigen Orten in den letzten Jahren vielfach gemachten Erfahrungen zu deutlich, als daß die angefügte Zusage Karls, "er werde weder die Bürger noch sonst jemand in seinem Gewissen beschweren" als aufrichtig hätte empfunden werden können. Daher gaben die Abgeordneten in einer neuerlichen Eingabe vom 8. Februar ihrer Unzufriedenheit Ausdruck. Sie erinnerten daran, daß bereits zu Lebzeiten Kaiser Ferdinands in den Städten und Märkten vielfach lutherische Prediger gewirkt hätten, darum sei die in der Grazer Pazifikation ihretwegen bestehende Unklarheit unbefriedigend und verhängnisvoll. Eine Zusage sei hier dringend erforderlich.

Die vom Erzherzog seit Jahren geführte Kompromißpolitik sah sich in ernster Stunde vor eine unangenehme und folgenschwere Entscheidung gestellt. Schranz, seit 2 Jahren Hofvizekanzler, hatte seinen Herrn nach Bruck begleitet und riet, im Einvernehmen mit den Jesuiten, nicht nachzugeben. Anderseits gebot die Not der Zeit und sein auf dem Spiele stehendes militärisches Ansehen dem Erzherzog, die Geldbewilligungen zur Türkenbekämpfung zu erreichen. In seiner Zwangslage beschritt er einen von vornherein unaufrichtigen Ausweg. Er hatte nicht die Absicht, die Städte und Märkte der Reformation preiszugeben, die dann dem Katholizismus außerhalb der Landeshauptstadt den Rest gegeben hätte, darum kam eine schriftliche Erklärung, die den Wert eines Dokuments gehabt hätte, nicht in Betracht. So entschloß er sich zu einer mündlichen Zusage dessen, das er nicht zu halten gedachte, wohl mit dem peinlichen Gefühl, daß der — vielleicht bald — eintretende Bruch seines Fürstenwortes für ihn beschämend sein und seine Ehre bemakeln würde. Mag sein, daß ihm die in diesen Dingen erfahrenen [Seite: 57] jesuitischen Seelenberater über die inneren Schwierigkeiten hinweghalfen.

Nach siebenwöchigen Dupliken und Repliken forderte der Erzherzog am 9. Februar 1578 vor der Frühmahlzeit die Ausschüsse zu sich, die einschließlich der Stadtvertreter erschienen. In Gegenwart der geheimen Räte Khevenhüller und Stubenberg, sowie Kobenzls und Schranz, gab er seine Zusage. Er hätte sich zwar versehen, daß sie mit seinen bisher gegebenen Bewilligungen sich zufrieden geben und kein Mißtrauen in seine Person setzen würden, da sie aber nun noch eine ausdrückliche Erklärung verlangten, so bestätige er abermals, daß er seine den Herren und Rittern in der Grazer Pazifikation gegebenen Zusagen halten wolle, gleichwie er sich nicht bewußt sei, bisher gegen sie verstoßen zu haben, doch müsse er verlangen, daß alles Schmähen und Lästern der katholischen Religion aufhörte. Die Disposition in seinen Städten und Märkten und eigentümlichen Gütern behalte er sich vor, doch wolle er, vorausgesetzt, daß auch hier alles Schmähen unterbleibe und man christlich lebe, die Bürger in ihrem Gewissen nicht beschweren und, wie er ihnen bisher "von wegen der Religion kein Härl gekrümmt", so wolle er es auch künftig nicht tun. Er könne aber, mit Ausnahme von Graz, Judenburg, Klagenfurt und Laibach, wo das evangelische Kirchen- und Schulwesen gestattet werde, nicht dulden, daß die Städte nun ihres Gefallens Prädikanten aufnähmen; doch wolle er sie "in ihrem Gewissen unbekümmert lassen, darauf mögen sie sich wohl verlassen". Er bitte sie alle um Gotteswillen, ihm nicht zu mißtrauen. Was er zugesagt, wolle er treulich halten, denn er meine es gnädiglich und "stelle es gar auf keine Schraufen"57.1.

Wohl die eindringliche Form der Bekräftigung mag die Stände neben ihrem Vertrauen zum Fürstenwort gar nicht auf den Gedanken gebracht haben, eine schriftliche Ausfertigung zu verlangen. Oder war es das Bedenken, nicht durch verletzendes Mißtrauen den eben so gnädigen Regenten zu kränken oder zu erbittern? Schließlich waren genug Zeugen anwesend, die für die Richtigkeit der Konzession einstehen konnten. [Seite: 58]

Als die Ausschüsse nach halbstündiger Beratung wieder vor dem Erzherzog erschienen, brachten sie ihm durch den Mund ihres Sprechers Hans Friedrich Hoffmann den freudigen Dank dar, dem sich insbesondere die Vertreter der Städte und Märkte anschlossen, da nun "sie und ihre Mitverwandten nicht weniger als andere in ihrem Gewissen befriedet und versichert seien". Sie gelobten Dankbarkeit und befahlen sich alle, Adel und Bürger, weiterhin Karls Gnade.

Noch einmal wäre für diesen nun Gelegenheit gewesen, den im Jubel der Städte- und Märktevertreter liegenden Irrtum, falls ein solcher vorhanden war, aufzuklären. Karls Schweigen begründete seine Schuld, denn in ihm mußte die Zustimmung zur Auffassung der Evangelischen erblickt werden.

Am gleichen Tage gingen diese daran, das Protokoll über diese Verhandlungen schriftlich niederzulegen. In Gegenwart der Ausschüsse wurden die Niederschriften abgehört, geprüft und beglaubigt und, mit Petschaft und Unterschrift versehen, von der Landschaftskanzlei den 3 i.ö. Ländern zugemittelt.

Für die Bürgerschaft lag in der erhaltenen Zusage die Gewähr, in den 4 eigens benannten Orten frei das lutherische Exerzitium zu üben. In den andern Orten bestand diese Möglichkeit zwar insofern nicht, als man keine Prediger halten durfte, aber wer konnte verbieten, den Gottesdienst bei den Orten zu suchen, eine Auslegung, die auch die geheimen Räte billigten! Man konnte unbehindert auf die benachbarten Schlösser oder in die nahen Dörfer zu den Prädikanten "auslaufen", vor allem aber hörte der Zwang zum katholischen Gottesdienst auf. In der Tat wurden auch aus diesen Kreisen fast 2 Jahre lang keine Beschwerden laut.

Ehe die Stände bei Landtagsschluß auseinandergingen, wollten sie noch die wichtigsten Punkte des nun durchzuführenden kirchlichen Programms erledigen. Man berief daher den bereits seit längerem in Graz wirkenden "Pastor"58.1 D. Jeremias Homberger58.2, einen Hessen, den Prediger Mg. Christoph Frey, den [Seite: 59] Schulrektor Mag. Philipp Marbach und aus Klagenfurt die Prediger Präntl und Steiner sowie den Schulrektor Mag. Laborator nach Bruck, die Berufung der Krainer ließ sich wegen des weiten Wegs nicht bewerkstelligen. Im Zusammenwirken [Seite: 60] mit den "Kirchen- und Schulinspektoren" Christoph von Praunfalkh und Dr. Adam Venediger wurde beschlossen, die von Chyträus speziell geschaffene Kirchen- und Schulordnung von jenen 6 Theologen für die 3 i. ö. Länder bearbeiten zu lassen und verbindlich zu machen. Sämtliche nun zu berufenden Prediger sollten in Graz examiniert und ordiniert werden und dem Kirchen- und Schulministerium unterstehen, das die steirischen Stände auf ihre Kosten errichten und bezahlen wollten. Da nicht alle Adeligen imstande waren, Prediger zu unterhalten, beschlossen die Steirer in den 5 Vierteln des Landes eigene "Viertelsprediger", an den Grenzen bei den Truppen Feldgeistliche aus Landesmitteln anzustellen. In längeren Beratungen wurde auch der von Chyträus geschaffene Agendenentwurf überarbeitet und für die Gottesdienste und Amtshandlungen eingeführt.

Am 14. Februar einten sich die Ausschüsse Steiermarks, Kärntens und Krains in einer "Vergleichung" zum gegenseitigen feierlichen Versprechen, daß sie, was immer Gott über sie verhängen und schicken wolle, gemeinsam in Geduld erwarten und tragen wollten, und jedes Land des anderen Not und Obliegen als seine eigene Not und Gefahr treulich, christlich, brüderlich und nachbarlich halten und erkennen und ein Land das andere bei der christlichen Obrigkeit nicht [Seite: 61] verlassen dürfe. Diese "Union" wurde seither in allen Religionshandlungen auch wirklich gehalten.

Alle bisher erlangten landesfürstlichen Zugeständnisse, nämlich die Grazer Pazifikation vom Jahre 1572 mit den den Notenwechsel mit dem Regenten betreffenden Akten, die Verhandlungsprotokolle von 1575, die Resolution des nächsten Jahres, die Religionsverhandlungen des Brucker Ausschußlandtags, die Niederschrift der Konzession vom 9. Februar 1578, die Kirchen- und Schulordnung und der "summarische Extrakt" des Unionsvergleichs der 3 Landschaften wurden in einem gemeinsamen Buch vereinigt, das als die große Religionspazifikation oder das "Brucker Libell" den Freibrief der innerösterreichischen Protestanten darstellt. In zahlreichen auf Pergament schön geschriebenen Kopien, von denen etliche noch heute erhalten sind, wurde diese Privilegiensammlung auf den Schlössern und Herrensitzen aufbewahrt.

Man hat gelegentlich die dokumentarische Vollwertigkeit der ständischen Aufzeichnung des Brucker Versprechens in Frage gestellt. Tatsache ist, daß vom Tage ihrer Niederschrift an seitens der Regierung, die sie kannte, nie Zweifel an ihrer durch so viele Zeugen ja hinreichend bezeugten Echtheit geäußert wurden. Bald tauchten freilich Gerüchte auf, daß bei Hofe eine anderslautende Niederschrift der Brucker Pazifikation aufbewahrt würde. Tatsächlich hatte der Vizekanzler Dr. Schranz eine Fassung, in der der den Städten und Märkten Gewissensfreiheit verheißende Passus unterschlagen war bewerkstelligt. Man wird wohl dem zuständigsten Fachmann Loserth zustimmen müssen, wenn er diese Konzeption als eine bewußte Fälschung bezeichnet, die das Licht der Öffentlichkeit so sehr scheute, daß die Regierung erst 14 Jahre später, nach dem Tode des Erzherzogs, mit ihr herauszurücken wagte. Wäre sie echt gewesen, so würde der in Bruck von den Städten und Märkten geäußerte Jubel ebenso unbegründet gewesen sein, wie das im römischen Lager ausgelöste Entsetzen!

Nach dem Brucker Generallandtag schritten die Stände alsbald an die Errichtung einer eigenen Druckerei, deren Erzeugnisse unter die strenge Zensur des Kirchen- und Schulministeriums gestellt wurden, damit nichts Ungebührliches, den Fürsten oder [Seite: 62] seine Kirche Verletzendes im Druck erscheine. Als erster Drucker wurde der bekannte Formenschneider Zacharias Bartsch bestellt, bei dem nun auch der Erzherzog und die Jesuiten drucken ließen. Als jener auch das in Auftrag gegebene Vorlesungsverzeichnis der Jesuiten dem Grazer Pastor zur Zensur vorlegte, wurde er auf Befehl Karls eingekerkert. Der sich daraus zwischen seinem landesfürstlichen Anspruche, das Druckwesen selbst zu beaufsichtigen, und den Rechten der Stände ergebende scharfe Konflikt endete mit Bartschens Freilassung.

5. Die Münchner Konferenz und der Beginn der Gegenreformation im Bürgertum.

Die Brucker Assekuration erregte im katholischen Lager das größte Entsetzen. Die Prälaten, seit alters der erste Landstand, aber nunmehr so einflußlos, daß sie nicht einmal eine der 5 Verordnetenstellen mehr besetzen durften, fanden sich wenige Tage nach der Brucker Erklärung bei Karl ein, baten um die Bekanntgabe ihres Inhalts und ersuchten nach dessen Mitteilung dringend, auch sie in ähnlicher Form in ihrem katholischen Glaubensstande zu schützen. Ein päpstliches Breve vom 7. Mai 1578 riet unter den schwersten Vorwürfen dem Erzherzog ab, den beschrittenen Weg fortzusetzen. Gleichzeitig ordnete Gregor XIII. den Dominikaner Felix Ninguarda, Bischof von Scala, als Nuntius nach Graz ab, der dem bestürzten Erzherzog klar machte, daß er auf Grund der Bulle "In coena Domini"62.1 wegen des den Ketzern gewährten Privilegiums sich als Gebannter betrachten müsse. Für ihn, von dem man sage, er habe seinen Glauben um Geld verkauft, gebe es nur den einen Weg, die Brucker Konzession, die über die ohnedies schon so abscheuliche Grazer Pazifikation hinaus auch den frohlockenden Bürgern Gewissensfreiheit eingeräumt habe, zurückzunehmen. Der Nuntius riet dem Erzherzog dringend, seinen Hofstaat nur mehr mit katholischen Personen zu versehen und sich mit einer katholischen Leibwache zu umgeben. [Seite: 63]

Nachdem auch der um seine Meinung befragte kaiserliche Neffe die Konzession als zu weitgehend bezeichnet hatte, wandte sich Karl an seinen Bruder «Ferdinand von Tirol um Rat und Hilfe. Dieser hielt wegen des Vom Adel zu erwartenden Widerstandes eine sofortige, völlige Aufhebung der gemachten Zugeständnisse für untunlich, empfahl aber auch die völlige Umgestaltung des Hofwesens, da die Haltung des dermaligen seinem landesfürstlichen Ansehen "verkleinerlich" sei. Er erklärte sich bereit, bei der Durchführung ihn persönlich zu beraten. Auch die bayrischen Verwandten sparten die bittersten Vorwürfe nicht; sie fanden, Karl habe sich von seinen Ständen "einwickeln" lassen. Sie mahnten dringend zur Rückgängigmachung des Gewährten, ja Herzog Albrecht schickte sogar ein gemeinsam mit dem an den Innsbrucker und Münchener Hof gesandten Vizekanzler Schranz ausgearbeitetes Konzept eines allerdings erst 3 Jahre später wortgetreu publizierten Dekretes, das den Städten und Märkten die Ausübung des lutherischen Bekenntnisses verbot. Auch die Bayernherzöge schlugen eine gemeinsame persönliche Besprechung vor, welche Karl, dem "der feindselig Landtag zu Pruck" schwer in den Gliedern lag, alsbald anbahnte.

Am görzischen evangelischen Adel, für den seine steirischen Standesgenossen vergeblich Fürsprache einlegten, übte der Regent seinen Mut, ehe er sich mit seinem Bruder Ferdinand an den Münchner Hof begab, wo im Oktober 1579 mit Herzog Wilhelm dem Frommen die Konferenz abgehalten wurde, die die Gegenreformation in I. Ö. einleitete. Man begnügte sich nicht damit, daß Karl sein Bedauern über die in seiner Zwangslage gemachten Zugeständnisse aussprach und diese für sich zurücknahm, es wurden vielmehr am 13. und 14. Oktober zwei Verhandlungsschriften abgefaßt, in denen man feststellte, es sei gar nicht in Karls Macht gestanden, die sein Gewissen verletzenden Konzessionen von 1572 und 1578 zu erlassen, er habe durch ihre Erteilung in die Befugnisse des Papstes eingegriffen, der von ihm bereits zweimal aufs schärfste ihre Zurücknahme gefordert habe. Auch habe der Adel, indem er das Gewährte eigenmächtig ausgelegt und erweitert habe, sich nicht so verhalten, daß ihm die Konzessionen belassen werden könnten. Der die Grenzen bedrohende Erbfeind verbiete den kürzesten Weg der gewaltsamen Aufhebung der Privilegien. [Seite: 64]

Darum sei der indirekte Weg zu beschreiten: Ohne daß die Konzessionen offiziell zurückgenommen würden, müsse das Hofwesen katholisch gemacht werden, an Stelle der jetzt amtierenden Räte seien erprobte katholische Personen aus Tirol, Salzburg oder Bayern zu setzen; sehr wichtig aber befand man, die einzelnen Stände geschickt voneinander zu sondern. Die Bewilligungen sollten fortan von den Geistlichen, den Herren und Rittern und den Bürgern gesondert verlangt und geleistet werden. Im Falle die Stände ganz schwierig würden, müßten sie durch die in München versammelten Mächte zum Gehorsam gezwungen werden.

Das nach diesen grundsätzlichen Erwägungen entworfene "Münchner Programm" sah die "schritt- und stufenweise" Durchführung der künftigen Gegenreformation "nicht mit Worten, sondern durch Taten" vor. Zu seiner vollen Verwirklichung reichte das dem Erzherzog noch gewährte Lebensjahrzehnt nicht aus, doch liegen in ihm die bedeutungsvollen Anfänge der Gegenreformation.

Zunächst empfahl man Karl unter Hinweis auf die angeblich falsche Auslegung der Brucker Assekuration durch die Evangelischen den Bürgern das "Zulaufen" zum lutherischen Exerzitium der Stände zu untersagen. Dieses Verbot dürfe auch die vier privilegierten Städte nicht ausnehmen. Der Erzherzog sollte anordnen, daß kein neuer evangelischer Kirchbau mehr zugelassen und das "Skalieren" der Prädikanten eingestellt werde. Man sah jetzt schon die Ausweisung aller Prädikanten aus den landesfürstlichen Städten und Märkten vor. Die Fürsten zweifelten nicht, daß gegen einen schwierig werdenden Adel nach den Bestimmungen des Augsburger Religionsfriedens von 1555 gemäß dem "cuius regio, eius religio« zu verfahren wäre. Um gerüstet zu sein, sei die Grazer Schloßbergfeste unter dem Vorwand der Türkengefahr in guten Stand zu setzen, mit Truppen, Waffen und Munition ausreichend zu versehen. Zur Stärkung des katholischen Elementes sollte die Errichtung einer Nuntiatur in Graz betrieben werden. Zur Durchführung dieses Programms versprachen Bayern, Tirol und Salzburg ihre Unterstützung, vom Papst erhoffte man eine Geldhilfe, wenn Karl sich nur um die Absolution bemüht haben würde.[Seite: 65]

Während in München so schwerwiegende Beschlüsse gefaßt wurden, gingen die Evangelischen im Lande daran, in Ausnützung der in Bruck bestätigten Freiheit ihr Kirchenwesen auszubauen. Prediger wurden berufen und in den einzelnen Vierteln angestellt. Da in den Städten, Graz und Judenburg ausgenommen, das Exerzitium verboten war, errichteten begüterte Adelige in unmittelbarer Nähe mancher bedeutender Orte Kirchen und Pfarrhäuser, vielfach auch Friedhöfe. Handelten die V.O. in der Abwehr des Kalvinismus, die sogar auf das Verbot, reformierte Hochschulen zu besuchen, sich erstreckte, nicht nur nach der eigenen Überzeugung, sondern auch nach dem Willen des Landesfürsten, so bekamen sie bald wegen des in Angriff genommenen Ausbaues der kirchlichen Organisation im Lande, insbesondere wegen der Kirchenbauten, seine Ungnade zu verspüren.

Den Reigen der Zusammenstöße eröffnete die gemäß den Münchner Beschlüssen von Karl vorgenommene Entfernung evangelischer und Einsetzung katholischer Räte. Mehrfache Befehle, begonnene Kirchenbauten einzustellen, brachten den Adel noch weiter auf. Zu schweren Mißhelligkeiten zwischen ihm und dem Erzherzog, der gegen jenen den völlig unbegründeten, bald wieder zurückgenommenen Vorwurf des "Hochverrates" erhob, kam es, als Karl die Entfernung des aus Tübingen berufenen früheren Jesuiten Mag. Kaspar Kratzer forderte, den er wegen der einst genossenen kaiserlichen Studienbegünstigung einen "entlaufenen Stipendiaten" hieß. Die Drohung, ihn einkerkern zu lassen, bewog die Landschaft, Kratzers Gesuch um Entlassung anzunehmen65.1, aber es blieb wegen dieses Jesuitentriumphes [Seite: 66] eine heftige Erbitterung bei den evangelischen Ständen zurück, die sich noch steigerte, als der Erzherzog dem Grazer Pastor Homberger, der seiner Verpflichtung gemäß auf der Kanzel gegen den Heiligenkultus und die Fronleichnamsprozession auftrat, am 21. Juni 1580 strenge das Predigen verbot. Hatte Hombergers hitzige, oft maßlose, den V.O. darum häufig Unannehmlichkeiten bereitende Art, sich hinreißen lassen, das in der Prozession umhergetragene Sakrament ein "Teufelsgespött" zu benennen, so berechtigte den Erzherzog andererseits die stillschweigende Duldung der gehässigen Polemik der Jesuiten nicht zu so einseitigem Vorgehen. Der Streit spitzte sich so sehr zu, daß schließlich die evangelischen Stände mit der Sperre der "Grenzbezahlung" drohten.

In dieser schwierigen Lage fand Karl am bayrischen Hof und den von dort ihm gesandten neuen Ratgebern Stütze und Halt. [Seite: 67] Der in Graz angelangte Nuntius Marchese Germanicus Malaspina, in Holland und Frankreich in der Bekämpfung des Protestantismus erprobt, schürte die Glut aufs Neue. Es gelang ihm, die Prälaten, die es bis dahin in den Landtagsverhandlungen mit den Herren und Rittern gehalten, ja noch vor wenigen Jahren ihren Schutz und ihre Hilfe gegen die Anmaßungen und Übergriffe der jesuitischen Eindringlinge erbeten und erhalten hatten, vom Adel zu sondern und sie sogar zu Beschwerden über angeblich von jenem erduldete "Antastungen" zu bewegen. Einer ebenso hochfahrenden als unvorsichtigen Äußerung Malaspinas verdankte der Adel auch die Kenntnis der in München beschlossenen planmäßigen katholischen Restauration. Die kühle Nichtbeachtung ihrer bei der Regierung vorgebrachten Religionsbeschwerden, die herausfordernden Übergriffe der Jesuiten, deren Schüler sich ungestraft Gottesdienststörungen in der Stiftskirche zuschulden kommen ließen, bewogen die Stände zu entschlossenem Auftreten. So wurde denn auf dem vom November 1580 bis Februar 1581 in Graz gehaltenen Landtag mit allen Mitteln um die Erhaltung der erlangten Religionsprivilegien gerungen. Der Erzherzog trat mit militärischen Forderungen auf und wollte von kirchlichen Beschwerden nichts hören. Die Evangelischen beklagten sich bitter, daß auf Betreiben fremder Mächte wie Roms, Bayerns und Salzburgs die Ruhe im Lande gestört und die vom Landesfürsten gemachten Zusagen nicht eingehalten würden. Während sie gleichzeitig mit den anderen inner- und den niederösterreichischen Standesgenossen über ein enges Zusammengehen berieten, reichten die Herren und Ritter gewichtige Beschwerdeschriften ein. Der Erzherzog wieder warf dem Adel mutwillige Übergriffe vor, die ihm den Anschein eines "gemalten und papierenen Landesfürsten" gäben.

Als Karl in Verkennung seiner Macht am 10. Dezember 1580 in einer Resolution einen wichtigen Teil seiner Brucker Zusagen aufheben wollte, indem er erklärte, fortan in seinen Städten, Märkten, Herrschaften und Dörfern ohne Ausnahme nur mehr die Ausübung der katholischen Religion zu dulden und bloß in Graz nach Sperrung der Stiftskirche den Ständen zwei Prediger zur Wortverkündigung im Landhause zu belassen, ferner forderte, daß der katholischen Kirche binnen 2 Monaten alles entfremdete [Seite: 68] Eigentum rückerstattet werden müsse, legten die evangelischen Stände trotz aller Entrüstung über diesen mit Berufung auf sein Gewissen von Karl vollzogenen Bruch seines so oft verpfändeten Fürstenwortes ein bewundernswertes Maß von Selbstbeherrschung an den Tag. Bezeichnend für das Schuldbewußtsein der Regierung war die Tatsache, daß sie sich auch jetzt nicht auf die bei Hofe verwahrte Fassung der Brucker Pazifikation zu stützen wagte, mehr noch, daß sie sich gar nicht getraute, die neue Verordnung auch durchzuführen. In der Grazer Stift fanden regelmäßig Gottesdienste statt, die gelegentlich von 5000, nach einer Feststellung Hombergers sogar von 7000 Personen besucht wurden!

Die Stände ließen sich, so sehr ihre Verbitterung ihnen diesen Gedanken nahelegen mochte, auch jetzt nicht zu offenem Widerstande hinreißen, um so mehr als sie im Nuntius und den salzburgischen Abgesandten die Urheber jener Maßnahmen erblickten. Sie wandten sich, sehr zum Verdrusse Karls, an beide mit scharfen Protesten, diesem gegenüber aber betonten sie in gewichtigen schriftlichen Eingaben und in langen, gewandten Reden ihr Recht. So sehr sie in weltlichen Dingen in alter Treue Gehorsam leisten wollten, erklärten sie in geistlichen Dingen Gott gehorchen zu müssen und hierin keinen Schritt weichen zu dürfen. Am 31. Dezember taten nach einer glänzenden Rede Hans Friedrich Hoffmanns über 30 Herren des ältesten und angesehensten Adels einen Fußfall vor dem Erzherzog und baten um die Belassung der einmal gewährten Freiheiten, erhielten aber vom Fürsten, dem der Fußfall sichtlich unangenehm war, einen ungnädigen Bescheid68.1.

Die Enttäuschung der evangelischen Stände über den Wankelmut und die Unaufrichtigkeit ihres Landesfürsten war in diesen Wochen so groß, daß sie ihm sogar einen militärischen Überfall zutrauten und daher die Pässe und Landeseingänge bewachen ließen. Nach langen zähen Verhandlungen tat nach einer abermaligen hinreißenden Rede Hoffmanns eine Adelsabordnung am 7. Jänner 1581 vor Karl einen zweiten Fußfall. Der an seine Zweideutigkeit peinlich erinnerte Fürst zeigte sich noch ungnädiger, verließ die Knieenden und warf die Tür laut hinter [Seite: 69] sich zu. Schriftlich gab man den Herren zu wissen, ihr Exerzitium sei ohnedies nicht angetastet. Aber der Adel war nicht gesonnen, die erste Bresche in die Protestantenprivilegien schlagen zu lassen und die Bürger preiszugeben. Man erklärte, nicht eher auf die von Karl geforderten Geldbewilligungen eingehen zu können, als bis auch, gemäß den früheren Zusagen, die Gewissensfreiheit der Bürger gewährleistet sei. Wolle ihr Fürst sie nicht hören, müßten sie sich in ihrer Not an den Kaiser wenden oder einen i.ö. Generallandtag fordern. Letzteren wollte Karl nach den Brucker Erfahrungen auf jeden Fall vermeiden. Er mußte erkennen, daß ihm im Augenblick die Mittel zur Durchführung seines Vorhabens fehlten, daß der erste Schritt zu groß gemacht war. So zog er, nachdem er seine geheimen Räte mit den weiteren Verhandlungen betraut hatte, am 3. Februar 1581 seine Resolution zurück. Sehr zum Leidwesen der bereits triumphierenden katholischen Partei. Aber es war, wie der Grazer Jesuit Blyssem schrieb, kein Friede, sondern nur ein Waffenstillstand. Um unangenehmen Auseinandersetzungen mit dem Papste vorzubeugen, sandte Karl alsbald den Gurker Bischof Christoph von Spaur nach Rom. Die ihm mitgegebene Instruktion schilderte in wenig wahrheitsgetreuer Darstellung Karls Zwangslage noch düsterer als sie es tatsächlich gewesen und stellte die Adeligen als Rebellen dar, die dem Fürsten den Gehorsam aufkündigen wollten. Der gewandte Bischof hatte viele Mühe, beim Papst Verständnis für Karls Handlungsweise zu finden, aber seinem Geschick gelang es zuletzt, die päpstliche Verzeihung für die von Karl in der Brucker Pazifikation begangene Sünde zu erlangen, ja sogar eine Geldhilfe zu erreichen. Der heilige Vater stellte für einige Monate die Mittel zur Erhaltung von 400 Söldnern zur Verfügung, die die Grazer Stadt- und Schloßgarnison verstärken sollten: Habsburg nahm von Rom das Geld zur Bekämpfung seiner Landeskinder!

Da die letzte erzherzogliche Zusage nur bis zum neuen Landtag gelten sollte, brachte dessen Einberufung im März 1582 die Angelegenheit neuerlich in Fluß. Karl ging diesmal vorsichtiger zu Werke, doch hatte er das gleiche Ziel wie letzthin im Auge. Er erließ eine neuerliche Resolution, in der er dem Adel allerhand Übergriffe über den Rahmen der in Bruck gewährten [Seite: 70] Pazifikation, die ihm vom Papst und Kaiser die schwersten Vorwürfe eingetragen hätte, zur Last legte. Nichtsdestoweniger erklärte er sich aus besonderer Gnade bereit, die den Herren und Rittern gemachten Zusagen zu halten, in seinen Städten, Märkten usw. aber müsse künftig ausschließlich die katholische Religion geübt werden. Er werde die Bürger in ihrem Gewissen nicht bedrängen, aber daß sie das Exerzitium der A.K. betrieben, könne er nicht dulden. Alle Gegenvorstellungen des bestürzten Adels fruchteten nichts. Am 23. April erhielt bereits der Grazer Stadtrat den gemessenen Befehl, den Bürgern den Gottesdienstbesuch in der Stiftskirche, die nur dem Adel vorbehalten sei, zu verbieten. Die hinzugefügte Versicherung, man werde im übrigen die Bürger in ihrem Gewissen nicht beschweren, klang wie Hohn. Im ersten Schrecken gaben die Vertreter der zunächst eingeschüchterten Bürgerschaft die Zusage, dem Befehle nachzukommen. Ihre bald erfolgte Zurücknahme erkannte die Regierung nicht an, sondern sie begann vielmehr einzelne Bürger vorzuladen und nach erzwungenen — von Homberger für blind erklärten — Eiden nach den Urhebern des Widerstands zu forschen. Als trotzdem der Besuch des evangelischen Gottesdienstes nicht aufhörte, wurde mit Strafen bis zu 1000 Dukaten gedroht, deren Leistung, soweit sie überhaupt möglich war, für den Großteil den wirtschaftlichen Ruin bedeutet hätte. Im Mai gesellte sich zu obigem Verbot ein solches für die Hof- und Regierungsbeamten, das sich auch auf ihre Angehörigen erstreckte. Dieses wollten die im Dienst ihres Herrschers bewährten, ja ergrauten Männer nicht annehmen; während ein Kobenzl zum Lavieren riet, blieben besonders die Subalternen, von denen nun ein Großteil entlassen wurde und dem bayrischen Nachschub Platz machte, fest.

Geharnischte Eingaben aller drei i.ö. Landschaften blieben unbeantwortet, schließlich ließ der in München weilende Herrscher mitteilen, er werde in Religionssachen überhaupt keine Beschwerden mehr entgegennehmen. Als die so schroff abgewiesenen Stände mit einer Eingabe beim Kaiser drohten, stellte ihnen der Landesfürst, im Falle sie auch dort zurückgewiesen würden, die Anwendung der Exilierungsbestimmung des Augsburger Religionsfriedens in Aussicht, denn er "wolle lieber Land und Leute verlieren, als von seinen gefaßten Vorhaben abstehen". Ein letzter [Seite: 71] Versuch, den eine Adelsabordnung machte, die dem Erzherzog alle in letzter Zeit den Evangelischen erwiesenen Unbill vorhielt, schlug fehl. So blieb nur der Weg ans Reich offen. Auf dem zu Augsburg 1582 versammelten Reichstag befand sich bereits die um Türkenhilfe bittende steirische Reichshilfsgesandtschaft, die nun die Ankunft der i.ö. Religionsgesandtschaft vorbereitete. Diese sollte außer den vorzubringenden Beschwerden auch namens der drei i.ö. Länder die Konkordienformel unterschreiben. Aber vergebens erwartete man in Augsburg, so lange die Zeit günstig war, das Eintreffen der angekündigten Legation. Das Zögern der Kärntner, mehr aber der noch einmal geplante allerletzte Versuch, den Erzherzog doch umzustimmen, brachte schweren Zeitverlust. Als die Gesandten den Fürsten endlich im August in Mitterdorf trafen, erhielten sie die "runde Abfertigung", sie sollten sich die Reise nach Augsburg sparen, denn er würde, wenn sie nicht von ihr ließen, das ganze evangelische Religionswesen aufheben. Die Abgesandten, Balthasar Wagen und Mathes Amman, setzten trotzdem die dem Erzherzog sehr unangenehme Reise fort und trafen am 21. August in Augsburg ein, wohin mittlerweile auch D. Homberger gesandt worden war, um allenfalls nötige Aufschlüsse über die kirchlichen Verhältnisse erteilen zu können.

Die dennoch erfolgte Gesandtschaft war eine Frucht des Gutachtens, das die V.O. im Juni zunächst bei ihrem Superintendenten Homberger, der seinem geraden, aufrichtigen Charakter entsprechend riet, man müsse festbleiben, komme, was da wolle, sodann bei dem Tübinger Universitätskanzler Jakob Andreä, einem der Väter der Konkordienformel, eingeholt hatten. Andreä hielt das Vorgehen Karls für einen Bruch der den Bürgern gegebenen Zusage, deren Gewissen durch das Gottesdienstbesuchsverbot beschwert würde. Er riet, beim Reichstag Hilfe zu suchen, jedoch der angestammten Obrigkeit den schuldigen Gehorsam nicht zu versagen. Sei den Bürgern der öffentliche Gottesdienst verboten, mögen sie in Privathäusern zusammenkommen und die Postille lesen; würde auch dies untersagt, möge man ein- bis zweimal im Jahr außerhalb der Grenzen die Kirche besuchen. Müsse man auch Gott mehr gehorchen als den Menschen, so dürfe man sich der weltlichen Obrigkeit nicht mit [Seite: 72] Gewalt entgegenstellen. Dieses Gutachten war charakteristisch für den leidsamen Gehorsam des Luthertums, seine Befolgung wurde dem österreichischen Protestantismus zum Verhängnis, da er in seiner Schicksalsstunde im Sinne jenes darauf verzichten mußte, das kostbare Gut seines Glaubens und seiner Gewissensfreiheit mit Gewalt zu behaupten.

In Augsburg erfuhren die steirischen Gesandten bei allen evangelischen Fürsten, mit Ausnahme des erst ein wenig zögernden, aber dann um so hilfsbereiteren Sachsen, sowie den Gesandten der freien Reichsstädte warmes Interesse und freundliche Aufnahme. Hingegen war Kaiser Rudolf von seinem Oheim bereits in einseitiger, entstellter Weise unterrichtet, ehe noch die Gesandtschaft in der Lage war, ihre Beschwerdeschrift einzureichen. Wahrscheinlich auf Betreiben des Vizekanzlers Schranz ließ man sie, als sie endlich am 10. September zunächst einmal ihre Schriften abgeben durften, gar nicht zur Audienz. Schriftlich erfolgte auch die kaiserliche Abweisung, die betonte, die Majestät traue der Milde Karls nichts Unrechtes und Unbilliges gegen die Städte und Märkte zu.

Noch ehe die von den evangelischen Fürsten erlangten Interzessionsschreiben von den wieder heimgekehrten Abgesandten in Graz überreicht werden konnten, führte Karl mit der gleisnerischen Berufung auf die "richtige Auslegung" der Brucker Pazifikation zwei Hauptschläge gegen die Grazer Bürgerschaft. Ein Fußfall des Grazer Stadtrates wurde ungnädig abgelehnt, über den Bürgermeister, den Stadtrichter und den Stadtschreiber wurde wegen der Duldung des verbotenen Kirchenbesuchs eine 11tägige Kerkerstrafe am Schloßberge verhängt. Die Anwesenheit der zu einem Besuche in Graz weilenden Bayernherzoge benützte Karl am 19. Oktober zu einem jenen angenehmen Schauspiel: Er wies in ihrer Gegenwart den auf das Schloß berufenen Stadtrat zur Strafe für seinen Ungehorsam aus den steirischen Grenzen und legte ihm eine Abzugssteuer auf. Ähnlich verfuhr man auf dem Lande. Man befahl an verschiedenen Orten, die evangelischen Bürgermeister durch katholische zu ersetzen, wies Prädikanten aus und stellte den begonnenen Kirchbau zu Sachsenfeld ein. Die Stimmung der Grazer Bürgerschaft klingt ergreifend aus dem in Hombergers Agende gedruckten Gebet wieder, das, "aus [Seite: 73] dringender Not im November 82. Jahres gestellt", um "Erhaltung des göttlichen Wortes und Beständigkeit des Glaubens" flehen hieß.

Die von den Abgesandten des Herren- und Ritterstandes für die bürgerlichen Glaubensgenossen eingelegte Fürsprache scheiterte an dem Widerstande Karls, den, wie stets, auch diesmal seine Gattin Maria und sein Münchner Schwager Wilhelm bestärkte. Letzterer bestimmte auch öfter den Beichtvater Karls, den Jesuiten Hans Reinel, sein Beichtkind zu schonungslosem, hartem Vorgehen gegen die Evangelischen zu beeinflussen, obzwar dies kaum notwendig war, denn Reinel gehörte zu den heftigsten und maßlosesten Predigern und gab den evangelischen Ständen wiederholt Anlaß zu bitteren Beschwerden. Seine eigenen Oberen mußten ihn ermahnen, größere Bescheidenheit an den Tag zu legen, und "wenn er von den Häretikern spreche, möge er dieselben nicht so hart und zornig durchhecheln, sondern in christlicher Sanftmut belehren". Unter Reinels Gewissensleitung war Karl selbst fast geneigt, in dem Abzug seiner lutherischen Untertanen ein Glück zu sehen, während seine Hofkammer das Scheiden der wohlhabenden Bürger nur ungern wahrnahm.

