Nördlingen Appellationsordnung 1486 :: Transkription Speer 2010 / 2016

Nördlingen Appellationsordnung 1486 :: Transkription Speer 2010 / 2016

Inhaltsverzeichnis

[Editorial]

Quelle: Nördlinger Stadtrechte des Mittelalters / bearb. von Karl Otto Müller. - München : Verl. der Kommission für Bayerische Landesgeschichte, 1933. (Bayerische Rechtsquellen ; 2) 325 - 332. [Seite: S. 325]

[Einleitung]

1. Die Appellationsordnung der Reichsstadt Nördlingen ist auf einer Papierlage (Signatur: 12) von acht Blättern (31 1/2 cm x 23 cm) niedergeschrieben, wovon das erste Blatt (unbeziffert = Fol. 0) zugleich Titelblatt ist und über dem deutschen Titel (s. Text) die Aufschrift trägt: Modus et forma appellandi reipublicae Nördling(ensis) de anno i486.1 Wasserzeichen des Papiers: Ochsenkopf (in die Länge gezogen).

2. Auf der Rückseite des letzten Blattes (Fol. 7) steht das im Anhang zur Appellationsordnung abgedruckte Schreiben der Stadt an Ulrich Tengler, den früheren Stadtschreiber zu Nördlingen. Da auf dem Gegenblatt (Fol. 0) über dem lateinischen Titel die Anschrift an den damaligen Kastner zu Heidenheim (an der Brenz, damals in bayerischem Besitz, nicht Heidenheim am Hahnenkamm) Ulrich Tengler steht, die wie die Appellationsordnung und das Schreiben von derselben Hand herrührt, und da an zwei Stellen, wo die Schreiben mit dem Siegel verschlossen zu werden pflegen, noch Spuren von rotem Wachs sichtbar sind, so besteht eine gewisse Wahrscheinlichkeit, daß dieses Schreiben (samt der Appellationsordnung) in den Händen Tenglers war, ohne daß wir jedoch sein Gutachten darüber besitzen.

Das Schreiben läßt zum erstenmal die bisher ganz unbekannte Tatsache erkennen, daß Ulrich Tengler nach seinem Weggang von Nördlingen (1483 oder 1484!) zunächst für mehrere Jahre (s. oben allg. Einleitung) Kastner in seinem, damals bayerischen Geburtsorte Heidenheim a. Brenz war.

Auf einem Einlageblatt findet sich das Konzept des Art. 13 der Appellationsordnung niedergeschrieben. Die Appellationsordnung selbst ist zweifellos 1486 niedergeschrieben. [Seite: S. 326]

Von ordnung der appellation wegen. Nördlingen 1486.

[1.] Von appellieren.

Nach dem bisher durch unmässig uberflissig und unnotdürftig appellation, die im rechten verpoten, vil widerwärtikait und irrung entstanden sein, die unseren zu mißtrawen und ainander zu unpillichen schaden eingefürt; solichs und ander ungepür, die darus entsteen möchten zufürkomen und uf daz ain ieder, der vermain, in urtailen beswert zu sein, wie er appellieren und sich darin halten, auch in was sachen man kain appellation zulässe noch appellieren sölle, so haben wir insonderhait etlich stuck, so geverd darin vermerkt ist, begriffen und bei swärer strauf gepoten davon nit zu appellieren; dann ob iemands gevarlich darwider appellieren [wurd], so wurd doch derselben appellation kain stat gegeben noch die angenomen, sonder der und die selben, so die appellation täten, auch die in der helfen anhangen, in swär strauf on all genad angenomen.

[2.] In was sachen man nit appellieren söll.

Von ersten wer nit appelliert nach der ordnung, wie die hernach gesetzt würdet, des appellation werdet kain stat geben.

Zum anderen so iemand mit recht oder vor ainung umb ain kuntlich übertreten und ungehorsam unser gepot gesatzt oder ordnung oder umb ain ander ubeltät sach und unbeschaidenhait ain strauf und unrecht ufgelegt würdet, davon mag noch soll man nit appellieren.

Zum dritten wer sich mit lautern worten in sachen vor rät oder gericht erloffen siner appellation verzeicht oder durch swigen und in ander weg die appellation begeit und vermainet darnach zu ainer andern zeit zu appellieren, des appellation würdet nit angenomen.