Die ihm überreichten Interzessionsschreiben der deutschen Reichsfürsten hatte der Erzherzog nur unwillig entgegengenommen und ablehnend beantwortet. Er erklärte auch jenen, dem Adel das Zugesagte belassen zu wollen, in den Städten usw. aber die freie Religionsausübung nicht gewähren zu können. Wieder folgte die angesichts der fortdauernden Bürgerausweisungen verlogene Redensart, man werde niemanden in seinem Gewissen beschweren. Die edle sächsische Kurfürstin wurde von Maria, an die sie sich gewandt hatte, in abgeschmackter, formloser Weise abgefertigt. Der Adel zog in Erwägung, ob man nicht noch eine dringlichere Intervention durch eine aus allen drei i.ö. Ländern abgeordnete Gesandtschaft bei den Reichsständen erbitten solle, denn schon redete man davon, daß nach dem Bürgertum der Adel an die Reihe käme, daß man "von Staffel zu Staffel steigen müsse, bis man am Boden liege".

Der bayrische Einfluß stieg in dieser Zeit in Graz so sehr, daß man überhaupt nichts mehr ohne die vorherige Befragung Münchens unternahm. Der bayrische Hof bestimmte, welche Personen aus Karls Hofstaat durch Katholiken ersetzt werden müßten, [Seite: 74] und sandte ihm geeignet scheinende Leute dahin. Bayern rückten in führende kirchliche Ämter ein, selbst Italiener gelangten zum Hofdienst. Die Fürsorge Münchens erstreckte sich selbst auf die Beschaffung katholischer Köche aus Bayern.

Der bayrische Kurs führte bald sogar zur schweren Bestrafung von Bürgern, die auf der Straße bei der Stiftskirche dem Gottesdienst, soweit dies möglich war, zugehört hatten. Die evangelischen Stände versuchten nun bei Karl die Einberufung eines i.ö. Generallandtages zu erreichen, der die unhaltbaren Verhältnisse bereinigen sollte. Karl aber, der nach dem Berichte eines Zeitgenossen sichs nach dem Brucker Tag "verredet, je wieder einen zu halten", bestand, ohne auf die Religionsfrage einzugehen, auf der bedingungslosen Bewilligung seiner Geldforderungen. Da rüsteten die evangelischen Stände wieder zu einer neuen Legation ins Reich, wo man allerdings in den Kreisen der evangelischen Fürsten über den zur Hilfeleistung gangbarsten Weg nicht einig war, denn man wollte bei Karl, dessen Starrsinn unbeugsam schien, den Evangelischen nicht noch mehr schaden. Da traf der Tod des pfälzischen Kurfürsten Ludwig, der zuletzt ihr wärmster Freund und Anwalt war, die steirischen Protestanten schwer. Schließlich kam die Gesandtschaft gar nicht zustande. Karl aber wurde wegen seiner Haltung am 29. September 1582 von Gregor XIII. in einem eigenen Glückwunschschreiben warm belobt.

6. Das evangelische Kirchen- und Schulwesen.

Der kirchliche Mittelpunkt des Landes war die seit den 40er Jahren benutzte, trotz des erzherzoglichen Verbotes im März 1568 dem Seifried von Eggenberg abgekaufte und ausgebaute "Eggenberger Stift". Über das Grazer Kirchenwesen konnte bereits im Jahre 1572 der Prediger Khuen schreiben: "Wir haben hier ein Haus Gottes, wo unter der Woche, besonders aber am Sonntage Predigten über das alte und neue Testament gehalten werden. Man hat früh und nachmittags eine kurze verständige Predigt, in welcher man den Zuhörern und vorzüglich der Jugend den Katechismus und die Hauptstücke des Christentums vorhält. Da läßt man die Knäblein und Dirnlein nacheinander beten, und [Seite: 75] hört, ob sie das "Vaterunser", den christlichen Glauben, die zehn Gebote Gottes, die Worte vom h. Sakrament der Taufe, vom Schlüsselamt und von der Einsetzung des hochwürdigen Abendmahls samt der Auslegung innehaben. Da examiniert man sie, wie sie sich abends beim Schlafengehen Gott befehlen und wie sie ihm für den verliehenen Schutz danken, wenn sie früh aufstehen. Man fragt, wie sie, wenn sie zu Tische gehen, Gott bitten, und ihm, wenn sie davon wieder aufstehen, Dank sagen. Ebenso werden Kinder und Gesinde zum Gehorsam gegen Eltern und Herren angehalten. Es findet sich auch, daß Kinder von 5, 6 und 8 Jahren ihren Katechismus wohl auswendig wissen, so daß man "auf dem Lande Leute von 20 bis 50 und mehr Jahren haufenweise findet, welche es ihnen nicht nachmachen können".

Als nach der Grazer Pazifikation von 1572 insbesondere wegen der erst allmählich erfolgenden Bestellung von "Viertelsprädikanten" der Mangel an evangelischen Geistlichen sich arg fühlbar machte, sandte die Landschaft den Mag. Khuen nach Deutschland, um geeignete Prediger zu werben. Es setzte ein reger Gedanken- und Personenaustausch mit dem Reiche ein. Nie ist die geistige Verbindung zwischen der Steiermark und dem Deutschen Reiche inniger und lebendiger gewesen, als in den folgenden Jahrzehnten.

Khuen schied aus dem Dienst der Landschaft, als er sich der Neuordnung des Kirchen- und Schulwesens widersetzte, an der das größte Verdienst in der Folge dem landschaftlichen Obersekretär Mathes Amman von Ammansegg zukam. An Stelle der bis dahin gebrauchten Wittenberger Kirchenordnung trat die neue, von Chyträus während seines 7monatigen Grazer Aufenthaltes auf Grund bereits gebräuchlicher deutscher Ordnungen im Frühsommer 1574 fertiggestellte Kirchenordnung, die dann, wie bereits erwähnt, von den zum Generallandtag nach Bruck berufenen 6 Kirchen- und Schulmännern im Februar 1578 ergänzt und überarbeitet und mit Ausnahme der nur im Auszug angeführten Agende der Brucker Pazifikation angeschlossen und einverleibt wurde. Während der ursprüngliche Entwurf des Chyträus bisher nicht aufgefunden werden konnte, ist die Kirchenordnung von 1578 in mehreren Stücken erhalten. [Seite: 76]

Sie umfaßt 3 Teile. Der erste und umfangreichste behandelt in Thesen und Antithesen den christlichen evangelischen Wahrheitsgehalt; eine ausführliche Behandlung der Erbsündenlehre dient der Widerlegung des Flazianismus. Der Erinnerung, das Notwendige und die Adiaphora recht auseinander zu halten, folgt die Aufzählung des zum Corpus doctrinae Gehörigen: Es umfaßt die 3 ökumenischen Symbole, den Hymnus "Te deum laudamus", die beiden Katechismen Luthers, die A.K., die Apologie, die schmalkaldischen Artikel von 1537. Hierzu kommt allenfalls das Büchlein der thüringischen Theologen von 1559, während Melanchthons Loci abgelehnt werden.

Das zweite Hauptstück, die Agende, behandelt 6 Stücke, nämlich den Gottesdienst, den Katechismus, die Beichte und Absolution, die Austeilung der beiden Sakramente, die Einsegnung der Ehe und das Begräbnis. Die in Kärnten und Krain gebräuchlichen Abweichungen vom steirischen Ritus sind stets eigens angemerkt.

Die Sonntagsgottesdienste sollen samstags durch eine Vesper eingeleitet werden. Wo Lateinschulen bestehen, möge durch Heranziehung der im Gesang ausgebildeten Schüler eine reichere liturgische und musikalische Ausgestaltung der Gottesdienste ermöglicht werden. Lesungen kann auch der Schullehrer oder ein geschickter Meßner halten, in Graz sollen die zum geistlichen Beruf sich heranbildenden Stipendiaten verwendet werden, weil sie "sich doch sonst nicht im Predigen üben, damit sie kecker werden und verständlich das Gebet aussprechen lernen". Am gewöhnlichen Sonntage haben 3 Gottesdienste stattzufinden: Der Frühgottesdienst mit einer alttestamentlichen oder Epistelverlesung und einer Predigt, der Mittagsgottesdienst mit Katechismusgesang(!), der Vorlesung aller 6 Katechismusstücke, einer kurzen Katechismuspredigt nebst anschließender Abhörung des Katechismus, bei der die Jugend nach ihrer Reife und ihrem Verständnis in 4 Gruppen zu teilen ist, und schließlich die "Vesper am Sonntag" mit Gesang, Psalmen, Gebet und einer Predigt. Diese Vesper fällt an den Feiertagen aus. Als solche gelten die heute noch in der evangelischen Kirche gebräuchlichen, aber auch noch Mariä Lichtmeß (2. Februar), Verkündigung (25. März) und Heimsuchung (2. Juli) und 14 eigens angeführte Aposteltage.[Seite: 77]

Wochentags wurden vor den schweren Pestjahren 1564/65 und 1572 bis 1577 nur dienstags und freitags Gottesdienste gehalten. Die in der Pestzeit täglich eingeführten Andachten empfiehlt die Agende beizubehalten, "weil der fürstl. Hof und das Landhaus, auch viel Stadtleute da sind und alle Tage fremdes Volk hinkommt". Auch würden dadurch die Leute an den nur von der katholischen Kirche gehaltenen Feiertagen über die darin von der "bäpstischen Kirchen" gepredigten Irrtümer gleichzeitig aufgeklärt und von der Teilnahme an den "bäpstischen Greueln" abgehalten. Zur Verlesung wird außer der Bibel auch das "Summarium [Ausgabe 1545]" des Nürnberger Reformators Veit Dietrich empfohlen.

Zur Beichte haben sich die Gläubigen in eine Liste, die der Oberpastor erhält, eintragen zu lassen, dann soll im Beichtstuhl "ein jeglicher nach seiner Gelegenheit freundlich, wie es das Hirtenamt erfordert, verhört, gefragt und unterrichtet werden". Bußfertige und im Katechismus Beschlagene sind zu absolvieren, die anderen für eine andere Zeit wiederzubestellen. Auf diese dem Oberpastor zu Meldenden ist besonders acht zu haben, "daß sie nicht zu einem der anderen Beichtväter gehen, wie die Leute denn in ihrer Torheit listig sind und meinen, sie haben Gott betrogen, wenn sie seine Diener, ja vielmehr sich selbst betrogen haben".

Die Taufe wird nach Luthers und Veit Dietrichs Taufbüchlein gehalten. Bei unehelichen Kindern77.1 hat der Pastor für ehrliche, gottesfürchtige Paten zu sorgen. Die Kindesmutter ist vom Magistrat zu büßen, zum Abendmahl wird sie erst nach der öffentlichen Buße wieder zugelassen.

Zum Abendmahl77.2 werden außer den Erwachsenen nur die großen Kinder zugelassen, die vor der Gemeinde ihre Katechismuskenntnis bewiesen und ihre "confirmatio" empfangen haben. Der Speisung geht die allgemeine Beichte voraus. Gerügt wird, daß die Adelspersonen und Hofleute, wie sie meist schon nach der [Seite: 78] Predigt das Gotteshaus verlassen, ihre Kinder nicht gern in die Kirche zur Taufe bringen, sich dort nicht aufbieten lassen wollen, auch die Speisung in ihren Häusern fordern. Es entspränge teuflischer Hoffahrt, wenn sie verlangten, "daß man ihnen ihres Adels halber auch etwas Besonderes machen soll". Solche Personen seien zu vermahnen, "daß sie die Gemeinde Gottes nicht verschmähen".

Der Eheschließung geht die an drei aufeinanderfolgenden Sonntagen gehaltene Verkündigung und eine Art Examen voraus, ob die Brautleute "den Catechismum können, zum Sakrament sich halten und christlich leben; denn weil sie nun Haushalt, Kinder und Gesinde regieren, gebührt ihnen Gottesfürchtigkeit"78.1.

Bei dem Begräbnis hält man nur auf eigenes Begehren Leichenpredigten. Diese werden verzeichnet. Beim Hinaustragen des Toten aus dem Hause singt man: "Aus tiefer Not", "Mitten wir im Leben sind", beim Hinaustragen aus der Kirche "Mit Fried und Freud’", hierauf, "Ich ruf’ zu Dir, Herr Jesu Christ", beim Versenken der Leiche ins Grab singt man bis auf die beiden letzten Verse: "Nun lasset uns den Leib begraben". Diese beschließen dann das Gebet und Vaterunser. Nach dem Segen dankt, wenn dies nicht einer aus der "Freundschaft" tut, der Prediger für die "ehrliche Folge", dann geht alles still nach Hause. Ist keine Leichenpredigt bestellt, wird auf dem Totenacker "die Vermahnung, so im Agendbüchlein vor dem Gebet geschrieben steht", verlesen. Der bisher in Graz geübte Brauch, arme Schüler in schwarze Kutten zu kleiden und sie brennende Kerzen tragen zu lassen, wird abgeschafft78.2.

Der dritte Teil der Kirchenordnung begreift 8 Stücke in sich, nämlich: Die Bestellung des hl. Predigtamtes, eine wohlgeordnete Schule, die Bestellung eines Kirchenrates, die [Seite: 79] Visitation oder Besuchung und Aufsicht auf Kirche und Schule, die Einführung notwendiger und nützlicher Synoden, die Kirchenzucht, das Einkommen und Almosen, aus dem Kirche und Schule erhalten werden, und die Errichtung einer rechten Bibliothek durch Anschaffung der notwendigen Bücher.

Es wurden drei bis vier kirchlich interessierte Adelige zu Inspektoren ernannt, die gemeinsam mit den Schulinspektoren, zu denen der Pastor gehörte, das evangelische Kirchen- und Schulwesen im ganzen Lande zu beaufsichtigen und allfällige Mängel im Einvernehmen mit den V.O. oder dem Landtag abzustellen hatten. Die Geistlichen und Lehrer, also das "Kirch- und Schulministerium", konnten gemeinsam mit den Inspektoren Synoden, im Bedarfsfall eine Generalsynode aller drei i.ö. Länder einberufen. Da die Ordination der Geistlichen in Graz vom Erzherzog beanstandet worden war, wurde sie den Berufenen, auch den steirischen Stipendiaten, fast ausnahmslos in Deutschland erteilt.

Ein Bild des geordneten steirischen Kirchenwesens geben die z.T. noch erhaltenen Grazer protestantischen Matriken79.1. Sie erweisen zugleich, daß das Bürgertum bis zuletzt viel Überzeugungstreue bewährte.

Die von der Landschaft berufenen Geistlichen erhielten eigene Bestallungsurkunden mit von ihnen eigenhändig gefertigten und gesiegelten Reversen, deren manche noch vorhanden sind. Sie verpflichteten sich auf die A.K. die steirische Kirchenordnung, gelobten ein standesgemäßes Leben, Fleiß und Eifer im Dienst wie in der eigenen Fortbildung, insbesondere im Studium der hl. Schrift. Die Landschaft strebte danach, begabte und tüchtige Männer zu gewinnen, und ließ sich ihre Berufung und Erhaltung viel Geld kosten79.2, der Oberpastor oder Rektor wurde gar durch einen landschaftl. Trompeter auf Landeskosten aus Deutschland geholt. Sehr rege waren darum die Beziehungen zu den deutschen Universitäten, bis ins 7. Jahrzehnt vor allem zu Wittenberg, dann [Seite: 80] besonders zu Rostock, wohin im 8. Jahrzehnt öfter steirische Adelssöhne ins Studium zogen, von wo Chyträus der Landschaft seine Geschichte der A. K. widmete und sie in der Anlage ihrer Bibliothek beriet, zu Straßburg, dessen lateinische und griechische Grammatik an der Stiftsschule als Lehrbuch diente, und das durch Marbach die Schulausgestaltung beeinflußte. Enge war die Verbindung mit dem Hof und der Universität Heidelberg; sandten sie doch außer manchem wertvollen Rat auch die Schwaben Papius und D. Zimmermann, dann zerriß aber das Emporkommen der kalvinischen, im Steirischen verpönten Richtung dieses innige Band. Leipzig sandte die beiden Osius, doch bestanden zur dortigen Hochschule wenig Beziehungen, wie dies auch auf Thüringen zutrifft, das aber mit Hieron. Peristerius aushalf und in Jena später gelegentlich steirische Stipendiaten beherbergte. Mehrere erhaltene Stammbücher adeliger wie bürgerlicher Herkunft geben ein deutliches Bild des geistigen Austausches mit den deutschen Hochschulen, besonders ihres Einflusses auf den steirischen Protestantismus. Seit den 80er Jahren hat Tübingen für ihn die größte Bedeutung gehabt. Von hier hatte der Kanzler Andreä sein verhängnisvolles Gutachten gesandt, von hier aus leistete der Professor D. Jakob Heerbrand den steirischen Protestanten geistige Waffenhilfe, indem er die von den Grazer Jesuiten mit Benutzung von Zitaten aus Luthers vorreformatorischer Zeit vorgenommene Fälschung seines Katechismus aufdeckte und die bissigen Grazer Jesuitenstreitschriften eines Blyssem, Scherer und Ernhofer durchhechelte und widerlegte.

Tübingen hatte zum größten Teil tüchtige steirische Geistliche und Lehrer gesandt, wie Mag. Thonner80.1, D. Frey, Plieninger, [Seite: 81] Egen, Stamler, den später in Klagenfurt wirkenden Megiser, vor allem aber den großen Astronomen Johannes Kepler.

Unter den steirischen Theologen war zweifelsohne der bedeutendste der erste "Pastor" D. Jeremias Homberger81.1, "der [Seite: 82] Atlas der evangelischen Kirche Steiermarks". Auch literarisch hervorragend tätig; "begabt, ehrbar und eifrig, treuherzig und uneigennützig, freimütig und fest, aber jähzornig, starrsinnig gegen die Menschen wie gegen sein Geschick, stets bereit, seiner Überzeugung Opfer zu bringen". Sein Mangel an Selbstbeherrschung und Vorsicht mußten ihn schließlich stürzen. In dieser Hinsicht hatte die Landschaft überhaupt nicht immer Glück mit ihren Predigern, wenngleich die theologische Streitsucht jener Zeiten, wie auch die ständigen Herausforderungen durch die Jesuiten, wie schließlich der Wortbruch und die Ungerechtigkeit des Landesfürsten vieles erklärlich und entschuldbar erscheinen lassen. Aber es gab eben doch unter den steirischen evangelischen Predigern jener Tage "eckige, steife, unglaublich streitsüchtige Naturen, die allerorten und nicht zuletzt und am wenigsten bei ihren eigenen Glaubensgenossen Anstoß erregten". Selbst Amman urteilte über manche bitter, denn er sagte von ihnen, sie hätten zur Zerstörung ihrer Gemeinden mehr beigetragen, als zur Aufbauung und so ihrem Kirchentum mehr geschadet als aller Eifer der Papisten.

An der Grazer Stiftskirche wirkten zuletzt neben dem Oberpastor 5 Stiftsprediger, den Kranken diente ein Lazarettprediger. Eigene Feldgeistliche betreuten die Truppen an der windischen und kroatischen Grenze. Außer diesen und den Stiftslehrern zahlte die Landschaft ganz oder z.T. das Judenburger Kirchen- und Schulwesen, die Prädikanten in Schladming und "in der Au", in Neuhaus im Ennstal, in der Pack, im Viertel Cilli, in Scharfenau, im Windischgräzer Boden, im Sulmtal, in Arnfels und Radkersburg, dazu etliche Lehrer und Meßner und einige Pensionisten, was insgesamt nicht viel weniger als 12000 fl. im Jahr erforderte!

Daß mehrere Kirchenbauten, oft mit Pfarr- und Meßnerhaus verbunden, in der Nähe der Städte und Märkte, wie bei Rottenmann, Neumarkt, Radkersburg, Cilli, Marburg, Leibnitz usw. entstanden, wurde bereits erwähnt. Es sind davon etwa 15 bekannt, bei etlichen lassen Ruinenspuren noch den Platz erkennen, von dem sie die Gegenreformation räumte. Die Unduldsamkeit der römischen Geistlichen zwang zur Anlage von Friedhöfen. Für die Bedürfnisse der windischen Gemeinden war durch die [Seite: 83] Herausgabe eines von Dalmatin und Truber verfaßten slovenischen Gebet- und Liederbüchleins gesorgt.

Sehr viel Fürsorge widmete die Landschaft dem Schulwesen. Aus der bescheidenen Stiftsschule der fünfziger Jahre, an der nur 3 bis 4 Lehrer wirkten, wurde im Wettbewerb mit der Jesuitenschule, besonders nach der durch Chyträus neu aufgestellten Schulordnung, eine Musteranstalt, die dem ganzen Lande zum Ansehen und Ruhm gereichte. Nach dem Vorbild der von Melanchthon in Wittenberg eingeführten Ordnung zählte die Knabenschule 3 Dekurien, die der Vorbereitung für die 4 Klassen zählende höhere Schule dienten. Erstere vermittelte nicht nur die Kenntnis des Lesens, Schreibens und Rechnens, sondern auch bei leichterer Lektüre und Pflege großer Vokabelkenntnis die Anfangsgründe des Lateinischen. Die obere Schule war in ihren in 3 Fakultäten gegliederten Oberkursen einer Hochschule gleich, sie bot eine philosophische, theologische und juristische Ausbildung. Die an ihr wirkenden Lehrer hatten den Titel "Professoren". Für den großen Ruf der jungen Schule sprach die Berufung Marbachs nach Heidelberg (1579).

Ursprünglich nur für Adelssöhne bestimmt, bildete die Stiftsschule bis zu dem hemmenden Verbot Karls ebenso die Bürgersöhne aus; arme, begabte Studenten wurden als Stipendiaten erhalten und sollten später der Landschaft dienen. Die meisten der Schüler wohnten auch in der Stift, die Edelknaben aßen aber an gesonderter Tafel, die reicher besetzt war. Für die Leistungen hervorragender Schüler wurden "Ehrenpfennige" geprägt, die sie gern an Kettlein trugen.

Hatte der Erzherzog den Jesuiten die Errichtung ihrer Bibliothek durch die Schenkung der reichen Bücherei des Klosters Millstatt und eines Teiles der Seizer Bücherschätze erleichtert, so ließ sich die Landschaft die Versorgung ihrer Bibliothek viel Geld kosten. Öfter fielen ihr auch Vermächtnisse zu, denn neben manchen Adeligen hatten auch, wie aus Verlaßverzeichnissen hervorgeht, wohlhabende Bürger damals recht ansehnlichen und wertvollen Bücherbesitz. Eine Erscheinung, die in der Gegenreformation aufhört.

Die Erhebung der Grazer Jesuitenschule zum Range einer Universität, besonders aber das Verbot des Landesfürsten, welches [Seite: 84] Bürgersöhnen den Besuch der "Stift" unmöglich machte, taten dem Bestande dieser starken Eintrag. Trotz der Einstellung auswärtiger Schüler sank seither die Zahl der Studierenden ununterbrochen; auch die reformierte Schulordnung von 1594 und die Anstellung so tüchtiger Lehrer wie Keplers brachten nicht den erhofften Aufschwung. Zu hart lagen die Maßnahmen der Gegenreformation, die die Jesuitenschule allenthalben förderte, den Stiftsschülern aber selbst ihre öffentlichen Aufführungen und Disputationen untersagte, auf der Schule.

Neben der Grazer Schule gab es eine Reihe von Lateinschulen auf dem Lande, die bedeutendste war die zu Judenburg, für die Mag. Thomas Mylius die Schulordnung ausrichtete. Sie litt aber ebenso wie die an mehr als 20 anderen Orten errichteten an dem Mangel ausgiebiger Unterstützung durch die Landschaft. Trotz der häufigen Verbote und wiederholt durchgeführten Auflösungen taten sich in vielen Städten und Märkten immer wieder lutherische "Winkelschulen" aus, deren deutsche "Schulhalter" den Kindern das Lesen und Schreiben und die Kenntnis des kleinen lutherischen Katechismus beibrachten.

Die noch erhaltenen Ausgabenbücher und Gegenbücher der steirischen Landschaft zeugten in ihren zahllosen diesbezüglichen Posten von dem Eifer und der Fürsorge, die auf die Erhaltung des Kirchenwesens und zur Weiterführung der Grazer Stiftsschule verwendet wurden. Traurig war damals aber das Schicksal der a1tgedienten Geistlichen und Lehrer. Wurde auch manchen von der Landschaft eine "Provision" (Pension) gewährt, so fertigte man doch die meisten semel pro semper ab, "wie gemeiniglich der Prediger Weib und Kindern geschieht, daß sie nach Brot gehen und andere Leute überlaufen müssen«. — —

7. Die Bedrückung der Evangelischen in den letzten Regierungsjahren Erzherzog Karls.

Auf dem Wortführer der Evangelischen, dem Landmarschall Hans Friedrich Hoffmann, lag seit 1582 die Ungnade des Landesfürsten, die sich bald in einer Reihe von gewaltsamen Eingriffen und Prozessen auswirkte. Noch härter aber traf die fürstliche [Seite: 85] Ungunst die ganze Landschaft in der am 14. Februar 1583 vom Erzherzog angeordneten Ausweisung des Landschaftssekretärs Kaspar Hirsch. Sein einstiger Schulkamerad Dr. Schranz hatte eine noch maßvolle Bemerkung Hirschs über die Nichteinhaltung des Fürstenworts Karl denunziert, der in Hirsch den "sachkundigsten Anwalt und Vertreter der evangelischen Interessen" aus dem Lande entfernte.

Da die Stände vergeblich das Äußerste versucht hatten, um den Erzherzog umzustimmen, fanden sie sich in großer Erbitterung zum Landtag ein. Den gegen ihn neuerlich erhobenen Vorwurf des Bruchs der garantierten Gewissensfreiheit lehnte Karl mit dem Hinweis ab, daß er keinen Bürger zwänge, katholisch zu werden. Im übrigen erklärte er sein Dekret vom 3. Februar 1581 neuerlich als bindend. Die Stimmung wurde immer gereizter, zumal die Stände neuerlich alle Bewilligungen sperrten. Als hierauf der Erzherzog befahl, seine Forderungen zu erfüllen, lehnten die Herren und Ritter diesen versuchten Eingriff in ihre alten Rechte und Freiheiten entrüstet ab und forderten die Einberufung eines i.ö. Generallandtages, den Karl nur dann zu bewilligen erklärte, wenn auf ihm nicht Religionssachen gehandelt würden. Da die Stände dies ablehnen mußten, ging der Landtag ergebnislos auseinander.

Der "zerstoßene" Landtag schien die Angriffslust Karls noch zu steigern. Mit seinem Einverständnis und seiner Hilfe begannen jetzt die geistlichen Grundherren aus den Pfarren ihres Besitzes lutherische Prädikanten, von denen manche schon jahrzehntelang dort wirkten, zu vertreiben und durch römische Priester zu ersetzen. Der aus dem Kölner Handel wiederkehrende Nuntius Malaspina goß Öl ins Feuer. Er hätte es überhaupt gerne gesehen, wenn der so schwer gereizte evangelische Adel sich zu offenem Aufruhr hätte hinreißen lassen, denn eine Güterkonfiskation nach einem mißglückten Aufruhr hätte die Vormacht des Adels gebrochen und außerdem auch der Kirche große finanzielle Vorteile gebracht. Der Nuntius äußerte diese Anschauung offen, indem er dem auf die bei weiteren Unterdrückungen aufsteigende Gefahr eines Widerstandes hinweisenden Hoffmann erwiderte: "Wollte Gott, damit wollten wir bald unsere Schulden bezahlen!" [Seite: 86]

Das Fronleichnamsfest 1583 brachte einen neuen Konflikt. Die Prediger Mag. Egen und Thonner hatten gemäß ihrer Verpflichtung gegen die Prozession auf der Kanzel polemisiert; von den Jesuiten bestellte Späher, die regelmäßig in der Stiftskirche sich einzustellen pflegten, zeigten verschiedene Predigtwendungen an. Der Erzherzog forderte Rechenschaft. Das von den V.O. dem D. Homberger übertragene Gutachten erklärte den Predigtinhalt biblisch und fand das Auftreten der Prediger bescheiden und instruktionsgemäß. Karl jedoch befand Egens Predigt gotteslästerlich und wies ihn am 25. Juli aus dem Lande, Thonner wurde kurz nacheinander zweimal verwarnt und ihm das "Skalieren" untersagt. Die bestürzten Stände sandten dem ins Oberland verreisten Fürsten eine Deputation nach, die ihn umstimmen sollte, jedoch vom Fürsten hart und ablehnend, ja sogar mit Gewaltandrohung abgewiesen wurde. So mußte denn Egen schweren Herzens abgefertigt werden. Auch die von Karl am 25. September 1583 gebotene Einführung des verbesserten gregorianischen Kalenders brachte neue Mißhelligkeiten. Homberger und einige Adelige lehnten den Kalender ab, Karl wiederum erklärte im November, künftig keine Zuschriften alten Stils mehr anzunehmen und bedachte solche mit einem Strafsatz von 1000 Dukaten. Da der neue Kalender zweckmäßig war und allenthalben Eingang fand, bequemten sich auch die steirischen Stände schließlich zu seiner Annahme, nicht ohne jedoch ausdrücklich zu betonen, daß die vom Erzherzog erhobenen Drohungen unangebracht und gegen die Rechte und Gewohnheiten des Landes gewesen seien, weshalb man sie künftig mit ähnlichem verschonen möge.

Auch für den im Dezember 1583 einberufenen Landtag war eine Fülle von ständischen Religionsbeschwerden eingelaufen. Um eine gedeihliche Arbeit zu ermöglichen, bildete sich ein Ausschuß, dem auch der Seckauer Bischof sowie zwei Städtevertreter beigezogen wurden, und der die seit 3 Jahren zwischen der Regierung und den Ständen schwebenden Unstimmigkeiten bereinigen sollte. Kaum waren die Verhandlungen in Graz in Angriff genommen, als die im landesfürstlichen Auftrag in Leoben erfolgte Anhaltung des landschaftlichen Boten einen neuen Konflikt heraufbeschwor. Karl hatte schon lange den regen [Seite: 87] Schriftenwechsel zwischen seinen Ständen und den von ihnen um Hilfe angerufenen Glaubensgenossen im Deutschen Reiche beargwöhnt, aber die Brutalität, die in der Wegnahme der Korrespondenz, von der acht Schreiben im landesfürstlichen Auftrag erbrochen und zurückgehalten wurden, lag, mußte die Landschaft auf das tiefste erbittern. Sie protestierte unter den heftigsten Vorwürfen gegen diesen Vorgang, wie er sonst kaum in Italien möglich sei. Der Erzherzog berief sich auf seine landesfürstliche Macht, die ihm das Recht gebe, von dem Verkehr seiner Stände mit den deutschen Reichsfürsten Kenntnis zu nehmen. Die Audienz, in der die Abgeordneten des früher erwähnten Ausschusses ihre Beschwerdeschrift überreichten, verlief recht erregt. Karl nahm zwar die Eingabe entgegen, wies aber die bürgerlichen Vertreter aus dem Zimmer, mit dem Bemerken, er habe mit ihnen nichts zu verhandeln, sie hätten vielmehr zu gehorchen. Die Adeligen beschwerten sich hart, daß man trotz aller friedlichen Zusagen ihre bürgerlichen Glaubensgenossen von ihnen trenne, der Erzherzog erwiderte, er bleibe "bis in die Gruben" ein katholischer Fürst und halte als solcher, was er in den letzten Jahren angeordnet habe, mögen auch noch so viele Interzessionen evangelischer Reichsfürsten einlangen. Wolle man die Sache auf die Spitze treiben, dann werde er auf alle seine Untertanen, keinen ausgenommen, die Bestimmungen des Augsburger Religionsfriedens anwenden. So erhob Karl im Groll zum erstenmal unverhüllt die Drohung der allgemeinen Protestantenausweisung.

Die evangelischen Herren und Ritter wurden stutzig. Ihr bisher geführter Widerstand ermüdete allmählich an den vielen unüberwindlichen Schwierigkeiten, er wurde lahmer und erfolgloser; schon tauchte versuchend die Erwägung auf, ob es nicht besser wäre, das Bürgertum preiszugeben, um wenigstens für sich selbst die Glaubensfreiheit zu retten. Aber jenes wandte sich in seiner Bedrängnis gerade jetzt dringender als je mit der Bitte an den Adel, die treuen Bekenner des Evangeliums in den Städten und Märkten nicht zu verlassen.

Nach langen ergebnislosen Verhandlungen suchte schließlich die Landschaft durch die bedingungslose Bewilligung der Geldforderungen Karls diesen milder zu stimmen. In dieser Hoffnung wurde sie aber bald bitter enttäuscht. [Seite: 88]

Denn bald setzten auf dem Lande neue Verfolgungen ein. In Neumarkt und einigen anderen Orten wurde das 20 Jahre lang fast ungestört geübte Exerzitium eingestellt, die Regierung verjagte die viele Jahre dort wirkenden Prediger, vielfach alte "erlebte" Männer. Am schärfsten war jedoch wieder das Vorgehen in Graz. Die hartnäckigen bürgerlichen Besucher der Stiftskirche, über die die Regierung eine eigene Liste führte, wurden eingekerkert, man schritt sogar zu Konfiskationen und Ausweisungen. Da entschloß sich das drangsalierte evangelische Bürgertum zu einem ergreifenden letzten Versuch: Am 21. Mai 1584 sammelten sich um 10 Uhr morgens vor der Burg an 5000 Bürgersleute, Männer, Frauen und Kinder zu einer Petition, fielen, als deren Ausfertigung dem Erzherzog überreicht wurde, in die Knie und baten, sie doch um Gottes Willen bei ihrem Glauben zu lassen. Ihr Landesvater hatte für sie nur den durch einen Hofdiener überbrachten höhnischen Bescheid, "und wenn sie Tag und Nacht auf den Köpfen stünden, so würden sie doch nichts ausrichten". Die Verfolgung wurde noch ärger. Entgegen den alten Stadtfreiheiten setzte Karl den katholischen Schloßhauptmann Julius von Sara als "Stadtanwalt" ein, den der Rat von Stund an zu allen Sitzungen und Beratungen beiziehen mußte. Nun enthielten sich manche Bürger des Kirchgangs, andere folgten dem Zwang ihres Gewissens und fanden sich trotz der in den der Stiftskirche benachbarten Gassen bestellten Späher und Aufpasser zu Hunderten sonntags zur Predigt ein. Neue Ausweisungen alteingesessener Bürger folgten; den Hinweis auf die dadurch abnehmende Steuerkraft der Stadt lehnte der Erzherzog ab. Die Beherbergung heimlich Zurückkehrender wurde mit 300 fl. Strafe belegt, das Gut der Verbannten in solchem Fall eingezogen. Am 5. Oktober 1584 verbot Karl in einem Mandat den Prädikanten sogar, den Bürgern in ihren Häusern zu dienen. Da er ihnen damit auch den Privatgottesdienst nahm, baten die Bürger den Landesfürsten "sie in einem Hof oder geräumigen Platz ein Predigthaus errichten zu lassen". Diese aussichtslose Bittschrift trauten sich die Räte dem Fürsten gar nicht vorzulegen.

So blieb den Bürgern nur der nicht ungefährliche Weg, außerhalb der Stadt die Gottesdienste zu besuchen. In Graz [Seite: 89] wurde das Treiben der römischen Partei immer herausfordernder. Man wagte sich sogar an den Adel heran. Diener des Nuntius warfen nach einer Standesperson Steine, man rügte sie gar nicht. Der Pfarrer zu St. Andrä weigerte den Adeligen die Bestattung in ihren Erbbegräbnissen; besonders hatten aber die Prediger zu leiden. Der Erzherzog ließ sie nicht einmal zu einem evangelischen Delinquenten, den man den Jesuiten zur Vorbereitung auf den Tod überlieferte. Der Vorstadtpöbel belästigte die Prediger, wenn sie aus der Nachbarschaft in die Stadt zurückkehrten, ebenso handelten manche katholischen Pfarrer der Umgegend. Jene klagten: "Von uns kann keiner mehr über die Gasse gehen, ohne daß man über uns spottet, pfeift und lispelt, vor uns ausspuckt, uns stoßt und alles anwendet, um uns hinauszubringen".

Die in dieser Notlage von den V.O. neuerlich aufgestellten Generallandtagsforderungen scheiterten wieder an der vom Erzherzog geforderten Ausschaltung der Religionsfrage.

Unter dem ständigen Druck der Regierungsmaßnahmen wagten die meisten Ratsherren nicht mehr die Kirche zu besuchen, ja es kamen die ersten Übertritte in der Grazer Bürgerschaft vor. Die Prädikanten verlasen in Ausübung der Kirchenzucht ihre Namen von der Kanzel, man heftete sie in der Stift an. Als man im Auftrage Hombergers einem verstorbenen, zuletzt sehr vorsichtigen Ratsherren, der seinerzeit mitgelobt hatte, bis zum Äußersten festzubleiben, die Leichenpredigt weigerte, bestieg, vom Rate herausgefordert, Homberger trotz des über ihn seit Jahren verhängten Predigtverbotes am 4. August 1584 die Kanzel und hielt eine scharfe Mahnpredigt über Math. 10, 32, 33, in der er die Halben, Wankenden und Vorsichtigen mit Zorn und Spott bedachte. Zwei Wochen später wurde ihm das Ausweisungsmandat eingehändigt, mit Mühe gelang es den Ständen, die 14 tägige Frist etwas zu erstrecken. Allen anderen Vorstellungen begegnete der Fürst mit der Erklärung: "Entweder er oder der Homberger müßten aus dem Lande". Am 8. November verließ der Grazer Superintendent, von einem landschaftlichen Trompeter bis nach Regensburg begleitet, krank und hinfällig das Land. Die Hoffnung auf baldige Wiederkehr erfüllte sich nicht. Sehr zum Verdrusse des Exulanten berief die [Seite: 90] Landschaft im nächsten Jahre aus Heidelberg den Schwaben D. Wilhelm Zimmermann90.1, doch leistete sie Homberger seine Besoldung weiter, wie sie auch seine ausgedehnte literarische Tätigkeit geldlich stützte.

Die Ausweisung Hombergers, dessen Verhalten im evangelischen Lager von manchen nicht gebilligt worden war, gab den V.O. Anlaß, die Prediger vor weiteren scharfen Angriffen zu warnen und sie zur Mäßigung anzuhalten.

Der Rekatholisierung des Landes kam die Neubesetzung der Bistümer Seckau und Lavant sehr zugute. Nach Seckau sandte der Salzburger Erzbischof den dortigen Domherren Martin Brenner, einen weitgereisten, erst in den Familien Montfort und Fugger bedienstet gewesenen Schwaben, der bald zu den intimsten Beratern der fürstlichen Familie gehörte und in den nächsten Jahrzehnten sich den Beinamen des steirischen malleus haereticorum erwarb. Der Gurker Dom wurde dem Preußen Georg Stobäus von Palmburg, gleich dem Ketzerhammer Mitglied des Domkapitels zu Salzburg, überantwortet. Sie wurden die eifrigsten Mitkämpfer der Jesuiten, deren Einfluß Karl durch die im Jahre 1585 gewährte Rangerhöhung ihrer Schule zur Universität noch vermehrt hatte, wie er auch seinen jungen Sohn Ferdinand als ersten in deren Matrikel eintragen ließ. Ein Verbot an die Landeskinder, an keiner auswärtigen Hochschule zu studieren, sondern die Grazer zu besuchen, sollte, [Seite: 91] auch wenn es von der Landschaft, die nach wie vor in Deutschland Stipendiaten unterhielt, nicht ganz befolgt wurde, die neue Schule füllen. Andererseits schädigte der Erzherzog durch die Anordnung, kein Grazer Bürgerssohn dürfe eine andere Lateinschule als die der Jesuiten besuchen, die Stiftsschule sehr, der man neuerdings die öffentlichen Disputationen und Ausführungen untersagte und die in der Flut von Schmähschriften, die der erzherzogliche Beichtvater und Rat Ernhofer und seine Helfershelfer losließen, öfter verspottet wurde. Da nach den mit Homberger gemachten Erfahrungen der neue Pastor Zimmermann sich vorsichtig verhalten mußte, wurde, wie bereits erwähnt, der Tübinger Professor Heerbrand mit der literarischen Verteidigung des Protestantismus betraut.

Der von Papst Sixtus V. am 19. April 1586 wegen seines Glaubenseifers belobte Erzherzog wurde in diesen Jahren besonders durch den Nuntius Andreas, Titularbischof von Britonoria, beraten, der den im Lande so verhaßten Malaspina an Streitlust womöglich noch übertraf. Der katholische Regimentsrat arbeitete ganz im Sinne Karls. Allerdings gab es auch im römischen Lager viel zu bereinigen. Die Zucht und Ordnung im katholischen kirchlichen Leben ließ noch viel zu wünschen übrig, die Vermögensverhältnisse besonders der Klöster waren vielfach zerrüttet, die Regierung erwog sogar die Errichtung eines eigenen Klosterrates, kam aber schließlich wieder von diesem Plane ab.

Die Landeshauptmannstelle wurde zum erstenmal wieder mit einem Katholiken aus dem im Lande gar nicht so angesehenen Geschlecht der Montfort besetzt. Neue Übergriffe lösten neue Klagen aus. Das Verbot des Fleischaushackens an Fasttagen wurde auch auf die Evangelischen erstreckt. Zu Begräbnisverweigerungen, die allerdings öfter gegen Geldleistungen aufgehoben wurden, gesellten sich die ersten Gräberschändungen, indem bestattete Evangelische wieder aus der geweihten Erde gerissen wurden. Wollten die Evangelischen nun eigene Friedhöfe errichten, wie etwa Herr Schratt in Kindberg, wurde dies von der Regierung untersagt. Der größte Frevel ereignete sich im Auftrag des Landesfürsten in Neumarkt. Der dortige katholische Pfarrer hatte sich beschwert, daß die meisten Bürger in die Schloßkapelle des Herrn Jöbstl nach Lind gingen "mit großen Haufen, daß [Seite: 92] das Schloß nit alle fassen mag«; Als der Befehl Karls, dieses Kirchenwesen einzustellen, unausgeführt blieb, bekam der Hofprofoß den Auftrag, mit Hilfe von bewaffneten St. Lambrechter Klosteruntertanen das Bethaus einzureißen. In der Tat verwüsteten sie das Dach und zerschlugen die Türen und die Kirchenstühle. Die ständische Beschwerde im Februar 1587 blieb unbeachtet.

Zur nachhaltigen Rekatholisierung der Bürger und Bauern wurde im Jahre 1587 die später so verhängnisvolle Religionsreformationskommission eingesetzt, die meist aus einem der Äbte und einem Regierungsbeamten bestand, denen Landsknechte in der erforderlichen Zahl beigegeben wurden. Denn die handfeste steirische Bauernschaft zeigte sich nicht so leidsam als der Adel und das Bürgertum. Eine unter Beiziehung eines salzburgischen Kommissärs in der Freisinger Herrschaft Rotenfels, und zwar in Oberwölz und St. Peter am Kammersberg abgehaltene Kommission, die große Schwierigkeiten zu überwinden hatte, erwies sich beispielsweise so wenig nachhaltig, daß schon im Jahre 1590 Bauernburschen am 3. Pfingsttag den damals neueingesetzten Wölzer Pfarrer auf der Straße überfielen und mit der Drohung "sie brauchten keinen Meßpfaffen" in den Pfarrhof geleiteten, dessen Fenster von der erregten Menge eingeworfen wurden. Noch dreimal bedrohte man ihn gar mit dem Erschlagen. Die Bevölkerung verlangte seinen Abzug und wünschte den Judenburger Prädikanten an seiner Stelle zu sehen. Die zu St. Peter, deren Pfarrer sein Heil in der Flucht suchte, nahmen mit der Erklärung, sie seien augsburgisch getauft, einen früheren Mönch auf, der ihnen evangelisch predigte. Eine neue, 7 Jahre später gehaltene Kommission hatte nicht mehr Erfolg. Trotz der Nähe des Freisinger Pflegers fanden sich wieder die Bauern mit Knütteln unter der Kanzel der Oberwölzer Kirche ein und drohten bald nach dem Abzuge der Kommission dem wenig beneidenswerten römischen Priester mit dem Erschlagen, wenn er nicht weiche. Es war sehr schwierig, die den verschiedensten Grundobrigkeiten zugehörenden Missetäter einer Bestrafung zuzuführen; bei den meisten unterblieb sie ganz.

Im Jahre 1587 begann die Reformationskommission, aus dem Admonter Abte und dem Kammerprokurator Jöchlinger [Seite: 93] bestehend, auf Befehl Karls auch in dem ihm wegen der "Hoffmännischen Religion" besonders verhaßten Ennstal zu wirken. Die zuerst geplante Abschaffung des Prädikanten in Oblarn endete mit dem gleichen Mißerfolg wie die vom Wolkensteiner Landpfleger Primus Wanzl versuchte Einstellung des lutherischen Exerzitiums "in der Au". Fast wäre es hier zu einem Aufstand gekommen, der sich tatsächlich erhob, als eine neue Kommission die Hoffmannschen Pfarren Liezen, Lassing und Oppenberg katholisch machen wollte. Die Bauern empfingen sie "mit gewehrter Hand" und zwangen sie zum Abzug, was dem Grundherren Hans Friedrich Hoffmann bei Karl so schwere Ungelegenheiten bereitete, daß er fast Lust bekam, abzuwandern, wie sein Bruder Ferdinand, ein berühmter Bücherliebhaber, bereits getan hatte, der sich in Mähren ankaufte und am Prager Hofe bis zum Range eines Kammerpräsidenten stieg. Bei einer dritten Kommission, die im Oktober den Prädikanten zu Gröbming absetzen wollte, hatte der Admonter Abt ähnliches Mißgeschick. Die Gemeinde erklärte für den Fall, daß ihr Prädikant weichen müsse, einen anderen zu nehmen, welcher "der A.K. gemäß" sei. Als der erzürnte Abt drohte: "Ihr werdet nit nachlassen, bis man etliche henken wird" entgegneten die Gröbminger, sie verhofften, "der Hanf sei noch nit gewachsen, an dem sie hängen sollten". Der weitere Wortwechsel erregte die Bauern so sehr, daß die Kommissäre, "in ein Haus weichen und ungeschaffter abziehen" mußten.

Mehr Erfolg hatten die Unternehmungen,der Kommission in den Städten. In Bruck, Kindberg, Judenburg und Radkersburg wurden Bürger wegen Teilnahme am lutherischen Exerzitium vorgeladen und gebüßt, in Fürstenfeld sogar eingekerkert und mit empfindlichen Geldstrafen bedacht. Zur Rekatholisierung von Hartberg und Fürstenfeld hatte man sich den Jesuiten Michael Cardaneus verschrieben, der in den Jahren nach 1578 im Auftrage Adams von Dietrichstein dessen mährische Herrschaft Nikolsburg mit großem Erfolge wieder zum alten Glauben zurückgebracht hatte. Im März 1589 begann er "der Lutherey" in Hartberg ein Ende zu bereiten. Er suchte aus der Vergleichung der lutherischen und der zwinglischen Übersetzung mit dem römischen Bibeltext nachzuweisen, an wieviel hundert Stellen die [Seite: 94] Reformatoren das Gotteswort verfälscht hätten. Mehr als diese Bemühungen erreichte aber die landesfürstliche Gewalt, die in Hartberg Richter und Rat, soweit sie sich zum Luthertum noch bekannten, "mit Spott und Hohn abziehen" hieß. Fünf Wochen dauerte die Arbeit des Cardaneus hier und in Fürstenfeld, sie wurde durch ein Lobschreiben der Erzherzogin Maria gekrönt, die dem Jesuiten versicherte, es habe sie "von Herzen gefreut, daß er den Fasching so wohl angelegt habe," worauf dieser erwiderte, daß das Hauptverdienst an den für so kurze Zeit unglaublichen Erfolgen ihr und ihrem Gatten gebühre94.1. Die Marburger mußten, nachdem der Gottesdienst im benachbarten Schlosse Windenau eingestellt worden war, auf freiem Felde ihre Andacht halten.

In Graz wurde das von der Regierung stillschweigend geduldete Treiben der Jesuiten immer frecher und herausfordernder. Patres besuchten die Predigten und benahmen sich so ärgerlich, daß die Gottesdienstbesucher von Besonnenen nur mit Mühe abgehalten werden konnten, ihnen die wohlverdienten Schläge zu erteilen; da sandten sie katholische Handwerksburschen, welche die Andacht durch Schwätzen, Schnarchen, Lachen und Pfeifen störten. Jesuiten gingen in die Vorlesungen der Stiftsschule und unterbrachen sie durch herausforderndes Disputieren und Schmähen. Beschwerden der V.O. erreichten nichts anderes, als daß der Erzherzog erklärte, die Sache verhalte sich gerade umgekehrt, die Prädikanten mögen sich bescheiden verhalten, sonst würde er sie ausweisen. Aus dem Zusammenhang gerissene, entstellte Predigtstellen dienten zum Beweise jener Verdächtigung; die im allgemeinen Kirchengebet gesprochene Fürbitte für die um ihres Glaubens willen Ausgewiesenen galt als Verbrechen! Hingegen durften die Jesuiten die Prädikanten auf ihren Krankengängen ungestraft verhöhnen und belästigen.

Als Helfershelfer der Jesuiten trat der Pöllauer Propst Peter Muchitsch, ein im eigenen Lager berüchtigter, der Notzucht und des Kirchenraubes bezichtigter Geistlicher, mit der Veröffentlichung verleumderischer und gehässiger [Seite: 95] Streitschriften auf, welche empfahlen, die Evangelischen wie den Teufel oder den Türken zu behandeln und allerhand Wege zu ihrer Vernichtung vorschlugen. Die literarische Erledigung dieser Schriften besorgte in ebenso derber als treffender Form der Tübinger Stiftsprediger Mag. Wilhelm Holder. Die evangelischen Herren und Ritter weigerten sich, ohne mündlich und schriftlich erfolgten Widerruf und ohne Entschuldigung des Propstes den Muchitsch im Landtag weiter in ihrer Mitte zu dulden. Trotz seiner gleisnerischen Behauptung, er habe nicht die steirischen Protestanten gemeint, mußte er die geforderte Genugtuung leisten, brach aber bald seinen Widerruf durch die Veröffentlichung einer neuen Schmähschrift, die im Landtage abermals schwere Kämpfe heraufbeschwor.

Die letzte Regierungszeit Karls hielt die Landschaft in einer schwülen Spannung. Die ständigen Herausforderungen durch die katholische Partei, der Einspruch des Grazer Stadtpfarrers gegen alle von den evangelischen Predigern vorgenommenen Amtshandlungen, die er als Eingriff in seine geistlichen Rechte bezeichnete, schließlich der neue, im April 1590 von der Regierung aufgezwungene katholische Bürgereid ließen die Evangelischen nur schwer Besonnenheit und Mäßigung bewahren.

Zuletzt aber löste eine besonders harte Regierungsmaßnahme in Graz einen bösen Tumult aus. Der Bindermeister Ruep Dietrich, ein ehemaliger Hofdiener, dessen Sohn evangelischer Prediger werden wollte und trotz des für die Bürgerssöhne bestehenden Schulverbotes die Stift besuchte, wurde ebenso wie sein Sohn gefangen gesetzt und mit einer Geldstrafe belegt. Ein erneutes Vorgehen gegen den unbeugsamen Bürger brachte das Volk so auf, daß ein schwerer Tumult am 4., 5. und 6. Juni 1590 die Stadt erfüllte, bei dem beinahe das Rathaus gestürmt und der Stadtrichter zu Schaden gekommen wäre. Die Tumultuanten, meist Angehörige der unteren Volksschichten, drohten und tobten, sie würden unter den Katholiken eine "parisianische Bluthochzeit" anrichten. Nur mit Mühe gelang es etlichen besonnenen Bürgern, die Ruhe wieder herzustellen.

Auch andernorts griff man zur Selbsthilfe. Als der katholische Pfarrer in Fehring am Ortsausgang einen Kalvarienberg errichtete, hieb die Bevölkerung die drei Kreuze um, verwahrte [Seite: 96] den Gekreuzigten und ließ die Schächersäulen liegen. Den Profoßen, der nach der Rekatholisierung von Ilz, wo der über 30Jahre wirkende Prediger weichen mußte, im landesfürstlichen Auftrag die schöne den Herbersdorfs gehörige Kirche zu Kalsdorf einreißen sollte, zwang der Grundherr im Verein mit seinen Nachbarn durch eilig bewaffnete Bauern zum Abzug.

Alle diese Streitfälle sollte der kränkelnde, im niederösterreichischen Bade Mannersdorf vergeblich Heilung suchende Landesfürst nach seiner Rückkehr regeln. Über Mariazell, dessen Gnadenaltar er auf Bitten der Jesuiten hatte neu herrichten lassen und an dem er jetzt die Kommunion empfing, reiste Karl nach Graz, wo er am 7. Juli schwach und totkrank ankam und schon nach 3 Tagen starb. Sein Leichnam wurde, von zahlreichen Standespersonen geleitet, über Knittelfeld, wo der Stadtpfarrer sich in seiner Trunkenheit zur Totenandacht unfähig erwies, nach Seckau gebracht und in dem vom Verstorbenen errichteten prächtigen Mausoleum in der Abteikirche beigesetzt96.1.[Seite: 97]

Nach einer flüchtigen Jugendneigung zum Luthertum hatte sich Karl während seiner Regierungszeit zum erbitterten Gegner der Reformation entwickelt, nicht zuletzt unter dem Einfluß seiner Gattin Maria, der die Geschichtsschreiber neben ihrer "Jagdlust und Prunksucht", aber auch "ihrer Frömmigkeit und ihrem Wohltun" eine "sehr dürftige Bildung" verbunden "mit großer Beschränktheit" nachsagen. Von ihrem Einfluß bereits auf den kurz angetrauten Gatten erzählt die Anekdote, daß Karl sich von einigen evangelischen Adeligen einst bereden ließ, nur wenigstens einmal einer evangelischen Predigt beizuwohnen und mit ihnen eine solche bei einem blinden Alten, der im Freien zu sprechen pflegte, anzuhören. Maria, der der Entschluß ihres Gatten mitgeteilt ward, erklärte, ihn sofort für immer zu verlassen und nach Bayern heimzukehren, wenn er bei seiner Absicht verharre, worauf der Erzherzog sich sofort seiner Gemahlin fügte. Sie kannte im Eifern gegen das lutherische Evangelium kein Maß und Ziel und wußte ihres Gatten bisweilige Schwäche und Nachgiebigkeit immer wieder zu überwinden. So bestärkte sie seine tiefer, aufrichtiger Abneigung entspringende Bekämpfung des Protestantismus im Lande. Verwerflich waren aber "die unsauberen Mittel, zu denen er sich hinreißen ließ". Der in München ausgearbeitete Plan der stufenweisen Durchführung der Gegenreformation, an dessen Durchführung Karl der frühe Tod hinderte, wurde später auch in Österreich und Böhmen angewendet. Man kennt die Folgen: "Von der kleinen Hofburg in Graz ist der Dreißigjährige Krieg ausgegangen".

8. Die Lage des steirischen Protestantismus während der Vormundschaftsregierung (1590-1595).

Als Erzherzog Karl starb, war sein ältester Sohn und Nachfolger Ferdinand erst 12 Jahre alt. Nachdem Jakob Adam von Attems ihn durch 8 Jahre erzogen hatte, war er, besonders auf das energische Drängen seiner Mutter hin, nicht lange vor [Seite: 98] dem Tode Karls nach Ingolstadt gesandt worden, wo er gemeinsam mit seinen bayrischen Vettern unter der Anleitung der Jesuiten stand. Mehrere Vorstellungen und Bitten des steirischen evangelischen Adels, den künftigen Landesfürsten in der Heimat ausbilden zu lassen und ihn damit dem Einfluß sowohl der bayrischen Verwandtschaft als auch der Ingolstädter Jesuiten zu entziehen, scheiterten an dem Widerstande Marias, die auch entgegen dem von ihrem Gatten im Testamente ausgesprochenen Wunsche, Judenburg zum Witwensitz zu wählen, in Graz verblieb, wo sie zunächst die Regierungsgeschäfte übernahm.

Übrigens steigerte sich ihre Frömmigkeit mit ihrem zunehmenden Alter ins Krankhafte. "Sie stand täglich schon vor 5 Uhr früh auf, betete und betrachtete in ihrem Schlafzimmer, hörte drei hl. Messen und las in ihren Erholungsstunden gern geistliche Bücher», Predigten oder das Evangelium. Sie fastete nicht nur an den gebotenen Fasttagen, sondern auch an jedem Dienstag, dem Todestag ihres Gemahls, und geißelte sich sogar." Ihre 15 Kinder erzog sie im strengsten Katholizismus und ihre größte Freude war, daß zwei Söhne und zwei Töchter geistlich wurden98.1. Tagelang zog sie sich später in Graz in das Paradeiskloster in der ehemaligen evangelischen Stift zurück, um "mit den Nonnen zu arbeiten, zu beten, zu fasten und die niedrigsten Hausdienste zu verrichten." Auf ihrem Sterbebette legte sie zuletzt nach der durch den Nuntius ihr erteilten letzten Ölung selbst das Gelübde des Klarissenordens ab, in deren Ordenskleid sie auf ihren Wunsch auch bestattet wurde.

In seinem Testamente hatte Karl außer seiner Gattin Maria und dem Kaiser Rudolf seinen Bruder, den Tirolerherzog Ferdinand, sowie seinen Schwager Wilhelm, Herzog von Bayern und Pfalzgrafen bei Rhein, als Gerhaben für seinen unmündigen Sohn eingesetzt. Bevor der vom Kaiser einzusetzende Regent bestimmt war, führte Maria, deren testamentarisch vorgesehene, aber von ihr nie durchgeführte Übersiedlung nach Judenburg vielleicht bestimmend für das weitere Schicksal des Protestantismus im Lande hätte werden können, das Regiment, nicht ohne [Seite: 99] sogleich die ihr damit gegebene Macht zur Bedrängung der evangelischen Bevölkerung im oberen Mur- und Ennstal zu benutzen.

Der vom Kaiser mit der Regierung von IÖ. betraute Erzherzog Ernst weigerte die Erfüllung der von den steirischen Ständen vor der Huldigung gestellten Forderung, mit den anderen Privilegien auch die Pazifikation von 1578 zu beschwören, ein Begehren, das selbst den Prälaten nicht unerhört schien. Vom Kaiser insgeheim in seinem Widerstande bestärkt, erklärte Ernst im Sinne des verstorbenen Vorgängers sich die Verfügung über die Städte und Märkte vorbehalten zu müssen. An dem Widerstande Ernsts scheiterte im ·Februar 1591 der Landtag und die Huldigung mußte indessen unterbleiben.

In dieser ungeklärten Lage suchten die drei i.ö. Landschaften Fühlung miteinander, man beschloß wieder mit der Steuersperre zu drohen. Die Lage wurde für die Regierung bald um so schwieriger, als im evangelischen Lager sich die Stimmen mehrten, die ein entschiedenes Auftreten forderten. In den Städten und Märkten sah man den Augenblick für gekommen, das Abtreten der aufgezwungenen katholischen Richter zu betreiben. Der Hof berichtete nach Bayern, daß die Prädikanten lehrten, "jetzt sei die Zeit, daß man dazu tue, wenn das so fortginge, könne es mit dem Katholizismus ein Ende haben". Allein auch in diesem für sie günstigen Augenblick riet der Führer der Evangelischen, Amman, zur Mäßigung.

Sowohl Ernst als auch die Stände, die eine eigene Gesandtschaft nach Prag sandten, riefen die Entscheidung des Kaisers an, der übrigens vom Grazer, Innsbrucker und Münchner Hofe fortlaufend im Sinne der katholischen Partei berichtet wurde. Nach langwierigen Verhandlungen erreichte die Ständegesandtschaft von Rudolf die Zusage, Ernst werde erklären, es in Religionssachen so zu halten, wie es Erzherzog Karl "gehalten habe". Den mit dieser Erklärung Unzufriedenen schlug Rudolf in der Audienz vom 31. Oktober die Änderung, "wie sich Erzherzog Karl mit den Ständen verglichen habe", vor, schließlich einigte man sich auf das Wort "bewilligt". So endete der große Huldigungsstreit mit der zwar nicht namentlichen aber inhaltlichen Einbeziehung der Pazifikation in die Eidesformel, in der Ernst [Seite: 100] die Innehaltung der alten Rechte als auch die von Karl bewilligten Vergleichungen, Konzessionen usw. beschwören mußte. Trotzdem kam es im Februarlandtag 1592, der endlich die Huldigung herbeiführen sollte, nochmals wegen der religiösen Rechte der Städte und Märkte zu einer heftigen Auseinandersetzung; beide Parteien sandten neuerlich Gesandte an den Kaiser, auf dessen Anraten sich schließlich Ernst zu der Erklärung bequemte, es werde bis zu Ferdinands Mündigkeit alles so verbleiben, wie es sein Vater in Religions- und Profansachen gehalten habe. Erst dann leisteten die Stände die Huldigung, bei der »Ernst "auf alle Heiligen", die Stände "auf das heilige Evangelium" schwuren. Hierauf erfolgte schließlich durch letztere die Bewilligung der Türkenhilfe und der für die Grenzbefestigungen notwendigen Beträge.

Bezüglich Ferdinands fand außer den steirischen Ständen nun auch sein Tiroler Oheim, daß seine Weitererziehung in der Heimat geratener wäre, denn so äußerte er sich dem Kaiser gegenüber: Ferdinand sei durch die Jesuiten "etwas blöde" gemacht worden, "verzagt und schwächlich in seiner Haltung, sei sein Aussehen nicht das beste". Wenn er sich noch lange in Ingolstadt bei den Jesuiten aufhalte, so werde ihm dies beim Regierungsantritt bei seinen Ständen "mehr zum Haß und zur Verbitterung gereichen". Der Tiroler empfahl, ihn statt der vielen geistlichen Übungen nun lieber einer militärischen Erziehung zu widmen. Allein Maria beließ ihn trotzdem weiter der Jesuitenführung in Ingolstadt.

Die katholische bayrische Partei war mit dem Ausgang des Huldigungsstreites recht unzufrieden. Maria legte dem Kaiser die durch Schranz hergestellte Fassung der Pazifikation vor, um aus dieser Fälschung Karls seinerzeitiges Vorgehen gegen die Städte und Märkte zu rechtfertigen. Freilich waren Schranzens Tage gezählt. Den Ständen wegen seiner Unlauterkeit und seiner vielen Intriguen bitter verhaßt, bildete er das Haupthindernis für eine Verständigung. Die Herren und Ritter forderten heftig seine Verabschiedung, ein Verlangen, das selbst Ferdinand von Tirol zu erfüllen empfahl, während Maria, gestützt auf ihren bayrischen Anhang, den Kanzler mit allen Mitteln zu halten suchte. Der Regent Ernst ließ ihn fallen. Nach seinem Sturze bediente sich Maria noch oft seines Rates, aber seine Rolle im öffentlichen Leben war ausgespielt.

Der Ausgang des Huldigungsstreites und der Sturz Schranzens waren die letzten größeren Erfolge der steirischen evangelischen Stände. Im allgemeinen bedeutete Ernsts Regierung eine Atempause für den argbedrängten Protestantismus im Lande. Über die streng kirchlich-katholische Gesinnung des mit Kaiser Rudolf in Spanien gemeinsam erzogenen Erzherzogs Ernst bestand kein Zweifel, aber seine gerade, ehrliche und offene Art stach wohltätig von dem zwiespältigen, unehrlichen Wesen Karls ab.

Ernst hielt sich seiner Zusage gemäß. Er achtete den Adel durchaus in seinen Rechten. Seine mehrfachen Versuche aber, in den Städten und Märkten wieder katholische Richter einzusetzen, führten zu heftigen Beschwerden der Stände. Diese tadelten auch, daß die Grazer Jesuiten reichlich mit Geldmitteln unterstützt wurden, während man der Stiftsschule sogar im Jahr 1592 eine öffentliche Aufführung auf dem Hauptplatze untersagte. Anderseits bemühte sich Ernst, den inneren Frieden zu festigen. Er verbot nicht nur den Stiftsprädikanten, besonders dem Magister Fischer das Skalieren, sondern stellte auch die seit den letzten Zeiten Karls üblichen Herausforderungen der Jesuiten in der protestantischen Stiftskirche und Schule ab.

Am Lande trat er schärfer auf. Den Judenburgern untersagte er den neuerlich geplanten Ausbau der Martinikirche, die Marburger zog er wegen ihres Predigers zur Verantwortung, im Ennstal versuchte er neuerlich, die 3 Hoffmannschen Pfarren dem katholischen Kultus wiederzugeben, in Leoben, Cilli und anderen Orten mehr erzwang er die Wiedereinsetzung katholischer Stadtrichter. In Cilli hatte Bischof Brenner anläßlich einer Visitation selbst einen solchen mit Gewalt eingeführt. Die scharfen ständischen Beschwerden im Landtage zwangen ihn zu einer Entschuldigung. An dem energischen Widerstande Ernsts scheiterte auch der Versuch Hombergers, wieder zu seinem alten Amte oder doch wenigstens zu einer Lehrstelle der hebräischen Sprache an der Stift zu gelangen. Von "einigen treuherzigen Patronen" ermuntert, hatte der greise Gelehrte im September 1592 samt seinem Weibe und seiner Habe von Regensburg die Übersiedlung ins Land vorgenommen. Gleich setzte das gehässige Treiben seiner alten [Seite: 102] jesuitischen Widersacher ein. Trotz aller Bitten und Vorstellungen der evangelischen Adeligen wies ihn Ernst im Dezember aus, gestattete dann aber, daß der gebrechliche alte Mann gegen das Gelöbnis, keine Predigt zu halten und nichts drucken zu lassen, über den Winter noch in Graz weilen dürfe. Im Juni 1593 mußte Homberger, von den Ständen reichlich unterstützt, endgültig das Land räumen und wieder ins Exil ziehen102.1.

Die Grazer Bürgerschaft, die in dieser Zeit der vormundschaftlichen Regierung wieder erleichtert aufgeatmet hatte102.2, bedauerte es, daß Ernst, zum Generalstatthalter der Niederlande ausersehen, im Frühjahr sein Amt niederlegte. Er reiste am 6. März aus Graz ab und begab sich zunächst an den Prager Hof. Maria, die ihm durch ihre wiederholten Einmengungen die Regierungsgeschäfte häufig recht sauer gemacht hatte, bemühte sich, wenn auch vergeblich, schon jetzt ihren Sohn mit Nachsicht des Alters zur Regierung zu bringen. Aus diesen und anderen Gründen bekämpfte sie aufs heftigste die geplante Neubesetzung des i.ö. Gubernatorpostens. Sie bezichtigte, hierin vom Papste unterstützt, den in Aussicht genommenen Erzherzog Maximilian sogar ganz unsinnigerweise der Ketzerbegünstigung. Trotzdem betraute der Kaiser im September 1593 Maximilian (III.) mit der Regentschaft. Da er auf Anraten Rudolfs gelobte, das von seinem Vorgänger geübte Verhalten weiter befolgen zu wollen, wurde ihm von den i.ö. Ständen ohne weiteres gehuldigt. Die Steirer äußerten ihre Freude darüber, "einen so vernünftigen Fürsten" erhalten zu haben.

Freilich zeigte sichs bald, daß Maximilian die Jesuiten in auffälliger Weise begünstigte. Während dem Oberpastor D. [Seite: 103] Zimmermann das Polemisieren untersagt, dem Stiftsprediger Mag. Fischer das Predigen überhaupt eingestellt wurde, während die Regierung das Singen des Liedes "Erhalt’ uns, Herr, bei deinem Wort ...", das damals das evangelische Trutzlied in eben dem Maße war wie heute "Ein’ feste Burg ..." als solches gilt, verbot, gestattete sie ohne weiteres den Gesang einer läppischen, jesuitischen Parodie, welche die beiden gemaßregelten Stiftsprediger herabsetzen sollte; ungestraft durften die Katholiken singen: "Erhalt’ uns, Herr, bei deinen Wort / und steur’ des 'Fischers' Seelenmord / den 'Zimmermann' zunichte mach’ / sein Zimmern dient doch nichts zur Sach’, / Drum stürz’ beid’ in die Grub hinein / daß sie mit Luther leiden Pein." Den neuerlichen Angriffen und Herausforderungen der Jesuiten in der "Stift" trat die Regierung nur so kraftlos entgegen, daß jene darin eher eine Ermunterung zu neuen Angriffen sahen.

Die im Jahre 1594 von den evangelischen Ständen durchgeführte Neuordnung und Neuorganisation der Stiftsschule konnte der wissenschaftlich wertvollen, aber im Zuzug der Schüler durch die Regierung gedrosselten Lehranstalt den erhofften Aufschwung nicht mehr bringen.

Die Stimmung im Lande war infolge der Grazer Vorgänge wieder gereizter geworden. Es fehlte auf beiden Seiten nicht an Herausforderungen. In Knittelfeld ließ der Schulmeister die Kinder dem eben eintreffenden Seckauer Propst zum Trotz das verbotene "Erhalt’ uns Herr ..." singen, worauf der Geistliche den Schulmeister beschimpfte und die Kinder selbst aus der Schule trieb, was einen ärgerlichen Handel zur Folge hatte. In Mürzzuschlag störten evangelische Knechte die Fronleichnamsprozession, auch die Obdacher zeigten sich angriffslustig. Im Ennstal war die Stimmung sehr gereizt. Schon wurde katholischerseits von hier der Regierung ein ausführlicher Vorschlag zur Ausrottung der evangelischen Lehre in diesem wichtigen evangelischen Bollwerk vorgelegt.

Erzherzog Maximilian erklärte bereits im Herbst 1594, die Regierungsgeschäfte niederlegen zu wollen. Der Kaiser bewog ihn, noch bis zum nächsten Jahre seines ihm recht überdrüssig gewordenen Amtes zu walten, da dann der junge Erbherr selbst die Herrschaft antreten würde. Der Entschluß wurde dem Regenten [Seite: 104] recht sauer. Die Lage im Lande gestaltete sich immer schwieriger, die evangelischen Stände beschwerten sich über gewaltsames Vorgehen, besonders Gottesdienststörungen, ja Einstellungen in Graz, Windenau, Bruck u. a. O.

Im Frühjahr 1595 machte Maximilian, in der unwiderruflichen Absicht zurückzutreten, dem Kaiser den Vorschlag, der junge Erzherzog Ferdinand möge selbst das Regiment unter Beibehaltung der jetzigen Regierungs- und Kammerbehörden übernehmen, in Justiz-, Kammer- und Kriegssachen "auf des Kaisers Ratifikation" handeln und den Landtagsbeschlüssen "bis auf seine Vogtbarkeit nachleben". Da der Kaiser diesen Vorschlag guthieß, erklärten die steirischen Stände unter gleichzeitiger Danksagung an Maximilian am 10. Mai 1595 die provisorische Regierung Ferdinands unter der Voraussetzung anzunehmen, daß durch sie dem Land kein Abbruch geschehe.

Die Stände wußten, daß in Prag die Stimmung für die evangelische Steiermark nicht günstig war. Die i.ö. Abgesandten berichteten vom Hofe, daß beim Kaiser Maria "die Frau Jsebel viel böse Karten eingeworfen" habe. Von dem kaum 17jährigen Erzherzog war im Lande bekannt, wie sehr er unter jesuitischem Einflusse stand. Er lebte streng nach den Pflichten seiner Kirche, hörte täglich die Messe und kommunizierte sehr häufig. Er beugte sich so sehr der Führung seiner fanatischen Mutter, daß man sich evangelischerseits von dem "Kinder-, Weiber- und Pfaffenregiment" nicht viel gutes versprach. Die so dachten, sollten nur zu bald recht behalten. Maria, die leidenschaftliche Bekämpferin der Brucker Pazifikation, wies ihren Sohn unermüdlich immer wieder darauf hin, wie sehr sein verstorbener Vater jenes angeblich erzwungene und damit ungültige Versprechen bereut hätte, wie sehr es sein Leben verbittert und sein Sterben erschwert habe. Es werde im Lande erst besser werden, bis "das Nest der Prädikanten in Graz" ausgenommen sei. Auch der bayerische Oheim schärfte dem jungen Regenten die Pflicht ein, den noch unausgeführten Plan seines Vaters zu vollenden und schloß ein die Mittel und Wege hierzu ausführlich behandelndes Gutachten an: Nicht von ihm, den solcherart kein Vorwurf treffen könne, sondern von seinen Vormündern, besonders vom Kaiser, sei bei der Huldigung die Bewilligung und Bestätigung der [Seite: 105] religiösen Freiheiten zu hintertreiben; die Prädikanten seien aus dem Lande zu jagen, die katholische Geistlichkeit müsse wieder in ihre Jurisdiktion eingesetzt werden; Volksmengen hätten in Prozessionen für das Gelingen des Werkes zu beten; deren Auftreten werde dem Adel den Mut rauben; sei es soweit, dann müsse der Regent die ungerechtfertigten Ansprüche der Stände brechen und sein gültiges Recht wieder durchsetzen.

Die Grazer Jesuiten wußten sich sogleich den geänderten Verhältnissen anzupassen. Sie begannen nebst ihren Freunden und Anhängern wieder die Evangelischen auf das schwerste herauszufordern. So brachen 4 oder 5 von ihnen am 7. Februar 1595 um 3 Uhr nachmittags "wie toll und rasend mit großem Juchzen, Schreien und häßlichen Schmäh- und Scheltworten" ins Stiftskollegium. Besonnene Leute wollten sie zur Ruhe weisen, erreichten aber das Gegenteil. Schon eilten evangelische Handwerksburschen heran, und es hätte ein Blutvergießen gegeben, wenn nicht der Pastor und der Rektor der Stift die in gerechter Erregung Befindlichen mit vieler Mühe hätten zurückhalten können. Die Jesuiten kehrten den Spieß um und stellten ihre Leute als die Bedrohten dar. Der Erfolg war, daß am nächsten Tage Leute, die in der Stift zu tun hatten, von katholischen Burschen "unvermutet angegriffen, beschädigt und verwundet wurden". In den Wirtshäusern wurde gedroht, wo man "Stifter" treffe, werde man sie "nicht redlich angreifen", sondern "ungemerkt dreinschlagen". Heftig beschwerten sich die evangelischen Stände auf dem Februarlandtag über diese unerhörten Vorfälle und verlangten, daß die evangelische Bevölkerung vor den Angriffen der Jesuiten geschützt würde.

9. Der Beginn der Gegenreformation Ferdinands.

Am 9. Juli 1596 wurde Ferdinand großjährig erklärt. Die mit den Ständen bezüglich der ihm zu leistenden Huldigung geführten Verhandlungen zogen sich bis in den Dezember hin. Die kaiserlichen Kommissäre hatten von Prag aus den Auftrag erhalten, in keinerlei die Religion betreffende Bindungen oder Erklärungen sich einzulassen und die Stände diesbezüglich hinzuhalten. [Seite: 106]

Wiewohl diese unentschlossener und kleinmütiger als einst erschienen, hielten sie doch an einer religiösen Zusage des neuen Landesherren als Vorbedingung zur Huldigungsleistung fest. Zudem hatten sie ein Fülle von Beschwerden über die Bedrückungen und Bedrängungen ihrer Glaubensgenossen im Lande vorgebracht, zu deren Erledigung sich der Fürst jedoch vor der Huldigung für unbefugt erklärte. Die Lage war schwierig, aber sie fand den Adel und das Bürgertum der Städte und Märkte in treuem Zusammenhalten. Man versuchte evangelischerseits es mit einer an den Erzherzog gerichteten ausführlichen Religionsschrift, die dieser zwar nicht ablehnte, aber doch unbeantwortet ließ. Das schien einem vertrauensseligen Teil der Protestanten ein gutes Vorzeichen zu sein, die Kommissäre wußten geschickt diese hoffnungsfreudige Stimmung auszunützen und auf ihr täuschendes Anraten und ihre Verheißung, der Erzherzog werde nachträglich gewiß die gewünschte Erklärung abgeben, entschloß man sich, wiewohl es an warnenden Stimmen nicht fehlte, am 12. Dezember 1596 zur Huldigung. Bald folgte auch Kärnten und Krain dem Grazer Beispiel. Der neue Regent hatte nur gelobt, die Stände in den Rechten und Freiheiten, "als von alters Herkommen sind" und die die vorhandenen Urkunden beweisen, bleiben zu lassen.