Zum vierden wem man die fürbot zum rechten entlich nach der stat recht verkündt und durch daz gepurlich im rechten wissent [wirt], wirt durch iemand daz veracht und darüber wider in im rechten procediert: wa das derselb von der urtail vermainet zu appellieren, so er durch sein geverlich wissentlich ungehorsam und verachtung und unfuͦr gepracht eehafte not klagfellig wurd, desselben appellation würdet nit angenomen.

Zum fünften wer im rechten ainer schuld mit lautern worten vergicht oder der mit gnuͦgsamer urkund überwunden wurd, ob der allain von der bezalung gevarlich appellieren vermaint, des appellation nimpt man nit an.

Zum sechsten von den underschaiden, die man mit den verpfandungen nach der stat recht geit, sol nieman appellieren. Ob aber iemand denselben entschaid mißpraucht, dem ist sein clag, als recht ist, vorbehalten.

Zum sibenden wann man die schaden taxiert, von derselben tax sol man nit appellieren.

Auf daz auch die k. mt durch klain sachen mit appellation nit belestigt, auch die unsern ainander nit mit klainen sachen zu grossen müe, costen und schaden einfüren, so haben wir gesatzt und gepoten, daz die unsern füran in solichen klainen sachen, die under 10 guldin rh. sein, nicht weiter dann für ainen klainen rat appellieren söllen.

Ob aber iemand so dürftig wer und über solich obgeschriben artikel ain appellation fürnemen oder tuͦn wurd, der und die selben söllen in ains ratz ungnad und strauf gefallen, auch in unser stat ain jar verpoten, und wollten si darnach wider in die statt, so söllen si und ain ieder insonderhait ainem rat 10 guldin rinisch zuͦ buͦß voran, ee si in die stat kommen, zu bezalen verfallen sein; darin aim erbern rate sein oberkait vorbehalten.

Wa man appellation nit zulaußt am gericht, daz sol man schriftlich dem burgermaister anzaigen, daz er sich darnach mög gerichten.

[3.] Wie man appellieren sölle.

Wirdet iemands in ainer urtail vor unserer stat gericht beswärt in sach, davon man appellieren mag, als hie vor underschaiden ist, der soll im fußstapfen, die weil die richter sitzent, gleich nach derselben urtail, eemalen man zu anderen händeln merklich griffe, auch ee die widerparthei weder aid oder nichtz weiters volzogen oder erlangt hab, selbs muntlich vor dem amann und den richtern in beiwesen der widerparthei solichs mit ersamen beschaiden worten tuͦn und sich berüfen fur ainen klainen rat und sonst nindert hin und begeren nit weiter procedieren, sonder im appostel zu geben und alsdann geit im der amann die antwurt, er sölle sich darumb gegen dem burgermaister inner zehn tagen anzaigen und daz er in ainem monat dem nechsten nach der appellation vleissig übung tue, die gerichtzhandlung für die appostel verslossen anzuͦnemen, dann wa er daz nit tuͦn, so wurde die urtail in craft gen und ferrer im rechten procediert und darzuͦ strauf und buͦß verfallen sein einem rate umb 4 lib. und dem gericht 2 lib.

Ob aber die geappelliert parthei bedächtz notturfig wer, möcht der amann sagen, ob er also frischer tat geappelliert, hette er dannocht macht inner den nechsten zehn tagen der appellation an zuͦ hangen oder fallen zuͦ la*ussen.

[4.] Von den apposteln.

Wann ainer als oben steet, geappelliert hat, so soll er sich auch von stundan zum gerichtschreiber fügen und vleissig üben umb die appostel, die geit man im also, daz man rede und widerrede auch die urtail und was im rechten gepraucht ist durch den fürsprechen versamelt und inschrift verfasset; die sol er under des amanns insigel verslossen annemen und dem burgermaister antwurten in dem berürten monadt. So bescheidt in der burgermaister alsdann in die cantzlei umb tagsatzung und er geit uf denselben handel umb dieselben appostel 4 groß der werung und dem amann vom sigel 8 den[a]r.

[5.] Rechtfertigung der appellation.

Es sollen baid partheien auf die tagsatzung für rat komen und durch ir alt fürsprechen zuͦ recht fürsteen und der geappelliert hat anfengklich die schrift, die im für appostel, wie die sachen vor dem statgericht im rechten ergangen sint, verhören lassen und daruf die ursachen siner beswärde der urtail durch den fürsprechen einfüren; dagegen der ander tail auch sein widerred und beden teil alle notturft und was vor im rechten nit geprucht worden ist, fürwenden mögen und sol alsdann darumb bescheen, was recht ist. Wurd dann mit recht erkennt, daz ubel geappelliert und wol geurtailt were, so sollen die partheien wider umb für daz statgericht komen und verrer procediert werden. Wa aber erkennt wurd, daz ubel geurtailt und wol geappelliert wär, so söllen die parteien mit urtail vor rat ferrer entschaiden werden nach dem rechten. So auch der handel von fürsprechen für rat getragen wirt, so söllen si bei der urtail nit sein, [Seite: 329] sonder davon treten; aber die der rät zu den zeiten am statgericht gewesen, sollen und mogen dabei beliben und nach irem versteen urtailen.