Die katholische Partei konnte ihre Freude über den Umstand, daß Ferdinand ohne die von den Ständen geforderten religiösen Garantien gegeben zu haben, zur Herrschaft gelangt sei, schwer verbergen. Jubelnd berichtete der Nuntius nach Rom über den unerwartet leichten Sieg.

Ferdinand erwies sich als "scharfer Herr", welcher bald kein Hehl aus seinen gegen den Protestantismus gerichteten Absichten machte, und, trotz seiner Jugend, alte, verdiente Standesherren, die sich mit seinen Maßnahmen nicht einverstanden zeigten, an den Hof zitierte, sie unter allen Anzeichen der Ungnade auf das schroffste behandelte, ja, wo die Möglichkeit geboten war, bestrafte.

Nun erst sah der Adel mit Schrecken, welchen Fehler er in der garantielosen Huldigung begangen hatte, er erkannte, daß ihm seine beste und wirksamste Waffe aus der Hand geschlagen war. Die leeren und verantwortungslosen Zusagen und Verheißungen der Kommissäre brachen in sich zusammen, der Kaiser, an den [Seite: 107] man sich wandte, wies die Stände an, die Erledigung ihrer Wünsche und Beschwerden von jetzt an stets bei dem nun allem zuständigen Landesherren zu suchen.

Dieser unternahm zunächst eine Huldigungsreise nach Prag, von der er erst Ende Februar 1597 wiederkehrte, besuchte im Sommer den Münchner Hof und nochmals das kaiserliche Hoflager in Prag. Überall fand er Ermunterung und Bestärkung in seinen gegen den evangelischen Bekenntnisstand gerichteten Plänen, doch mahnte der Kaiser, tunlichst ohne Gewaltmaßnahmen das Münchner Programm zu Ende zu führen. Gleich nach seiner Rückkehr begann Ferdinand in diesem Sinne Vorbereitungen zu treffen. Die Truppen im Lande, insbesondere die hauptstädtische Garnison, wurden vermehrt, die Grazer Befestigungen verstärkt, den kaiserlichen Rat Johann von Rabatta sandte man nach Rom, um beim Papste eine Geldhilfe zu erlangen "Der klug wägende, kühle Ostpreuße" Georg Stobäus von Palmburg, Bischof von Lavant, "der Denker der Gegenreformation", wurde noch im Jahre 1597 zum Statthalter von I.Ö. ernannt In den kirchlichen Belangen bediente man sich, wo es einen Vorstoß galt, des eifrigen, aber hitzigen Seckauer Bischofs Martin Brenner. Die Regierung hatte bereits im Jahre 1596 durch eine Kommission, die der Admonter Abt und der Pfleger der landesfürstlichen Kammerherrschaft Wolkenstein Georg Mayr, der Verfasser des zur Ausrottung des Ennstaler Protestantismus aufgestellten Gutachtens, führten, versucht, den evangelischen Prediger in Mitterndorf zu vertreiben und den katholischen Kultus wieder im Gotteshause einzusehen, doch kam die Erbitterung der Bevölkerung so handgreiflich zum Ausdruck, daß die Kommissäre einen recht unrühmlichen Abzug nehmen mußten. In Eisenerz hatte man den auf der Durchreise befindlichen, im ganzen Lande wegen seiner Ränke verhaßten Nuntius Grafen Portia bedroht, der zur Bestrafung von der Regierung hingesandte Kommissär wurde schimpflich heimgeschickt, der lange zurückgehaltene Groll ließ sich manchmal nicht mehr eindämmen. Nicht besser erging es den im Frühjahr 1598 nach Radkersburg und Klöch sowie nach Neumarkt abgesandten Kommissionen, die dort den evangelischen Gottesdienst einstellen, den Rat reformieren und katholische Pfarrer einsetzen sollten.[Seite: 108]

Im Frühling 1598 verwirklichte der junge Regent den Plan der Italienreise. Man hat viel über sie geschrieben und meist behauptet, auf Grund eines in Loreto getanen Gelübdes hätte der Heimgekehrte dann die Gewaltmaßnahmen der Gegenreformation begonnen. Mag ihn der Besuch jenes Wallfahrtsortes in ihrer Durchführung auch bestärkt haben, geplant waren sie schon vor dieser Reise, sie ergaben sich als die letzten Punkte des folgerichtig durchgeführten Münchner Programms von selbst. Der Zweck der Reise war außer der Wallfahrt nach Loreto und zu den hl. Stätten Roms die Besuchung des Papstes, dem zugleich für die geleistete Türkengeldhilfe zu danken war. Über den Verlauf der Reise unterrichtet genau das erhaltene Tagebuch des erzherzoglichen Geheimschreibers Peter Casal.

Am 22. April 1598 reiste Ferdinand in Gesellschaft von 40 Personen unter dem Namen eines Grafen von Cilli scheinbar als Gefolgsmann des ihn begleitenden Nuntius nach Ferrara, wo er mit Papst Clemens VIII. zusammentraf. Er wohnte bei ihm 5 Tage lang, empfing aus seiner Hand die Kommunion und speiste mit ihm. Angeblich wurde, was schwer glaubhaft erscheint, nichts über die weitere Bekämpfung des i. ö. Protestantismus verhandelt. Auf der weiteren Reise besuchte Ferdinand die vorerwähnten Gnadenorte und trat über Florenz, Mantua, Trient und Brixen die Heimreise an. Am 28. Juni traf er wieder in Graz ein und übernahm die Regierungsgeschäfte, die während seiner Abwesenheit in den Händen seiner Mutter Maria gelegen waren. Die Evangelischen erwarteten nicht viel Gutes von dem Heimkehrenden. Eine Stelle aus einem Schreiben Keplers gibt die Stimmung wieder: "Alles zittert vor der Rückkehr des Landesfürsten. Man spricht davon, daß er italienische Hilfstruppen heranzieht."

In der Tat holte die katholische Partei, indem sie sich des stets gefügigen Werkzeugs der Jesuiten bediente, zum entscheidenden Schlage aus. Während Bischof Brenner das ganze Jahr hindurch seine Diözese visitiert und der katholischen Priesterschaft wieder zu Ansehen zu helfen versucht hatte, erregten die Grazer Jesuiten durch ihre neuerlichen Angriffe in der Stift und auf den Friedhöfen viel Ärgernis. Schon fehlte es nicht an Gewalttätigkeiten, die der von den Jesuiten verhetzte Pöbel an Geistlichen und Lehrern der Stift verübte.[Seite: 109]

Die vom Februarlandtag 1598 über die Vorfälle in Graz, im Ennstal und in Untersteiermark vorgebrachten Beschwerden waren vor der Abreise des Erzherzogs nicht erledigt worden. Ein aus den vornehmsten Geschlechtern erwählter Ausschuß sollte eine Erleichterung der Verhältnisse in die Wege leiten, ein hoffnungsloses Beginnen, das sich auf keinerlei Macht stützen konnte. An Stelle des altgewordenen Amman, der immer noch mit seiner reichen Erfahrung der evangelischen Sache diente, übernahm der junge, kluge und feurige Untermarschall Ernreich von Saurau allmählich das Führeramt in dieser bitteren Zeit. So schwierig ward die Lage auch für den Adel, daß der Marburger katholische Stadtrichter sichs herausnehmen durfte, dem Landmann Clement Weltzer das Stadttor zu sperren, wenn er nach Windenau zur evangelischen Predigt fahren wollte.

Im Juli ließ sich Ferdinand endlich zur Beantwortung der ständischen Beschwerden herbei. Er lehnte sie nicht nur schroff ab, sondern verbot dem Adel auch, sich "eine Landschaft" zu nennen, da die Prälaten nicht auf seiner Seite stünden. Auch verwies er ihm, sich weiterhin der Städte und Märkte anzunehmen. Die von den Ständen bei fortdauernder Unterdrückung der Evangelischen durch den Erzherzog angedrohten Wiedervergeltungsmaßnahmen gegen ihre katholischen Untertanen würde er nie dulden. Um der alleinseligmachenden Religion willen dürfe im Lande niemand beschwert werden.

Inzwischen traf die von der Regierung tatkräftig unterstützte römische Partei die letzten Vorbereitungen zum Entscheidungskampf. In den Städten und Märkten wurde mit der Absetzung evangelischer Amtspersonen und mit der Ausweisung von Bürgern nicht gekargt. Die Zahl der freiwillig Abwandernden mehrte sich stetig. Die jesuitischen Herausforderungen in Graz wurden immer unerträglicher. Während des Gottesdienstes wurden in der Stiftskirche Fenster eingeworfen, die Prediger waren auf der Straße ihres Lebens nicht mehr sicher, weshalb die Inspektoren ihnen rieten, tunlichst das Stiftsgebäude und das Konvikt nicht zu verlassen. Dem evangelischen Lazarettprediger wurde in der Pestzeit der Eintritt in die Stadt verwehrt.

In Graz waren das Zeughaus und alle wichtigen Stadttore von katholischen, mit päpstlichem Hilfsgeld besoldeten Truppen [Seite: 110] besetzt, der Adel befand sich fast ausnahmslos auf seinen Landsitzen, als der jesuitische Stadtpfarrer Laurentius Sonnabenter110.1, ein fanatischer Protestantenhasser und Heißsporn, den von langer Hand vorbereiteten Streich führte. Er sandte am 13. August 1598 an das Grazer evangelische Kirchenministerium ein Schreiben, in dem er ihm sämtliche geistlichen Funktionen in der seiner geistlichen Jurisdiktion unterstellten Stadt und Pfarre Graz untersagte. Der Kircheninspektor Dr. Venediger, an den er das Ansinnen gestellt hatte, ein diesbezügliches Verbot an das Ministerium zu erlassen, wies ihn ab. In gleich ablehnendem Sinne beantwortete das Grazer Ministerium am 18. August jene freche Herausforderung. Vier Tage später wiederholte Sonnabenter, von maßgebenden katholischen Persönlichkeiten ermutigt, seine Forderung an das Ministerium und gleichzeitig an die V.O. welche dem Stadtpfarrer erwiderten, die Stiftsgeistlichen seien von der der A.K. zugetanen Landschaft aufgenommen worden und stünden in ihrem Solde. Sonnabenter antwortete den V.O. dreist, er kenne keine steirische Landschaft "der A.K. zugetan" und werde sich, da man ihn abgewiesen habe, an die Landesobrigkeit wenden. Eine beim Hofe erbetene Erledigung mußte für das lutherische Kirchenwesen im ganzen Lande entscheidende Bedeutung haben. Man war bei Hofe mit den Forderungen Sonnabenters sehr einverstanden, aber besonnene Ratgeber, selbst Stobäus, warnten vor zu jähen Entschlüssen. Als nun der Stadtpfarrer, dessen neuerlich gestelltes Begehren die V.O. abgeschlagen hatten, wobei sie nicht unterließen, ihm seine hochmütige Art zu verweisen, sich tatsächlich an Erzherzog Ferdinand wandte, gab dieser trotz aller Warnungen mäßigender Ratgeber dem Drängen seiner jesuitischen Seelenführer nach und befahl am 13. September 1598 das evangelische Kirchen- und Schulexerzitium in Graz und Judenburg gänzlich einzustellen, wie solches auch in den anderen Städten und Märkten des Landes ja schon abgeschafft sei. Daß es dem Landesfürsten mit der Durchführung dieses die Brucker Pazifikation zum guten Teil aufhebenden Befehls [Seite: 111] ernst war, zeigte das drei Tage später gegen den evangelischen Zeugwart erlassene Strafmandat, der mit 100 Dukaten gebüßt wurde, weil er sein Kind hatte evangelisch taufen lassen.

Die von solchem Ungestüm erschreckten V.O. beriefen sich am 19. September auf die Brucker Pazifikation und baten inständig, jenes Mandat nicht nur unausgeführt zu lassen, sondern überhaupt niemanden im Lande in seinem Gewissen zu beschweren. Ferdinand blieb unerbittlich. Er erließ am 24. September eine Resolution mit beigeschlossenem Dekret an die evangelischen Prädikanten und Schuldiener, das ihnen, die auszuschaffen die V.O. sich nicht entschließen könnten, befahl, binnen 8 Tagen das Herzogtum zu verlassen. Die neuerlichen ernsten und dringenden Vorstellungen der V.O. beantwortete Ferdinand am nächsten Tage mit der Verfügung der Sperre der Stiftskirche. So wurde, nachdem am 20. September die letzte Trauung, am 23. die letzte Taufe dort gehalten worden war, die evangelische Hauptkirche des Landes geschlossen.

Die Stärke des Erzherzogs lag vor allem in der überraschenden Schnelligkeit, mit der er seine heftigen Schläge gegen die ratlosen, zaudernden V.O. führte. Was half es, daß diese eilends alle irgendwie erreichbaren Herren und Ritter nach Graz beriefen. Schon war das endgültige Ausweisungsdekret, das die achttägige Gnadenfrist wesentlich kürzte und die Abwanderung der Geistlichen und Lehrer fast zu einer überstürzten Flucht gestalten sollte, ausgefertigt. Am 25. September las es der Vizekanzler Jöchlinger dem jungen Erzherzog vor, der es, vor seiner Mutter knieend, abhörte und billigte.

Am nächsten Tage erfolgte der Bittsturm der eilig gesammelten Stände, die "schmerzlichen Dekrete zu kassieren". Noch hätte ein tatkräftiger Widerstand das Schicksal wenden können, aber in ihrem leidsamen lutherischen Gehorsam konnten sich die Stände zu einem solchen nicht entschließen. Ihre matte Erklärung, man wolle an der durch die landesfürstlichen Erlässe heraufbeschworenen Gefahr keine Schuld haben, machte bei Hof keinen Eindruck. Denn hier hatte man mit schwereren Maßnahmen gerechnet und vorsichtshalber durch eilends herangezogene Truppen die Grazer Garnison verstärkt. Auf solche Macht gestützt, verwies der Fürst dem Adel die ohne seinen Auftrag erfolgte "wilde [Seite: 112] Zusammenkunft" und erklärte, indem er alle Bitten und Mahnungen zurückwies, bei seinem Entschlusse, die evangelische Religion im Lande gänzlich einzustellen, fest zu verbleiben. Durch das vorerwähnte, nunmehr verlautbarte Dekret befahl er am 28. September, daß die Kirchen- und Schuldiener "bei scheinender Sonne" den Grazer Burgfried, binnen 8 Tagen das ganze Land zu räumen hätten.

Man war katholischerseits gespannt, ob diesem Befehle wirklich gehorsamt werden würde, wagte es doch selbst die Regierung nicht anzunehmen. Als aber auf Anraten der Stände, die einen folgenschweren Zusammenstoß vermeiden wollten, tatsächlich noch vor Abend die 19 Grazer Geistlichen, Professoren und Lehrer die Stift und das Konvikt im Rauberhof verließen, war damit das Ende des Grazer Protestantismus besiegelt. Während Soldaten die Tore bewachten und die Straßen besetzt hielten, verließ der traurige Exulantenzug durch das Murtor über die Murbrücke die Stadt. Es wird berichtet, daß die Kunde vom erfolgten Abzug der Prädikanten dem Erzherzog bei der Vorfeier des Hl. Michaelsfestes in der Burgkapelle überbracht wurde; er habe ausgerufen: "Nicht uns, nicht uns, o Herr, sondern deinem Namen gebührt die Ehre!" und sich sodann in seine Gemächer zurückgezogen, um Gott für diesen Sieg auf den Knieen zu danken. Seine Mutter erfuhr dies Ereignis vor ihrer Abreise nach Spanien, wo die Vermählung ihrer Tochter Margarete mit König Philipp III. erfolgen sollte; ihre Freude war unbeschreiblich. Brieflich mahnte sie den Sohne: "Ich habe keine Sorge, hab’ nur frischen Mut, es wird alles gut werden!" Während des ganzen Verlaufs ihrer Reise ließ sie es an ähnlichen Ermunterungen und Beschwörungen nicht fehlen.

Am 29. September protestierten die V.O. nochmals gegen die Ausweisung der Prädikanten, besonders gegen die Abkürzung der Ausweisungsfrist. Die Geistlichen und Lehrer wären "bis auf eine bessere Zeit" abgereist; es sei nicht nötig gewesen, zu dem alten Unglück noch ein neues hinzuzufügen. Auch im Namen des bereits heimgereisten großen Ausschusses bäten sie, die von Erzherzog Karl verliehenen Privilegien zu achten. Vor allem schmerze sie der gegen sie erhobene Vorwurf, sie seien inländische Feinde, so daß man sie durch landfremde, meist italienische Truppen [Seite: 113] bewachen lasse. Die Antwort Ferdinands zeigte so recht das Machtgefühl der triumphierenden katholischen Partei, die auf Anordnung des Statthalters Stobäus Dankgottesdienste für die Austreibung der ketzerischen Prediger hielt! Der Fürst erklärte, die Prädikanten hätten durch ihre Praktiken ihr Schicksal selbst verschuldet und wohl verdient. Er gedenke künftig von den V.O. in diesen Dingen keine Bittschrift mehr anzunehmen, sie mögen sich vielmehr ruhig verhalten. Die angesammelten Truppen seien zu seinem eigenen Schutze bestimmt. Eine neuerliche Vorstellung der V.O. wegen der beunruhigenden Truppenansammlungen wurde mit neuen Söldnerwerbungen beantwortet.

Man rechnete im evangelischen Lager trotz der unerbittlichen Härte Ferdinands doch ernstlich damit, daß der künftige Landtag die Rückkehr der vertriebenen Prediger erreichen würde. Den Ausgewiesenen war beim Auszuge im Auftrag der Stände nebst ausreichendem Reisegeld ein Vierteljahrsgehalt im voraus eingehändigt worden. Nur wenige kehrten nach Deutschland zurück, die meisten begaben sich auf den Rat der V.O., während der Reise von den Adeligen in deren Schlössern gastlich aufgenommen und beherbergt, an die Militärgrenze nach Kroatien und nach Ungarn. Das Kirchenministerium, für dessen Aufenthalt ursprünglich Warasdin vorgesehen war, nahm seinen Sitz in Petanitza in Kroatien. Etliche Exulanten fanden Zuflucht, ja Amt und Brot auf den ungarischen Gütern des böhmischen Magnaten Ladislaus Popel d. Ä. von Lobkowitz, der ebenso wie seine Gattin Margarete, eine geborene Gräfin Salm, eifrig dem Luthertum anhing113.1. Wohl verbot der Kaiser auf Betreiben des Grazer Hofes "der Frau Magdalena Poplin" im nächsten Jahre die weitere Beherbergung der Flüchtlinge, allein sie schützte sie trotzdem, wofür ihr die Landschaft dankte und sie bat, an den Predigern auch weiter Barmherzigkeit zu üben. Die erhoffte Rückberufung erfolgte freilich nur für den Astronomen und Mathematiker Johs. Kepler, dessen Bekehrung sich die Jesuiten versprachen und dem sie darum einen erzherzoglichen Sicherheitsbrief verschafft hatten, bis er, [Seite: 114] nach seiner Rückkehr nach Graz doch unentwegt seinem evangelischen Glauben treubleibend, endgültig weichen mußte.

Als am 3. Oktober 1598 ein Dekret Ferdinands die Judenburger Kirchen- und Schuldiener auswies und ein anderes die völlige, endgültige Auflösung des Grazer Kirchen- und Schulwesens befahl und den Ständen verbot, den Ausgewiesenen unter welchem Schein immer einen Schutz zuteil werden zu lassen, wurden im letzten Jahresviertel auch die mit dem nötigen Reisegeld versehenen Stipendiaten in ihre Heimat geschickt.

Je weniger sich die Hoffnungen der im Exil weilenden Prediger und Lehrer erfüllten, desto mehr begann nach dem Verbrauch der nur für wenige Monate vorgesehenen Mittel die Not bei vielen einzukehren. Zahlreiche erhaltene Bittschriften geben heute noch Zeugnis von der drückenden Ungewißheit und lähmenden Bitterkeit ihres Exulantenschicksals, bekunden aber auch viel ungebrochene Treue und gläubige Zuversicht.

Auch andernorts, wie in Rottenmann, Aussee und Radkersburg mußten die Prediger zum Wanderstab greifen, nur wenige dachten wie die Ligister an den Versuch, durch Widerstand und Tumult das Verbleiben ihrer Seelsorger zu erzwingen. Selbst an die Prediger auf den Adelsschlössern wagte man sich bereits heran, weil sie noch evangelische Amtshandlungen vornahmen. Als Grazer Standespersonen sich im Schlosse Vasoltsberg vom Prediger des Herrn von Kronegg trauen ließen, suchte der von Graz eigens herbeigeeilte Stadtpfarrer Sonnabenter mit Gewalt ins Schloß einzudringen und den Prediger fortzuführen, indem er drohte, vor dem Grazer Tore sei ihm bereits ein Galgen aufgerichtet. Zwar erreichte er seine Mitnahme nicht, aber der Erzherzog wies ihn aus, während er dem Herrn von Kronegg befahl, keinen Prädikanten mehr aufzunehmen, wobei er ihm in einem versicherte, daß er ihn in seinem Gewissen nicht beschweren wollte. Wie sehr das Ansehen des Adels bereits im Niedergange begriffen war, zeigten neben den wiederholten Ausweisungen seiner Prädikanten die Schwierigkeiten, die katholische Pfarrer bei der Beerdigung seiner Mitglieder gelegentlich zu machen wagten, bewiesen die Strafen, die der Landesfürst verhängte, wie er z.B. den Hofbuchhalter Salomon Pirker zum Weißenturn auf Forderung [Seite: 115] des Stadtpfarrers mit 500 Dukaten büßte, weil er sein Kind von einem "bandisierten Prädikanten" hatte taufen lassen.

Was Wunder, daß man bei der völligen Machtverschiebung zugunsten des Katholizismus sogar mit dem Gedanken der Einführung der Inquisition spielte. Allein selbst Stobäus hielt sie in seinem Gutachten vom 1. November 1598 zwar für Italien brauchbar, in Steiermark aber für nicht gut anwendbar.

Hinter allen Maßnahmen Ferdinands stand treibend und bestärkend seine Mutter Maria. Sie riet: "Mein Ferdinand, frage nur den Prädikanten nach, und wenn du einen darin findest, laß ihn henken!" Überall möge er sie "aufstöbern", sonst würden sie im neuen Landtag Lärm machen: "Unser Herr wird dir gewiß Gnade geben, wags nur keck hinein!" "Um Gottes Willen frag' den Prädikanten nach, wo sie sind, sie sind gewiß versteckt im Lande; treib sie aus, sie werden dir sonst ein bös Spiel machen." "Laß nicht nach mit den Prädikanten, nur weg mit ihnen!" Diese Mahnungen fanden williges Gehör. Ferdinand rüstete bereits zum geistlichen Feldzug gegen die Städte und Märkte, selbst die Geistlichkeit, so der Dompropst von Seckau, wurde beauftragt, zur völligen Durchführung der "heilsamen Reformation" Geld und Proviant für die dazu nötigen, bereits in Anwerbung befindlichen Truppen zu stellen.

Der im November von den Steirern um Interzession gebetene Kaiser antwortete 2 Monate später mit der Mahnung, die Türkenbewilligungen zu leisten. Mittlerweile hatte Ferdinand die Landschaft gezwungen, wieder einen Prälaten, und zwar den Abt von Admont, unter die V.O. aufzunehmen, überdies befahl er am 21. Dezember, binnen 2 Monaten die Stiftskirche einem geeigneten katholischen Priester einzuantworten, widrigenfalls die Regierung die Besetzung vornehmen würde.

Für den Jänner 1599 war der Landtag ausgeschrieben worden, auf dem sich der Regent mit den steirischen Ständen wegen seiner Gewaltmaßnahmen auseinandersetzen mußte. Getreu der sz. Brucker Vereinbarung sandten am 11. die Kärntner, am 18. die Krainer bevollmächtigte Abgesandte nach Graz. Bereits am folgenden Tage wurde die große Beschwerdeschrift aufgesetzt, die die Wiederaufrichtung des evangelischen Kirchen- und Schulwesens erreichen sollte. Zur Unterstützung der Bitte, die der A.K. [Seite: 116] zugetanen Landeseinwohner unbetrübt zu lassen, legte man ein Stück der A.K. zur Einsicht bei, das alle gegnerischen Angriffe entkräften sollte. Mit beweglichen Worten wurde der alten Verdienste der i.ö. Stände um das Haus Österreich gedacht, sie seien so groß, daß man sie der ganzen Welt als Beispiel weisen könnte. Nach der Ratifikation dieser Bittschrift nahm man am 21. Jänner mit den geheimen Räten Fühlung, allein man stieß schon auf die ersten Schwierigkeiten, denn der Fürst weigerte sich, die von ihm nicht einberufenen Kärntner und Krainer zu empfangen. Schließlich gelang es den Räten, ihn umzustimmen, und er ließ am 22. Jänner um 1/2 10 Uhr vormittags die Adelsgesandten vor, aus deren Händen er die Denkschrift empfing, und denen er erklärte, er nehme die Petition "aus Gnaden" an und werde sich resolvieren. Bald erfolgte an die Steirer die schriftliche Weisung, sie mögen sich, da die Denkschrift so umfangreich sei, daß man zu ihrer Durcharbeitung Zeit benötige, mittlerweile an die Erledigung der Landtagsvorschläge begeben; den Kärntnern und Krainern wurde befohlen, heimzureisen, damit durch ihre Abwesenheit ihre Landtagsvorbereitungen nicht verzögert würden.

So versuchte sich Ferdinand in der Verschleppungstaktik seines Vaters, denn er gedachte keineswegs, die so erfolgreich begonnenen Maßnahmen abzuschwächen oder gar zurückzunehmen, sondern im Sinne seiner Mutter zu handeln, die ihn aneiferte: "Laß dich nur nicht schrecken, zeig ihnen die Zähne! Fahr’ ihnen flugs durch den Sinn, sie werden noch zahm werden!"

Zunächst stieß er allerdings auf die Weigerung der Stände. Die Steirer äußerten sich am 26. Jänner, vor der Erledigung ihrer Gravamina nicht in die Propositionen eingehen zu können, die anderen erklärten, nicht eher abzureisen, alle beschwerten sich heftig über die Kanzelpolemik des jesuitischen Hofpredigers. Am 28. Jänner wiederholte der Regent beide Befehle, indem er den Steirern ihre angebliche Neuerung, erst die Erledigung ihrer Eingabe abwarten zu wollen, verwies und erklärte, daß eine "Union" aller drei i.ö. Länder ihm unbekannt sei. Schon am 30. Jänner erwiderte die steirische Landschaft, sie könne vor der Erledigung ihrer Gravamina nichts bewilligen. Dies erfordere der traurige Zustand des Landes. Die Bürger, besonders die reicheren, treibe die Regierung aus dem Lande, dessen Lasten zuletzt den [Seite: 117] Bauern allein auferlegt sein würden, die doch außerstande seien, sie zu tragen. Schon jetzt müsse man wegen der scharfen Regierungsmandate der letzten Jahre in manchen Gegenden, insbesondere im Ennstal, einen Aufstand befürchten. Bereits am nächsten Tage ließ der Regent erklären, eine so ausführliche Schrift, wie die eingereichte, könne schon wegen der vielen in ihr enthaltenen Anzüglichkeiten nicht so rasch erledigt werden. Die steirischen Stände mögen warten und ein weiteres Replizieren unterlassen. Im übrigen werde er die Gehorsamen von den Ungehorsamen wohl zu unterscheiden wissen. Den Kärntnern und Krainern drohte er, falls sie jetzt nicht abreisten, den Weg, doch mit schlechtem Ruhm für sie, zu zeigen!

Die Erbitterung über den doch mehr als berechtigten Widerstand der protestantischen Stände riß Ferdinand zu Äußerungen hin, die selbst seiner in Mailand weilenden Mutter bekannt wurden. Sie mahnte ihn brieflich am 1. Februar 1599 dringend, sich doch über seine Pläne und Absichten in Stillschweigen zu hüllen. Man habe ihr seine Äußerung überbracht, er werde, "wenn die Landleute sich nicht recht erzeigten, vom Schloßberg mit Stücken auf das Landhaus schießen lassen!" Wenn dem Adel solche Äußerungen bekannt würden, so sei Schweres aus ihnen zu befürchten! Er möge niemandem seine Absichten offenbaren, auch seinem Beichtvater P. Walthauser oder irgend einem anderen Geistlichen nicht! Denn "sie verschweigens nicht und schreibens und redens alsdann mit Freuden, bedenken nicht, was daraus folgen kann." Die Leute glaubten solchen Dingen viel eher, wenn sie hörten, daß sie aus dem Jesuitenkollegium kämen, denn er wisse doch selbst, daß man allüberall sage, er tue nichts ohne ihr Vorwissen. So möge er auch diesen ihren ihm erteilten Rat den Geistlichen nicht bekannt geben! Eine eigenartige, aber bezeichnende innere Einstellung der Fürstin zu ihren und ihres Sohnes Gewissensberatern!

Indes hatten am 5. Februar die steirischen Stände noch einmal um die endliche Erledigung ihrer Beschwerden gebeten. Die Landschaft arbeite ehrlich daran, alle bestehenden Widerstände zu überwinden, nicht sie, sondern der Erzherzog verschulde die Verzögerung der Bewilligungen zur Grenzunterhaltung, zum Provianterlag und Hofkriegsstaatsdeputat, und es sei doch [Seite: 118] im Frühjahr ein Türkeneinfall zu befürchten. Übrigens müsse ein großer Teil des Adels, des langen, teuren Wartens müde, heimreisen, doch sei er bereit, nach der Erledigung der Beschwerden wieder zu erscheinen.

Dieser Landtagsbeschwerde folgte am nächsten Tage noch eine ausführliche von den V.O. aller drei i.ö. Länder verfaßte Religionsschrift, die es bitter beklagte, daß man, während in verschiedenen Provinzen Juden und Sekten geduldet und ihre templa nicht geschlossen würden, hier auf Jesus getaufte evangelische Christen so hart verfolge. Alle Arten der Bedrückungen wurden aufgezählt, man verbiete — schrecklich zu hören! — selbst den noch im Lande befindlichen Adelspredigern, die christlichen Brüder und Schwestern in ihrer Todesnot mit dem allerletzten und allerhöchsten Troste zu trösten. Wenn ihr Landesherr seine allzeit getreuen Untertanen, die im Kampf gegen die Türken Gut und Blut geopfert hätten, so behandle, müßten sie zuletzt bei kaiserl. Majestät Schutz und Hilfe suchen. An allem etwa entstehenden Unheil aber treffe sie keine Schuld.

Im Landtag waren beide Meinungen zu Wort gekommen. Die Evangelischen betonten, man könne doch nicht mehr, wie dies der Erzherzog tue, immer von Gewissensfreiheit im Lande reden, wenn man die Leute zwinge, sich katholisch trauen, die Kinder katholisch taufen zu lassen; bald werde man zu Ostern katholisch beichten müssen. Der temperamentvolle Ernreich von Saurau stellte fest: "In der Türkei müßt’ man Decimas geben, hier wolle man die Seelen haben!" Der Seckauer Bischof hingegen erklärte, wenn jeder begehre, in seinem Gewissen unbetrübt gelassen zu werden, müsse dies auch für den Landesfürsten gelten. Zudem stehe ihm das Recht zu, das negotium religionis zu treiben, wie es Sachsen, Württemberg, die Pfalz, Würzburg in dem oder jenem Sinne getan hätten. Dabei übersah Martin Brenner aber geflissentlich, daß es sich in allen diesen Fällen nie, wie in Steiermark, um die Unterdrückung der gewaltigen und noch dazu mit großen Privilegien und Versprechungen begabten Mehrheit gehandelt hatte!

Noch waren die evangelischen Stände, auch wenn bisher nichts erreicht worden war, immerhin nicht hoffnungslos. Sie [Seite: 119] ermahnten ihre im Exil in immer bedrängtere Lage geratenden Prediger zur Geduld.

Am 9. Februar gab Ferdinand seinem Schmerze darüber Ausdruck, daß die Landschaft, der er neuerdings die Bezeichnung "der A.K. zugetan" verwies, die Vorschläge noch nicht erledigt habe. Sie möge endlich ihre Pflicht gegen das Vaterland angesichts der drohenden Türkengefahr erfüllen. Er wolle ja die Gravamina erledigen, könne dies aber nicht übereilen. Die noch in Graz befindlichen Stände erwiderten nach 3 Tagen, da die meisten Herren abgereist seien, könnten die wenigen Zurückgebliebenen nichts Wichtiges mehr beschließen. Der Erzherzog möge nach der Erledigung der Gravamina einen neuen Landtag ausschreiben. Über die Annahme dieser Zuschrift kam es zu einer neuen heftigen Auseinandersetzung.

Nun versuchte der Regent einen neuen Weg. Er behauptete am 24. Februar, die ihm vorgelegte Religionsbeschwerde sei nicht von den Prälaten, Städten und Märkten miteingebracht worden, müßte also als das Werk einzelner Adeliger betrachtet werden, dessen Erledigung nicht eile. Mit Mißfallen habe er von der erfolgten Abreise etlicher Herren und Ritter gehört, allein er bevollmächtige nun den Rest, endlich die notwendigen Bewilligungen zu leisten. Der Restlandtag verwahrte sich am 27. Februar gegen die Auffassung des Fürsten. Mit dem Hinweis darauf, daß unter der Religionsverfolgung das ganze Land leide, sei die Schrift als Beschwerde der ganzen Landschaft zu betrachten. Sollte Ferdinand noch länger mit ihrer Bereinigung zögern, müsse man sich endlich an den Kaiser wenden.

Nun entgegnete der Regent am 5. März, die Gesandtschaft an den Kaiser sei überflüssig, da er die Religionsbeschwerde noch während des Landtages zu erledigen gedenke. Die Stände mögen nur inzwischen an die Bewilligungen schreiten. Diese entschuldigten sich 4 Tage später, daß sie nach der Abreise so vieler Standesgenossen nicht "den Anfang des Landtages machen" könnten. Eine Rückberufung der Abgereisten sei wegen des Bevorstehens der hl. Zeit nicht tunlich. Außerdem habe die Regierung während der monatelangen Verhandlungen den Evangelischen im Lande soviel neue Unbill zugefügt, daß man sich schon um ihretwillen an den Kaiser wenden müsse. [Seite: 120]

Unmutig vertagte Ferdinand am 12. März den Landtag, indem er den noch anwesenden Adeligen die Erlaubnis zur Heimreise gab. Die Abordnung einer Gesandtschaft an den Kaiser erklärte er neuerdings für zwecklos. Er hatte hierin insofern auch Recht, als bei dem immer mehr in Wahnsinn versinkenden, ganz in den Händen seiner Bediensteten befindlichen Kaiser nicht viel Erfolg zu erwarten war.

Noch während der schwebenden Verhandlungen waren mehrmals, wie in Aussee, Mürzzuschlag, Knittelfeld u.a.O. gewaltsame Rekatholisierungsversuche unternommen worden, indem man evangelische Bürger vorlud, verhörte, büßte und meist zuletzt auswies.

Der neue Landtag war für den 19. April anberaumt worden. Die Steirer waren im Einvernehmen mit den übrigen i.ö. Glaubensgenossen entschlossen, die von Ferdinand neuerlich vorgelegte Proposition des letzten ergebnislosen Landtages vor Erledigung ihrer Beschwerden nicht zu bewilligen. Am 20. April verfaßten sie überdies eine Beschwerdeschrift an Kaiser Rudolf, in der sie alle Drangsalierungen aufzählten, insbesondere aber den Zwang in die Jesuitenschule, den gewissensverletzenden katholischen Bürgereid, das Verbot innerhalb der eigenen Wohnungen evangelische Bücher zu lesen und Lieder zu singen, die Einsetzung katholischer Pfarrer zu Stadtanwälten und den in mehreren Fällen Bürgern verwehrten freien Abzug hervorhoben. Daneben protestierten die Stände im Landtag feierlich gegen alle neuen Gewaltmaßnahmen des Landesfürsten, durch die er sie, "freie Steirer", zu "leibeigenen Knechten" erniedrigen wolle.

Ferdinand kehrte die absolute Gewalt heraus und forderte am 22. April wiederum nachdrücklich die Bewilligungen, die zu gewähren die Prälaten bereit seien. Die von den Ständen gewünschte Resolution werde dann folgen. Die Landschaft erwiderte nach 2Tagen, daß man sich nach den gewaltsamen Regierungsmaßnahmen mit einer bloßen Resolution nicht mehr begnügen könne, es müsse die Abstellung ihrer Beschwerden erfolgen, die durch die jüngst erfolgte brutale Ausweisung des Pettauer landschaftlichen Arztes Dr. Wexius und des Landschaftsbeamten Schmid noch vermehrt worden waren. Letzterer hatte binnen 3 Tagen das Land [Seite: 121] verlassen müssen, weil er sein verstorbenes Kind "mit Besingnus" bestattete. Man könne doch die Toten nicht wie unvernünftige Tiere hinaustragen, und wenn man das Reimen bemängle, hätte man mehr Ursache, sich an die Jesuiten zu halten!

Die endlosen Verhandlungen hatten die Stände ermüdet, ihre Erfolglosigkeit sie entmutigt. Am 1. Mai begehrte Ferdinand noch einmal schroff, man möge binnen Z Tagen seine Forderungen bewilligen. Zwar zog er auf den Protest der Stände hin den Termin zurück, aber jene suchten selbst zu einem Ende zu kommen. Bei den Kärntner und Krainer Landtagen konnten sie sich keinen Rat holen, weil beide "sich zerstoßen" hatten. Zwar hatte die Bedrückung Radkersburgs sie aufs neue tief erzürnt, anderseits mahnte der drohende Türkeneinfall zur Bewilligung der Verteidigungsmittel. So erfolgte denn unter der Bedingung, daß der Adel in seinen Häusern unangetastet bleibe und niemand um des Gewissens willen im Lande bedrängt werde, die Landtagsbewilligung. Man verfehlte aber nicht, den Regenten daran zu erinnern, unter welchen Bedingungen ihm gehuldigt worden sei, und zu versichern, daß bei Nichteinstellung der Religionsverfolgung künftig nichts mehr geleistet und bewilligt werden könnte.

Ferdinand nahm zwar die Bewilligungen an, lehnte aber jene an sie geknüpften Bedingungen ab. Das an die Stände hinzugefügte Verbot, weitere Anwerbungen von Knechten vorzunehmen, rief einen längeren Schriftenwechsel hervor, den nach der Abreise der meisten Herren und Ritter die V.O. führen mußten.

Endlich ließ sich der Herrscher auch zur so oft geforderten Erledigung der ständischen Beschwerden herbei; sie fiel ganz anders aus, als man erwartet hatte. In dieser, am 21. Juli 1599 herausgegebenen, auf den letzten April zurückdatierten Resolution enthüllte Ferdinand sein wahres Gesicht. Er erklärte den Inhalt jener Beschwerden als "zusammengeblasen", "zusammengeschmiedet", voll scharfer und hitziger, aus unbegründeten Rechtsbehelfen zusammengeklaubter "Anzüge". Die unerlaubte, zu Unrecht von ihnen eingebildete Union der drei i.ö. Länder hätte die gute Sache nur zum Schaden lange aufgehalten. Seine Glaubensreformation erfolge nicht, wie die Stände behaupten, auf Antrieb der Feinde, [Seite: 122] sondern des hl. Geistes, zur Ausrottung des Unkrautes. Daher mußten auch die "vermeinten" Prädikanten der A.K. zuerst vertrieben werden, weil sie ihre falschen, verführerischen Lehren zur Schmach und Unehre Gottes im Lande verbreitet hätten. Er glaube darum für jene Maßnahmen nicht Vorwürfe, sondern Lob, Dank und Ehre zu verdienen. Die Beilegung der A.K. hätten sich die Stände ersparen können, weil er solche verderbliche, auf Konzilien verurteilte Schriften als rechter Katholik nicht lese. Wenn die Stände sich auf seinen Vater Karl beriefen, so müsse er ihnen sagen, daß jener viel Schmerzen und Reue erduldet habe um der Konzession willen, die aber seine Erben keineswegs zu halten verpflichtet seien. Die Stände hätten nun 32 Jahre lang jene Konzession besessen, das Recht der katholischen Kirche aber, das er schütze, sei uralt. Schließlich sei die Abschaffung der Konzession auch deshalb notwendig geworden, weil die Stände ihre Grenzen weit überschritten hätten, indem sie, der katholischen Obrigkeit zum Eintrag und Trotz, Städte und Märkte an sich gezogen und ruhig zugesehen hätten, wie man die bereits von Kaiser Ferdinand I. verbotenen ketzerischen Bücher ins Land geführt und durch Lästergesänge und -predigten die Anhänger der alten Kirche herausgefordert hätte. Auch dieserhalb hätten die Prädikanten ihr Schicksal verdient. Im übrigen sollten sie nicht immer von ihren Verdiensten um das Haus Österreich reden, sondern sich lieber daran erinnern, was dieses für sie getan habe. Wenn sie Tumulte befürchteten, sei es, wenn sie nicht selbst in Strafe fallen wollten, ihre Pflicht, sie zu unterdrücken. Seine Reformation sei heilsam und nützlich und werde bis zum Ende durchgeführt werden.

Die steirischen V.O. waren über diese in jesuitischem Geist gehaltenen Ausführungen aufs heftigste bestürzt und meldeten am 22.Juli 1599 den Protestder drei i.ö. Landschaften an, Ferdinand antwortete am 25. Juli mit einem strengen Verweis und verbat sich von vornherein jeden Protest gegen sein auf Antrieb des hl. Geistes zum Wohle seiner Untertanen unternommenes Werk.

Die Stände sahen das letzte Mittel zur Umstimmung des Landesfürsten in einer Generalzusammenkunft der drei i.ö. Länder. Aus ihnen fanden sich am 1. September Vertrauensmänner in Graz ein, um über die Tunlichkeit einer solchen zu beraten, [Seite: 123]gleichzeitig aber in dem von den katholischen Gegnern gegen den i.ö. Agenten am kaiserlichen Hofe Hans Georg Kandlberger und den steirischen Landschaftssekretär Hans Adam Gablkhover heraufbeschworenen Hochverratsprozeß die nötigen Schritte zu tun. Auf Grund der gänzlich haltlosen und unbegründeten Beschuldigung, sie trachteten durch ihre "Konspirationen" den Erzherzog und seine Familie aus dem Lande zu jagen, wurden jene im Juni bzw. Oktober 1599 gefangengesetzt; der "einzige Fall, in dem steirische Landschaftsbedienstete wegen Hochverrats in den Kerker mußten!" Gegen Kandlberger wurde selbst die Folter in Anwendung gebracht, doch ließ sich auch nicht die Spur eines Beweises für das Verschulden eines oder beider finden, so daß Gablkhover bereits nach einigen Monaten freigelassen wurde, während Kandlberger bis zum Jahre 1602 im Schloßberggefängnis verwahrt blieb. Etliche Geschichtsschreiber behaupten, andere bestreiten, daß seine Freilassung erst durch das Eingreifen der durch die Schenkung der Stift von den Ständen hierzu bewogenen Erzherzoginmutter Maria bewirkt worden sei.

Während die ständischen Vertreter I. Ös., auch nach den letzten bitteren Erfahrungen in ihrer dynastischen Treue nicht einen Augenblick wankend, langwierig berieten, wie man die Resolution Ferdinands widerlegen müsse, schritt dieser zu neuen Taten. Einen Prädikanten, der beim Begräbnis einer adeligen Jungfrau die Leichenrede gehalten hatte, ließ er in den Kerker werfen; Standesherren, die ausgewiesene Prediger bei sich aufnahmen und beherbergten, belegte er mit Geldstrafen von 2-5000 Dukaten. Einen Hauptvorstoß jedoch stellte die Enteignung der Stiftskirche dar. Als die Verordneten den mehrmaligen Regierungsbefehlen und Terminsetzungen nicht nachkamen, ließ der Regent am 14. Oktober die Kirche im Beisein der Regimentsräte Dr. Manicor und Dr. Costede durch die Stadtguardia gewaltsam öffnen und nach Wegnahme der Glocke mit einem neuangefertigten Schlosse sperren. Der Protest der V.O. gegen diese grobe Verletzung ständischen freien Eigentums blieb gänzlich erfolglos.

Ein Hauptaugenmerk richtete der Erzherzog auf die Verhinderung der Einfuhr evangelischer Bücher. An allen Toren und Mauten sollten insbesondere Fässer, die häufig zu Büchertransporten benutzt wurden, durchsucht werden. Gefundene ketzerische [Seite: 124] Bücher gebot er "auszurotten und zu vertilgen". Am 24. November drangen in Begleitung der Stadtwache Jesuitenpatres sogar in die im Landhaus von den Ständen zugelassene Buchhandlung ein und nahmen dem Buchkrämer evangelische Schriften weg, so daß dieser einen Schaden von über 900 fl. erlitt. Auch der Großteil der neugedruckten Agende scheint hierbei beschlagnahmt und vernichtet worden zu sein.

Den letzten, entscheidenden Schlag aber führten die vom Landesfürsten eingesetzten Religionsreformationskommissionen, die einen wahren Feldzug des fanatischen Landesherren gegen seine ihm treu ergebenen Untertanen bedeuteten und deren man bis zum heutigen Tage um der von ihnen angewandten barbarischen Rohheit willen nur mit Abscheu gedenken kann, wenngleich die katholische "revisionistische" Geschichtsschreibung von ihnen zu rühmen weiß, daß sie kein Blut vergossen haben! Als wenn es zum Raube noch des Mordes bedurft hätte! Jedenfalls gehört in Anbetracht des Wirkens jener Kommissionen eigenartige Wahrheitsliebe dazu, um, wie ein katholischer Geschichtsschreiber unserer Zeit, behaupten zu können, daß Steiermark "mit Begeisterung zur katholischen Kirche zurückgekehrt" sei.

10. Die Religionsreformationskommissionen 1599 - 1600.

Die Rel.-Ref.-Kommissionen waren dazu bestimmt, den Protestantismus im Bürger- und Bauernstande völlig auszurotten. Die erste trat im Auftrage Ferdinands am verhängnisvollen Tage der Wegnahme der Grazer Stiftskirche, dem 14. Oktober 1599 in Leoben zusammen124.1. Die Führung [Seite: 125] lag in den Händen des Abtes Johann von Admont, dem der Propst Johann von Rottenmann, der geh. Rat Andreas von Herbersdorf, der Kammerrat Alban von Mosheim und als Kommandant der aus je einem Fähnlein deutscher und windischer Knechte der Grazer Garnison bestehenden Guardia Hans Friedrich von Paar beigegeben waren.

Die Kommission hatte, ebenso wie alle folgenden, eine genaue Instruktion mitbekommen, und da sie in das als gewalttätig verschrieene Eisenerzer Gebiet zog, wurden zu ihrer Verstärkung noch 1000 bewaffnete Bauern und Schützen aus dem Enns-, Mürz- und Aflenztale, Untertanen der Stifte St. Lambrecht, Admont und Neuberg aufgeboten. Die Waffen für den Großteil hatte die Regierung nachts, in Fässern verborgen, aus Graz herbeischaffen lassen.

Die Eisenerzer wollten, von dem Herannahen der Kommission verständigt, die einzige Zufahrtstraße über den Präbichl verhauen, kamen jedoch zu spät und fanden den Berg bereits besetzt. Als die Kommissäre vor Eisenerz ankamen, fanden sie die Tore des Marktes versperrt, die Bürger und Knappen hatten sich bewaffnet, den Schichtturm besetzt und angeblich sogar Geschütze auffahren lassen. Das Begehren, die Tore zu öffnen und die Kirchenschlüssel auszuliefern, lehnten die Eisenerzer mit Entschlossenheit ab: "Sie wollten lieber Leib und Leben lassen, als den Markt öffnen". Schon erwog die Kommission den Abzug, als die aus dem Aflenztal aufgebotenen Schützen ankamen und die Eisenerzer sich angesichts der großen Übermacht entschließen mußten, ihren Markt zu öffnen, der sofort von den Soldaten besetzt wurde.

Die Kommissäre setzten zuerst den den Eisenerzern jüngst aufgezwungenen, von ihnen jedoch vertriebenen katholischen Pfarrer wieder ein, dann wurde mittels eigener "Fragstücke" versucht, die Rädelsführer zu ermitteln. Ferdinand hatte auch den Bannrichter Hans Kuppitsch nach Eisenerz nachgesandt. Tagelang dauerten die Verhöre, man lud abwechselnd die Knappen, die Blähhausleute, die Radmeister und die Bürgerschaft vor und setzte ihnen hart zu. Einige der Führer waren entflohen, von den noch vorgefundenen wurden zwei am Pranger mit Ruten gepeitscht und nebst zwei anderen nach Entrichtung der Abzugssteuer [Seite: 126] für ewig aus den Erblanden verwiesen, fünf andere wurden als Rebellen nach Graz eingeliefert, wo man sie zuerst zum Tode verurteilte, dann jedoch auf Bitten ihrer Frauen und Kinder nach einer ausgiebigen Vermögensabgabe zur Ausweisung begnadigte. Der entwaffneten Einwohnerschaft wurden die lutherischen Bücher abgenommen und auf dem Marktplatz öffentlich verbrannt, die Privilegien des Marktes wurden aufgehoben, die Marktbewohner mußten feierlich schwören, daß sie künftig dem Landesherrn in allem gehorchen, den eingesetzten katholischen Pfarrer anerkennen und den katholischen Gottesdienst von nun an fleißig besuchen würden. Am Marktplatz und beim Schichtturm wurden Galgen errichtet, die zur Abschreckung dienen sollten. Ein landesfürstlicher Anwalt wurde über den seiner alten Rechte beraubten Ort gesetzt, in dem man überdies eine Garnison von 50 Mann zurückließ, die die Eisenerzer auf ihre Kosten mit wöchentlich 100 fl. erhalten mußten. Schließlich befahl man, daß eine Deputation von 30 Einwohnern in Graz den Erzherzog persönlich um Verzeihung bitten müsse.

Die Wirksamkeit der Kommission in Eisenerz wurde hier ausführlicher geschildert, um ein Bild des von ihr allenthalben in ziemlich gleicher Weise gehaltenen Vorgehens zu geben.

Von Eisenerz zog die Kommission nach Aussee, wo sie besonders streng auftrat, weil die Einwohner kürzlich den eigens gesandten landesfürstlichen Kommissär samt dem bereits mitgebrachten katholischen Pfarrer, Organisten und Kantor zum Abzug gezwungen und die Pfarrkirche dem Prädikanten belassen hatten, der nun freilich ins benachbarte oberösterreichische Ischl hatte fliehen müssen. Daß dieser, trotz des ausdrücklichen Verbotes, aus dem Salzamtsgefälle mitbesoldet worden war, hatte den Erzherzog besonders erbittert. Am 4. November wurden hier die versammelten Berg- und Pfannarbeiter, Holzknechte, Bürger und Bauern in ihrem Gewissen vergewaltigt. Es ging alles wie in Eisenerz: Drohungen, Fußfall, flehentliches Bitten, Vereidigung, von der andermals ein Augenzeuge berichtet: "Haben also die armen einfältigen Leute gedrungener Not die Finger aufgereckt, aber wie ich am rechten Orte verstehe, wußten sie schier selber nit, was sie geschworen haben". In Aussee wurden auch an 3 Orten [Seite: 127] mit der Todesstrafe drohende Mandate gegen die Prädikanten angeschlagen, und, was ebenso unökonomisch als ruchlos war, die Häuser der entwichenen Führer niedergebrannt und eingerissen!"

Die Gröbminger boten durch Abgesandte Unterwerfung an, auf dem Wege zu ihnen wurde in der Nacht zum 11. das dem Gröbminger lutherischen Pfarrer gehörige Bauerngut geplündert, das Vieh den Soldaten überlassen, das Getreide dem neuen katholischen Pfarrer gegeben. Der entflohene Prediger hatte einen kleinen Kelch "in der eilenden Flucht" vergessen, in dem sich noch "etliche seiner vermeinten sacramenta" (Hostien) befanden, und der samt dem Inhalt als Trophäe dieses unrühmlichen Feldzuges an den Erzherzog gesandt wurde.

Über Oblarn ging der Weitermarsch nach Schladming. Auch dieser Markt hatte durch Abgesandte die Unterwerfung erboten und Schonung erbeten. Allein da Schladming bei der katholischen Partei "als ein rechtes Ketzernest und Grundsuppen aller Irrtümer" galt, wollte man hier gründlich verfahren und hatte es vor allem auf den vor Jahrzehnten ob seines Luthertums aus dem Salzburgischen "bandisierten" Obergewerken Hans Steinberger abgesehen, in dem man "der ganzen Gemeine Abgott und Haupträdlführer" sah. Er wurde samt anderen "Rebellisten und Flazianern, Manns- und Weibspersonen" nach Graz zur Einkerkerung geführt, sein Haus, das eine schöne Bücherei barg, und seine Bergwerke wurden unter ZwangsverwaItung gestellt, das Ende war Landesverweisung. In Schladming wurden sogar 3 Galgen, davon einer vor Steinbergers Haus, errichtet und an die 3000 lutherische Bücher in 3 Haufen auf dem Marktplatz verbrannt. Die Achatiuskirche, deren Altartafelaufsatz aus der evangelischen Zeit noch heute zu den Schätzen des steirischen Landesmuseums gehört, wurde dem katholischen Kultus wiedergegeben, das Hoffmannsche Spital dem Bergrichter eingeantwortet.

In Schladming kehrte die Kommission am 14. November um und sandte die Hälfte des Kriegsvolks zu der von den Hoffmanns zwischen Schladming und Gröbming "in der Au" neuerbauten "sektischen Kirche". Nachdem man die Glocke vom Turm herabgenommen und dem Büchsenmeister als Belohnung geschenkt [Seite: 128] hatte, "wurde die Kirche samt dem dabey gewesten Pfarrhofe und Meßnerhaus in Grund abgebrannt und verwüstet".

Am nächsten Tag widerfuhr das gleiche Schicksal der Kirche beim Schlosse Neuhaus. Sie wurde von dem wiederum vorausgesandten halben Kriegsvolk "samt vielen umhergestandenen Krämerhütten und dem Meßnerhäusl in Brand gesteckt". Die "Spelunken" wurden den Büchsenmeistern "zu etwas Ergötzung ihrer auf dieser Kommission habenden großen Mühe" zum Plündern überlassen.

Am 15. November wurde Rottenmann heimgesucht, dessen benachbarte Schlösser Strechau und Grünbühl die Hauptsitze der Hoffmanns waren. Man fahndete ohne Erfolg nach den bereits flüchtigen Predigern, und verhandelte mit den Freiherren Wolf Sebastian und Ferdinand Hoffmann wegen der Auslieferung der St. Salvatorkirche, die das Geschlecht zugleich als Erbbegräbnis beim Schlosse Thalhof errichtet hatte. Noch ehe die Verhandlungen beendet waren, wurde die schöne Kirche, ein stattlicher Rundbau, über dessen Portal die am steirischen Protestantismus bewahrheiteten Worte "Preces et lacrimae sunt arma huius ecclesiae" standen, "mit Pulver und Feuer angesteckt und aufs höchste, so wie man immer konnte, weil das Gebäu so stark war, gesprengt und zerstört". Der Aufseher über dieses barbarische Zerstörungswert, Paar, hinderte die Hoffmannschen Leute selbst tunlichst an der Herausschaffung der Toten aus der Gruft und drohte, als sie 15 Särge geborgen hatten, nun sei es genug, sie mögen sich packen, sonst lasse er sie mit hineinstoßen. Die rohe Soldateska trieb mit den Särgen ihren Mutwillen und schreckte auch vor Leichenschändung nicht zurück, zerschlug etliche Särge, durchstach den Leichnam eines Windischgräz und zog ihm die Ringe vom Finger. 2 Kindersärge ließen sie verbrennen.

Nachdem die Rottenmanner Bürgerschaft in der erprobten Weise gedemütigt und entrechtet worden war, sandte die Kommission Maurer nach der Kirchenruine "in der Au" und nach Neuhaus, die unter der Leitung des Wolkensteiner Pflegers das noch aufrecht stehende Gemäuer, damit es nicht "leichtlich wiederum ’deckt werden möchte", völlig niederreißen mußten, und entließ den Großteil der bewaffneten Bauern, denn hier war der wichtigste Teil des Zerstörungswerkes vollbracht. [Seite: 129]

Über Wald und Kalwang, wo die Kirchen dem katholischen Kultus wiedergegeben und die Pfarrmengen bedroht wurden, nie wieder evangelische Prediger "einzuschleifen", kehrte die Kommission nach Eisenerz zurück, wo sie sich am 20. November nach einem ausführlichen Berichte an den Landesherren auflöste. Der Feldzug in das wichtige Oberland war zu seiner Zufriedenheit beendet worden.

Allein schon richtete Ferdinand die gewaltsame Rekatholisierung des Unterlandes ins Werk und setzte eine neue Kommission ein, an deren Spitze er diesmal den Bischof Martin Brenner selbst stellte, der auf Ersuchen seines Fürsten auch die Prälaten des Landes zu freiwilligen Beitragsleistungen zur Erhaltung der für diese Unterwerfung erforderlichen Soldaten zu bewegen vermochte. Außer Herbersdorf, der, gleich dem in Oberösterreich zu traurigem Ruhm gelangten Adam aus dem bewährten, evangelischen Geschlecht stammend, sich zum Verderben seiner früheren Glaubensgenossen gebrauchen ließ, wurden Mosheim und Paar, sowie der Regierungssekretär Wolfgang Kaltenhauser dem Bischof zugeordnet, der als "seine Waffen" des Breviarium Romanum mitnahm. Er führte aber auch zur Widerlegung des Luthertums das Konkordienbuch und die lutherische Bibelübersetzung mit, um aus ihr zu beweisen, "wie Luther ein so falscher Lehrer und verlogener Prophet gewesen, daß er die HS. an vielen wichtigen Stellen aus eigener Frechheit verfälschte". Seine Haupttätigkeit erstreckte sich allerorten auf die Belehrung der zwangsweise zusammengetriebenen, verängstigten Einwohner, er predigte in den Kirchen wie aus den Marktplätzen und Friedhöfen. Sein Zeitgenosse, der Propst Rosolenz, überliefert Proben der geschmackvollen Art, in der der steirische Oberhirte die verlorenen Schafe wiederzugewinnen suchte. In der Art des Cochläus wurden sämtliche Lügen über Luthers angeblich ärgerliches Leben aufgetischt. Den Reformator schildert der Bischof als "gottlosen Apostaten und treulosen Mönch, welcher nicht allein schändlich geschrieben, sondern auch wie eine wilde Sau und wie ein mutwilliges Schwein gelebt, gewütet und getobt und mit seinem unverschämten und unflätigen Rüssel die ganze Bibel verwüstet und zerwühlt habe", als "ausgesprungenen, geilen und eidbrüchigen Mönch, dessen Tischreden und hinterlassenen Bücher [Seite: 130] voller Verleumdung, Unzucht, Zorn, Hoffart, Zoten und leichtfertigen Possen seien, so daß es ihm nicht bald ein lasterhafter und unverschämter Mensch zuvortun könne", als "unreinen, trotzigen, polternden, hoffärtigen und gottlosen Menschen" und "giftigen Phantasten", als "verlogenen, unverschämten Menschen, der selbst im Herzen nicht geglaubt, was er anderen gepredigt habe." Bloß diese Stichproben beleuchten, wie berechtigt die Klagen und Beschwerden des Adels über die Predigtweise des römischen Klerus waren, zeugen aber auch von der Unverschämtheit, die es wagte, dem Volke Lügen vorzusetzen, die trotz aller Schrecklichkeit noch nicht an die Ärgernisse heranreichten, die man am römischen Klerus im Lande erlebt hatte und noch erlebte, und die noch von dem in Schatten gestellt wurden, was man jahrzehntelang vom sittlich-verlotterten Papsthofe gehört hatte. Es läßt sich denken, wie nur die Androhung der Einquartierung oder der Ausweisung zu den von den Kommissären berichteten "wunderbaren" Massenbekehrungen führte. Sie wurden offiziell der überzeugenden Beredsamkeit des Bischofs zugeschrieben, der es nie versäumte, auch auf die Zwiespältigkeit im evangelischen Lager, die verschiedenen Konfessionen, das angeblich ärgerliche Leben der Prädikanten und ihre Flucht hinzuweisen und dem allen die Herrlichkeit und den angeblich immer gleichen, ewigen Lehrgehalt der alleinseligmachenden Kirche gegenüberzustellen.

Am 16. Dezember 1599 brach die Kommission im Schutze von 150 Musketieren und 170 mit Musketen bewaffneten bischöflichen Untertanen aus dem Bischofsschlosse Seggau bei Leibnitz auf. Die Instruktion und ihre Durchführung glich der bei der vorigen Unternehmung. Bereits am nächsten Tage wurde der den Stubenbergs gehörige Markt Mureck reformiert, abends zog man in Radkersburg, der protestantischen Hochburg des steirischen Südens, ein. In der Drangsalierung der wackeren, grenzdeutschen, treuevangelischen Bürgerschaft, die einen Tag lang ihre Häuser überhaupt nicht verlassen durfte, bis die aufgebotenen 500 slovenischen Hilfssöldner angelangt waren, und die man zwecklos stundenlang auf dem Markte stehen ließ, tat sich in roher und unverschämter Weise der von Paar hervor. Das Gut der nach Ungarn Geflüchteten wurde beschlagnahmt, etliche Führer wies man "bei scheinender Sonne" aus der Stadt und binnen 3 Tagen [Seite: 131] aus dem Land. Eine ganze reihe von Bürgern machte von dem nach Entrichtung des 10. Pfennigs gewährten Abzugsrecht Gebrauch. Die benachbarte Herbersdorfsche Kirche wurde nach Niederlegung des Turmes und Wegnahme der Glocke, Kanzel, Bänke und Predigergrabsteine durch einen besonderen Gnadenakt Ferdinands dem Geschlecht als Erbbegräbnis belassen, später freilich wegen angeblicher Abhaltung evangelischer Gottesdienste auch der Zerstörung preisgegeben.

Nachdem Radkersburg besonders nachdrücklich reformiert worden war, zog die Kommission am 5. Jänner 1600, inzwischen auf 1000 Mann verstärkt, über Klöch und Halbenrain durch slovenisches Gebiet, zerstörte in den "windischen Büheln" Springerkirchen131.1 und kam am Dreikönigstag in Marburg an. Die bereits im Vorjahr durch eine Kommission heimgesuchte Stadt unterwarf sich bis auf etliche hartnäckige Nobilitierte, die man auswies. Die im benachbarten Windenau den Herbersteins gehörige Kirche, für die noch im Jahre 1597 Georg Suttar ein neues Altarbild gemalt hatte, sprengte samt dem benachbarten Schul- und Prädikentenhaus am 8. Jänner eine dorthin gesandte Abteilung, nachdem sie alles zuvor in Brand gesteckt hatte. Sie ging mit solcher Wut zu Werke, daß 2 Soldaten den Tod fanden, 2 schwer verletzt wurden. Dem Freiherrn Wilhelm von Herberstein zu Trotz, dessen Schloß neben der Kirche gelegen war, richtete man auch auf dieser Brandstätte einen Galgen auf. Als jener ihn nach Abzug der Rotte umhauen ließ, ließen die Kommissäre aufs neue einen dreifachen Galgen hinsetzen und drohten, falls auch dieser beseitigt würde, würde man "mit den großen, zu Pettau liegenden Stücken, mit welchen Petrinia ist bezwungen worden, vor sein Haus rücken."

Am 15. Jänner kam Pettau daran, wo sich 60 lutherische Bürger fanden, die in strenge Behandlung genommen wurden, dann führte der Weg über Windischfeistritz und gonobitz, wo ein lutherischer Friedhof der Verwüstung anheimfiel, nach Cilli, wo zugleich für die dahin gepreßten Bewohner von Sachsenfeld am 21. Jänner die Amtshandlung begann. Bis auf [Seite: 132]fünf zum Exil Verurteilte bequemten sich alle an. Dem großen Bücherbrande fiel auch die schöne, 250 Bände umfassende Bibliothek des flüchtigen Cillier Predigers Mag. Weidinger zum Opfer. Da die Cillier stets nach Scharfenau "ausgelaufen" waren, mußte auch die dortige prächtige Kirche, die von der Landschaft mit einem Kostenaufwand von über 36000 fl. errichtet worden war, dem fanatischen Zerstörungstrieb geopfert werden. Mit besonders roher, sinnloser Wut wurde dieses Vernichtungswerk, das die beim Erzherzog eingebrachten inständigen Bitten der V.O. vergebens aufzuhalten suchten, durchgeführt, wiewohl selbst von katholischer Seite Bedauern über diese Untat geäußert wurde. Die Truppen brachten Sturmböcke, Seile und Pulver von Cilli mit, die Glocken wurden vom Turme herabgelassen, die Kanzel und die Kirchenstühle zerstört; soweit es ging, riß man mit Hacken und Böcken die Mauern ein. Einer der Anführer tummelte sein Roß im Kirchenraum, spottete und höhnte, ein windischer Drescher stieg mit einer scharfen Axt auf die Kanzel und zerspellte sie wie ein Rasender. Mit langen Stangen rissen die slovenischen Knechte die Epithaphia von den Wänden und stießen die Fenster ein. Der Erzpriester von Sachsenfeld, ein berüchtigter Trunkenbold, stand inmitten der wüstenden Rotte und trieb sie an: "Nur toll, nur toll!" Am 19. Jänner 1600 wurde die Kirche, besonders der Turm, untergraben und eine Mine von 10 Tonnen Pulver gelegt. Unter dem Kirchendache häufte man Brennstoff auf, der um 7 Uhr abends angesteckt und durch Zündschnüre mit dem Pulver in Verbindung gebracht wurde. Allein die Sprengung gelang nur zum Teil. Am nächsten Morgen legte man durch Pulver den Turm um, dann sprengte man in Abständen die Teile der Kirche, von der nichts als eine rauchgeschwärzte Ruine stehen blieb. Die slovenische Bevölkerung verfolgte die Zerstörung und vollendete sie, vom Sachsenfelder Priester in der Predigt hierzu aufgefordert, mit Schaufel und Krampen. Der Büchsenmeister erhielt für die schwere Sprengungsarbeit den Extralohn von 300 fl. Am 23. Jänner war die Reformation in Cilli beendet, am nächsten Tage zog man in Windischgraz ein, der von Paar allein mit 5 Schlitten, auf denen er "seine Huren mitschleifte". Hier wurde der Friedhof samt der Kapelle mit Sturmböcken eingerannt und zerstört. Der Grund wurde [Seite: 133] schändlicherweise als Viehhalt verpachtet, so daß schon im August von den Nachbarn Beschwerden einliefen, es sei für alle, auch für die Katholiken, beschämend, wenn über die Gräber so vieles ehrlicher Leute, darunter mancher vom Adel, das Vieh liefe, man möge doch gestatten, den Grund einzufrieden.

Hierauf verließ die Kommission das rechte Drauufer und reiste von Drauburg, Mahrenberg und Arnfels, wo ein schöner, dem Herrn von Gern gehöriger Friedhof "zerstoßen" und die Kirche dem römischen Priester eingeantwortet wurde, nach Leibnitz, wo sie nach Zerstörung zweier Springerkirchen in Leutschach und Soboth am 29. Jänner einlangte und wohin sie auch die Bürger von Eibiswald, Leutschach und Wildon bestellt hatte. Die stark gebaute Ammansche Kirche und zwei evangelische Friedhöfe beim benachbarten Gute Grottenhof wurden gesprengt. Das gleiche Schicksal erfuhr die auf Gallerschem Grunde gelegene, noch im Bau befindliche Kirche und Schule bei Schwanberg. Auf einem Breunerschen Hofe angebrachte Wandgemälde, die Szenen aus dem Leben der Mönche und Nonnen mit "Famosreimen" darstellten, wurden gelöscht.

Hiermit hatte die zweite Kommission den Großteil des Unterlandes wenigstens äußerlich rekatholisiert und sie brach nach Graz zur Berichterstattung auf, die nicht nur gnädig aufgenommen wurde, sondern dem von Paar das landesfürstliche Geschenk von 1200 fl., dem Bischof Martin gar 1500 fl. als "Kommissionszehrung" eintrug.

Die nächste Kommission erhielt als Aufgabe die Rückgewinnung des oberen Murtales. Zum Führer war wieder Bischof Brenner bestimmt, dem diesmal außer Mosheim der Regimentsrat Dr. Angelus Costede und als militärischer Befehlshaber Herr Hans Christoph von Prankh beigegeben wurden, welch letzterer nach seiner Konversion im Hofdienst die Früchte seines Glaubenwechsels zu genießen begann. Die Instruktion und ihre Durchführung war die übliche. Am 16. März erfolgte der Abzug aus Graz. Nach Bücherbränden bei zwei Wirten an der Straße, deren Gasthäuser Sammelpunkte der Evangelischen gewesen waren, wurde in Peggau eine lutherische Kapelle zerstört, in Frohnleiten die Einäscherung von 200 Büchern bewerkstelligt. In Bruck wurden nach der Verbrennung von 800 [Seite: 134] Büchern die Bürger 3 Tage lang bekehrt, in Leoben geschah das Gleiche mit den dortigen Einwohnern, sowie denen von Vordernberg und Trofaiach, die man hinbefohlen hatte. Die mit 12000 angegebene Zahl der hier verbrannten lutherischen Schriften dürfte wohl ums Zehnfache zu hoch gegriffen sein. Dann kam am 23. und 24. März das bereits im Vorjahr behandelte Knittelfeld daran, wo man 400 Bücher auf den Scheiterhaufen schleppte und von wo aus man die Saurauschen Pfarren Groß- und Kleinlobming, beide bis zuletzt Prädikantensitze, dem römischen Kultus wiedergab. Der Kleinlobminger Pfarrer mußte zum dritten Male das Exulantenschicksal auf sich nehmen, während in Großlobming ein konvertierter schlesischer Pfarrerssohn eingesetzt wurde. Nach Judenburg hatte man zum Kommissionsbeginn am 25. März auch die Bürger von Weißkirchen, Obdach und Oberzeiring bestellt. Auch hier predigte der Bischof 3 Tage lang, nachdem die Landschaftskirche zu St. Martin ebenso wie der ständische Friedhof dem katholischen Pfarrer eingeantwortet war. So wie in Bruck 5, in Knittelfeld 4, blieben in Judenburg 9 Bürger fest, die einen Abzugstermin von 6 Wochen und 3 Tagen erhielten.

Über Unzmarkt und Frauenberg gelangte die Kommission nach Neumarkt, das als besonders trotzig galt und 4 Tage lang bearbeitet wurde. Man hatte die Guardia um 300 bewaffnete Lambrechter Klosteruntertanen verstärkt, ehe man daran ging, zwei den Herren von Jöbstl gehörige Kirchen beim Schlosse Lind zu sprengen und in Neumarkt an die 1000 aufgestöberte Bücher zu verbrennen. Von 14 widerspenstigen Bürgern erhielten die meisten den vorerwähnten Termin, 4 jedoch wurden "bei scheinender Sonne" verjagt. Die Pfarren um Teuffenbach wurden nach der Austreibung der Prädikanten wieder katholisch gemacht, das gleiche geschah mit 14 anderen Pfarren um Murau und Oberwölz. Aus der unter dem Teuffenbachschen Patronate stehenden Pfarre Ranten mußte der alte Pfarrer Zeiller, der Vater des nachmals berühmten Geographen, weichen.

Der Rückweg erfolgte über Judenburg und die Stubalpe, hierbei wurden Voitsberg und das Kainachtal reformiert. Der Seckauer Propst hatte dann noch die Pfarren an der Packalpe zu behandeln, deren Prediger entflohen waren, bis auf den zu [Seite: 135] Pack selbst, den man unter dem Kirchendach verborgen fand und nach Graz sandte, von wo er ausgewiesen wurde.

7 Wochen hatte die Arbeit dieser Kommission gedauert, welche dem Erzherzog zu seiner Vermählung mit der Herzogin Maria Anna von Bayern die Rückgewinnung des Murtals melden konnte. Nachdem Bischof Martin an der 8 Tage lang mit allem Prunk und großer Völlerei gefeierten Hochzeit teilgenommen hatte, bestimmte ihn der Fürst zur Durchführung einer neuen Kommission, die unter Mithilfe Prankhs diesmal dem Vorauer Viertel zugedacht war.

Man begann am 30. Mai mit der Superreformation von Radkersburg, die durch die nun doch erfolgte Zerstörung der Herbersdorfschen Kirche gekrönt wurde. Deren Sprengung erfolgte so gründlich, "daß etliche Steine bis in die Stadt flogen". Durch das Raabtal gings nach Feldbach, wo der Friedhof eingerannt wurde und sich alle Bürger bis auf 9 bequemten. Nachdem die Klöster Vorau und Pöllau durch Schützenbeistellung den Stand der Guardia auf 800 Mann erhöht hatten, wurde die Fürstenfelder Umgebung bearbeitet. Die schöne, mit einem starken Turm gezierte Herbersdorfsche Kirche bei Kalsdorf fiel durch Sprengung. Nach der Rekatholisierung von Hartberg, Weiz und Birkfeld erfolgte am 17. Juni 1600 die Heimreise nach Graz.

Noch war ein Rest im unteren Enns- und Mürztal aufzuarbeiten, zu welchem Werke die gleiche Kommission nach nur dreitägiger Ruhe aufbrach. Nach der Superreformation von Eisenerz, die vom 23. bis zum 28. Juni währte und 18 Bürgern und Radmeistern die Ausweisung eintrug, welches Schicksal in St. Gallen, wohin die Kommission über Radmer und Hieflau gekommen war, 36 Bürgern und Bauern, in Admont 4, in Schladming jedoch 23 Bürgern, worunter 2 Ratsherren, und 110 Knappen widerfuhr, erfolgte am Rückweg die Superreformation der Irdninger und Rottenmanner Umgebung. Durch das Kammertal über Leoben und Bruck führte der Weg ins Mürztal, wo am 14. Juli der Kindberger Friedhof der Zerstörung anheimfiel. Auch Mürzzuschlag, Spittal, Langenwang und Krieglach bequemten sich, nicht so leicht jedoch Kapfenberg, wo die unter Stubenbergischer Herrschaft stehenden Einwohner [Seite: 136] erklärten, lieber auswandern als katholisch werden zu wollen. Aus Rücksicht auf den beim Erzherzog in hohem Ansehen stehenden Grundherren verfuhr man hier milde, nahm keinen Religionseid ab und setzte einen maßvollen katholischen Priester ein.

Am 22. Juli 1601 traf die Kommission wieder in Graz ein, der Feldzug gegen die nichtadelige Bevölkerung des Landes war in 5 Unternehmungen in ungefähr 40 Wochen beendet worden, man konnte sich bei Hofe rühmen, daß alle Prediger verjagt, 10 lutherische Kirchen und Bethäuser zerstört, 57 evangelische Friedhöfe eingerannt, die Städte und Märkte nach Wegnahme ihrer alten Privilegien mit strengen Rel.-Ref.-Ordnungen bedacht und auf sie vereidigt worden seien. Man hob besonders hervor, daß kein Tropfen Blutes vergossen worden sei, aber es hatte doch an Akten brutaler Gewalt nicht gefehlt. Wenn, wie in Aussee, die Soldaten die Leute in ihren Häusern überfielen und banden, "Frevel trieben, um Geld benötigten, mit Ungebühr unbarmherzig ansprengten, ja selbst eine Kindbetterin nicht verschonten". Oder wenn sie, wie in Donnersbach, den Leuten nachts das Vieh aus dem Stalle trieben, sie mit dem Hängen bedrohten, Kinder als Geiseln zur Gelderpressung wegführten. Außer solchen Rohheitsakten, die auch die Anwesenheit des Bischofs nicht ausschloß, die Übergriffe der undisziplinierten bewaffneten Bauern und Knechte, die Brandschatzungen, Plünderungen wie in Feindesland. Die Einkerkerung von Bürgern bis zu 20 Wochen. Die gewaltsame Eintreibung der Verköstigung der Zwangsgarnisonen, "die von einer vollständigen finanz-ökonomischen Verkommenheit zeugende Demolierung von Wohnhäusern", die Verbrennung so vieler wertvoller Bücher und Drucke, die Zerstörung hoher Kunstwerke wie der Scharfenauer Kirche, zu der eigene auf dicken Seilen schwingende Sturmböcke mitgeführt wurden, die kaum 16 Mann bedienen konnten und die man doch in fanatischem Haß durch die unwegsamsten Gegenden schleppte, die Gruft- und Friedhofsschändungen kann aller kirchliche Eifer nicht entschuldigen. Sie bleiben verdammenswert.