[6.] Von den schäden der appellation und vom unrecht.

Welcher tail die urtail auf die appellation verlürt, der sol sich mit dem anderen umb die schäden der appellation darnach inner den nechsten achtagen gütlich vertragen. Beschee daz nit, wer dann übel geurtailt erkennt, so söllt uf des begerenden tails anrüfen darumb rechtag gesetzt werden für ain klainen rat und gescheen, was recht ist vor wittern processen, die auch vor aim rat gerechtvertigt werden söllen, wie oben steet. Wer aber wol geurtailt erkent, so geschicht im statgericht darumb, was recht ist ee man verrer procediert in der hauptsach.

[7.] Appellieren von ainem rat mundtlich.

Wirdet aber iemand mit ainer urtail vor ainem rat beswärt, in sachen davon man als vorsteet, appellieren [!], der mag daz tuͦn mundtlich im fußstapfen oder inner zehn tagen vor offem notari fur unseren allergnädigesten herren den römischen keiser und sunst nindert hin und tuͦt er es mundtlich, so geit man im in beiwesen des widertails die antwurt. Ist er unser burger oder der unser, daz er des ersten werd globen und sweren den hernach geschriben aid.

[8.] Der aid vom appellieren.

Du wirst globen und sweren, daz du die appellation nit gevarlich umb verzug und verlengerung tuest, sondern allain umb deins rechten notturft willen ungeverlich.

[9.] Antwurt uf den aid.

Und so er gesworen hat, so sagt man im, er sei burger oder andrer: wie wol ain rat vermeint, im söllt die appellation nit not getan haben, iedoch der kn. mt. zu eren und undertänigkait so lasse ain rat die appellation bescheen und man wölle im die gerichtzhandlung für appostel geben; die söll er fordern und nemen in der cantzlei inner 30 tagen und er sölle der appellation inner jar und tag nachkomen als recht ist, dann wa er daz nit thuͦn, so wurde die urtail in ir kreft geen; und ist er unser burger, sol man im dabei sagen: wa dem wie obsteet nit nachkomen [wurd], so wurde er [Seite: 330] ainem rat darzu 20 guldin zuͦbuͦß verfallen sein, die er müßt bezalen und unser stat meiden, alleweil er die nit bezalt hett.

[10.] Von ainem rat appellieren inner 10 tagen.

Will aber ainer nit mundtlich appellieren, der sol das vor offen notari schriftlich inner zehen tagen tuͦn für die kn. mt. und sunst ninderthin und soll alsdann darnach inner 30 tagen dieselben appellation durch ainen notari dem burgermaister auch der widerparthei verkünden und iedem des instruments ain coppei geben; alsdann geit man im die antwurt und ist er unser burger, so muß er sweren und wirdet gehandelt, als obsteet.

[11.] Von den appostel.

Für die appostel geit man gewonlich den gerichtzhandel auf pergamen besigelt mit der stat gerichtz insigel und zeuch es im beschlus in die appellation und wie die bescheen sein, darein; beschicht aber die appellation vor ainem notari, also daz die appostel mit fuͦg nit darein zogen mögen werden, so geit man zum handel auch besigelt appostel, darnach die sach und appellation gestalt ist.

[12.] Nach der appellation nit weiter attemptieren und handeln.

Wer von unserm statgericht für ainen klainen rat oder von einem rat [an] die kn. mt., als obensteet, ordentlich appelliert hat, so sol man von mer sicherhait wegen künftig irrung zu vermeiden in derselben sachen nit weiter procedieren noch handeln, daz dem, der do also ordenlich geappelliert hat, zuͦ schaden dienen möcht, ausgenomen in den hernach geschribenen sachen:

Zum ersten, ob ain burger gegen dem anderen im rechten begeren wurd sein guͦt, darumb er vorderung zuͦ im hett, zu verpieten und solichs mit urtail aberkannt, wurd dann ihener davon appellieren, so sol man dem antwurter von derselben appellation wegen sein gut nit in haft legen, sonder unverpoten volgen und in damit handeln und prawchen lassen, als ainem burger zimpt nach der stat recht und alten herkomen; doch möcht es von sicherhait wegen nach der stat recht bescheen lassen.