Es ist wohl nicht zu verwundern, daß bei einer solchen Kampfesweise der Gegner fast alle Prediger geflohen waren. Waren doch sogar ihre Fluchtstraßen bedroht. Wenn der Rindtschaidsche Schloßprediger zu Kumberg und der der Windischgräz zu [Seite: 137] Waldstein noch aushielten und insgeheim den Grazern dienten, war dies um so rühmlicher. Ferdinand verbot selbst bei den Truppen, wo sich später am längsten Evangelische zu halten vermochten, noch evangelische Feldprediger zu belassen. Die Klagen der vielen exilierten Geistlichen, die vielfach Hab und Gut, ihre schönen Büchereien verloren hatten und häufig lange kein neues Amt finden konnten, reißen in den nächsten Jahren nicht ab.

Mit der völligen Rückgewinnung der Landeshauptstadt Graz wurde der Schlußstein in das Werk der Rel.-Ref.-Kommissionen gefügt. Seit der Ausweisung der Prediger hatte nur mehr während des Landtages von 1599 der Prädikant Fochtmann dem Adel im Landhaus gepredigt. Nun gebot ein Regierungsmandat vom 27. Juli 1600 allen selbständigen Bürgern, Doktoren, Prokuratoren usw., sich bei einer Strafe von 100 Dukaten am 31. Juli um 6 Uhr morgens in der Pfarrkirche einzufinden. Der Stadtrat wurde beauftragt, eine genaue Liste aufzunehmen. Zur angegebenen Zeit war die Kirche durch die dahin Befohlenen dicht gefüllt. Die Rel.-Ref.-Kommission in ihrer letzten Zusammensetzung trat ein; als auch der Erzherzog mit seinem Gefolge erschienen war, wurden die Kirchentüren gesperrt, was ein großes Wehklagen der draußen versammelten, das Schlimmste befürchtenden Frauen hervorrief. Bischof Martin predigte in der gewohnten Weise, nicht ohne, wie zum Hohn, auf die vom Landesfürsten geübte Geduld und Liebe hingewiesen zu haben. Dieser erhob sich und ließ durch den Kanzler den Befehl verlesen, daß alle sich den Anordnungen der Rel.-Ref.-Kommission zu fügen hätten.

Am folgenden Morgen wurde die Amtshandlung fortgesetzt; nach einer Belehrung und Predigt des Bischofs mußte jeder einzelne an den von der Kommission besetzten Tisch herantreten und erklären, ob er katholisch werden wollte. Etwas mehr als die Hälfte bequemte sich sofort, die übrigen wurden noch 2 Tage belehrt und ähn1ich behandelt. Nun war auch für die Grazer die bittere Entscheidungsstunde in dem Kampfe um Glauben und Heimat angebrochen. Gegen 100 Bürger blieben fest und erhielten Auswanderungstermine von 3 Tagen bis zu 6 Wochen und 3 Tagen. Der greise, fast erblindete Dr. Adam Venediger, auf den man es als seinerzeitigen Kirchen- und Schulinspektor besonders abgesehen hatte, wurde sofort ausgewiesen und in [Seite: 138] brutaler Rücksichtslosigkeit von den Soldaten "ohne alles Heimgehen stracks zum Tore hinausgeschafft". Das gleiche Schicksal widerfuhr dem Landgerichtsschreiber Kurz. An Stelle des abgesetzten alten Rates wurde ein neuer katholischer ernannt. Die mit Johs. Kepler gemachte Ausnahme endete, nachdem sich die Bekehrungshoffnungen der Jesuiten nicht erfüllt hatten, schließlich doch mit seiner Ausweisung.

Scharfe Befehle forderten die Auslieferung aller evangelischen Bücher und ließen auch die schöne Stiftsbibliothek nicht als Ausnahme gelten.

Am 8. August 1600 mußten sich alle katholisch gewordenen Bürger und Beamten neuerlich in der Stadtpfarrkirche versammeln und feierlich und öffentlich das katholische Glaubensbekenntnis ablegen und den Religionseid schwören.

Am Abend dieses Tages wurden die im Rathaus abgelieferten Bücher, an die 10000, auf acht von der Stadtguardia geleiteten Wagen vor das Paulustor geführt und dort öffentlich verbrannt. Mit ihnen ging auch die von der Landschaft mit großen Opfern angelegte Stiftsbücherei in Flammen auf. "Was sie für Bücher enthielt, weiß man. Sie besaß die besten Ausgaben der Bibel, die man damals erlangen konnte, die Werke der Kirchenväter, die Schriften der Reformatoren, soweit diese auf dem Boden der A.K. standen, die Werke der Magdeburger Zenturiatoren, die hervorragendsten Geschichtswerke jener Zeit, geographische Mappen, Schriften philosophischen und philologischen Inhalts. Das alles wurde geopfert". Ein herostratisches Denkmal habsburgischer Religionspolitik! Um diesen Akt sinnloser Barbarei zu verewigen, wurde 2 Tage später an dieser Stelle der Grund zur Errichtung des ersten steirischen Kapuzinerklosters gelegt. Ferdinand hatte, entschlossen, den wesentlich feineren Jesuiten auch die derberen Volksprediger aus dem Orden Matteo de Bassis zur Vollendung der Gegenreformation beizugesellen, selbst den — im 19. Jahrhundert heiliggesprochenen — damaligen Generaldefinitor des Ordens P. Laurenz von Brindisi aus Prag nach Graz berufen, der am 10. August auf der Bücherbrandstätte das Klosterkreuz aufrichtete, wonach der päpstliche Nuntius Graf von Portia den Grundstein weihte. Der Landesfürst ließ auf dieses feierliche Ereignis einen Schaupfennig prägen.[Seite: 139]

11. Die Fortsetzung der Restaurationspolitik Erzherzog Ferdinands.

Die Stände hatten nochmals durch dringliche Eingaben an den Landesfürsten dem Treiben der Rel.-Ref.-Kommissionen Einhalt zu bieten versucht, freilich ohne Erfolg. Am 24. Februar 1600 war während des Landtages namens Innerösterreichs das »höchstnotgedrungene Anbringen auf die Hauptresolution Erzherzog Ferdinands II. in Religionssachen" eingebracht worden, das gegen alle Vorwürfe und Beschuldigungen, vor allem gegen die unerhörte Bedrückung der Evangelischen im Lande ernstlich Einspruch erhob, aber trotz der ungeheuren Erbitterung jeden ungebührlichen Ausdruck vermied. Wiewohl alle Vorstellungen und Versuche, das Verfahren gegen einzelne verdiente Personen einzustellen, beim Erzherzog starrer Ablehnung begegneten, glaubte dieser anläßlich seiner Vermählung im Februar an die Stände die Zumutung richten zu dürfen, während der Feierlichkeiten die Jesuitenkonviktszöglinge, deren Wohnhaus zur Gästebeherbergung benötigt wurde, im Stiftsgebäude unterzubringen, doch mußte er zu seinem Verdrusse einen abschlägigen Bescheid hinnehmen.

Ende August 1600 zog die zur Rekatholisierung Kärntens bestimmte Kommission von Graz über die Stubalpe nach Judenburg, hielt nach der Rekatholisierung von Pöls bis an die Landesgrenze in allen bereits früher reformierten Orten Nachschau, um dann im Weiterziehen in Kärnten ihr Zerstörungswerk zu treiben.

Die Erbitterung und das Elend im steirischen Lande stiegen immer mehr. Es zeigte sich, daß die jüngste "Reformation" sehr oberflächlich gewirkt hatte und nur die rohe Macht die im Gewissen Vergewaltigten niederhielt. Die äußerlich katholisch gewordenen Bauern und Bergleute im Norden, die Bürger im ganzen Lande hätten auf ein vom Adel gegebenes Zeichen sich in ihrer Verzweiflung sofort zum bewaffneten Aufruhr erhoben. Aber der Adel ließ sich trotz aller Erregung über die sinnlose Zerstörung seiner Kirchen und Gruftstätten, trotz der unverantwortlichen Eingriffe in seine alten Rechte und Freiheiten in seiner dynastischen Treue nicht wankend machen. [Seite: 140]

Besonders im Sommer 1600 waren die Verhältnisse recht schwierig geworden. Schon machten sich die wirtschaftlichen Folgen der vielen Abwanderungen insbesondere im Bergbau und im Handel fühlbar. Viele der tüchtigsten Gewerken- und Radmeisterfamilien, wie die Einbacher, die Hillebrands u. a. griffen zum Wanderstab. Im Vordernberger und Eisenerzer Gebiet "erzeugte die Vertreibung der protestantischen Gewerken eine ungeheure Derute". In Radkersburg standen 70 Häuser leer. Dazu die Schäden auf geistigem Gebiet. Für Künstler, wie den Grazer Bildhauer Jeremias Frankh, für Gelehrte wie Kepler war kein Platz mehr im Lande. Insgesamt dürften gegen 2500 Köpfe in diesen Jahren das Land verlassen haben, aber es befanden sich die besten, fähigsten und charakterfestesten Leute, die im Lande zu finden waren, unter ihnen. Sie führten, trotzdem an die 15000 fl. Strafgelder auferlegt worden waren und außerdem jeder beim Abzug den 10. Pfennig darreichen mußte, überdies die harte Bestimmung galt, daß zurückgelassene Güter, die in bestimmter Frist nicht veräußert werden konnten, verfielen, doch noch viel Geld aus dem Lande. Ferdinand selbst gab dies im April 1601 in einem Schreiben an Maximilian von Bayern zu: "Die Auswanderung ist mehr uns, als den Abgezogenen nachteilig, denn sie waren fast die Vermöglichsten und nahmen viel Geld mit hinaus." Daß er sie dennoch austrieb, ist nur aus der Einstellung erklärlich, "lieber über eine Wüste herrschen zu wollen, als über ein Land voller Ketzer".

Seit August plante man ständischerseits eine Gesandtschaft an den Kaiser. Als die Vertreter Kärntens und Krains sich nach Graz begeben wollten, hielt die Regierung sie "wegen der Infektion" in Wildon auf. Insgeheim weiter betrieben, kam schließlich die Gesandtschaft, zu der sich für Steiermark der allenthalben hochangesehene Georg von Stubenberg gebrauchen ließ, doch zustande. Sie traf im Dezember in Prag ein. Selten ist eine Gesandtschaft mehr genarrt worden als diese. Es war ihr in monatelangem Warten kaum möglich, ihre Beschwerdeschrift einzureichen, einer der Gesandten verstarb, die anderen mußten ausgetauscht werden. Sie ernteten nichts als Spott und Hohn. Man bedeutete ihnen, sie "würden leeres Stroh dreschen", "wenn sie auf einem Bescheid bestünden, würde dieser die Steiermark nicht [Seite: 141] erfreuen". Ohne etwas erreicht zu haben, kehrte man im September 1601 heim.

Im Oktober 1600 war die wichtigste Grenzfestung Kanisza nach 44tägiger Belagerung in die Hände der Türken gefallen, ein Ereignis, das Bestürzung und Schrecken im ganzen Lande hervorrief. Römische Gehässigkeit trachtete das Unglück den Evangelischen in die Schuhe zu schieben. Ferdinand rief nach Prag, Rom und Madrid um Hilfe. In dieser Stunde vaterländischer Not appellierten die evangelischen Stände noch einmal und wieder ohne jeden Erfolg an die landesfürstliche Einsicht. Ferdinand erließ sogar am 1. März 1601 ein neues Generalmandat, in dem er nochmals die endgültige Ausweisung der lutherischen Prediger und Lehrer und die Einstellung ihres Exerzitiums für alle Zeiten aussprach. Für eine etwaige Beherbergung eines Geistlichen wurden 10 Mark Gold als Strafe festgesetzt. Dem Adel legte der Fürst wenige Tage später in causa religionis silentium perpetuum auf. Am 22. März wurden neue Generalia veröffentlicht, in denen bei angedrohter Ausweisung selbst das private Postillenlesen verboten ward.

Schon wurde dem Adel klar, daß er trotz aller feierlichen Versprechungen nun selbst bald an die Reihe käme. Strafte die Regierung doch jetzt bereits wegen Nichtabschaffung ihrer Prediger einen Herbersdorf mit 1500, einen Rottal mit 3000 Dukaten, letzteren bedrohte sie bis zum Straferlag sogar mit der Gütersperre. Wieder versuchten im März und im Mai die Stände, den Erzherzog umzustimmen. Man könne doch die liebe Jugend nicht ohne Präzeptoren "wie das gemeine Vieh" aufwachsen lassen. Durch die letzten Verordnungen, die nun auch sie beträfen, würden sie zum Abzug gezwungen, "weil sie des hl. Gotteswortes und der hochw. Sakramenta noch weniger als wie des täglichen Brotes ermangeln könnten". In den Versammlungen fielen scharfe Worte. Ernreich von Saurau, der bald darauf in kurbrandenburgische Dienste trat, tat seiner Erregung keinen Zwang an, wenn er meinte: "Si non vis audire, noli regnare!" Allein zu tatkräftigem Widerstand entschloß man sich nicht. Ja, es zeugte sogar von einer bedenklichen Verkennung der Lage, wenn man unter solchen Umständen im Frühling 1601 um die Freigabe der A.K. in der Landeshauptstadt Graz bat. War doch der Hof über [Seite: 142] deren Unterdrückung und den auf ihre Kosten erfolgten Aufstieg des Katholizismus von Herzen froh; Schon wurden zu Ostern 1601 allein bei den Jesuiten in Graz 4170 Kommunikanten gezählt, das Fronleichnamsfest aber fand in Anwesenheit der erzherzoglichen Familie mit dem gleichen Pomp wie einst statt.

Im Spätsommer 1601 kam der von Ferdinand gerüstete Feldzug zur Wiedergewinnung von Kanisza zur Ausführung. Die geistliche Vorbereitung sollte den Erfolg verbürgen. Bischof Martin hielt Prozessionen, setzte im ganzen Lande Bitt- und Fasttage an, Ferdinand empfing beim Auszug aus den Händen des Nuntius, dessen Herr auch Truppen gestellt hatte, die Kommunion. Dieser einzige Feldzug, den der Erzherzog persönlich mitmachte, sollte ein klägliches Ende finden. Das Belagerungsheer zählte über 35000 Mann, die vom kühnen Hassan gehaltene Festung kaum 1800! Am 10. September 1601 begann die Belagerung, am 17. November bereits befahl der Erzherzog den Rückzug, der so schmählich war, daß außer 6000 Kranken und Verwundeten über 40 Geschütze, viel Belagerungsmaterial, der ganze Lagervorrat und selbst das erzherzogliche Zelt mit allem Silbergeschirr eine Beute der Türken wurden, die in der Folgezeit wieder Streifzüge ins steirische Gebiet unternahmen, brandschatzten und mordeten und viele Christen in die Sklaverei schleppten.

Auch an dieser Niederlage gaben die Jesuiten den evangelischen Ständen die Schuld, während diese im unglücklichen Feldzugsausgang die Gottesstrafe für die gewaltsame Ausrottung des Evangeliums im Lande sahen. Der Wahrheit kamen die am nächsten, die da fanden "der Erzherzog sei zwischen Altar und Mönchskutte aufgewachsen" und "trage dieser mehr Rechnung als dem Wohl des Landes, er lasse sich von seiner Mutter und den Jesuiten beeinflussen". Ferdinand war eben eine unkriegerische Erscheinung, in der religiösen Bedrückung seiner Untertanen rücksichtslos und unerbittlich, in den harten Jahren besonders des 30jährigen Krieges, zumal an dem Bild seines großen Gegners Gustav Adolf gemessen, eine wenig glückliche und mannhafte Gestalt. Jedenfalls zog er es, später in den größten aller Kriege hineingestellt, nach den bei Kanisza gemachten Erfahrungen doch vor, nie mehr selbst zu Felde zu ziehen. [Seite: 143]

Als im Jänner 1602 der große Ausschuß in Graz nochmals ohne Erfolg um die Abstellung der Religionsbeschwerden gebeten hatte, entschlossen sich die steirischen Stände zu dem Versuch, durch ein großes, ihnen recht schwer fallendes Geschenk einen neuen Schritt zu wagen. Die Erzherzoginmutter Maria hatte verlauten lassen, daß sie die "Stift", die auf 60000 fl. geschätzt wurde, kaufen möchte, da sie "eine geräumige Behausung außerhalb der Burg brauche". Die Stände entschlossen sich, sie ihr zu verehren. Der Schenkungsbrief wurde am 2. März 1602 ausgestellt. Maria aber gründete in der ehemaligen protestantischen Stift ein Klarissenkloster, "Im Paradeis" benannt, und berief, da die in Aussicht genommenen Judenburger Klarissen die Übersiedlung ablehnten, 10 Insassen des Münchner St. Jakobsklosters, die am 10. November die neue Ordensniederlassung bezogen. Maria selbst legte kurz vor ihrem Ende, wie bereits erwähnt, dort Profeß ab und wurde in dieser ihrer Stiftung beigesetzt.

Auch die andere Grazer Neugründung, das Kapuzinerkloster "an der Stiegen", war inzwischen beendet worden, Bischof Martin weihte es am 6. Oktober 1602 dem hl. Antonius von Padua. Der Erzherzog spendete als Reliquie 2 Stücke von der Hirnschale und einen Ellenbogen der thebäischen Märtyrer, Maria, seine Mutter, gab zwei große Teile vom Kreuze Christi und ein Stück der Säule, an der Jesus bei der Geißelung angebunden war. Fünf weitere Kapuzinerordensniederlassungen folgten im Lande in den nächsten 12 Jahren.

Nach der abenteuerlichen, später von ihm selbst beschriebenen Flucht des Waldsteiner Schloßpredigers Paulus Odontius, der immer noch, im Dienste der Herren von Windischgrätz, im Lande ausgehalten, mit Gewalt im April gefangen, in Graz zum Tode verurteilt, dann zur Galeere begnadigt, auf dem Transport in Senosetsch im August 1602 entwichen war und sich nach vielen Gefahren in seine Heimat Sachsen durchgeschlagen hatte, während die Regierung seinen Dienstgeber zu 5000 fl. Strafe verurteilte, verließ auch der letzte noch im Lande im Dienste der Stubenbergs in Kapfenberg wirkende Prediger Mathias Schmall die Steiermark. Die Verordneten mußten nun auch wieder mehrere der an der Militärgrenze noch auf ihre Rückberufung wartenden Prediger entlassen; sie gaben den meisten eine Abfertigung bis zu 1000 fl. [Seite: 144]

Am 12. September 1602 verbot ein neues scharfes Mandat jedes nichtkatholische Exerzitium, einschleichende Prädikanten wurden mit der Todesstrafe bedroht, dem Adel wurde anbefohlen, sofort etwa noch vorhandenes evangelisches Gesinde, auch die Pfleger und Verwalter, aus dem Lande zu schicken. Schon fehlte es auch an Drohungen der Geistlichen, der Soldaten, der bischöflichen Bediensteten gegen den Adel nicht: "Man werde ihn beim Kopfe nehmen, die Schlösser zerstören" u. a. m.

Neue Beratungen des i.ö. Adels im Frühjahr 1603 fanden keine Mittel zur Abhilfe. Im Gegenteil, er mußte neueinsetzende Bedrängnis über sich ergehen lassen. Hatten die ihrer Prediger beraubten Herren und Ritter jede Gelegenheit gesucht und benutzt, jenseits der Grenze im Ober- und Niederösterreichischen und in Ungarn den Gottesdienst zu besuchen und ihre Taufen und Trauungen vornehmen zu lassen, so verbot ein strenges Mandat vom 23.Juli, das am 20. August 1603 im ganzen Lande verlautbart wurde,jedermann — auch dem Adel, damit er kein schlechtes Beispiel gäbe, — bei Strafe von 15 Mark Goldes jedwedes Exerzitium außerhalb des Landes zu suchen. Dieses Mandat konnte der Adel nicht hinnehmen. Im Oktober kamen Vertreter aller 3 Landschaften in Graz zusammen und faßten eine ausführliche Beschwerdeschrift ab, die am 20. Oktober datiert und von 87 steirischen, 79 kärntnerischen und 69 krainischen Herren und Rittern gefertigt wurde. Man erinnerte den Erzherzog an sein vor wenigen Jahren gegebenes Versprechen, daß die Reformation nur die landesfürstlichen Kammergüter beträfe, sie selbst und die Ihrigen aber in ihrem Gewissen nicht bedrängt werden würden. In politischen Dingen hätten sie sich willig gefügt, allein in ihrem Gewissen könnten sie sich nicht nötigen lassen. Halte der Fürst seine Anordnungen aufrecht, so bleibe ihnen nichts übrig, als die Heimat zu verlassen und auszuwandern. Wer solle dann die Heimat gegen die Türken schützen? Sie baten "aufs höchste, als sie immer bitten konnten", jene unerträglichen Forderungen aufzuheben und die Freiheiten zu achten, unter deren Voraussetzung sie ihm gehuldigt hätten.

Die vom Erzherzog verheißene Entschließung ließ trotz alles Drängens der Stände, die sogar die Hilfe der greisen Erzherzogin Maria anriefen, auf sich warten. Der ernste, dringliche Ton der [Seite: 145] Eingabe, die angedeutete Möglichkeit der Adelsabwanderung, die in Regensburg am Reichstag lautgewordenen Stimmen, man möge die so dringend erbetene Türkenhilfe dem Erzherzog nur nach der Aufhebung der Bedrückungen gewähren, mahnten zum Einlenken. Da war es insbesondere der Bischof Stobäus, der den nun doch schwankend gewordenen Erzherzog zum Festbleiben bestärkte, und zur rücksichtslosen Beendigung der Gegenreformation antrieb. Selbst in Rom trat Stobäus als Scharfmacher auf und wußte es durch Vermittlung des Kardinals Cinthius A1dobrandini zu erreichen, daß dem Grazer Nuntius der Auftrag erteilt wurde, den Erzherzog zur restlosen Durchführung seiner Maßnahmen anzuhalten.

Nach 8 Monate währendem Hinhalten erhielten die Stände Ferdinands Bescheid: Er halte alle Mandate aufrecht und "erklärte sich categorice, daß er mit dem Begehren der Ritterschaft sein Gewissen nicht beschweren könne, sondern er versehe sich dessen gnädig, die Ritterschaft werde sich vielmehr zu der katholischen Religion einverleiben lassen". Wenn sie aber durchaus ihren Abzug begehre, müsse er ihr diesen vergünstigen.

Die Bedrängnis des Adels stieg, da eine ganze Reihe von Standesherren, die z.T. sogar noch vor der Verlautbarung jenes Mandats jenseits der Grenzen sich hatten von evangelischen Geistlichen dienen lassen, vom Kammerprokurator mit den angedrohten Strafen belegt worden war. Wieder kamen Vertreter aller 3 Landschaften in Graz zusammen und verfaßten eine neuerliche, vom 15. September 1604 datierte Eingabe an Ferdinand. Sie fanden es jammervoll, daß sie vom Fürsten, "sie singen, sagen, schreiben oder lamentieren, was sie wollen, so gar nicht gehört", und in ihren von den Vorfahren ererbten Rechten und Freiheiten beeinträchtigt würden. Sie müßten "mit Tränen und traurigem Herzen klagen", daß ihre Gegner sie aus dem Lande drängen wollten und darum verdächtigten. Man nenne sie jetzt "unkatholisch" und ihr Glauben entspräche doch den 3 Hauptsymbolis. Der Erzherzog habe ja gewußt, wes Glaubens sie seien, als er ihre Huldigung entgegengenommen und ihnen versprochen hätte, sie in ihrem Gewissen nicht bedrängen zu wollen. Blieben die Mandate bestehen, müßten sie, wenn man ihnen ihre Güter ablöse, so bitter es ihnen falle, aus dem Lande. [Seite: 146]

Schon am 20. September antwortete Ferdinand mit den alten Ausflüchten. Ihm stehe das Recht zu, die Konfession seiner Untertanen zu bestimmen; weil er einst Gott auch für diese Rechenschaft ablegen müsse, bleibe er fest. Er schaffe niemanden aus dem Lande, wollten sie aber selbst ausziehen, so sei er nicht verpflichtet, ihnen ihre Güter abzulösen, denn es könne ihm niemand vorschreiben, wie er sein Geld anlege. Er hoffe, sie würden sich zu der Konfession bekehren, die das Land vor 60 und 100 Jahren bekannt habe. Im übrigen stellte er die Prozesse gegen diejenigen ein, die vor Mandatserlaß das Exerzitium jenseits der Grenze gesucht hatten.

Auf dem Landtage im Jänner 1605 richteten die Stände eine neue Eingabe an den Fürsten, dankten für die Anerkennung ihrer Treue und erklärten neuerdings jenem Mandate, das ihnen das Exerzitium außerhalb des Landes verwehre, aus Gewissensgründen nicht gehorchen zu können. Bestehe der Landesherr auf dem Gehorsam, müßten sie "das Ewige dem Zeitlichen vorziehen" und auswandern. Sie legten neue Beschwerden gegen die Übergriffe katholischer Pfarrer, gegen die Ausschließung evangelischer Gesellen aus den Handwerken und gegen die Kanzelangriffe des Hofpredigers ein, durch die das Volk verhetzt und verbittert würde. Die Stände drohten schließlich mit der Steuersperre.

Der Erzherzog holte ein Regierungsgutachten ein, das ablehnend ausfiel. Habe man früher, als er noch "ganz beisammen" war, dem Adel nichts bewilligt, warum sollte man es jetzt tun? In diesem Sinne fiel denn auch die Antwort Ferdinands vom 14. Februar aus. Er erklärte das Vorgehen der Pfarrer für berechtigt. Der Beichtzwang sei notwendig, damit man endlich wisse, wer katholisch sei und wer nicht. Im übrigen mögen die Stände endlich die eigenen Wünsche dem Wohle des Vaterlandes hintansetzen und die Geldforderungen bewilligen.

Wieder gehorchten die Stände unter dem Zwange der Türkennot. Doch legten sie auch noch immer Geld zur Erhaltung der letzten Exulanten sowie der Pensionisten aus und bezahlten für die "evangelische Kirche und Schule in Steiermark" im Jahre 1606 noch 1222, im nächsten Jahre noch 1298 fl. Die zu deren Wiederaufrichtung neuerdings bei der alten Erzherzogin Maria erbetene Fürsprache half freilich nichts.[Seite: 147]

Tatsächlich vollzog sich aber die Rekatholisierung viel langsamer als man bei Hofe erwartet hatte. Der Adel blieb seinem Glauben treu, aber auch im Bürger- und Bauerntum fehlte es nicht an Glut unter der Asche. Vielfach erschwerte der Mangel an tauglichen römischen Priestern die Nachhaltigkeit der ins Werk gesetzten Bekehrung. Der ärgerliche Lebenswandel mancher rief selbst die Katholiken zur Abwehr. An verschiedenen Orten des Landes, so in Unzmarkt, Kapfenberg, Mureck, Kindberg, Obdach und Weißkirchen mußten entdeckte hartnäckige Lutherische, oft in größerer Anzahl, in Untersuchung und Bestrafung genommen werden. Eine Eingabe des Bischofs Martin vom Juli 1606 zählte noch eine ganze Reihe von Orten besonders Obersteiermarks auf, in denen nachreformiert werden müsse.

Während Konvertiten aus dem Adel, wie Hans-Christoph von Prankh oder der Günstling des Erzherzogs Hans Ulrich von Eggenberg, der um die Jahrhundertwende noch in Tübingen studierte, dann aber katholisch geworden war, Ämter und Ehren, letzterer sogar den Fürstenrang und nach der Schenkung der Rosenbergischen Herrschaft Krumau auch Reichtum ernteten, ließen sich die allermeisten Herren und Ritter in ihrem Glauben weder durch Versprechungen, noch durch Bedrückungen wankend machen. Allerdings gehorchten besonders die den Grenzen Benachbarten trotz aller Ergebenheit gegen den sie ungnädig behandelnden Landesherren hinsichtlich des Exerzitiums, wie man an manchen Beispielen sehen kann, doch mehr ihrem Gewissen, suchten nach Gelegenheit außer Landes Gottes Wort und ließen sich in Standesfällen dort von evangelischen Predigern bedienen.

12. Vergebliche Interzessionen. Der Schluß der Gegenreformation: Die Ausweisung des evangelischen Adels.

Es ist wohl ein lächerlicher Vorwurf der ultramontanen Geschichtsschreibung, wenn sie an den i.ö. Herren und Rittern rügt, daß sie es "nicht verschmäht, gegen ihren Landesfürsten Hilfe bei auswärtigen Höfen zu suchen". Mag man bei Hofe auch dieses Bestreben noch so sehr als "Konspiration" verurteilt haben, es [Seite: 148] war der letzte, verzweifelte Versuch des in seinem Gewissen bedrängten Adels, aus friedlichem Wege die Wahrung seiner Glaubensfreiheit zu erlangen, weil seine Treue ihm verbot, sie mit Gewalt durchzusetzen!

Die Fürsprache, die der zur Vermählung Ferdinands nach Graz geladene Pfalzgraf Philipp Ludwig einlegte, blieb unwirksam. Nun gingen die niederöster. Stände den Steirern voran, indem sie im Jahre 1603 den Landstand Wolf von Hofkirchen an 6 deutsche Höfe sandten, um deren Vermittlung im Religionshandel zu erlangen. Der in Onolzbach in brandenburgischem Dienste stehende Ernreich von Saurau munterte seine Standesgenossen auf, diesem Beispiele zu folgen.

Die zur Beratung im Jänner 1604 versammelten i.ö. Herren und Ritter verfaßten am 28. Jänner eine für den kursächsischen, sowie für den Pfalz-Neuburgischen Hof bestimmte Bittschrift, in der sie die Maßnahmen Ferdinands schilderten und ihren Zustand beklagten, "der heilsamen Seelenspeise entraten und wie die unvernünftigen Tiere in den Tag hinein leben" zu müssen. Jede der 3 Landschaften stellte einen der Gesandten, Steiermark war durch den um die evangelische Sache hochverdienten Georg Galler vertreten. Es wurde außer dem Dresdner und Neuburger auch der Stuttgarter Hof besucht. Überall fanden die Gesandten herzliche Aufnahme, die Fürsten berieten untereinander in streng geheimer Korrespondenz, auf welche Weise beim Kaiser zu interzedieren sei. Man fand, die i.ö. Protestanten seien der Unterstützung wert, "weil sie das Wort Religion nicht bloß im Munde führen, sondern ihretwegen Weib und Kind, Hab und Gut verlassen". Die im Februar 1605 endlich durch Christian von Sachsen in Prag eingebrachte Interzession blieb ohne Erfolg.

Die sich zuspitzende außenpolitische Lage, die Abwehr der türkischen und ungarischen Einfälle, drängte die religiöse Frage in den nächsten Jahren etwas zurück. Und doch wäre gerade jetzt die Gelegenheit zu einem Gewaltstreich günstig gewesen. Suchte doch ebenso sehr Bocskay eine Annäherung Siebenbürgens und Ungarns, wie sie die niederösterr. Stände vollzogen, die im Huldigungsstreit mit Matthias, gewitzt durch die traurigen Erfahrungen Innerösterreichs, in erster Linie um die Garantie des lutherischen Evangeliums kämpften. Aber wie sehr auch die [Seite: 149] steirischen Stände in diesen Jahren 1607/08 die Vorgänge in Ungarn, Mähren und Niederösterreich verfolgten, sie wurden auch jetzt, wo eine andere Einstellung ihnen fast sicheren Erfolg bringen konnte, in ihrer Treue nicht wankend, sondern bestätigten, was sie vor 2 1/2 Jahrzehnten erklärt hatten: "Sollte es auf die Probe ankommen, klarer als die Sonne würde es sein, daß sie nicht die seien, die auf Aufruhr und Verrat sinnen." Ferdinand nahm auch öfter die Gelegenheit wahr, ihre Treue öffentlich anzuerkennen, ohne sich allerdings für sie entgegenkommend zu zeigen, weil er ein solches Maß von Ergebenheit für Schwäche halten mußte, und glaubte, sich ungestraft an ihr versündigen zu dürfen. Immerhin war er in seinem Handeln so konsequent, daß er auch die Versuche einzelner reicher Adeliger, die ihm in seiner bekannten Geldnot Mittel vorstreckten, um auf diese Art die Bewilligung zur Wiederanstellung von evangelischen Predigern zu erlangen, ablehnte.

Die Sprengung des Regensburger Reichstags durch die pfälzische Partei (1608), vor allem aber die von Matthias den ihm nun wertvoll gewordenen Evangelischen Niederösterreichs am 19. März 1609 gemachten Zugeständnisse, sowie der am 9. Juli von Kaiser Rudolf den Böhmen gewährte Majestätsbrief ermunterten auch in I. Ö. zu neuen Versuchen. So richteten hier die Stände im Juli eine Eingabe an Ferdinand, in der sie auf die Religionsfreiheit in jenen Ländern hinwiesen. Dort hätten die Herrscher erklärt, daß es Gott allein zukomme, über die Gewissen der Menschen herrschen zu wollen. So möge auch er die ihren Vätern bewilligte Religion, durch die seinem Vater kein Schaden erwachsen sei, wiederherstellen; würden doch dann auch die Ausgewanderten wiederkehren und Neue zuwandern und damit die Wehrkraft des Landes heben.

Nun zeigte sich die Zweideutigkeit im Wesen Ferdinands. Während er den Ständen versprach, ihre Eingabe zu prüfen, wandte er sich gleichzeitig an seinen Bruder, den Deutschmeister Maximilian von Tirol, mit der Bitte um Geld und Truppen, weil er einen Aufstand seines i.ö. Adels befürchte, der jetzt wohl mit Waffengewalt sich sein lutherisches Exerzitium erkämpfen wolle. Der Tiroler sagte Hilfe zu und riet, mittlerweile die Kärntner Pässe zu besetzen. Die Truppenaushebungen gingen aber so [Seite: 150] langsam vor sich, daß diese Unterstützung im Ernstfall zu spät gekommen wäre. Allein die Stände, von deren angeblichen Waffenbestellungen im Reiche man bei Hofe munkelte, dachten ja an keine Gewalt, sondern beschlossen im September 1609 im Sinne der Brucker Pazifikation die Einberufung eines Unionstages. Der große Ausschuß trat in Graz zusammen und befand für gut, mit den Ungarn und den Niederösterreichern engere Fühlung zu nehmen. Die letzteren erklärten sich im Oktober zu einer Konföderation bereit, an die Ungarn richtete der große Ausschuß am 4. November eine lange lateinische Denkschrift mit der Bitte, ohne dieses ihr Ersuchen zu erwähnen, beim Kaiser und bei Ferdinand für sie einzutreten. Am 24. November wurde eine Bittschrift an den Kaiser aufgesetzt, die auf die wirtschaftlichen Folgen einer Emigration hinwies. Am gleichen Tage wurde die Instruktion für die Gesandtschaft, in der Steiermark durch Ulrich Christoph von Schärffenberg vertreten war, aufgestellt. Ihre Absendung wurde geheimgehalten. Sie sollte am Wiener und am Prager Hof schriftlich und mündlich ihr Anliegen vorbringen und überdies die böhmischen, mährischen und schlesischen Stände für ein Eintreten gewinnen.

Am gleichen Tage wurde auch dem Landesfürsten ein langes, "flehentliches Ansuchen" überreicht, wiewohl er nicht einmal die letzte Eingabe beantwortet hatte. Ferdinand lehnte am 8. Dezember 1609 schroff ab. Er werde bei dem, was er bisher angeordnet, "bis in die Grube verharren" und dulde keine Glaubensspaltung mehr. Eher würde er alles und jedes, was er besitze, "in die Schanze schlagen und willig zusetzen, als von seiner oft wiederholten Meinung weichen". Er wies die Stände zur Ruhe, künftige Anmaßungen würde er zu ahnden wissen.

Bald darauf erfuhr der Regent von der abgegangenen Gesandtschaft, sowie von dem an die ungarischen Stände gerichteten Schreiben. Er lud den großen Ausschuß für den 12. Jänner 1610 aufs Grazer Schloß. Um den Anschein zu erwecken, es handle sich um Po1itica, waren katholische Adelige mitbeordert worden. Den völlig Überraschten eröffnete der Landesherr die Ursache ihrer Berufung, rügte mit bitteren Worten die ohne sein Vorwissen eingeleitete Unternehmung, forderte bei schwerer Strafandrohung die sofortige Rückberufung der Gesandtschaft und verlangte die [Seite: 151] Inhaltsangabe des nach Ungarn gerichteten Schreibens. Schon am nächsten Tage entschuldigte sich der i.ö. Ausschuß bei Ferdinand, erklärte, ihn in seinem Schreiben nicht angegriffen zu haben, Ferdinands Mißbilligung beruhe auf irrigen Vorstellungen. Es sei den Ständen nur um die Interzession der Ungarn zu tun gewesen. Was die Gesandtschaft beträfe, sei eine solche bisher im Lande nichts Unerhörtes gewesen, auch sie richte sich übrigens nicht gegen die Autorität des Landesfürsten, bei dem sie in Treue auszuharren gedächten. Allein da sie an den Kaiser gerichtet sei, könne man sie nicht zurückberufen.

Die Gesandtschaft hatte inzwischen in Wien und Preßburg verhandelt, von Matthias wohlwollend klingende, aber leere Versicherungen erhalten, als der Rückberufungsbefehl Ferdinands eintraf, während gleichzeitig eine Mitteilung ihrer Standesgenossen ihr auftrug, weiterzureisen. Während die Gesandten in Wien unschlüssig zauderten und zum mährischen Landrecht nur ihre Schriften sandten, erteilte Ferdinand, der neuerdings in der Befürchtung eines Aufstandes Rüstungen betrieb, am 17. Jänner dem großen Ausschuß eine strenge Abweisung. Er erklärte seine Gründe als "baufällig", versicherte mehr von allen schwebenden ständischen Verhandlungen zu wissen, als den Herren lieb sein könne, und verhieß die Bestrafung der Rädelsführer. Er forderte wiederum die Rückkehr der Gesandtschaft, die schon deshalb überflüssig sei, weil er "bei seinen Religionsdispositionen kategorisch verbleibe".

Nach einer weiteren Auseinandersetzung am 19. Jänner sandte Ferdinand der Abordnung, die inzwischen mit den mährischen Ständen in Olmütz verhandelt hatte und nach Prag weitergereist war, einen neuerlichen Inhibitionsbefehl nach. In Prag bemühte sich die Gesandtschaft vergeblich um eine Audienz, sie kam nur bis zur Antikamera. Nach langen Verhandlungen mit den böhmischen Ständen erreichte sie von diesen ein von vornherein nicht sehr aussichtsreiches Interzessionsschreiben an Ferdinand. Dieser hatte Mitte Februar die Gesandten ein letztes Mal zur Umkehr aufgefordert und war, da diese nicht gehorsamten, nach Prag aufgebrochen, doch änderte er seine Reiserichtung nach Passau, als ihm die endliche Umkehr der Abgesandten gemeldet wurde. Ende Jänner hatten die in Graz versammelten [Seite: 152] Stände noch einmal die Erklärung abgegeben, daß sie nur darum durch die Legation "des Kaisers Herz rühren" wollten, weil sie trotz ihres vielfältigen Bittens bei Ferdinand bisher keine Linderung erreichen konnten. So möge er endlich allen Verdacht fallen und die Herren des Ausschusses es nicht entgelten lassen. Ferdinand faßte dies als Entschuldigung auf, erklärte aber Anfang Februar, er werde die Anstifter bestrafen. Schließlich sah er jedoch von schärferen Maßnahmen ab, weil den Ständen keinerlei Rebellionsabsicht nachgewiesen werden konnte. Für diese war allerdings die letzte Gelegenheit geschwunden, ihr Recht zu suchen, denn auch die im Juni 1610 bei den in Prag weilenden Kurfürsten eingebrachte Bitte, dem Kaiser ihre Bedrängnis zu schildern und Abhilfe zu vermitteln, zeitigte kein Ergebnis.

Man suchte nun katholischerseits die erfolgreich gehaltene Stellung auszubauen und zu befestigen. Schlug auch der eigennützige Versuch des Regenten in Rom, das Stift Admont in eine Kommende zu verwandeln und dem Erzherzog Leopold zu verleihen, fehl, so arbeiteten andererseits Bischof Brenner und der Statthalter Stobäus eifrig an der Ausfindigmachung und Bestrafung bzw. Ausweisung noch im Lande befindlicher nichtadeliger Protestanten. Das beste Mittel war der Beichtzwang, weil er die Unterlage für die von der Regierung anbefohlene Anlegung von Listen der Halsstarrigen bot, gegen die man vorzugehen hatte. Wieder mußten Kommissionen aufgestellt werden, in Pettau allein verhandelte man 1610 gegen 190 Personen, doch tadelte die Regierung hier die bereits angeordnete Ausweisung von Frauen; es sei "die Ausschaffung der unkatholischen Eheweiber allein zu einem Schrecken anzubefehlen". An zahlreichen anderen Orten mußte gegen Straffällige verhandelt werden, selbst das Bauerntum zeigte sich noch stark im evangelischen Glauben stehend. Von 1610 bis 1613 zogen Jesuitenmissionen in der Grazer Umgebung, im Unterland, im Enns-, Mur- und Mürztal umher. Stobäus erklärte 1613: "Welche Mühe und Sorge mir die Reformation während meiner 12 jährigen Statthalterschaft verursacht hat, bezeugen diese meine grauen Haare."

Hand in Hand mit diesen Bemühungen galt es die Untüchtigen im römischen Klerus zu entfernen. Eine im April 1610 [Seite: 153] gehaltene Synode beriet Mittel und Wege, doch dauerte es noch viele Jahre, bis ein brauchbarer Klerus vorhanden war. Ohne die Orden, insbesondere die Jesuiten, die im Jahre 1615 in Leoben, 1620 auch in Judenburg vom Erzherzog reich bedachte Niederlassungen eröffneten, hätte der Plan der Gegenreformation nicht bestritten werden können. 1615 berief man auch die barmherzigen Brüder nach Graz. Daß auch die Prälaten die während der Reformationszeit eingebüßten Rechte wiederzugewinnen wußten, war selbstverständlich.

Unter letzteren fehlte es auch nicht an streitbaren Herren. Der Propst des Chorherrenstiftes Stainz, Jakob Rosolenz, versuchte sich in der einstigen Rolle Muchitsch’. Unter dem Eindruck der schweren Protestantenbedrückung hatte der Wittenberger Professor D. David Rungius im Jahre 1601 eine Schrift gegen diese "tyranische, päpstische Verfolgung" erscheinen lassen. Rosolenz fühlte sich im Jahre 1607 bemüßigt, bei Georg Widmanstetter in Graz einen "gründlichen Gegenbericht" zu veröffentlichen, der in seiner Fülle von gehässigen Unterstellungen, Verdrehungen, Übertreibungen und Lügen noch heute als ein Kabinettstück verfälschender Geschichtsschreibung gelten kann. Da er jedoch auch die steirischen Adeligen heftig angriff und ehrenrühriger Handlungen zieh, erklärten diese, ihn so lange nicht mehr in ihren Versammlungen und Zusammenkünften dulden zu wollen, als er nicht feierlich Abbitte leiste. So mußte sich Rosolenz am 7. Februar 1607 öffentlich entschuldigen, doch blieb er einer der giftigsten und gehässigsten Polemiker.

Der Adel verhielt sich, durch die vielen Fehlschläge entmutigt, in der Folgezeit passiv. Man beobachtete bei Hof scharf sein Tun und Lassen. Als im Jahre 1610 etliche Standespersonen in Tobelbad sonn- oder feiertags aus ihrer Postille lasen und "lutherische Psalmen ihrem Gebrauch nach sangen", wurden sie belangt. Man warf ihnen insbesondere vor, daß sie die Abwesenheit Ferdinands, der im Jahre 1613 die Statthalterschaft in Niederösterreich und Ungarn führte, zu einer Erleichterung ihrer religiösen Lage den bisher erlassenen Mandaten zuwider benützt hätten, und griff um so schärfer zu, wo man auf Adelsgütern noch evangelische Pfleger und Beamte fand. Dem Kapfenberger [Seite: 154] Gutsherrn wurde selbst das Jagen am Sonn- und Feiertag schwer verübelt und beargwöhnt.

Indes beobachtete man auch das Bürgertum, denn bei ihm fanden sich immer wieder lutherische Bücher, die insgeheim ins Land gebracht worden waren. So beschlagnahmte man in Pettau in den Jahren 1625/26 Bücher, die 1622 in Nürnberg gedruckt waren. Machte auch Mureck in diesen Jahren schwer zu schaffen, so mußte 1626 von der Regierung dem Grazer Magistrat strengstens aufgetragen werden, den Handwerkern das Singen lutherischer Lieder zu untersagen. Über die Bauernschaft verschiedener Gegenden dauerten die ständigen Klagen bis in die dreißiger Jahre an. Man suchte freilich durch große katholische Demonstrationen Eindruck zu machen. Der Seckauer Propst soll in Anwesenheit des Bischofs Eberlein im Jahre 1619 in Knittelfeld eine Fronleichnamsprozession abgehalten haben, an der "bei 10 oder 12 tausend Personen" gezählt worden seien. Im Jahre 1622 wurde vom Bischof und dem damaligen Grazer Stadtpfarrer Dr. Hammer die Mariazeller Wallfahrt wieder aufgenommen und fand von da an wieder jährlich statt. Hatte doch der Landesfürst selbst im vorangehenden Jahre dort "ein Zellerisches Bildl", mit dem sonst die Pilger ihre Hüte besteckten, aus den Händen des von ihm geschätzten P. Stürgkh empfangen, geküßt und versprochen, es immer bei sich zu tragen und die Mutter Gottes nie zu vergessen.

Am böhmischen Aufstand beteiligten sich die i.ö. Stände nicht und enttäuschten damit die sowohl von den Böhmen als auch von dem Haupt der evangelischen Union im Reiche Christian von Anhalt in sie gesetzten Hoffnungen. Übrigens gab es manche unter ihnen, die nun doch zu einer aktiveren Politik anrieten, aber zum Abfall von Ferdinand konnte sich keiner entschließen. Daß die Stimmung in den i.ö. Landen immerhin erregt war, zeigten die vielen Schmähschriften und Pasquille, die durchs Land flatterten, bald jedoch unterdrückt wurden. Zur Beratung der Lage fanden sich wieder die Vertreter Steiermarks, Kärntens und Krains in Graz zusammen. Ferdinand, zur Kaiserwürde bestimmt, weilte in Frankfurt, von wo aus er am 10. August 1619 ihnen ihre Zusammenkunft verwies. Ihren Plan, ihn mit [Seite: 155] Hilfe der in Frankfurt versammelten weltlichen Kurfürsten zur Freigabe der A.K. zu bewegen, bedrohte er mit höchster Ungnade.

Noch im Jahre 1619 verlegte er seine Residenz nach Wien, wodurch Graz aus dem Mittelpunkt großen historischen Geschehens verschwand und von da an wieder zu einer ruhigen und unbedeutenden Landeshauptstadt herabsank. Für die i.ö. Stände wurde der Kaiser nun noch unerreichbarer. Im Jahr 1620 erschienen jene "Gravamina Religionis", die sie 10 Jahre zuvor, allerdings in milderer Form, Ferdinand vergebens überreicht hatten, als Flugblatt im Druck. Sie schrien ihre Not in die Welt hinaus, zählten in 21 Punkten alles ihnen Angetane auf, wobei sie mit besonderer Bitterkeit bemerkten, daß da, wo Altar und Taufstein gestanden hätten, sich nun dreifache Hochgerichte erhöben, daß in den zerworfenen Friedhöfen "die in Gott ruhenden Körper frommer Christen den Säuen und Hunden auszuwühlen und auszugraben freigemacht worden seien" und daß man so vielen Menschen "bei dem abgöttischen verdammten Papsttum zu verbleiben durch gezwungene Eide (die Gott im Himmel leid seien) aufgeladen hätte" usw.

Noch einmal suchte der Anhalter 1620 die i.ö. Stände zu bewegen, sich der Konföderation gegen das Haus Habsburg anzuschließen und wenn, wie er vorhatte, Bethlen Gabor den Kaiser angreifen sollte, ihm den Eintritt in ihre Länder nicht zu verwehren, er wollte dafür evangelische Prediger ins Land senden. Allein auch dieses Angebot wurde abgelehnt. Ferdinand war diese Aufforderung bekannt, trotzdem verweigerte er die Erfüllung der an ihn von den Ständen gerichteten Bitte, einen Generallandtag einzuberufen. Er durfte auch in dieser schicksalsschweren Stunde mit der unwandelbaren Treue seines i.ö. Adels rechnen. Der unglückliche Ausgang der Schlacht am weißen Berge bestärkte den Kaiser vollends zu rücksichtslosem Vorgehen. Schon das Lesen einer Postille war für einen Adeligen strafwürdig. Eine ganze Reihe von Standesherren wurde auf — oft falsche — Anzeigen katholischer Pfarrer wegen solcher und ähnlicher "Vergehen" in Untersuchung gezogen.

Im April 1625 griff der Kaiser trotz alles Protestierens der Stände in die von diesen bisher geübten Patronatsrechte ein, am 5. Februar 1626 wurde ihnen im Gegensatz zu allen einst [Seite: 156] gegebenen Zusagen erklärt, daß auch sie von der Religionsreformation nicht exempt seien. Tatsächlich waren ja wegen der Beteiligung einiger ihrer Familienangehörigen am böhmischen Aufstand schon im Vorjahr die Hoffmanns aus dem Lande gewiesen und ihrer steirischen Erbämter für verlustig erklärt worden.

Mittlerweile gab sich der Bischof Jakob Eberlein, ein Neffe und der Nachfolger Brenners, alle Mühe, im Klerus Ordnung und Zucht zu befestigen. Schon 1622 hatte der Wiener Nuntius Carolus Caraffa ihn beauftragt, eine Generalvisitation im Lande zu halten, welchen Befehl der Salzburger Erzbischof Paris Graf Lodron als einen Eingriff in seine Kompetenz ansah, schließlich aber doch billigte und besonders auch auf die Beobachtung des noch evangelischen Adels ausgedehnt wissen wollte.

Neue scharfe Verordnungen gegen den Adel zeigten, daß die Regierung nun zum Äußersten entschlossen war. Ein Erlaß vom 14. Mai 1626 gebot, unmündige evangelische Adelswaisen nur mehr katholischen Vormündern zu übergeben, ebenso wurde untersagt, solche außer Landes an unkatholische Orte zu schaffen. Ein neues strenges Generalmandat vom 30. April 1627 befahl unter Verschärfung des bisher Anbefohlenen, alle an ausländischen Schulen und Universitäten studierenden Adelssöhne sofort heimzuberufen und kein evangelisches Kind mehr außer Landes zu schicken. Am 28. Mai wurde die Aufstellung einer Liste der im Ausland befindlichen Kinder anbefohlen.

Drakonisch waren die Strafen für etwaige Verstöße. Im Juni 1627 wurde Herr Paul von Eibiswald mit 12 000 fl.bestraft, weil er zu einem Prädikanten über die Grenze gereist war. Da er binnen 4 Tagen nicht zahlen konnte, wurden seine Güter unter Zwangsverwaltung gestellt.

Die Zitationen Adeliger, welche von Priestern denunziert worden waren, die, wie in Gleisdorf, sich sogar erdreisteten, zur Büchervisitation in Adelshäuser einzudringen, hörten nicht mehr auf, die Regierung hatte vollauf mit ihrer Bestrafung zu tun. Im Jänner 1628 wurden vier Generalreformationskommissäre für Steiermark ernannt, denen im März aufgetragen wurde, nicht nur die katholische Geistlichkeit zu überwachen, sondern insbesondere auch noch etwa im Lande befindlichen [Seite: 157] lutherischen Personen, wie Pflegern, Präzeptoren usw. nachzuspüren. Am 2. Mai forderte die Regierung alle Priester auf den Pfarren auf, genaue Verzeichnisse sämtlicher unkatholischer Personen, auch der Adeligen, in ihrem Sprengel anzulegen und einzusenden. Am 6. Mai 1628 befahl ein Mandat allen adeligen Personen, die nicht von alters die Landstandschaft besaßen, katholisch zu werden oder das Land nach Darreichung des 10. Pfennigs zu verlassen. Dies traf einige Familien wie die Schaffmann, Gablkhoven, Pirker zum Weißenthurn u. a. m. Am 15. Mai wurden sämtliche Städte und Märkte noch einmal mit einer verschärften, alles bisher Befohlene zusammenfassenden Reformationsordnung bedacht. Eine Woche später wurde allen noch evangelischen Hauslehrern, Schaffern, Haus- und Hofmeistern der letzte Termin gesetzt.

Allein auch die Waffe gegen den Adel war bereits geschmiedet. Vom 1. August 1628 ist das Generalmandat Ferdinands datiert, das, gleich den früheren, unter Trompetenschall im ganzen Lande verkündet, und von allen Kanzeln verlesen wurde. Der Ton des Erlasses, mäßiger als der manches früheren, konnte die Bitterkeit des Inhaltes nicht lindern: Ferdinand befand im Bewußtsein der Verantwortung für das Seelenheil seiner Untertanen, daß es seine Pflicht sei, allen "Glaubensirrungen" ein Ende zu bereiten. Nach einem kurzen Überblick über alles während der Gegenreformation bisher Verordnete folgte die kaiserliche Erklärung, man habe aus Gnaden bisher gegen die Herren und Ritter jenes nicht in Anwendung gebracht, weil man gehofft habe, sie würden sich zum Väterglauben, zur katholischen Religion bekehren. Einige hätten dies zu des Kaisers Freude getan, aber viele wollten nicht zur Einsicht kommen. Er sehe es nicht gerne, daß so uralte Geschlechter, die mit Dargebung von Gut, Leib und Blut seinem Hause gedient und auch in den letzten in seinem Königreich entstandenen Rebellionen "jederzeit in ihrer anererbten Treue und Aufrichtigkeit gegen ihn beständiglich verharrt", aus dem Lande ziehen sollten. Nun aber müsse er aus den oben angedeuteten Gründen "die unkatholischen Landleute des Herren- und Ritterstandes, Manns- und Weibspersonen", welche sich "noch in dem angedeuteten Irrtum des Glaubens befinden", der Reformation unterwerfen. Ferdinand erklärte, wer sich binnen Jahresfrist [Seite: 158] beim Fürsten Hans Ulrich von Eggenberg oder in dessen Abwesenheit bei einem der geheimen Räte in Graz zur katholischen Kirche melde, könne bleiben. Wer dies nicht tue, dem könnte nicht gestattet werden, länger im Lande zu wohnen und hier Güter zu besitzen, er müsse vielmehr alle österreichischen Königreiche und Länder räumen. Wer binnen Jahresfrist seine Güter nicht verkaufen könne, möge sie innerhalb weiterer 6 Monate einem im Lande bleibenden Freunde oder Verwandten oder sonst einem katholischen Landeseinwohner zum Verkaufe anvertrauen. Vermögen auch diese nicht die Güter zu "versilbern", so würden diese unter Sicherstellung des den Exulanten bleibenden Fruchtgenusses von regierungswegen inventiert und verkauft werden. Nur die Fideikommißgüter sollten in ihrem esse verbleiben und es müsse ihr Fruchtgenuß den Ausgewanderten übermittelt werden. Obwohl der Kaiser von den Abziehenden den 10. Pfennig158.1 verlangen könnte, so dürften diese in Anbetracht des Umstandes, daß die Herren und Ritter stets sich "gegen ihn und das Haus Österreich getreu und gewährig erzeigt, auch niemals etwas Widerwärtiges gegen das Haus Österreich attentiert haben, ohne Nachsteuer des 10. Pfennigs abziehen", auch zur Erledigung von Prozessen, Eintreibung von Schulden usw. ihres Bedünkens katholische Personen bevollmächtigen.

Gleichzeitig wurde befohlen, daß alle unkatholischen Pupillen, deren Mütter evangelisch seien, im Lande verbleiben müßten und alle Abziehenden ihre Gerhabschaften niederzulegen und Abrechnung zu geben hätten. Das Zureisen und der Aufenthalt in irgendeinem Orte Österreichs wurde an eine von Fall zu Fall zu erbittende eigene Regierungsbewilligung gebunden.

Mit der Durchführung dieser entscheidenden Verordnung wurde der Reichsfürst Hans Ulrich von Eggenberg betraut. Er erhielt als wahrhaft kaiserliches Geschenk die durch den Tod des natürlichen Sohnes Kaiser Rudolfs, Don Julius, eines abscheulichen Wüstlings, freigewordene Herrschaft Krumau und [Seite: 159] spielte in Steiermark die Rolle, die in Böhmen und Mähren Karl von Liechtenstein übernommen hatte; trotz seiner Allmacht konnte er allerdings das seiner Schwiegertochter, der protestantischen Prinzessin Anna Maria von Brandenburg, gegebene Versprechen der freien Religionsausübung nicht halten. Sie blieb zwar, nachdem ihre Bibelfestigkeit allen Bekehrungsversuchen der Jesuiten widerstanden hatte, persönlich ungekränkt, mußte aber ihre evangelischen Gefolgsleute und Bedienten entlassen.

Das Generalmandat Ferdinands vom 1. August 1628 erfüllte noch einen innerpolitischen Zweck: Es brach die Macht der Stände und mehrte die absolute Gewalt des Landesfürsten. Und man gedachte das Generale streng durchzuführen. Bereits am 28. August wurde dem Landesverwalter befohlen, unter Mitwirkung der Pfarrer ein genaues Verzeichnis aller unkatholischen Adeligen anlegen zu lassen. Gleichzeitig wurde nochmals die genaue Fahndung nach nichtadeligen Protestanten in Auftrag gegeben, die zum Teil überraschende Erfolge zeitigte. Fand man doch z.B. allein in der Radkersburger Gegend an 200 Geheimprotestanten.

Die Ordnung der Angelegenheiten der abziehenden Adeligen gestaltete sich oft sehr schwierig. Zwar hatte der Kaiser befohlen, die Durchführung der Exulantenprozesse zu beschleunigen, aber dies gelang nicht in allen Fällen. Auch die Losschlagung des Besitzes war nicht leicht. Kam es vor, daß katholische oder katholisch gewordene Verwandte sich widerrechtlich in den Besitz sogar von Fideikommißgütern zu setzen wußten, fehlte es andererseits auch nicht an freiwilligen Güterüberlassungen, um den Grundbesitz beim Stamme zu erhalten. Der wegen seines großen Reichtums, mehr noch aber wegen seiner tiefen Bildung und Frömmigkeit im Lande hochangeseheneGeorg d. Ä. von Stubenberg ging auch ins Exil. Er war selbst bei Ferdinand hochgeschätzt, so daß "Herrn Georg" der Zutritt zum Hof stets offenstand, ohne daß er jenes heißem Wunsche, katholisch zu werden, willfahren konnte. Nun verließ er zum großen Schmerze seiner Untertanen, denen er zum Teil nach dem Abzug der Prediger selbst mit der Postille gedient hatte, und die mit großer Liebe und Verehrung an ihm hingen, die Heimat. Ehe er aber nach Regensburg ins Exil zog, gab er [Seite: 160] seinem Vetter seine Güter, um sie bei dem in Steiermark fast ältesten Stamme zu wahren.

Als der kurze Endtermin verstrichen war, hatten bei weitem nicht alle ihre durch das große Angebot im Preise gedrückten Güter verkaufen können. Viele mußten sie verpachten oder katholischen Verwaltern überlassen. Viele waren nicht vermögend genug geblieben, um in Regensburg, Nürnberg, Ulm oder in Ungarn, den Hauptzufluchtsstätten, ein sorgloses unabhängiges Leben führen zu können, sondern waren gezwungen, in der neuen Heimat Dienste zusuchen; denen gab auf ihren Wunsch die Landschaft Zeugnisse mit, welche die Dienste, die sie "adelig, aufrichtig, ehrlich und redlich" der Heimat geleistet hatten, aufzählten und rühmten und betonten, daß sie "nur der Religion halber" hätten aus dem Lande müssen, wo man dringend gewünscht habe, sie behalten zu dürfen.

So zogen denn gegen 700 bis 800 i.ö. Adelspersonen aus der Heimat, darunter solche aus Geschlechtern, die "noch in die Zeiten der staufischen, oder, wie das Haus Stubenberg, in die Tage der salischen Kaiser zurückreichten", so u. a. 35 Windischgräz, 30 Welzer, 29 Dietrichsteins, 14 Galler, 13 Herbersteins, 12 Räcknitz, 9 Eibiswald, je 8 Saurau und Teuffenbach, 5 Stubenberge u. v. a. m. Es gibt mehrere erhaltene Emigrantenverzeichnisse160.1, die zwar nicht völlig miteinander übereinstimmen, aber doch zusammen eine ziemlich lückenlose Liste vermitteln.

Nur verhältnismäßig wenige hatten ihren Wiederanschluß an die Romkirche vollzogen, um in der Heimat bleiben zu dürfen. Sie mußten sich ihren Pfarrern zur Beichte stellen. Das im November 1629 von diesen eingeforderte Verzeichnis legte Bischof Eberlein am 16. Juni 1630 dem Salzburger Erzbischof vor.

Durch die Emigration des Adels wuchs der geistliche Besitz stark an. Früher hatten die Prälaten, ja selbst der Seckauer Bischof zugeben müssen, daß der Adel sie in ihrem geistlichen Besitz geschützt habe, nun forderten scharfe Regierungserlässe von den Abziehenden die Herausgabe der geistlichen Güter, die sie sich "durch die gesetzlichsten Rechtstitel erworben hatten". Dabei hatte [Seite: 161] z.B. in den 90er Jahren der Salzburger Erzbischof Wolf Dietrich selbst im Steirischen gelegene Kirchengüter verkauft, um Mittel zur Befriedigung seiner Baulust zu gewinnen. Nun suchte die Kirche, ohnedies vom Kaiser reich bedacht, zu Schleuderpreisen Adelsgüter zu erwerben und kannte in diesem Bestreben so wenig Maß und Ziel, daß die Regierung schließlich selbst einschreiten mußte. Jahrzehntelang zeigten sich hier noch die Folgen dieses Mißstandes.

Es ist wohl begreiflich, daß eine größere Zahl von Adeligen sich nur äußerlich anbequemt hatte. Im März 1630 wurden 24, im Mai 44 Standespersonen vor die Regierung zitiert, weil man an ihrer Bekehrung zweifeln mußte. Auch in den nächsten Jahren fehlte es nicht an beweglichen Klagen und Denunziationen katholischer Pfarrer über das verdächtige Benehmen der neubekehrten Herrschaft, als Fleischessen in den Fasten, Nichterscheinen zur Beichte usw.; besonders drastisch klingt die des Lobminger Pfarrers aus dem Jahre 1636 über die Sauraus und Schaffmanns. Selbst der Landeshauptmann Karl von Saurau mußte sich im gleichen Jahre durch die Beibringung von Rechtgläubigkeitszeugnissen zweier Franziskaneroberen vom Verdacht des Geheimprotestantismus reinigen.

Eine der grausamsten Maßnahmen war die Verordnung, daß evangelische minderjährige Kinder im Lande bleiben mußten, ergreifend klingen die vielfachen Bitten um Milderung dieser Bestimmung, die die natürlichsten Familienbande zerriß. Nur schwer waren für die Mütter Bewilligungen zu ihrem Besuche zu erlangen und dann stets nur für kurze Zeit. Alle Mißbräuche irgendeiner erteilten Einreise- und Aufenthaltsbewilligung unterlagen hohen Geldbußen und sofortiger Ausweisung. Bitter war das Schicksal der Emigranten, die ihre Güter nicht hatten verkaufen können und durch das oft lange Ausbleiben der Rente oder die Übervorteilung durch eigennützige Verwalter oder Verwandte öfter in die schwerste Geldbedrängnis gerieten.

Trotz alles unerfüllten Heimatsehnens, trotz vieler Sorgen, Not und Bedrängnis war die Stimmung der Exulanten gegen den ungerechten und harten Kaiser keine erbitterte. Von den steirischen Auswanderern konnte sich keiner entschließen, zu den Fahnen des schwedischen Befreiers zu eilen; der kaiserliche Rat Bertram von Sturm zu Rallingen, der 1634 die [Seite: 162] Exulantenstädte besuchte, fand "zu seiner Verwunderung die in Nürnberg befindlichen Exulanten aus den österreichischen Gebieten dem Kaiser sehr ergeben". Selbst in Regierungskreisen fand man scheinbar soviel Treue verwunderlich, doch trug sie dazu bei, daß von 1636 an solchen Emigranten, von denen nicht nachgewiesen war, daß sie im Exil gegen den Kaiser gehandelt hätten, wieder leichter Pässe zur Ordnung ihrer noch schwebenden Angelegenheiten in der Heimat bewilligt wurden.

Es lassen sich so manche Exulantenschicksale weiter verfolgen. Besonders Nürnberg, dessen Grabsteine noch heute Zeugen sind, beherbergte "die Blüte des aus Österreich weggezogenen Adels". Samt Bürgern, Geistlichen — bei einem 1639 hier gehaltenen Begräbnis zählte man allein 39 vertriebene Prediger! — sollen an 1000 Emigranten in der Reichsstadt Zuflucht gefunden haben. Standen auch 1629 an 175 Glaubensflüchtlinge hier beim Rat in Unterstützung, so war doch ein weit größerer Teil vermögend, zahlte wie jeder Nichtbürger ein ansehnliches Schutzgeld — bis zu 500 fl.! — verzehrte hier seine Einkünfte, wovon die Stadt ihren Vorteil hatte, und errichtete nicht selten wohltätige Stiftungen. Die Zeitgenossen wissen von den Emigranten "nur Löbliches und Gutes" zu berichten, verläßliche Augenzeugen rühmen, daß sie "bei allem großen Verlust und ausstehender Ungemach fröhlich" seien und "Gott um Beständigkeit bitten und ihm danken, daß sie würdig worden seien, um seines hohen Namens und heiligen Wortes willen etwas zu leiden und auszustehen". Um ihres eifrigen Gottesdienstbesuches willen mußte 1630 die Empore der Lorenzerkirche vergrößert werden!

Nur einige Exulantenschicksale seien noch flüchtig gestreift. Als das Haupt der Exulanten galt in Nürnberg der edle und fromme Gall von Räcknitz, eine priesterliche Erscheinung. Wie er selbst täglich das Gotteswort abwechselnd in 5 Sprachen las, diente er den Seinen in Hausgottesdiensten, stärkte er die anderen Emigranten durch seine Haltung und sein Vorbild. Er lebte fern von allen auch im Exil vom Adel beliebten Repräsentationen in der Stille des von ihm in drei erkauften Gärten errichteten Hauses in tiefer Zurückgezogenheit. Die Armen schätzten ihn wegen seiner hilfreichen Barmherzigkeit als "mitleidigen und guttätigen Vater". [Seite: 163] Selbst dichterisch begabt, trat er dem "pegnensischen Blumenorden", der Nürnberger Dichterschule, näher und veröffentlichte seine "Haus und Hertz Musica" usw. Der bekannteste Vers seiner Gedichte bittet um Kraft, das Exulantenschicksal zu tragen: "Ich hab’ verlassen Vaterland / um dein göttliches Worte / Mit dem Wanderstab in der Hand / Gesucht ein fremdes Orte / Verlaß mich nicht, Herr Jesu Christ / Der du doch meine Liebe bist" usw. Seinen Tod betrauerte 1658 ganz Nürnberg.

Äußerlich sorglos war auch das Schicksal der Praunfalkhs, deren Familienbibel mit der dort eingetragenen Chronik ein Bild adeligen und edlen Exulantenlebens gibt.

Von Not und Armut aber zeugen die vor Jahren veröffentlichten Briefe der Freiin Cordula von Prankh. Sehnsucht nach der Heimat, nach der Schwester und ihren Kindern, drückende Geldnot, hervorgerufen durch die Unbilligkeit ihres Schwagers Gallenberg, der, unerreichbar in der alten Heimat, Zahlungen hinausschiebt, Demütigungen durch andere Standesgenossen, in deren Küche sie das Brot sucht, lassen sie der Schwester schreiben: "Mein Einkommen ist klein, die Ausgaben groß, der Mund will zu essen haben, ich gräme mich und weine mir schier die Augen aus." Wohl tröstet sie sich mit dem Gotteswort, aber die Not wird zeitweise, besonders während der Schwedenzeit, wo sie "Roggenstrudel und Sterz, der mit Inslet (Talg) abgemacht ist", und Bettelsuppen essen muß, unerträglich, und muß doch jahrelang erduldet werden.

Daß auch im Adel nicht nur glaubenstreue, sondern auch fähige, ja die fähigsten Leute die Steiermark verlassen hatten, zeigen so manche zu Bedeutung gelangte Emigranten. Das Haus Stubenberg stellte zwei Dichter im Stile der Zeit, Georg Augustin und Otto Gall. Den 504 Seiten füllenden "himmeldurchdringenden Herzensseufzern" usw. ist der bekannte Exulantenvers entnommen: "Meine Eltern zogen aus / Hof und Haus / sie nicht aushielt ganz durchaus; / Alles ließen sie dahinten / nur dein Wort / trieb sie fort / um das zu finden." Johann Wilhelm von Stubenberg trat als Mitglied der "fruchtbringenden Gesellschaft" literarisch besonders als Übersetzer unter dem Decknamen "eines Unglückseligen" auf. Wolfgang Ferdinand Jöbstl von Jöbstlsberg gründete als "im Lobe Gottes Nimmersatter" [Seite: 164] im Stile des Blumenordens eine "Gesellschaft zum Lobe Gottes". Johann Balthasar Gabelkhoven wurde erst meiningischer Regierungsdirektor, dann Präsident des Oberkonsistoriums in Gotha.

Leicht ließe sich die Anführung bedeutender Emigranten vermehren.

Das Land litt durch den Wegzug so vieler vortrefflicher, charaktervoller Menschen nie wiedergutgemachten Schaden. Durch die strenge Abschließung von den Ländern der Reformation traten Rückschritt und Erstarrung ein. Zahlreiche Ordensniederlassungen dienten zur Befestigung der Ergebnisse der Gegenreformation. Die während der Friedensverhandlungen zu Münster und Osnabrück von Emigranten mit Unterstützung evangelischer Fürsten gemachten Versuche, der Heimat die Duldung und ihnen selbst die Heimkehr zu erwirken, scheiterten und vernichteten die letzten Exulantenhoffnungen. Ferdinand III. hatte in den Fußstapfen seines Vaters bereits im Jahre 1638 die strenge Einhaltung aller von diesem in Religionssachen erlassenen Generalia und Spezialresolutionen anbefohlen. Allein es gelang doch einem Teil der Bewohner besonders der an das durch Jahrzehnte noch stark protestantische Salzburgische angrenzenden Täler oder anderer abgelegener und unzugänglicher Landesteile im Dachstein-, Ötscher- und oberen Murgebiet insgeheim mit ihren Bibeln, Postillen und Gesangsbüchern auch das evangelische Bekenntnis zu bewahren.

Die treuen Bergbauern, die, ohne Pfarrer und Lehrer, durch 180 Jahre, äußerlich scheinbar katholisch, im Herzen evangelisch, ein gefährliches Doppelleben führend, ihren Lutherglauben vererbten, legten den Grund für den nach dem Toleranzpatent Kaiser Josephs (1781) allmählich erfolgten Wiederaufbau des Protestantismus in Österreich. Die Darstellung dieser Zeit liegt außerhalb des Rahmens dieser Arbeit. Aber wie tief muß das evangelische Bekenntnis in den Tagen der Reformation ins Herz des steirischen Volkes gedrungen sein, wenn alle Schrecken der Gegenreformation, alle nachher dem Geheimprotestantismus drohenden harten Strafen von der Zwangsbekehrung bis zur Transmigration den unter der Asche glühenden Funken des Lutherglaubens, dessen Schicksal in Österreich seit je Leiden war, nicht zu ersticken vermochten.