Zum andern ob iemand appelliert in sachen davon man als obensteet nit appellieren sol, so mag man wol für und für procedieren.

[Seite: 331] Zum dritten ob sich iemand understeen wollt einen us seiner inhabenden gerüwigen nutz und gewer mit recht bringen und gieng ain urtail wider in, davon er appelliert, so sol man von siner appellation wegen ihenen in seiner gewer beliben und die nutzen und prawchen lassen.

Zum vierden, ob ainer der appellation in der zeit, als recht ist, nit nachkomen wäre, so mag man wol witer procedieren und ihenen zü denselben ferrern processen verkünden, als recht ist.

Wann aber ain kaiserliche inhibition ainem rat zuͦkompt, warumb daz ist, darnach sol man sich auch halten als sich gepürt.

[13.] Von irrung der appellation zu rechtfertigen.

Wa sich begebe, das iender[t] partheien ainer appellation zuͦ irrungen komen, als daz die parthei, wider die di[e] appellation bescheen wäre, vermainen oder klagen wurden, sein wider parthei hett die appellation nit ordenlich getan oder sich der versawmbt, verzigen oder in andrer weg der nit nachkomen, als recht ist, wie im die zeit aufgesetzt worden wäre, des im der selb nit gestünd und erpöt sich darumb zuͦ recht; aber im gepüret deshalben nit zuͦ komen für den richter, davon er geappelliert het. Wäre dann die appellation von dem statgericht gescheen, darvor die sachen und urtail ergangen, so sollen dieselben irrung für burgermaister und klainen rat betagt und mit recht daselbst entschiden werden. Wer aber die appellation von ainem rate ergangen, so sölt sölichs vor dem statgericht gerechtfertigt werden und bescheen, was recht ist. Erfund sich dann im rechten, daz die appellation ordenlich bescheen und nichtz daran versawmbt were, so sölt sölich rechtvertigung an der hauptsachen der appellation kainem tail vergriffenlich sein. Wa sich aber im rechten erfund, daz die appellation nit ordenlich bescheen, der nit nachkomen oder in andrer weg durch den, der geappelliert hett, sawmnus darin bescheen wäre und das man geverd darin versteen, wurd er dann vermainen widerumb zu appellieren, derselben appellation nimpt man nit an, sonder man sol denselben umb sein geverd mit strauf fürnemen, wie sich gepürt. Wann man aber kain geverd, sonder etwan ainer ander redlich ursachen darin fürprächt, die in gehindert oder versawmbt hetten, so möcht man im der appellation dannocht ain mal gestatten und nit mer, also daz [Seite: 332] man niemand von ainer urtail zu dreien malen gestat zuͦ appellieren, sonder procedieren, als recht ist.

[14.] Conclusio.

Und uf das dis Ordnung statlich volzogen werden, sich niemands durch die unwissenhait des entschuldigen mög, so sol ditz ordnung ernewung und gepot ietzo im anfang unser gemaind in den zunften, auch vor dem statgericht und füran so oft es einem rate oder gericht bedunkt notdurft sein, gar oder ainstails so vil es sich zu ieden zeiten gepürt, offenlich verlesen werden.

[Anhang]

Dem ersamen und weisen Uolrichen Tengler, castner zu Haidenhain, unserm guten fründ.

Unser früntlich willig dienst bevor, lieber castner. Ewer nechst schriben und gutwillig erpieten haben wir zu sonderm dank und senden ew hiebei copei der appellation, mit flis bittend, ew darin zu ersehen und was ew bessrung ansehe, zu verzaichnen und uf unsern costen zu senden und hierin gutwillig beweisen. Begern wir umb ew mit willen früntlichen zu verdienen. Datum sambstags nach Vincula Petri anno etc. LXXXVI/to/ [= 1486 5. VIII.].

Burgermaister und rät zu Nordlingen.

Fußnoten
1.
Von der Hand der zweiten Handschrift der Gerichtsordnung von 1488 geschrieben.
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nach der stat recht ist im Text versehentlich doppelt geschrieben.
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In dem Konzept des Art. 13 ist und erpöt — ergangen, ferner Wär aber die app. — was recht ist leicht durchstrichen.
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In dem Konzept von Art. 13 fehlt der Schluß von also daz — recht ist.
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