Index

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Fußnoten
1.1.
Die staatsrechtliche Bindung "Innerösterreichs" (im folgenden stets I.-Ö. abgekürzt) erfolgte erst bei der Erbteilung nach dem Tode Ferdinands I. (1564). Der Name erscheint gelegentlich schon 100 Jahre früher.
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2.1.
Valeriana celtica, eine heute noch zu Parfümeriezwecken benutzte Alpenpflanze, deren Wurzeln einen eigenartigen Wohlgeruch besitzen. Der mit wichtigen Privilegien begabte Haupthandelsort hierfür war im 16. Jahrhundert Judenburg.
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3.1.
Der Bamberger Vizedom war in der für die Ausbreitung des Protestantismus entscheidenden Zeit der Vorkämpfer der evangelischen Richtung: Hans Friedrich Hoffmann. Der Freisinger Pfleger saß auf dem heute noch gut erhaltenen Schlosse Rothenfels bei Oberwölz.
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4.1.
Bis in die neunziger Jahre gibt es Fälle des Ankaufs geistlicher Güter durch den Adel. In dieser Zeit war es der Salzburger Erzbischof Wolf Dietrich von Raittenau selbst, der, um seiner Baulust fröhnen zu können, kirchlichen Besitz an protestantische Adelige veräußerte!
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6.1.
Mandat vom 1. September 1524.
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7.1.
Bereits vor Beginn der Reformationszeit sandte der Adel seine Söhne seltener auf die früher stark besuchten italienischen Hochschulen, als vielmehr nach Tübingen, Freiburg und Ingolstadt, wo junge Hochschulen blühten.
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8.1.
Z. B. die Mandate vom 16. Jänner 1528 und vom 22. Jänner 1532, das Generale von 1535 und das neuerliche Verbot, protestantische Hochschulen zu besuchen, dat. Augsburg den 5. April 1548.
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10.1.
Dietrichstein, Freiherr zu Hollenburg, Finkenstein und Talberg, war ein Liebling Kaiser Maximilians gewesen, der ihm eine prunkvolle Hochzeit auf seine Kosten ausrichten ließ. Er genoß auch das besondere Vertrauen König Ferdinands. Von seinen Söhnen wurde Adam katholisch. Dieser hat das aus Kärnten stammende Geschlecht nach Mähren verpflanzt.
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11.1.
Schladming wurde zwar bald wieder aufgebaut, erhielt aber erst nach 400 Jahren (1925) die Bezeichnung "Stadt" wieder.
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12.1.
Im fürstl. Dietrichsteinischen Archiv im Schlosse Nikolsburg in Mähren sind auch Akten aus der Landeshauptmannszeit Siegmunds (1515—1531) erhalten, darunter die Originalzuschriften Ferdinands, die in den folgenden Abschnitten zitiert sind, und die der Vf. unter den öst. Täuferakten demnächst in den Quellen und Forschungen zur Reformationsgeschichte im Wortlaut zu veröffentlichen gedenkt. Obiger Brief ist datiert: Wien, den 22. Jänner 1528.
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12.2.
Datiert: Innsbruck, den 28. Jänner 1528 (Original im Archiv Nikolsburg).
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13.1.
Ferdinand schreibt: "... und haben deshalb solch Puechl weder auf Dr. Johann Fabri oder ander anlangen sondern für uns selbs aus beweglichen trefflichen ursachen abgestellt". Fabri war der Gegner Hubmaiers.
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13.2.
Datiert: Speyer, den 18. April 1528 (Orig. i. Arch. Nikolsburg).
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14.1.
Datiert: Linz, den 22. und den 23. Mai 1528 (Ebdrt.)
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14.2.
Datiert: Linz, den 12. Juni 1528 (Ebdrt.)
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14.3.
Datiert: Wien, den 29. Oktober 1528 (Ebdrt.)
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14.4.
Richter und Rat in Leoben baten, dat. 28. Jänner 1529, den Landeshauptmann um Weisungen zur Prozeßführung. (Ebdrt.)
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14.5.
In Bruck dauern die Verhöre bis in den Juli 1529. Am Ulrichstag (4. Juli) senden Richter und Rat in Bruck einen Bericht über verhörte Täufer. (Ebdrt.)
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14.6.
Noch mehrmals hörte man in den nächsten Jahren von Täuferprozessen und Hinrichtungen. Die Regierungsmandate wurden noch bis 1557 erneuert. Doch hatte das Täufertum in Steiermark nie recht Fuß gefaßt.
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15.1.
Dat. Regensburg, den 26. Juni 1529 (Orig. i. Arch. Nikolsburg).
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16.1.
Dat. Innsbruck, den 22. Jänner 1528 (Orig. ebdrt.)
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16.*.
[Edition: Anton Albrecher, Die landesfürstliche Visitation und Inquisition von 1528 in der Steiermark. Graz 1997 (= Quellen zur geschichtlichen Landeskunde der Steiermark XIII.]
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18.1.
Dat. Innsbruck, den 27. Jän. 1529 (Orig. i. Arch. Nikolsburg).
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24.1.
1536.
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25.1.
Dies die im Reformationsjahrhundert besonders auch von der Regierung in Steiermark gebrauchte Bezeichnung für die evangelischen Prediger.
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26.1.
Er empfahl ihn auch den anderen steirischen Schulmeistern zum Gebrauch. 1553 wurde Pica von den Ständen zum ludiliterarii praefectus gemacht. Ferdinand wies ihn darum aus, die Landschaft stellte ihn aber später bei der Verwaltung wieder an. [BSB-Digitalisat
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27.1.
Die bald ständig gebrauchte amtliche Bezeichnung "Die steirische Landschaft, der A. K. zugetan", wurde besonders in der Gegenreformation von der Regierung mit dem Hinweis darauf bekämpft, daß "die katholischen Prälaten ja auch einen Stand, also einen wichtigen Teil der Landschaft, bildeten".
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31.1.
Hans (III.) Ungnad von Weißenwolf, Freiherr von Sonneck, 1493 geboren, war zu Kaiser Max’ Zeiten in den Hofdienst getreten und soll Mitglied der Abordnung gewesen sein, die Jahre 1519 in Spanien den neuen Herren Karl V. begrüßte. 1529 wurde er Vizedom, im nächsten Jahre als Landeshauptmann Nachfolger des verdienten, gleich ihm lutherisch gesinnten Siegmund von Dietrichstein. Von Hans jüngerem Bruder Andreas, der 1536 in Torgau Luther predigen hörte und mit ihm 1 Stunde lang sich beredete, sagte der Reformator "mit einer meisterhaften Kennzeichnung, die gewiß auf viele Standesgenossen paßte: Ist ein feiner Herr; aber unsere Lehre liegt in seinem Geiste gleichsam, als ob ich mit einem Träumenden rede". Von dem Eindruck, den Luther auf den Adeligen machte, zeugt sein Ausspruch, er wolle "gern 100 Kronen darum geben, sich mit dem Reformator einen ganzen Tag zu bereden". Der Neffe beider David Ungnad war — damals ein an manchen Hochschulen und dem sie besuchenden Adel geübter Brauch! — im Jahre 1557 Rektor der Wittenberger Universität; später als frommer, geistlicher Dichter nicht unbekannt, ein unermüdlicher Förderer des Evangeliums, politisch begabt, von seinem Kaiser zu Gesandtschaften nach Konstantinopel verwendet.
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33.1.
Der steirische Besitz umfaßte außer Gütern an der Packalpe und in Untersteiermark auch das heute noch bestehende Schloß Plankenwarth bei Graz. Ein anderer Zweig der Ungnads blieb bis zur Gegenreformation in Kärnten. Herzog Christoph von Württemberg räumte dem durch die theologischen Streitigkeiten in Sachsen angewiderten und dort abgewanderten Hans Ungnad das ehemalige Amandstift in Urach ein. Hier trat Ungnad mit dem Krainer Reformator Primus Truber in Verbindung und berief ihn schließlich als Leiter der zur Herstellung der slowenischen Bibelübersetzung errichteten Druckerei. Im Laufe der Jahre gingen aus ihr 31 Druckwerke, die meisten — darunter die Bibelübersetzung — in slowenischer, etliche auch in kroatischer und italienischer Sprache, erstere meist in glagolitischen und zyrillischen Lettern gesetzt, hervor. Auf einer Reise nach Prag zum Besuch des inzwischen zum Kaiser erwählten, mit ihm in besonderem, durch einen häufigen Briefwechsel belegten Freundschafts- und Vertrauensverhältnis stehenden Maximilian starb Ungnad am 27. Dezember 1564 zu Winteritz in Böhmen. Sein Leichnam wurde nach Württemberg gebracht und in der Stiftskirche zu Tübingen beigesetzt. Die später nach dem den Ungnads gehörigen Kärntner Schlosse Wallerstein geschaffte Druckerei fiel im Jahre 1600 der Religionsreformationskommission in die Hände, die sie, nachdem sie, wie aus den dortigen Ratsprotokollen hervorgeht, längere Zeit in Judenburg eingelagert worden war, nach Graz sandte. Ferdinand II. beschlagnahmte sie und schenkte sie der Congregatio de propaganda fide. So kam sie nach Rom und wurde dort zum Druck eines Breviers verwendet. "Ein Schelmenstück der Weltgeschichte"! Das Geschlecht der Ungnad-Weißenwolff starb im Jahre 1917 aus.
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34.1.
Er starb in Admont im Jahre 1575.
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35.1.
1552
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35.2.
1553
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36.1.
1563
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39.1.
Die "Verordneten" (im folgenden stets V.O. abgekürzt!) waren die Landschaftsausschüsse, die die Agenden der Landschaft in der Zeit führten, wo diese nicht zum Landtag versammelt war. Ihre Zahl betrug 5 (aus jedem "Viertel" wurde 1 geschäftskundiger Herr oder Ritter erwählt), wurde aber 1578 vorübergehend und dann 1583 endgültig durch die Beiziehung des Hofkriegszahlmeisters auf 8 erhöht. In der Gegenreformation wurde die Landschaft vom Regenten gezwungen, stets einen der "den ersten Stand" in ihr bildenden Prälaten wieder zum V.O. zu machen. Die V.O.-Protokolle, in deren Texten in der gefährlichen Zeit der Gegenreformation evangelischerseits zahlreiche Stellen unleserlich gemacht wurden, sind neben den Landtags-, den Land- und Hofrechtsprotokollen sowie den Landtagsakten und landschaftlichen Ausgabenbüchern wichtige Quellen für die Protestantengeschichte.
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42.1.
Man sagte damals: Die Stift.
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42.2.
Sein Lebensgang zeigt eines der wechselvollsten Predigerschicksale jener Zeit. Aus Nürnberg stammend und von Geburt Lutheraner, wurde Khuen 1558—60 lutherischer Prediger in Heidelberg; vom Kurfürsten Friedrich bei der Einführung der reformierten Lehre amtsentsetzt, übernahm er 1560—62 das Pfarramt Worms, wirkte von 1562—64 in Eßlingen, folgte aber bereits 1564 einem Rufe nach Graz. Er wird als großer, braunbärtiger, sehr beredter Mann geschildert. Mit der Einführung der neuen Kirchenordnung unzufrieden, legte er am 22. Mai 1574 auf der Kanzel sein Grazer Amt nieder und übernahm im Auftrage des Herrn Hoffmann die große Pfarre Pöls, die er, mit seinem Gönner entzweit, wieder verließ. Von 1575—81 war er Prediger in Linz, 1582—85 Pfarrer und Superintendent in Bensheim a. B., hier wieder durch die Einführung des reformierten Bekenntnisses vertrieben, amtete er seit 1585 in Eßlingen, 1586 in Worms, von wo er wegen des bevorstehenden Deputiertentages an die steirischen Stände schrieb. Dann verliert sich seine Spur. [Digitalisateverzeichnis BSB]
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45.1.
Die Grazer protestantische Tauf-, Trauungs- und Sterbematrik, deren ältester Teil die Jahre 1567—1574 umfaßt, gehört zu den Schätzen des steirischen Landesarchivs.
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46.1.
Hans Kobenzl von Proßegg begann seine Laufbahn als "Denunziant", um 200 als Strafgeld ausgesetzte Dukaten zu verdienen, und stieg von Stufe zu Stufe bis zum Kammerpräsidenten.
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46.2.
Dr. Wolfgang Schranz, später "von Schranzenegg", bürgerlicher Abkunft aus Villach, studierte in Wien und Siena, wurde 1565 vom Erzherzog nach Graz berufen und heiratete in zweiter Ehe eine Tochter des einflußreichen Regimentsrates Dr. Bernhard Walter. 1566 Kanzleramtsverwalter, 1576 Hofvizekanzler, schloß er sich eng an die Jesuiten und wurde ihr und der Erzherzogin Maria williges Werkzeug. Als "Denunziant, Fälscher, Lügner und Wucherer" zog er sich den Spott und Hohn, aber auch den Haß des evangelischen Adels zu, der schließlich seinen unrühmlichen Abgang erzwang. Sein Grabdenkmal ist heute noch an der Außenwand der Grazer Domkirche gegenüber der Burg zu sehen.
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48.1.
13. März 1576.
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50.1.
1577.
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50.2.
Rimel stammte aus Hohenberg in Schwaben und war 1566 zusammen mit P. Aschermann zur Begründung des Jesuitenkollegs nach Olmütz berufen worden, von wo man ihn wegen seines Predigttalentes nach Graz holte.
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50.3.
Der heutige Grazer Dom. Das Stadtpfarramt wurde in die Kirche und das Stift der Dominikaner verlegt, die in die Vorstadt wandern mußten.
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54.1.
1576. Dr. Senger war das Haupt der auf den Hoffmann’schen Pfarren wirkenden evangelischen Prediger.
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55.1.
Mathias Amman von Amansegg war aus bischöflichen Diensten in die der Landschaft getreten und um seiner Verdienste willen als Landstand aufgenommen worden.
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57.1.
Schrauben. [Vgl. DRW-Artikel]
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58.1.
Seine Stellung entsprach der eines Superintendenten.
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58.2.
Homberger war 1529 in Fritzlar geboren und studierte in Marburg; sein erstes Amt, ein Rektorat in Frankfurt a. M., verlor er wegen seines Widerstandes gegen die reformierte Lehre. Nachdem er in mehreren Orten Schwabens und Meißens als Prediger gedient hatte, kam er in gleicher Eigenschaft nach Öttingen, von wo er vorübergehend nach Nürnberg weichen mußte, und schließlich nach Lauingen (an der Donau im Neuburgischen), von wo er sich, offenbar auf der Suche nach einer seinen Fähigkeiten angemessenen Stelle, nach Österreich begab. Er hielt sich in Wien auf und scheint mit dem in Graz befindlichen Chyträus in Verbindung gestanden zu haben. Dessen Einfluß und Vorschlag wird es wohl zuzuschreiben sein, daß im August 1574 die steirische Landschaft Homberger als Leiter des Kirchenwesens nach Graz berief. Er setzte sich hier später besonders für die Annahme der Konkordienformel in Steiermark ein. Auch als Schriftsteller war er eifrig tätig. Neben seiner im Auftrage der steirischen V.O. gehaltenen und gedruckten "Oratio", die eine gute Übersicht über die damalige Stellung des Protestantismus im Lande gibt, seien erwähnt: Die ungedruckte Schrift: De generibus ένωσεων Commentarius de ebraica veritate in Lutheri versione Biblica recte expressa; Elegia de peccato originis 1574 (von Homberger in seinen ersten Amtsjahren, in denen er Flazius anhing, gedichtet und nun gegen seinen Willen von Flazius in einer Streitschrift gegen Andreä veröffentlicht, sodaß sich Homberger in einem offenen Briefe vom 4. Oktober 1574 zu der Erklärung genötigt sah, daß er die flazianische Lehre schon längst nicht mehr teile; "Commentatio de chronologia etc.", ein latein. Hilfsbuch zum Geschichtsunterricht in der Grazer Schule, 1580, das Stück zu 15. kr, (1 Explr. i. d. Univ.-Bibl. i. Graz); "Granum sinapi etc.", ein dogmat. Kompendium von 144 Thesen, den n. ö. Ständen gewidmet, Vorrede vom 29. Sept. 1580 (1 Explr. i. d. Univ.-Bibl. i. Graz); "Brundthal", gedruckt in Marburg 1581, das Stück kostete 5 kr.; Examen theologicum, Heidelberg 1583, die 2. Auflage 1589 bei Hans Schmid in Graz gedruckt; "Senfkörnlein unseres Herrn Jesu Christi, das ist: Unterricht in allen Hauptstücken der christlichen Lehre", Frankfurt 1588 bei Joh. Feierabend, 232 Bl., den i. ö. Ständen gewidmet, die Vorrede stark polemisch gegen die im Bürgertum ängstlich Gewordenen (1 Explr. d. Univ. Bibl. i. Graz), "Flosculus Eden", Kissingen; "Silvula verborum"; "Consilium Jeremiae Hombergeri de ediscendis Erasmi et simi1ium praeceptis"; "Wohlgemuth oder geistliche Beschauung des zweifältigen Bildes Christi, Frankfurt"; "Sententiae Salomonis per LLCC ad praecepta Decalogi renovatae, Lauingen 1590" (als Anfang einer neuen latein. Bibelübersetzung und Erklärung gedacht); "Die Sprüche Salomonis", 39 Bogen, bei Hans Schmid 1590 in Graz gedruckt; "Regenmantel wider mancherlei Vngewitter / so etwa die Frembdlinge vnd Wanderßleute vnsers lieben Herren Christi betrifft / usw. Gedruckt 1590 zu Erfurt bei Joh. Beck. Dem Grafen Gottfried von Öttingen gewidmet (1 Explr. i. d. Univ.-Bibl. i. Graz); "Germen Graeci Sinapis seu Exp1icatio Locorum Doctrinae Christianae, Frankfurt 1591", bei Jhs. Spies, 887 Bl., (Homberger schreibt in der Vorrede, daß er nach diesem Buche in Graz unterrichtet habe, es sei von ihm 1581 in Graz übersetzt, 1589 in Regensburg überarbeitet worden). Er widmete es allen ö. Ständen (1 Explr. i. d. Univ.-Bibl. i. Graz), "Mucro stimuli Christi oder ausführliche Erklärung des hochwichtigen Artikels von der Rechtfertigung, Jena 1592", bei Tobias Steinmann, 4°, 535 Bl., allen ö. Ständen gewidmet, mit einem Bildnis des Verfassers und einer Vorrede der theol. Fakultät in Jena. In der eigenen Vorrede erwähnt Homberger, daß er vor 26 Jahren ein längst vergriffenes aber sehr begehrtes Buch über diesen Gegenstand geschrieben habe (1 Explr. des "mucro" i. d. Univ.-Bibl. i. Graz); ein "Lied von der Rechtfertigung des armen Menschen vor Gott", von Zach. Bartsch in Graz ohne Jahresangabe gedruckt; schließlich außer einer Vorrede zu der Herzogin von Cleve confessio fidei oder Würzgärtlein noch die später erwähnte Agende. Vgl. außer d. Lit.-Verz. i. Anhang über H. Zedlers gr. vollst. Univ.-Lexikon, 13. Bd. Leipzig u. Halle 1735, Spalte 726; Jöchers allg. deutsch. Gelehrten-Lex., 2. Bd. Leipzig 1750, Spalte 1686f.; Allgem. deutsche Biographie, 13. Bd. Leipzig 1881. Seite 40; Wackernagel, das deutsche Kirchenlied, 3. Bd. S. 1085. [Zimmermann, Harald, „Homberger, Jeremias“, in: Neue Deutsche Biographie 9 (1972), S. 586 f. (Onlinefassung). [Nachtrag von Druckseite 161: Die steiermärk. Landesbibliothek in Graz besitzt noch ein weiteres Druckwerk D. Hombergers aus dem Anfang seiner Grazer Wirksamkeit: "Die sprüche Salomonis nach den Hauptstücken der Christenlichen lehre / vnder die zehen gebote gottes / ordentlich außgetheilet / vnd an etlichen schweren ortten mit kurtzen vnd nützlichen glöslein ercleret / ein Christenlich leben vnd vernünfftigen wandel / in allerley stenden darnach / als einem Gewissen richtscheidt / desto besser anzustellen". Das in Oktav gut ausgeführte Buch stammt aus der Druckerei des Andreas Franck in Graz. Die Vorrede Hombergers, vom Trinitatissonntag (29. Mai) 1575 datiert, gibt als Zweck dieser Schrift die Bereicherung der Katechismusunterweisung in der Grazer Stiftskirche und -schule an. Auf die etwa 30 Bl. der Vorrede folgen 179 Bl. Text und 45 Bl. Erklärungen ("folgen etliche Scholia / das ist / nützliche erclerung über ettliche sprüche") nebst Register. Den Beschluß bildet eine Umdichtung des 116. Psalmes in 7 Verse. Die Absicht, die er in der Vorrede ausspricht: "Lasset mich Gott lebend und gibt mir Gnade und Gelegenheit dazu, will ich des Sirach Sprüche und andere, so hin und wieder in der Schrift funden werden, hiezu ordnen", hat Homberger nicht ausgeführt, wohl aber ist die obige Schrift 1590 noch einmal lateinisch erschienen. Vgl. a.a.O. R. Peinlich zählt in seiner Abhandlung "Zur Geschichte des Buchdrucks, der Bücherzensur und des Buchhandels zu Graz im 16. Jahrh." (MSt. XXVII und Sonderabdruck Graz 1879) S. 34 u. 38f. noch weitere Schriften Hombergers auf, nämlich "Granum flumenti" 1583 (das Stück zu 12 kr.); "Vehicu1um sacrum" Heidelberg (5 1/2 Bogen, das Stück zu 3 kr.); ein 1586 verfaßtes "Trostbuch" wagten die V.O. "wegen des darin enthaltenen Eifers" nicht in Druck zu geben; weiter "Viola Martis" etc. in 8° 1587 (das Stück zu 7 kr.); dieselbe Schrift deutsch "Viol Bluemblein Jeremiä Hombergeri"; ferner druckte der bekannte, bereits erwähnte Grazer Buchdrucker Hans Schmid außer den beiden letztgenannten Büchern und dem schon erwähnten "Consilium" etc. eine 2. Auflage des "Examen theo1og.". Am 26. Juni 1598 hatte er von den V.O. den Auftrag erhalten, eine 2. Auflage der Hombergeragende (vgl. S. 81 Anm. 1) in 300 Stücken zu drucken. Sie sowie eine große Stückzahl der vorerwähnten Schriften (z. B. vom "Violblümlein" 735, vom "Examen" 134, vom "Consilium" 269 Exemplare) fielen bei der Arretierung Schmids der Konfiskation und dann dem großen Bücherbrande anheim. Vgl. S. 124 u. 138.]
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62.1.
Die berüchtigte, von Urban V. 1363 gegen die Ketzer erlassene Bulle, die an jedem Gründonnerstag verlesen wurde, bis 1869 durch Pius IX. die formelle (nicht aber die inhaltliche) Abrogation erfolgte.
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65.1.
Kratzer war um 1546 in Ulm als Katholik geboren und kam im Alter von 20 Jahren zur höheren Ausbildung nach Wien, wo er "in liliorum contubernio" wohnte, an dem der Herzog von Württemberg und die freie Reichsstadt Ulm etliche Kostplätze für Schwaben bezahlten. Sein Studieneifer führte ihn auch in die philosophischen Kurse der Jesuiten, welche ihm 1570 eine Präzeptorstelle an der Prager Jesuitenschule übertrugen. Sein Lehreifer brachte ihn an dieser Anstalt in den Ruf eines "Bücherfressers" (Bibliophagus) und schließlich ins Amt des Bibliothekars. Nach Wien zurückgekehrt, empfing er am 22. Februar 1578 vom dortigen Bischof die Diakonatsweihe, entwich aber, ohne je eine Messe gelesen zu haben, am 4. Mai aus der Stadt und wandte sich nach Tübingen, wo er am Kollegium Martinianum der Ephorus der dort studierenden Augsburger Bürgerssöhne und nebenher Hofmeister zweier junger böhmischer Adeligen wurde. Zum Protestantismus übergetreten, erregte K. in Tübingen durch zwei öffentliche "Disputiones contra papatus idolatriam" so gewaltiges Aufsehen, daß er nicht nur auch hier in den Ruf eines sehr gelehrten Mannes und gewaltigen Disputators kam, sondern ihn die Universität bereits 1 1/2 Jahr nach seiner Konversion den Steirern für das Grazer Stiftsrektorat als Nachfolger des nach Heidelberg berufenen Marbach vorschlug und ihre Bereitschaft erklärte, wenn er Rektor würde, ihn zum D. zu promovieren. Nun wurde K. der inzwischen geheiratet hatte, zwar nur als Prorektor berufen, allein die Jesuiten begannen sofort bei der Regierung sein Kommen zu hintertreiben. Nachdem ihn die V.O. wegen der bekannt gewordenen Drohungen Karls unterwegs hatten anhalten lassen und ihn für etliche Zeit auf dem Schlosse Weier unterbrachten, ließen sie ihn zu Pfingsten 1580 nach Graz kommen, mußten aber nach längeren Verhandlungen mit dem Erzherzog, der sofort einen Ausweisungsbefehl erlassen hatte, einsehen, daß sie K. nicht würden halten können. Denn jener erkannte ebensowenig K.s Rechtfertigung, daß er nie Profeß getan und auch kein Stipendiat gewesen, sondern mit den anderen Insassen der Kollegien zu Wien und Prag von den diesen Anstalten gewidmeten kaiserlichen Unterstützungen gelebt, sie aber arm verlassen habe, an, als den Hinweis der V.O. daß die Grazer Jesuiten "nit wenige der Landschaft verpflichtete Stipendiaten, darunter etliche eines guten Verstandes, Alters und Geschicklichkeit", an sich gezogen und sie sogar in großen, öffentlichen Feiern zur katholischen Kirche hätten übertreten lassen. So bat K. selbst um seine Entlassung und zog mit einer Abfertigung von 200 fl. und einer für 6 Jahre bewilligten Pension zu je 50 fl. nach Kaschau, wo ihn der "obriste Feldhauptmann" in Ungarn Hans Rueber als Feldprediger bestellte. Über seine Gefangennahme in Wien und seine glückliche Flucht aus dem Bischofshofe sowie über seinen Lehrstreit mit dem auch aus Graz nach Kaschau gekommenen Lic. Mento Gogrev schrieb Luschin (sh. Lit-Verz.).
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68.1.
"Ich bin nicht Gott, daß ihr mich anbeten sollt" "Nescitis, quid petatis".
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77.1.
Nach den Grazer evang. Taufmatriken sind die Prozentsätze der unehelichen Kinder für die alpenländ. Verhältnisse nicht sehr hoch, z. B. 1570: 2,7 %, 1575 wohl 6 %, 1578: 4,1 %, 1582: 3,7 %, 1593 nur 2,5 %.
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77.2.
Eine erhaltene Kommunikantenliste aus den Jahren 1567—69 zeigt, daß besonders beliebte Kommunionzeiten Weihnacht und Ostern waren. Auch vor längeren Reisen und vor einer Niederkunft nahm man gern das Abendmahl.
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78.1.
In solchem Examen soll auch gestraft werden, "wenn ein junger Gesell ein altes Weib Geldes halber nimmt". Oder wenn 2 um Geldes willen einander begehren. "Aber dies kann doch nit so enge gespannt werden", sondern bleibt Gewissenssache.
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78.2.
Aus dem Andräkirchhof in der Murvorstadt gab es viele schöne Adelsgrabmale. Etliche sind in Stadls Handschrift "Hellglänzender Ehrenspiegel usw." im Grazer Landesarchiv abgebildet. Später war der Georgifriedhof die Begräbnisstätte der Grazer Protestanten.
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79.1.
Taufregister aus den Jahren 1569—93, Trauungsmatrik von 1567—74 und Totenregister von 1595—98; alle mit Unterbrechungen.
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79.2.
Die Pfarrer bezogen 2—300 fl., der Pastor 400 fl. jährlich. Dazu noch Holzgeld u. a. Es sind viele hundert eigenhändig gefertigte Gehaltsquittungen der Geistlichen im steir. Landesarchiv erhalten.
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80.1.
Thonner verfaßte auch eine Epistel-Postille, von der noch ein in gepreßtes Leder gebundenes Exemplar aus dem Besitze des Adeligen Johann Adam Schratt in der Bücherei der Grazer evangelischen Pfarrgemeinde erhalten ist. Sie ist bei Leonhard Heußler in Nürnberg gedruckt, die Vorrede trägt das Datum: Graz, am hl. Pfingsttage 1580. Ihr vollständiger Titel lautet: "Postilla / das ist / Außlegung vber alle / Sontägliche Episteln deß ganzen Jars / Neben andern nützlichen Predigen. Sampt / einer kurtzen Summarischen Außlegung / vber den gantzen Passion. / Gestellt vnd gepredigt durch M. David / Thoner / Einer Ersamen Landschafft deß her- / tzogthumbs Steyr / Prediger in der / Haubt Statt Grätz / M.D.LXXX." Ein zweites ähnlich gebundenes Exemplar dieser 184 und 173 Blätter umfassenden Postille besitzt (aus den Beständen des ehemal. Grazer Jesuitenkollegs) die Univ.-Bibl. daselbst. Es enthält auf dem Vorsatzblatt die eigenhändige Widmung Thonners an Herrn Hans Stadler zu Lichtenegg, Riegersburg und Kornberg und seine Gemahlin Barbara, geb. von Königsberg, dat. Graz, d. 29. Oktober 1580. Die gleiche Bücherei besitzt auch noch die beiden anderen Postillen Thonners, nämlich die den Kärntner Ständen dedizierte "Postilla oder Auslegung vber die Sontags Euangelien durch das gantze Jar / neben miteinfallenden festen", 1584 bei Leonhard Reinmichl in Lauingen gedruckt. Das Titelblatt zeigt in einem Medaillon ein Bildnis des Predigers in seinem 43. Jahr. In Leder schön gebunden, stammt dieses Buch von 506 Bl. aus dem Besitz der Adelsfamilien Graswein und Zach. Weiters die 1588 bei Johann Feierabend in Frankfurt a. M. gedruckte, mit Bildern versehene "Postila vber die Fest, das ist: Außlegung der Euangelien / so man auff der Apostel vnd andere Feyertage / in den christlichen Kirchen zu predigen vnd zu handlen pflegt. Sampt einer nützlichen betrachtung vnd außlegung des Passions / nach anleitung der vier Euangelisten / wie dieselbigen das leyden vnd sterben Christi beschrieben." Sie umfaßt 263 Bl. Thonner widmete sie den Krainer Ständen, zum Dank, daß sie die Bibel "in die sklavonische Sprach haben transferieren lassen", sodaß nun "auch die anstoßenden Völker, zwar auch die Barbari zu dem wahren Erkenntniß Jesu Christi kommen". Der Prediger am Ulmer Münster, Mag. Samuel Neuhauser, dessen Kollege 18 Jahr zuvor Thonner an jenem Dom gewesen war, bestätigt in einer Vorrede die Rechtgläubigkeit und preist die Schönheit dieser Predigten. Gegen diese Postille ließ der kath. Polemiker Sigm. Ernhofer 1589 in Graz, "Wichtige Bedenken, vber die Postille" usw. drucken (8°, 95 Bl.). [Nachtrag auf Druckseite 165: Die 1584 gedruckte Postille Thonners wurde, wie jedes andere Druckwerk, von den V.O. dem Superintendenten D. Homberger zur Zensur vorgelegt. Als dieser sich wochenlang nicht äußerte, schrieb der Autor am 25. Jänner 1585 an die V.O.: "... Es ist nun zween Monat, daß ich mein Hauspostill E(uer) G(naden) überantwortet habe; dieselbige ist nun durch E. G. Herrn D. Homberger übersendet worden, nun sollte sich ja gemeldeter Herr D. Homberger dieser Zeit notdürftig darin ersehen haben, zudem mögen E. G. leichtlich schließen, daß ich nit nach seinem Kopf würde schreiben mögen. Mein Werk ist von einer herrlichen Schule approbiert, die es ihnen gar wohl haben lassen gefallen, mit dem Vermelden, sie wollten den groß ansehen, der sich mein Werk zu tadeln unterstehen dürfe; item: Tuae conciones ita sunt perlaboratae, ut nec nostra neque aliorum commendatione indigeant. Bitte demnach, E.G. wollen mein Buch abfordern, damit ich wisse, wes ich mich ferner verhalten solle ..." (Orig. Ständ. Archiv. Graz, Land. Arch. Protest. Akten). Bei der 1588 erschienenen Agende wurden dem Autor wegen angeblicher kalvinistischer Irrtümer Zensurschwierigkeiten gemacht, die sich längere Zeit hinzogen. Vgl. Peinlich, Buchdruck, a.a.O.]
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81.1.
Um der Agendennot abzuhelfen, verfaßte Homberger eine kleine, 47 bedruckte Blätter umfassende Agende, die ohne Angabe des Druckers und des Druckortes nach 1582 erschien. Sie ist heute äußerst selten. Ein in eine alte Pergamenthandschrift gebundenes, mit handschriftlichen Ergänzungen versehenes Exemplar befindet sich in der Grazer Universitätsbibliothek. Der volle Titel dieser Schrift lautet: "Christlich Agenda / auffs einfältigste zutauffen / vnd andere Kirchensachen zuuerrichten / so von denen gebraucht werden mag / welche an ortte kommen / da die Kirch vorhin kein Agenden haben / wie ich Jeremias Homberger zuweilen hab thun müssen." Sie lehnt sich ganz an den Entwurf von Bruck an und handelt von der Taufe, der Abendmahlsordnung, der Krankenkommunion, der Trauung, dem Begräbnis, der Feiertagslitanei, dem Katechismusgottesdienst und der Ordination der Prediger. Um 1598 wurde aber durch den Grazer landschaftl. Buchdrucker Hans Schmid noch eine Agende in 300 Exemplaren gedruckt, die 13 1/2 Bogen umfaßte und für die er den V.O. 40 fl. 30 kr. in Rechnung stellte.
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90.1.
Er war im Jahre 1540 zu Neustadt am Kocher geboren; bereits mit 16 Jahren in Tübingen Magister, wurde er 1563 Pfarrer zu Hagenloch in Württemberg, 1564 Diakonus in Stuttgart; 1569 als Pfarrer nach Wimpfen berufen und in Tübingen zum D. promoviert; 1578 Hofprediger und kurfürstl. Konsistorialassessor in Heidelberg, als solcher 1583 zum Quedlinburger Kolloquium gesandt. Bei Einführung der ref. Lehre in der Pfalz amtsentsetzt, wurde er als Pfarrer und Spezialsuperintendent nach Vaihingen berufen, von wo er dann nach Graz ging. Er war ein bedeutender Kopf und auch literarisch tätig. So schrieb er eine Apologia Germanica gegen die Heidelberger und Historien. Auch seine 6 Briefe an Marbach sind bemerkenswert. Vgl. außer dem Lit.-Verz. i. Anhang Zedlers Univ.-Lex., Bd. 62, Leipzig und Halle 1749, Sp. 761; Jöcher IV Leipzig 1751, Sp. 2210; W. Diehl, Ref.-Buch usw., Friedberg 1917, S. 409. Für die von allen diesen aufgestellte Behauptung, der Leichnam des 1600 verstorbenen Zimmermann sei von den Jesuiten ausgegraben und ins Wasser geworfen worden, fand ich bisher keinen Beleg.
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94.1.
Aus dem Briefe des Cardaneus an Adam von Dietrichstein, dat. Fürstenfeld, den 18. März 1589 (Orig. i. Arch. Nikolsburg).
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96.1.
Die evang. Stände veranstalteten im Herbst für den verstorbenen Landesfürsten eine Leichenfeier, bei der D. Zimmermann die Predigt hielt. Er legte ihr das Wort Psalm 82, 1 zu Grunde. Sie umfaßt, von Hans Schmid in Graz gedruckt, 20 Bl. unter dem Titel: »Ein christenliche Leichpredig. Bey dem mutigen öffentlichen Begengnus des tödlichen abgangs Weilland des Durchlauchtigsten usw." "Gehalten zu Graz / In einer Ersamen löbl. Landschaft des Herzogtums Steyr Stiftskirchen daselbsten / den funfzehenden Octobris / Im 1590. In grosser Versamblung durch Wilhelmum Zimmermann D. Wolgedachter Landschaft Pastorem". Taktvoll und doch mit Freimut vertritt Z., wo er unter den meist allgemein gehaltenen Ausführungen auf die Persönlichkeit des Verstorbenen Bezug nimmt, den lutherischen Standpunkt, z.B. "denn Gewissen zu regieren und Gottesdienst eigenen Gutdünkens und Gewalt vorzuschreiben / gehört mit nichten der weltlichen Obrigkeit zu, deren Macht, Gewalt und Gebiet sich allein über Leib und Gut oder weltliche Sachen ihrer Untertanen erstrecken tut". Oder wenn er schreibt: Der Erzherzog hat am 10. Juli "morgens früh zu 5 Uhr die Schuld der Natur bezahlt und ist, wie wir hoffen, seliglich in dem Herrn Christo entschlafen / ist nicht ins Gericht weder des Fegfeuers (welches nirgends ist) noch viel weniger in das Gericht des höllischen Feuers kommen, sondern durch den Tod ins Leben hindurchgedrungen, dieweil er in seinem Sterbestündlein und auf seinem Todbett weder auf den Verdienst noch auf die Fürbitte der verstorbenen Heiligen sondern auf den einigen Verdienst und Fürbitte unseres einigen Erlösers Jesu Christi, dem er auch seine Seele in seine getreuen Hände befohlen, Kinder, Land, Leute, alles Weltliche hintangesetzt, mit einem Heldenmut fromm von dannen gefahren und also selig, wie wir hoffen, in seinem und unserem Herrn Christo eingeschlafen ist" (1 Explr. dieser Predigt i. d. Univ.-Bibl. i. Graz).
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98.1.
Leopold, wie die Folge lehrte, keine sehr geistliche Erscheinung, wurde Bischof von Passau und Straßburg, Carl Bischof von Breslau und Brixen, Maria Christine und Eleonore traten in Hall in Tirol ins Kloster.
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102.1.
Seine Schilderung dieser Vorgänge ist erhalten. Er klagte, daß "er umherschweife mit Weib und Kind und nirgends eine bleibende Stätte finden könne". Die Grazer Hoffnung sei "in nichts zerronnen". Er starb am 27. Oktober 1594 in Znaim, wo ihm der evangelische Stadtpfarrer Mag. Kasp. Ludwig in der St. Michaelskirche eine würdige Beerdigungsfeier hielt. Seinen Sohn Elisäus bedachte die Landschaft mit Stipendien.
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102.2.
Nach 1590 setzt ein Anwachsen der evangel. Standesfälle ein, wie ein Vergleich der erhaltenen evangel. und kathol. Taufmatriken z.B. zeigt. 1592 gab es 395 evangel. und 94 kathol. Taufen in Graz, 1593 an evangel. 362, an kathol. nur 125 Taufen. Trotz Karls Gewaltmaßnahmen war die Grazer evangelische Bürgerschaft noch nicht gebrochen!
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110.1.
Sonnabenter war erst der Kaplan des Erzherzogs und hatte ihn zum Studium nach Ingolstadt begleitet. Erzherzogin Maria behielt ihn hernach als Lehrer für ihre anderen Kinder, bis sie ihn in den Besitz der Stadtpfarre Friedberg beförderte, die er schließlich mit der zu Graz tauschte.
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113.1.
Auf ihre Bitten hatte die steir. Landschaft zweimal, 1592 und 1597, den Grazer Oberpastor D. Zimmermann zur "Reformierung" und Visitation der Kirchen auf den ungarischen Gütern Lobkowitz zur Verfügung gestellt, nun dankte dieser mit der gastlichen Aufnahme von Exulanten.
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124.1.
Ferdinand hatte den Feldzug gegen seine Landeskinder so gründlich vorbereitet, daß er unterm 15. September 1600 durch den Hofpfennigmeister dem Zuschneider Urban Klepp 84 fl. für die der Rel.-Ref.-Guardi gelieferten Schützenröcke und Feldfahnen anweisen ließ. Hierzu schien ihm der Gebrauch der öffentlichen Mittel erlaubt, während er 4 Wochen später (19.November), den V.O. zugleich mit dem Befehl, die Viertelsprediger nicht länger zu dulden, verwies, daß für die exilierten Geistlichen immer noch ex communi aerario Gehälter bezahlt würden, weil dies auch aus den Einkünften der Geistlichen, Städte und Märkte und auch aus seinem "Pfandschilling und eigentlichen Gütern Kontribution gereicht werde".
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131.1.
Die "Springer" auch "Werfler" oder "Purzler", waren eine besonders unter den Windischen (Slovenen) entstandene und verbreitete ekstatische Sekte.
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158.1.
Der 10. Pfennig war eine bei jedem Besitzwechsel damals gebräuchliche Abgabe und daher eigentlich keine "Abzugssteuer". Da aber die Bürger und Bauern meist auch noch den Leistungen gegen den Landesfürsten, bezw. die Herrschaft nachkommen mußten, waren sie beim Abziehen fast stets doppelt mit Abgaben belastet.
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160.1.
Die bekanntesten sind die des Emigranten Sötzinger und des Nürnberger Predigers Saubert.
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